Am 18.11.2015 begann Björn Höcke seine Rede auf einer Kundgebung der AfD in Erfurt mit den Worten:

»Das große Problem ist, dass Deutschland, dass Europa ihre Männlichkeit verloren haben. Ich sage, wir müssen unsere Männlichkeit wiederentdecken, denn nur, wenn wir unsere Männlichkeit wiederentdecken, werden wir mannhaft und nur wenn wir mannhaft werden, werden wir wehrhaft und wir müssen wehrhaft werden.«1

Aus dem Publikum werden Höcke die Worte »Das ist richtig!« entgegengerufen. Nun ist aufgrund verschiedener quantitativer Studien anzunehmen, dass die an Pegida Demonstrationen Teilnehmenden überwiegend männlich sind (vgl. Keil 2015a: 374). Es stellt sich die Frage, warum gerade Pegida und/oder die AfD auf Männer so anziehend wirkt, weshalb gerade in diesem Kontext eine wehrhafte, mannhafte Männlichkeit zurückgefordert wird und vor allem, gegen wen oder was man eigentlich wehrhaft sein soll.

In seiner Rede baut Höcke ein zunehmendes Bedrohungsszenario auf, indem er sich getroffen von den Pariser Terroranschläge gibt und den sogenannten ›Alt-Parteien die Schuld für solche Anschläge zuweist. Diese Anschläge seien die Folge der von ebenjenen Vertreter_innen der ›Alt-Parteien‹ über Jahrzehnte zu verantwortenden, unverantwortlichen Einwanderungs- und Asylpolitik. Daher müsse der Zuzug nach Europa sofort gestoppt werden, denn solchen Terroranschlägen sei das Volk schutzlos ausgeliefert, da es von der Politik im Stich gelassen würde. Wie passt nun das von Höcke aufgebaute Bedrohungsszenario mit der Forderung nach der Wiederentdeckung einer mannhaften, wehrhaften Männlichkeit zusammen?

Zu seiner Anhänger_innenschaft sagt Höcke:

»Wir Deutschen dürfen uns durch die Taten unmündiger und manipulierter Menschen nicht in Kriege hineinziehen lassen, die nicht unsere sind.«

Mit den »Taten unmündiger und manipulierter Menschen« meint Höcke nicht die islamistischen Attentäter_innen, sondern die Politiker_innen der ›Alt-Parteien. Höcke bemängelt zudem, dass Deutschland nicht in der Lage sei, seine innere und äußere Sicherheit zu gewährleisten: Viele Bundeswehrsoldaten seien in fremdbestimmten Auslandseinsätzen und diejenigen, die hier seien, müssten die Toiletten in Erstaufnahmeeinrichtungen reparieren. Es brauche eine politische Führung, die Entscheidungen im nationalen Interesse treffe, sodass Deutschland wieder selbstbestimmt handeln könne. Dass die Deutschen mündig werden müssen, ist für Höcke eine zentrale Forderung. Innerhalb seiner Zuhörer_innenschaft wird darauf mit »Ami go home« reagiert. Der »kulturelle Code« (Volkov 2000: 23), der an dieser Stelle greift, verrät wen Höcke und seine Anhänger_innenschaft als die »Manipulierer« und die »Fremdbestimmer« der Politiker_innen der »Alt-Parteien« wittern: die USA.

Den Begriff des »kulturellen Codes« führt Shulamit Volkov (2000) in ihrer Untersuchung über das Aufkommen des politischen Antisemitismus Ende des 19. Jahrhundert in Deutschland ein. Er verweist darauf, dass Antisemitismus, da er laut ihrer Analyse weniger Bedeutung für alltagspraktische Fragen besitzt, umso mehr einen »symbolischen Wert« annehmen kann, sodass das Bekenntnis zu ihm, zum »Signum kultureller Identität« wird. Im kulturellen Code kommt die »Übernahme« eines »bestimmten Systems von Ideen« und die damit verbundenen sozialen, politischen und moralischen Normen zur Geltung. Die Zugehörigen des kulturellen Lagers lernen die Botschaften entsprechend zu entschlüsseln. Sie werden zum »Bestandteil ihrer Sprache, ein vertrautes und handliches Symbol«. (vgl. Volkov 2000: 23) So erscheinen die USA für die Zuhörer_innen von Höcke als so mächtig, dass sie Deutschland für ihre Interessen in den Dienst nehmen können, die politischen Entscheidungsträger_innen hierzulande kontrollieren, sowie Deutschland seit dem Ende des NS militärisch »besetzt halten«. Die deutschen Politiker_innen werden demnach als »bloße Marionetten« (Postone 1982: 15) einer von außen kommenden, imperialen Macht verstanden. Sie vertreten folglich fremde Interessen und schwächen das eigene Volk. In dieser Vorstellung kommt ein typisch antisemitisches Denkmuster zum Ausdruck: die sinistre Fremdgruppe, die mit einer weltumspannenden Macht ausgestattet ist und andere für ihre Interessen in den Dienst nimmt. Das Bild der »Alt-Parteien«, die gegen das Volk agieren, dieses nicht vertreten, da sie in Interessen verstrickt und von einer imperialen Macht fremdgesteuert sind und so die Artikulation der natürlichen Interessen des Volks verhindern, fügt sich in ein völkisch-nationalistisches Weltbild, das im Kern antiwestlich, antisemitisch und rassistisch ist und nicht selten antifeministisch. Dabei wird eine »Zersetzung« des Volks erst im zweiten Schritt als möglich betrachtet, z.B. qua Islamisierung, wenn die eigene Politik gegen das Volk agiert (vgl. Keil 2015b: 69).

 

Zum Zusammenhang von Antisemitismus und Antifeminismus

Das antisemitische Element dieses Weltbildes tritt bei Höcke auch in Verbindung mit antifeministischen Elementen auf. So bezeichnet er Bundesjustizminister Heiko Maas wie folgt: »Nennt mir bitte einen größeren Politikfloh, das arme Männlein«. Zum einen spricht Höcke Maas die Männlichkeit ab (»das arme Männlein«), des weiteren sieht er ihn als einen Parasiten (»Politikfloh«). Höcke zeichnet von Maas ein Bild, in dem dieser als defizitär und schwach, aber auch gleichzeitig mächtig erscheint. Parasiten können sich nur auf Kosten anderer am Leben erhalten, werden dadurch jedoch gestärkt und bekommen mehr Macht. In der Logik des völkisch-nationalistischen Weltbildes heißt dies, dass durch solche – parasitengleich handelnden –, schwachen, weibischen, Fremdinteressen dienenden Männer wie Maas, die in politisch entscheidenden Positionen sind und auf Kosten des Volkes handeln, der ›Volkstod‹ drohe, da sie es mit zersetzenden Elementen infizieren, die von außen kommen. Das hier von Höcke propagierte Männlichkeitsbild erinnert an die Zuschreibungen an männliche Juden im NS. Ihnen wurden »feminisierte, hässliche und schlaffe Körper« (Scheub 2010: 177) zugeschrieben und sie wurden mit dem »Symbol des fremden weiblichen Körpers« (ebd.) belegt – und zudem zu einem »›Fremdkörper‹ in der deutschen Nation, zu ›Parasiten‹ und ›Blutsaugern‹ am deutschen ›Volkskörper‹« (ebd.) erklärt. Sie galten als »impotent, schwach, weich und zersetzend« (ebd.).

Männlichkeit und Nationalismus konstituierten sich in Deutschland im 19. Jahrhundert aus einem »Komplex« von »Männlichkeit, Wehrhaftigkeit und sexueller Potenz«, bei gleichzeitiger Abwertung sogenannter »›weibische[r] Defekte wie Schwäche, Kränklichkeit, Feigheit, Abhängigkeit und Passivität«2 (Scheub 2010: 166ff.). Antifeminismus und Antisemitismus treten hier verschränkt auf. Diese Verschränkung ist damit traditionell im Deutschtum verhaftet. Antisemitismus und Antifeminismus/Maskulinismus gingen schon zu Zeiten des deutschen Kaiserreichs als »integrierende Bestandteile jener anti-emanzipatorischen Kultur« (Volkov 2000: 23) miteinander einher. Antisemitismus und Antifeminismus sind insofern in Deutschland historisch mit einem kulturellen Ideal hegemonialer Männlichkeit verknüpft, das nationalistisch aufgeladen ist. Dieses Ideal beschreibt eine »geschlechterbezogene Praxis, [...] die die Dominanz von Männern und die Unterordnung von Frauen« (Connell 2006: 98) innerhalb der Gesellschaft und ihrer Institutionen gewährleisten soll. Connell versteht den Begriff der hegemonialen Männlichkeit als eine »historisch bewegliche Relation« (ebd.), wobei Hegemonie im sozialen Kampf hergestellt wird. Die hegemoniale Männlichkeit kann nur so lange vorherrschen, wie es ihr gelingt, einen Anspruch auf Autorität zu erheben und sich in einer »›derzeitig akzeptierten‹ Strategie« (ebd.) zu reproduzieren.

Jedoch geht es nicht nur um die Unterordnung von Frauen, sondern auch um eine Binnenhierarchie unter Männern. Diese zeigt sich z.B. in einer Stigmatisierung homosexueller Männer, die nicht selten mit Weiblichkeit gleichgesetzt und auch gewaltvoll angegriffen werden (ebd.: 99f.).

Dies bedeutet, dass etwas als weiblich Konnotiertes nicht in das Körperselbstbild integriert werden kann, wenn sich an einem Ideal hegemonialer Männlichkeit, gemäß »Unabhängigkeit und Stärke«, orientiert wird. Diese Ideale müssen betont werden, um sich nicht bloß als anderes, sondern als überlegenes Geschlecht heraus stellen zu können. Das gilt nicht nur im Dominanzverhältnis zwischen den Geschlechtern, sondern liegt gesellschaftliche Machtkonstellationen überhaupt zugrunde. Dadurch sind Männer vor die Aufgabe gestellt, sich im Falle »innerer und äußerer Krisen« zu behaupten und eine »intakte« Männlichkeit abzugeben. Die Geschlechtsidentität bleibt dabei ständig gefährdet und fragil. (vgl. Pohl 2005: 250f.)

 

Eine psychoanalytisch-sozialpsychologische Einordnung

Antisemitismus und Antifeminismus lassen sich nicht als »bloßes soziales Vorurteil« aufgrund einer verfehlten »Informationsverarbeitung« begreifen, sondern sind von unbewussten Affekten geleitet, die sich vor dem Hintergrund der »Umwandlung sozialer und persönlicher Ängste« in Hass und Feindschaft äußern. So sind sie nicht ohne eine psychoanalytisch-sozialpsychologische Perspektive zu verstehen3 (vgl. Pohl 2010: 41).

Dabei ist für den Antisemitismus eine »narzisstische Wunde« im ödipalen Konflikt konstitutiv, die sich aus einer unaushaltbaren Ambivalenz zwischen den eigenen Triebimpulsen und eine durch Abhängigkeit zu einem veräußerlichten, starren, formalen Über-Ich stehende strenge, väterliche Autorität ergibt, ohne Bezug auf Inhalte zu nehmen. Die dabei am eigenen Ich entwerteten Triebimpulse (hier ist hauptsächlich die Analität angesprochen, die semantisch mit Schmutz, Exkrementen, Sexualität, etwas Geheimnisvollen etc. antisemitisch anschlussfähig ist) müssen von diesem abgespalten, an ihm fremd gemacht und projektiv auf entsprechende Objekte entledigt werden, wobei der ›Jude‹ zugleich zum Projektionsobjekt für die eigenen verpönten Triebimpulse und die gehasste väterliche Autorität wird. Mit dem davon abgeschiedenen Bild des geliebten Vaters und positiven Gefühlen wird die Eigengruppe assoziiert. (vgl. Salzborn 2011: 71ff.) Die Angst, die dabei vor dem Objekt, das mit dem ›Juden‹ besetzt wird entsteht, kann sozial als Angst vor Liebes-, Anerkennungs-, Macht- und Statusverlust (strafende, väterliche Autorität) gedeutet werden. Gleichzeitig kann man sie als eine »Reaktion« und ein »defensives Ausagieren« dieser Verluste (genauso abgewertet zu sein, wie das Objekt) lesen (vgl. ebd.: 75f.).

In der Projektion der eigenen verpönten Triebimpulse liegt die Abwertung des Objekts, das sich zur Projektion anbietet, welches das Ich in seiner Phantasie unbewusst mit den eigenen verpönten und entwerteten Triebimpulsen konfrontiert, die nicht bewusst ausgelebt werden dürfen und abgewertet sind. In der strafenden, väterlichen Autorität liegt die Machtzuschreibung auf das Objekt, auf das der Hass gegen jene Autorität verschoben wird, die straft und verbietet. Diese beiden Tendenzen verhalten sich stets ambivalent zueinander. Die psychische Prädisposition der Angst eines als defizitär gleichfalls mächtig erlebten Objekts zeichnet sich strukturell bereits hier ab.

Indem in der Adoleszenz eine Ablösung von den vertrauten Bezugspersonen vollzogen wird und sich einem »fremden« Liebesobjekt hingewendet wird, entsteht vor dem Hintergrund des Primats der Genitalität und der normativen Forderung nach heterosexueller Orientierung für den Jungen das Dilemma, dass er auf eine unauflösbare Art und Weise in eine Abhängigkeit zu seinem begehrten Objekt gerät (vgl. ebd.: 306). Ist an Männlichkeit die Erwartung von Autonomie und Stärke gerichtet, entsteht nun, durch die Abhängigkeit vom begehrten Objekt, ein Konflikt (Abhängigkeits-Autonomie-Konflikt), der als ständige Quelle von Angst und Unsicherheit gilt, vor allem auf dem Gebiet der Sexualität, woran die Bewährung der Männlichkeit scheitern kann (vgl. ebd.: 321). So entsteht bei Jungen und Männern eine »dauerhafte [...] Mischung aus Lust, Neid, Angst und Hass« (ebd.: 327) gegenüber Frauen, sodass dieses Verhältnis stets ambivalent bleibt. Erinnerungen an die Zeit der Kindheit, die mit Schwäche und Abhängigkeit in Verbindung stehen, z.B. Zärtlichkeiten, liebevolle Empfindungen usw., werden nachträglich durch, an Jungen heran getragene, hegemoniale Männlichkeitsideale als weiblich assoziiert, ausgegrenzt, fremd gemacht und abgewertet, um so den Beweis der Männlichkeit erbringen zu können (vgl. ebd.: 325). Wird die geschlechtliche Integrität aus Sicht eines verinnerlichten Ideals hegemonialer Männlichkeit in Frage gestellt, wird sie in Form von Krisen und Kränkungen erlebt und kann in eine »objektzerstörende Gewalt« (ebd.: 327) übergehen. Eine reale oder angebliche Bedrohung wird als »narzisstische Kränkung, Verletzung des Selbstwertgefühls und der Ehre« usw. erlebt, sodass eine Notlage entsteht, die abgewendet werden muss, um die eigene fragile Identität zu sichern (vgl. ebd.: 315f.). Infolge dessen kann eine »paranoid getönte Abwehr-Kampf-Haltung« (ebd.: 293) entwickelt werden, um vor dem Hintergrund hegemonialer Männlichkeitsvorstellungen, beschädigte und narzisstisch gekränkte Männlichkeiten zu reparieren, wofür wiederum auf archaische Abwehrmechanismen (Spaltung und Projektion) zurückgegriffen und sadistische Persönlichkeitsanteile mobilisiert werden. Die Projektionen werden dabei zustäzlich mit Weiblichkeitsbildern aufgeladen (vgl. ebd.: 306).

Die Angst vor dem defizitären, entwerteten und gleichfalls mächtigen Objekt des ödipalen Konflikts, die für den Antisemitismus prädestiniert, wiederholt sich in der Adoleszenz als eine Angst vor der Weiblichkeit. Weiblichkeit erscheint damit ebenfalls als defizitär, entwertet und zugleich machtvoll, da sie aufgrund der Abhängigkeit des männlichen Subjekts, das sich als das hegemoniale Geschlecht sieht, in dessen Phantasie oder Realität seine (sexuelle) Integrität in Frage stellen kann. Die paranoid getönte Abwehr-Kampf-Haltung gegen entsprechend identifizierte Objekte resultiert aus dieser empfundenen Bedrohung. Dies zieht massive Fehldeutungen der Welt nach sich, denn in der Projektion macht sich das Subjekt die äußere Umwelt gemäß dem inneren Affektzustand ähnlich (vgl. Horkheimer/Adorno 2006: 196).

 

Wenn der Persönlichkeitskonflikt politisiert wird

Mit Lorenzers (vgl. 1992: 121f.) Rekonstruktion des Autoritarismuskonzepts von Adorno lässt sich zeigen, wie sich die Politisierung des Persönlichkeitskonflikts vollzieht. Ein sozialer Konflikt (z.B. das brüchig werden der hegemonialen Männlichkeit), der in eine Sozialisationsagentur, wie z.B. der Familie durchschlägt, löst einen individuellen Konflikt (ödipaler Konflikt, Abhängigkeits-Autonomie-Konflikt) aus, sodass pathologische Symptome ausgebildet werden. Diese verschränken sich schließlich mit einer Sprachschablone. Diese muss dabei mit einer dem Persönlichkeitsdefekt entsprechenden Weltanschauung (hier völkischer Nationalismus, Antisemitismus, Antifeminismus) gefüllt werden, sodass politisierend in den Persönlichkeitsdefekt eingegriffen werden kann. Sozialer Konflikt und individueller Konflikt ergänzen sich gegenseitig. Der individuelle Konflikt bekommt den falschen Namen (die Weltanschauung), sodass vom beschädigten Subjekt der soziale Konflikt reaktionär umgedeutet wird und sich in ihrer Einheit ein »stabiler Kurzschluss« (ebd.: 122) ergibt.

Der psychische Gewinn, den das Individuum daraus zieht, ist die Stabilisierung seiner defekten Subjektivität qua Massenbildung, bzw. Kollektivierung. Dies hebt Lorenzer mit Simmel bzgl. des Antisemitismus nochmal hervor. Der »Durchschnitts-Antisemit« stellt eine »gut angepasste Persönlichkeit« dar, die »gut« in den Alltag integriert ist aber Juden hasst und sich gut dabei fühlt, dass viele Freund_innen diese Gefühle teilen. Zur Massenbildung gehört der »objektive Organisator« (dies kann z.B. eine Führungsfigur, eine Partei oder eine politische Bewegung wie AfD, Pegida etc. sein), der entsprechend des ausgebildeten Persönlichkeitsdefekts, in Form eines Wortes oder einer Idee weltanschaulich eingreift und die Sprachschablone füllt. Dies hat den Effekt, das doppelt irrationale Weltbild rational erscheinen zu lassen und so die Welt mithilfe des kulturellen Codes ichkonform erklärbar zu machen (vgl. Lorenzer 1992: 118ff.). Angst besteht nicht vor denjenigen, die in der völkisch-nationalistischen Weltanschauung den ›Volkstod‹ bringen, sondern, davor, wie die Welt wirklich ist, die Verantwortung für das eigene Schicksal zu haben und in Aushandlungsprozesse sozialer Interessenkonflikte treten zu müssen. Daher das im Kern antisemitische »Drahtzieher-Modell«, dass die Vernichtung der Drahtzieher des angeblich Bösen und Fremden will (vgl. Pohl 2010: 54). Doch ist das Fremde, das bekämpft wird und vor dem geflohen wird, ein Kampf gegen das eigene Unbewusste, gegen das nicht mögliche »Eigene« (Kristeva 2013: 208f.).

Antisemitismus und Antifeminismus treten verschränkt als reaktionäre Umdeutung sozialer Konflikte und Kämpfe um hegemoniale Männlichkeit auf. Diese ist aufgrund feministischer Kritiken, Gendermainstreaming und der Tatsache in Frage gestellt, dass Männer nicht mehr selbstverständlich auf Partnerinnen als karriereunterstützende Ressourcen zurückgreifen können sondern stattdessen mit deren eigenen Karriereplänen konfrontiert werden. Trotzdem bleiben konventionelle Bilder von hegemonialer Männlichkeit dominant – auch vor dem Hintergrund, dass neue Formen von Männlichkeit, die z.B. Bindung und Autonomie, Fürsorge und Selbstbezug, professionelle und väterliche Identität integrieren, bisher kaum konturiert sind (vgl. King 2013: 270). Der Abhängigkeits-Autonomie-Konflikt bleibt damit zentral für die männliche Adoleszenz, so dass eine Infragestellung dieses Konzepts von Männlichkeit von vielen Männern als Bedrohung und Kränkung erlebt wird, da die verpönten und abgespaltenen weiblichen Anteile des Ichs in ihrem Selbstbild nicht zur Sprache kommen dürfen, bekämpft werden müssen und keine nachträgliche Restrukturierung des ödipalen Konflikts ermöglicht wird, die eine korrigierende Wendung nehmen könnte. So fällt eine Reflexion über das eigene Konzept der Männlichkeit und die dahinterstehenden psychischen Konflikte aus. Folglich bedarf es Verantwortlicher für das persönlich erlebte Unheil. Hierfür steht der Antisemitismus als Feinbild und Weltanschauung, über einen kulturellen Code vermittelt, stets bereit. Doch darf dieser in der bundesdeutschen Gesellschaft durch eine vom Tabu geleitete »Ausdrucksform der Abwehr« (Stender 2011: 229) nach dem NS nicht offen zu Tage treten, so dass der antisemitische Code in anderer Form auftritt, wie z.B. der Imagination der allumspannenden Macht der USA.

 

Die Rückeroberung der Männlichkeit

Den islamistischen Attentätern und Flüchtlingen mit unguten Absichten, so Höcke, sei das einfach Volk schutzlos ausgeliefert. Diese gelten hier aber bloß als die Folgeerscheinung der verfehlten Einwanderungs- und Asylpolitik der ›Alt-Parteien‹. Jedoch repräsentieren diese in der Vorstellung völkischer Nationalisten gerade jene mannhafte, wehrhafte Männlichkeit, die Höcke einfordert und bekämpfen die als westlich-zersetzend angesehenen Einflüsse mit paramilitärischen und terroristischen Mitteln für ihr »Volk«. Insofern lässt sich erahnen, dass hinter der angeblichen Angst vor Islamisierung, die Angst steht, in der männlichen Binnenhierarchie schwach oder gar entmannt abzuschneiden. Hinzu kommt der gleichzeitige Neid und Hass auf ebenjene muslimischen Männer, da man sich gemäß westlich-zivilisatorischen Standards zügeln muss und eine mannhafte, wehrhafte Männlichkeit sowie Herrschaft und Unterwerfung von Frauen nicht enthemmt ausleben kann. Subjektiv wird das Auftreten muslimischer Männer als eine Abwertung der eigenen Männlichkeit erfahren. Feindschaft gegen Frauen wird dann nur bei Muslimen identifiziert – man selbst könne gar nicht frauenfeindlich sein, da man als Teil des westlichen Kulturkreises und als deutscher Mann doch für eine natürliche Geschlechterordnung einstehe und damit die Traditionen des Abendlandes verteidige (vgl. Keil 2015a: 379). Somit ist ein Element der »Angst vor Islamisierung« eine Maskierung des Antifeminismus. Und so können sich dann in Folge der Kölner Silvesternacht männliche, wehrhafte, umher schwadronierende Männergruppen bilden, die denken, die wehrlosen, schwachen Frauen des Abendlandes gegen den Islam verteidigen und schützen zu müssen –  doch wollen sie im Grunde Herr im eignen Haus bleiben.

 

Philipp Berg

 

*.lit

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