Normen sind für die Strukturierung des alltäglichen Lebens und für die Bewertung von Handlungen notwendige Bezugspunkte. Diese sind aber nicht nur Referenzpunkte für die Kritik von Handlungen, sondern sie können selbst gewalttätig sein. Judith Butler geht in ihrer Analyse der Gesellschaft vom Subjekt aus und konstatiert, dass Normen sich gewaltförmig in der Subjektivation1 auswirken. Eine Strategie, die Gewaltförmigkeit sichtbar zu machen und sich ihr zu widersetzen und diese nicht gleich wieder zu (re-)produzieren ist die Parodie. Sie hinterfragt die Norm und stellt sie zur Disposition. Parodie selbst ist das übertriebene, verzerrte und komisch-satirische Zitat, das subversiv das ›Original‹ verändern und verschieben soll. Durch das Überzeichnen wird jenseits des Komischen die Maskerade des Normalen offenbart. In der verzerrten Wiederholung überschreitet frau*man die Grenzen der restriktiven Normen und verschiebt so die konstitutive Grenze zwischen dem Raum des Möglichen und des Unmöglichen. Neben kritisch-reflexiven und affirmativen Bezügen auf Parodie als Praxis des Widerstands wird die Parodie aber auch zurückgewiesen. Insbesondere Anfang der 1990er wurde diese Strategie heftig kritisiert. Eine zentrale Kritik zielte auf die Performativität der Norm hin, die in der Parodie zwar überzeichnet, aber auch wiederholt werde und so letztlich das vorhandene Sinnsystem (re)produzieren würde. Weiterhin wird die humoristische – aber zugleich ernsthafte – Überschreitung der Norm als Entpolitisierung und zugleich als Trivialisierung einer repressiven Gesellschaftsstruktur gesehen.

Aber kann Parodie eine Emanzipationskraft entwickeln und als Widerstand verstanden werden? In diesem Beitrag möchte ich anhand der Queer Prom in Frankfurt am Main dieses Spannungsfeld diskutieren.

 

Queer Prom Frankfurt am Main

Die Queer Prom in Frankfurt am Main wurde 2012 zum ersten Mal organisiert und war ein fulminantes und rauschendes Fest mit Raum für differierende und nicht konsistente Genderidentitäten. Mit dem Namen Queer Prom reihen die Veranstalter*innen diese Queer-Party in die seit Anfang der 1990er Jahre organisierten Queer Proms in den USA ein. Proms, das sei noch kurz erwähnt, sind die sehr traditionellen und konservativen Abschlussbälle in den USA, die aber auch fast überall in Deutschland nach dem Abitur unter dem Label »Abi-Ball« gefeiert werden. Die Prom Partys waren auch für die Frankfurter Veranstalter*innen ein wichtiger Ausgangspunkt für die inhaltlichen Auseinandersetzungen in der Vorbereitung. Proms können als Mikrokosmos der bürgerlich-patriarchalen Gesellschaft gesehen werden, in dem sich tradierte Gesellschaftsstrukturen, insbesondere Geschlechterrollen und -identitäten offenbaren. Beispielsweise sind in den meisten Fällen männlich-sozialisierte Personen dazu angehalten, weiblich-sozialisierte Personen anzusprechen und um ihre Begleitung zu bitten. Die meisten von uns kennen diese Szenen wohl aus kitschigen US-Teeniefilmen, in denen, wenn nicht das Aschenputtel-Märchen neu erzählt wird, die Schönheitskönigin und der Schönheitskönig zum Traumpaar der Prom erkoren werden. Damit werden Schönheitsideale sowie binär-heterosexuelle Geschlechternormen reproduziert und zum Besten gegeben. Die Queer Prom soll laut Veranstalter*innen diese reaktionären Strukturen nicht wiederholen, sondern durch das Mittel der Parodie die Geschlechternormen aufbrechen und demaskieren.

Doch kann dies gelingen? Die Vertreter*innen der Frankfurter Queer-Prom-Crew sind sich da einig: »Aufbrechen« im Sinne eines einmaligen »auf-brechens«, ab dem die Normen nicht mehr ihre normative Kraft besitzen, daran glauben sie nicht. Sie schreiben aber der parodistischen Inszenierung von Geschlecht eine demaskierende Kraft zu, die wiederum für weitere politische Arbeiten anschlussfähig ist.

 

Interventionsmomente

Die Normalität der Verabredungsszene, in welcher der Typ die Frau fragt, soll beispielsweise durch die Mehrfachverabredung jenseits von Geschlechteridentitäten demaskiert werden. Weiterhin sollen hierdurch auch die Stereotype – in welcher der Typ der Aktive und die Frau die Passive sei – aufgebrochen und die binär-heterosexuelle Hegemonie satirisch thematisiert werden. Dies hat zur Folge, dass das Normale hinterfragt wird und somit die Perspektive »es könnte auch ganz anders sein« geschaffen und ein Denken an den Grenzen des Vorstellbaren ermöglicht werden.

Einer der Höhepunkte der Frankfurter Queer Prom war die Tombola. Es gab nicht nur fancy gifts zu gewinnen, sondern auch den Titel der schönsten Performance – und diesen gleich mehrfach. Diese Art der Wahl sollte die direkte Kategorisierung in »du bist schön« und »ihr alle anderen nicht so ganz« aufbrechen, da die Entscheidung kein Komitee oder das Publikum traf, sondern das Los. Der so vergebene Titel dezentriert diesen zugleich wieder, da keine Kategorien und Vorbedingungen (außer da zu sein und ein Los zu haben) von Nöten sind.

Anders als bei gängigen Proms gab es keine Kleiderordnung, denn die Queer Prom wollte einen Raum schaffen, in dem frau*man sich sicher fühlen und auch selbst ausprobieren kann. Für all diejenigen, die nicht das nötige Equipment hatten oder sich nicht den verwirrten Blicken in der U-Bahn aussetzen wollten, gab es einen Crossdressing Room mit allerlei Accessoires: u.a. Perücken, Ketten, Kleidern, Schuhen oder auch Nagellack und Lippenstift.

Neben diesen konkreten Interventionen, kann frau*man die Party selbst auch als Intervention in die hetero-sexistische Partykultur verstehen. Leitendes Ziel der Party war es, eine schöne und tolle Party zu organisieren, auf der sich Menschen mit unterschiedlichen Geschlechteridentitäten wohlfühlen. Denn auf den Mainstream-, aber auch links-alternativen Partys sind meist nur heteronormative Zuneigungsbekundungen sichtbar. Indem Heteropaare auf der Tanzfläche – bzw. eigentlich überall – die Möglichkeit haben und diese auch sehr häufig nutzen, ihrer Zuneigung zueinander eine körperliche Art verleihen, und dies als normal empfunden wird, wird genau diese Normalität immer wieder hergestellt. Dem Begehren jenseits der Heterosexualität wird in diesen Räumen häufig nicht die Möglichkeit des Ausdrucks gegeben.

Zudem wird aufgezeigt, wie es ›richtig‹ geht: meist ist der Typ dabei der Dominante und die Frau eben nicht. Alle Personen sind also davon betroffen, aber insbesondere die, die nicht heterosexuell begehren, werden in einen Raum des Anderen oder des Abnormalen gedrängt, und erfahren unter Umständen auch physische Gewalt. Weiterhin werden Frauen, die sich nicht in diese Rolle der, »die erobert werden soll/will«, zwängen lassen, ebenfalls angefeindet. Von daher ist die Queer Prom eine sehr konkrete Intervention, da versucht wird, diese Dynamiken zu reflektieren und somit zu verhindern.

 

»Queer Theory – Parodie – Queer Prom«

Die Veranstalter*innen haben sich lange vor der eigentlichen Queer Prom regelmäßig getroffen und waren sich einig, eine Party, »die alle schön finden sollen« zu organisieren. Dabei waren der politische Anspruch und die theoretische Reflexion untrennbar mit der Party und der Organisation verbunden. Zur Vorbereitung der Queer Prom haben Mitglieder der Organisationscrew einen Queer Theory Lesekreis gegründet, in dem sie sich den Arbeiten von Annamarie Jagose2 und Judith Butler3 angenähert haben. Dabei wurde auch über die Parodie anhand des Konzeptes von drag diskutiert. Insbesondere Butler schreibt der Parodie eine emanzipatorische Kraft zu, da diese zum einen die Norm(alität) entlarve und demaskiere und zum anderen mittels der Parodie Kritik aus den gegebenen Verhältnissen heraus formuliert werden könne. Das heißt, dass die Kritiker*in in ihrer*seiner Performance des komisch-satirischen Zitats auf ein Sinnsystem rekurriert, welches ihrer*seiner Subjektposition Sichtbarkeit, Legitimität und Sinn verleiht.4

Das hat im Alltäglichen praktische Konsequenzen: Parodie als Praxis des Widerstands muss auch als solche lesbar und somit auch verstehbar sein.5 Wenn ich möchte, dass eine Handlung, hier Widerstand / Kritik, auch als solche verstanden wird, muss ich mich auf ein Sinnsystem beziehen, das »allen« bekannt ist. Dies stabilisiert natürlich auch dieses Sinnsystem, da es im selben Moment anerkannt und (re-)produziert wird. Aber wenn ich die Norm derartig übertrieben darstelle, kann diese Hegemonie Risse bekommen.

Die unkritische Parodie stabilisiert die Norm eher, wie bspw. eine karnevaleske Party mit Crossdressing ohne politische Reflexion. Die Subjektposition und die Praxis muss reflektiert werden, damit die Parodie nicht zum privilegierten Hedonismus derjenigen wird, die ohnehin von der heterosexistisch-patriarchalen Ordnung profitieren. Typen, die zwar Röcke tragen, aber dennoch rummackern, sind daher eher Symptom als emanzipatorisch.

 

Parodie als Widerstand oder doch nur postmoderne Beliebigkeit?

Zweifelsohne leben wir in einer Gesellschaft, die in ihrer Struktur unterdrückend, ausschließend und gewalttätig ist. Subjekte werden durch Rückgriff auf die Geschlechternormen in eine Subjektposition ein- und somit einem Geschlecht zugeordnet. Judith Butler hebt an dieser Stelle die Gewalt hervor, die in Normen zum Ausdruck kommt. Parodie in Form von drag versteht sie dabei als eine mögliche Widerstandspraxis, die das Versprechen der Emanzipation zu verwirklichen mag, denn diese Strategie setzt nicht ein »Subjekt der Emanzipation« voraus, sondern weist genau diese Identitätskategorie zurück. An diesem Punkt entspannt sich eine lebhafte Auseinandersetzung um die Fragen, ob diese Strategie nun Emanzipation bringen mag oder aber eher die heterosexistisch-patriarchale Gesellschaftsstruktur verschleiert reproduziert.6

Parodie bewegt sich immer im Spannungsfeld zwischen Reproduktion und Destabilisierung von Normen. Angesichts der Neoliberalisierung der Gesellschaft, wird die Parodie auch als Symptom der gesellschaftlichen Verhältnisse gesehen und weniger als Form der Kritik derselben. Der ›Neoliberalismus‹ wird als höchst ›integrativ‹ verstanden, der gerade die Dezentrierung von Identitäten fördere und die Flexibilisierung gar fordere, wie z.B. die Arbeitsbedingungen offenbaren. Weiterhin werden die Analysen der Queer Theory nicht nur in ihrer Konsequenz für den Feminismus kritisiert, sondern auch für ihr Unvermögen eine Kritik der Gesellschaft zu denken, die diese als Ganzes infrage stellt. Slavoj Žižek deutet dies als in der ideologischen Struktur angelegte Dynamisierung der Gesellschaft. Parodie eignet sich Žižekzu folge also nicht als gesellschaftskritische Praxis, sondern müsse als Konzept zugunsten einer antikapitalistischen Kritik zurückgewiesen werden.

Demgegenüber hat die Parodie gerade aber auch das Potential gesellschaftlich-tradierte Strukturen sichtbar zu machen und somit als Orte der Kritik auszuweisen. Will Parodie genau diese Orte sichtbar machen, muss sie ständig reflexiv begleitet werden, um nicht selbst wieder repressive Strukturen zu etablieren – gerade in der Bestimmung, welche Merkmale ein Subjekt zu einem vergeschlechtlichten Subjekt werden lassen und dessen normenkonformen Verhalten. Zwar erscheint, angesichts der Gewalt in der Subjektivation, die satirische Strategie der Überzeichnung geradezu unpassend, aber hierin verbirgt sich genau ein Moment der Subversion. In der Nicht-Anerkennung der Norm wird die Bedeutung und Wirkmächtigkeit der Norm unterlaufen und somit zum umkämpften Terrain.

 

Emanzipatorisch oder nicht?

Auf die Frage, ob Parodie eine Emanzipationskraft entwickeln und gar als Widerstandspraxis verstanden werden kann, lässt sich letztlich nicht ohne Widerspruch antworten. Festhalten lässt sich, dass drag als parodistische Praxis – wie sie bei der Queer Prom umzusetzen versucht wurde – Kritik formulieren kann, deren Reichweite allerdings eher begrenzt ist. Eine Revolution lässt sich hiermit nicht anstoßen, aber es lassen sich Räume schaffen, in denen sich Menschen jenseits von heterosexueller Genderidentity wohl fühlen – auch wenn diese Räume natürlich nicht uneingeschränkt die Verwirklichung einer emanzipatorischen Utopie repräsentieren.

Um nun doch zu versuchen auf die Frage zu antworten: Ja, die Parodie kann eine emanzipatorische Praxis entwickeln, aber sie kann nur als ein Teil einer emanzipatorischen Bewegung begriffen werden, die repressive gesellschaftliche Strukturen nachhaltig angreift und transformiert. Hierzu muss drag als Parodie immer auch explizit antikapitalistisch sein, um nicht leicht verdaulich und dabei trivial und verkürzend in den neoliberalen Kapitalismus integrierbar zu sein. Parodie bewegt sich auf einem schmalen Pfad zwischen Flexibilisierung, Individualisierung und der Stabilisierung von tradierten Geschlechternormen und dem Aufzeigen genau dieser Strukturen und deren Zurückweisung. Normen sind zum einen notwendige Referenz, um Kritik zu formulieren und zum anderen auch genau das Problem – die Gewalt in der Subjektivation – wie Judith Butler überzeugend analysiert.

Eine Parodie, welche die kapitalistische Gesellschaftsstruktur analysiert und die eigene Praxis dauerhaft reflektiert, kann dazu beitragen, repressive Strukturen aufzubrechen und letztlich auch diese zu überwinden. Bei der Queer Prom gab es zwar Momente, die eher gesellschaftskonform als gesellschaftskritisch waren, aber dennoch hat die Queer Prom in Frankfurt nicht nur einen Ort für verschiedene Geschlechteridentitäten geschaffen, sondern auch die Normalität überhaupt erst wieder sichtbar gemacht und als Gegenstand der Kritik ausgewiesen.

 

Stefan Wedermann

  • 1. Judith Butler (2003): Kritik der ethischen Gewalt. Suhrkamp. Butler versteht Subjektivation als »Herrschaftseffekt«, der ein Subjekt dauerhaft zum Subjekt werden lässt. Hierzu unterwirft sich das Subjekt notwendig der Norm und (re-)produziert diese (wobei die Wiederholung selbst immer fehlerhaft ist).
  • 2. Annamarie Jagose (2001): Queer Theory. Eine Einführung. Quer.
  • 3. Judith Butler (1991): Das Unbehagen der Geschlechter. Suhrkamp und dies. (1997): Körper von Gewicht. Suhrkamp.
  • 4. Hilfreich hierfür ist Ernesto Laclau und Chantal Mouffe (2006): Hegemonie und radikale Demokratie. Zur Dekonstruktion des Marxismus. Passagen und Smith, Anna Marie (1998): Das Unbehagen der Hegemonie. Die Politischen Theorien von Judith Butler, Ernesto Laclau und Chantal Mouffe. In: Marchart, Oliver (Hg.): Das Undarstellbare der Politik. Zur Hegemonietheorie Ernesto Laclaus. Turia + Kant.
  • 5. Erhellend ist hierfür auch der Abschnitt zu Sati (Witwenverbrennung und Witwenopfer) in »Can the subaltern speak« von Gayatri C. Spivak (2008). Turia + Kant, (S. 93ff. hier: 104).
  • 6. #7# Siehe hier beispielsweise Benhabib, Seyla / Butler, Judith / Cornell, Drucilla / Fraser, Nancy (Hg., 1993): Der Streit um die Differenz. Feminismus und Postmoderne in der Gegenwart. Fischer