In der Diskussion um den Einzug der Universität in das I.G. Farben-Gebäude und den adäquaten Umgang mit dessen Geschichte sind etwas überspitzt formuliert zwei einander gegenüberstehende Positionen auszumachen: Während die Vertreter der einen glauben, durch die verschleiernde Umbenennung in Poelzig-Ensemble (als handele es sich um sein Wohnhaus) und das Anbringen einer Gedenktafel sei die Vergangenheit »bewältigt« und somit vergessen , scheinen die anderen den Versuch zu unternehmen, das Bauwerk selbst für das, was darin geplant und verwaltet wurde, haftbar zu machen – so als hätte Poelzig 1927 die Rolle der I.G. Farben im Nationalsozialismus antizipiert und ihr in vorauseilender Zustimmung architektonisch Ausdruck verliehen; mit einem Wort: Das Gebäude sei protofaschistisch.

Von der schlichten These ausgehend, dass groß gleich monumental und monumental gleichbedeutend mit Herrschaft sei, ist zwar der angeblich faschistoide Gehalt von Poelzigs Architektur in der Tat schnell bewiesen, der verbrecherische Charakter der I.G. Farben enthüllt sich durch diese Etikettierung jedoch nicht. Mystifizierung war noch selten hilfreich und ist es auch in diesem Fall nicht. Was damit in erster Linie – wenn auch sicher unbeabsichtigt – bewirkt wird, ist, dass über die Geschäfte der I.G. Farben selbst kaum mehr gesprochen wird, es keine handelnden Personen und keine Kapitalinteressen mehr gibt, sondern nur noch ein Gebäude, das dunkel von Macht und Herrschaft wispert und dessen Wände schlimme Geschichte ausdünsten.

 

Farbenlehre

Aus diesem Grund erscheint es sinnvoll, etwas Aufklärung zu betreiben und zunächst sehr kurz und zugegebenermaßen nicht eben vollständig Geschichte und Struktur der I.G. Farben vor 1933 zu schildern: Die I.G. Farben AG entstand 1925 durch den Zusammenschluss der Firmen BASF, Bayer, Hoechst (mit Cassella und Kalle), Agfa, Weiler-ter-Meer und Griesheim-Elektron. Diese Firmen übertrugen ihr Vermögen gegen die anteilige Gewährung von Aktien der BASF, die sich dann anschließend in I.G. Farbenindustrie Aktiengesellschaft umbenannte. Der Konzern umfasste die gesamte deutsche Teerfarbenindustrie sowie alle mit ihr zusammenhängenden Bereiche, wie zum Beispiel Stickstoffdüngemittel, Sprengstoffe, Arzneimittel, photographische Erzeugnisse, Kunstseide, Lösungsmittel und Lacke und noch so vieles andere mehr, dass es hier nicht alles aufgezählt werden kann. Organisatorisch war der Konzern zwar in fünf regionale Betriebsgemeinschaften gegliedert, der Verkauf jedoch zentralistisch in sechs Produktsparten zusammengefasst.

Treibende Kraft hinter der Entstehung der I.G. war Carl Duisberg, der Direktor von Bayer Leverkusen, der diesen Plan schon seit 1904 verfolgte, um die beherrschende Stellung der deutschen chemischen Industrie auf dem Weltmarkt zu sichern. Aufgrund des Rohstoffmangels, der durch den Ersten Weltkrieg nicht nur nicht behoben, sondern entgegen allen Plänen um ein vielfaches verschlimmert worden war, stand die chemische Industrie in Deutschland vor der Notwendigkeit, natürliche Rohstoffe durch künstlich hergestellte zu ersetzen. Schon vor 1914 bekannte Verfahren wie zum Beispiel die von Fritz Haber entwickelte Ammoniaksynthese (Ammoniak diente als Grundstoff für Düngemittel und Sprengstoffe und ersetzte den bis dahin gebräuchlichen Chilesalpeter) wurden während des Ersten Weltkrieges mit staatlicher Unterstützung zur industriellen Einsatzreife gebracht. Durch den Krieg musste die chemische Industrie zwar zunächst Umsatzeinbußen hinnehmen – ihr Anteil an der chemischen Weltproduktion sank von vierundzwanzig auf siebzehn Prozent, die Verluste durch Enteignungen usw. betrugen fünfzig Prozent – allerdings hatte der Krieg auch einen Innovationsschub zur Folge, der die negativen Auswirkungen relativ leicht verschmerzen half. Der ebenfalls kriegsbedingte Konzentrationsprozess führte 1916 zunächst zur Gründung der sogenannten »kleinen« I.G., einem noch losen Zusammenschluss weitgehend selbständig bleibender Firmen, bis sich diese dann 1925 in einer Aktiengesellschaft – eben der I.G. Farben – zusammenschlossen. Deren Firmenpolitik war durchaus expansiv, was sowohl zu weiteren Fusionen und Beteiligungen führte, als auch zur Gründung zahlreicher Kartelle sowie dem Abschluss anderer preis- und absatzregelnder Verträge. Ziel war dabei zum einen die Ausweitung der ohnehin schon monopolartigen Stellung, zum anderen die Einflussnahme auf die rohstofferzeugende Industrie, wie zum Beispiel den Bergbau. Ihren höchsten Beschäftigungsstand erreichte die I.G. Farben 1928 mit 114.185 Beschäftigten. In diesem Jahr verlegte sie den Sitz ihrer Hauptverwaltung nach Frankfurt, eine Gunst, für die die Stadt einiges springen ließ: Nicht nur stellte sie das Grundstück zur Verfügung – was die Verlegung und somit den Neubau der bis dahin dort befindlichen Städtischen Irrenanstalt erforderlich machte – sie stellte auch den Bau von etwa dreihundert neuen Wohnungen speziell für I.G. Farben-Angestellte in Aussicht und zwar in zwei neu zu errichtenden Siedlungen in unmittelbarer Nähe des Firmensitzes.

 

Die Frage nach der Anmutungsqualität

Und so ist das I.G. Farben-Haus: ein großes Büro- und Verwaltungsgebäude, geplant für den damals größten deutschen Konzern von einem der zu dieser Zeit berühmtesten deutschen Architekten. Nicht mehr und nicht weniger mit allen sich daraus ergebenden – auch mörderischen – Implikationen. Dass ein solches Bauwerk notwendig von Herrschaft spricht, liegt am Kapitalismus und ist eine ziemlich banale Feststellung. Interessanter scheint mir allerdings eine Untersuchung der von Poelzig zu diesem Zweck eingesetzten Mittel: Auf welche Weise demonstriert Poelzig die wirtschaftliche Potenz des I.G. Farben-Konzerns?

Das Gebäude entstand von 1929–31 auf der Grundlage eines beschränkten Wettbewerbs, an dem auf Einladung der I.G. sechs Architekten mit fünf Entwürfen teilnahmen. Außer Hans Poelzig waren dies Paul Bonatz, ein Vertreter der traditionalistischen Stuttgarter Schule, Fritz Höger, der Architekt des berühmten Hamburger Chilehauses und Exponent eines stark regionalistisch geprägten (norddeutschen) Backsteinexpressionismus, Jacob Koerfer, ein Kölner Architekt und Bauunternehmer mit wenig künstlerischer Reputation aber großen Erfahrungen im Bau von Verwaltungsgebäuden, sowie der Frankfurter Stadtbaudezernent Ernst May zusammen mit Martin Elsaesser, dem künstlerischen Leiter des Hochbauamtes. Die beiden letztgenannten waren die einzigen dezidiert modernen Architekten und wohl nur deshalb eingeladen, um eine Brüskierung der Stadt Frankfurt zu vermeiden. Leider liegt mir von den ausgeschiedenen Wettbewerbsbeiträgen nur der von May und Elsaesser vor, aber nach allem was ich von Koerfer, Bonatz und Hoeger bis jetzt so gesehen habe, ist uns da vermutlich viel erspart geblieben.

Die Frage ist nun, warum die nur mit IG Farben-Vertretern besetzte Jury des Wettbewerbs sich durch Poelzigs Entwurf offenbar am adäquatesten repräsentiert fühlte, so dass sie diesen für ihren zukünftigen Firmenhauptsitz auswählte. Was macht Poelzigs Plan so besonders geeignet für diese Aufgabe, was hat er, was die anderen nicht haben? Dabei geht es nicht um funktionalistische Überlegungen, denn natürlich ist das Gebäude für seine Zwecke sinnvoll organisiert, sondern um – wie es die Postmoderne nennen würde – seine »Anmutungsqualität«, d.h. in diesem Fall um seine Tauglichkeit als symbolische Versteinerung eines Großkonzerns. Zum Vergleich und als Kontrast werde ich den abgelehnten Entwurf von May und Elsaesser heranziehen – als Beispiel einer radikal anderen Konzeption, die daher notwendig scheitern musste.

 

Wie es ist: Poelzig

Beginnen wir mit einer Beschreibung: Der Grundriss des Gebäudes ist ein zweihundertfünfzig Meter langer Kreisbogenausschnitt von elf Meter Breite. Die sechs radial angeordneten Querflügel sind jeweils fünfzig Meter lang bei einer Breite von sechzehn für die beiden äußeren, bzw. vierzehn Meter für die inneren Flügel. Die kammartige Anordnung der Querflügel sorgt für gute Belichtung aller Räume und bietet bei großen Komplexen eine Alternative zur Blockbebauung mit Innenhöfen. Der Prototyp dieser Form ist das General Motors Building in Detroit (1917–21) von Albert Kahn. Die Höhe beträgt fünfunddreißig Meter bei neun Geschossen, wobei die Geschoßhöhe vom Parterre nach oben hin abnimmt (von 4,6 auf 4,2 m). Das Stahlskelett ist mit Travertin verkleidet, also von außen nicht sichtbar, die Fenster in durchlaufenden nur von den betonten Ecken unterbrochenen Bändern angeordnet. Das Dachgeschoß ist fensterlos und bildet so einen deutlichen Abschluss. Der (einzige) Eingang befindet sich in der Mittelachse des Gebäudes, ihm ist ein tempelartiger Pfeilerportikus vorgelagert, der die Eingangssituation würdevoll überhöht – ein relativ gebräuchliches Motiv bei Verwaltungsbauten dieser Zeit. Der Eingangsbereich ist einigermaßen prunkvoll gestaltet: Die Eingangs- und Fahrstuhltüren sind aus Bronze, Decke und Wände des Windfangs sind mit Bronzeplatten und Kupferfriesen verkleidet. Die dahinterliegende Eingangshalle mit den zwei geschwungenen Treppenaufgängen hat eine Decke mit Blattaluminiumauflage und Marmorwände mit Zickzackmuster. Gleichfalls in der Mittelachse auf der Rückseite des Gebäudes befindet sich ein angesetzter vollständig verglaster Rundpavillon (die heutige Eisenhower-Rotunde, falls die Universität sich nicht zu einer Umbenennung veranlasst sieht), der den Blick auf das ebenfalls auf dieser Achse liegende Wirtschaftsgebäude (das heutige Kasino) in etwa hundert Meter Entfernung freigibt. Die anderen auf dem Gelände untergebrachten Nebengebäude (Laboratorium, Garagen, Heizwerk) haben keinen räumlichen Bezug zum Hauptbau, sie liegen verstreut am Rand des Parks. Die zwischen Haupt- und Wirtschaftsgebäude liegende und daher von der Stadt aus nicht sichtbare Parkanlage lässt mit ihren Terrassen und den stufig angeordneten Wasserbecken an ein barockes Gartenparterre denken. Weitere Merkmale stützen den Eindruck einer bewussten Verwendung barocker Stilelemente (wobei ich nicht das Gebäude selbst meine, da halte ich mich aus einer Stilbestimmung lieber raus, sondern die imperiale Geste, mit der Poelzig hier verfährt), zum Beispiel dass der eigentliche Park erst hinter dem Gebäude beginnt, während vorne nur eine einfache Rasenfläche eingeplant war, oder auch dass die dem Betrachter zugewandte Seite des Gebäudes die konvexe und damit abweisende ist.

Im Gegensatz zur barocken Schlossanlage fehlt hier aber die Anbindung an die Stadt: Die zentrale Achse läuft ins Leere, weil sie die stadträumlichen Gegebenheiten ignoriert und sich nicht aufs vorhandene Straßennetz bezieht. Vom funktionalistischen Gesichtspunkt aus könnte man folglich kritisieren, dass Poelzig auf eine sinnvolle Verkehrsanbindung offensichtlich wenig Wert gelegt hat, aber das ist hier nicht der Punkt. Es geht vielmehr um die beabsichtigte Wirkung: Das Gebäude liegt hoheitsvoll um seine Bedeutung wissend und dabei einen deutlichen Achtungsabstand wahrend im Park und riegelt diesen von der Stadt ab. Es hat es sichtlich nicht nötig, sich in irgendeiner Weise auf seine Umgebung zu beziehen, seine Haltung ist vielmehr die der Ignoranz vielleicht sogar der Verachtung. Die kompakte Blockhaftigkeit des Bauwerks, seine einheitliche Höhe und die wie hervorspringende Bastionen ausgebildeten Querflügel lassen an eine Festung denken, die sich gegen die Stadt verteidigt – wobei Poelzig nichts unternimmt, um diese Wirkung abzuschwächen, im Gegenteil: Sowohl die insgesamt horizontale Betonung als auch die Natursteinverkleidung unterstreichen den quasi »wehrhaften« Eindruck, den das Gebäude von außen hervorruft. Innen liegt die Sache etwas anders, denn die Eingangshalle ist zwar recht verschwenderisch ausgestattet und daher auch ziemlich beeindruckend (so viel Marmor!), aber nicht monumental. Ihre über zwei Stockwerke reichende Höhe wird durch den Einzug einer Empore relativiert und die doch etwas steife Feierlichkeit durch die den Blick ins Freie ermöglichende Rotunde gemildert.

Soweit zum real existierenden I.G. Farben-Haus, jetzt zum imaginären von May und Elsaesser.

 

Wie es hätte sein können: May/Elsässer

Zuerst eine Vorbemerkung: Es geht nicht darum zu entscheiden, welcher Entwurf besser oder womöglich sogar schöner ist, auch ist es nicht so, dass ich den von May und Elsaesser für besser, weil moderner halte. Ziel dieser Übung ist vielmehr, die Spezifika des Poelzigschen Baus durch den Vergleich und den Hinweis auf konzeptionelle Unterschiede nochmals deutlicher hervorzuheben. Leider muss zunächst eine zweite Beschreibung folgen, die in diesem Fall aber etwas kürzer ausfällt und zumindest keine weiteren Maßangaben enthält:

May/Elsaesser entwerfen eine stark gegliederte Anlage, deren vier Flügel »turbinenartig« (ihre Worte) angeordnet sind, man könnte auch sagen in der Form eines in der Mittelachse verschobenen Kreuzes. Die einzelnen Flügel sind unterschiedlich hoch und in ihren Funktionen deutlich getrennt. Der Hauptflügel – durch seine Höhe auch äußerlich als solcher erkennbar – enthält Sitzungs- und Vorstandsräume sowie die Hauptverwaltung. Im Nord- und Südflügel befinden sich Geschäftsräume, Archiv, Post- und Bankstelle, während im deutlich niedrigeren Ostflügel die Gesellschaftsräume und die Kantinen untergebracht sind. Den Mittelpunkt der Anlage bildet ein großes Treppenhaus. Auch hier handelt es sich um eine Stahlskelettkonstruktion, wobei der Sockel mit geschliffenem Haustein und die übrigen Flächen mit weißglasierten Majolikaplatten verkleidet werden sollten. Es gibt zwei Eingänge, wovon der erste an der Breitseite des Hauptgebäudes (wichtigen) Gästen und Direktoren vorbehalten bleibt und der zweite an dessen Stirnseite für Angestellte und Beamte gedacht ist. Das Gelände vor dem Gebäude – also im Winkel zwischen Haupt- und Südflügel – ist als offenes, in Terrassen ansteigendes Forum gestaltet. Durch dieses von den Architekten als »Ehrenhof« bezeichnete Forum führt eine repräsentative Zufahrt zum Gäste- und Direktoren-Eingang. Besonderen Wert legen May/Elsaesser auf eine gute Verkehrsanbindung und auf eine Einfügung des Gebäudekomplexes in das vorgefundene Straßensystem. Mit seiner Nord-Süd/Ost-West-Ausrichtung passt sich das Gebäude der gründerzeitlichen Blockstruktur des Westends an und bildet so einen auf seine städtebauliche Wirkung hin angelegten Abschluss zu den Freiflächen des Grüneburgparks.

Damit ist einer der wichtigsten Unterschiede schon benannt: May/Elsaesser konzipieren ihr Gebäude nicht als Solitär, wie Poelzig dies tut, sondern nehmen Rücksicht auf die vorgefundene Situation. Ihr Gebäude versteht sich als Teil der Stadt: Integration anstelle von selbstgewählter Isolation. Wo Poelzig auf demonstrative Massigkeit setzt und so die wirtschaftliche Macht des I.G. Farben-Konzerns mit architektonischen Mitteln unmittelbar erfahrbar macht, nehmen sich May/Elsaesser bewusst zurück. Sowohl die starke Gliederung und die unterschiedlichen Höhen der verschiedenen Gebäudeteile wie auch die Helligkeit der als Verkleidung vorgesehenen Majolikaplatten tragen dazu bei, den Eindruck ehrfurchtgebietender Größe, den ein Bauwerk dieser Ausmaße zwangsläufig hervorruft, zu vermindern. Das soll nicht heißen, dass bei den beiden nicht auch von Macht die Rede wäre, nur drückt sie sich hier anders aus und was wichtiger ist, sie zielt auf einen anderen Punkt. Der Grund für diese Differenz liegt in den unterschiedlichen Entwurfshaltungen der beiden Parteien: May und Elsaesser sind Funktionalisten, was Poelzig auch beim I.G. Farben-Haus – entgegen dessen gängiger architekturhistorischer Einordnung als »Meisterwerk des Funktionalismus« – nicht ist. Sehr verkürzt könnte man sagen, dass es ihm in der Hauptsache auf den Ausdruck eines Gebäudes ankommt, während für May/Elsaesser funktionale Erwägungen, in erster Linie eine sinnvolle Binnenorganisation, die entscheidende Rolle spielen.

Sinnvoll kann die Struktur eines Gebäudes aber nur dann sein, wenn sie die Organisationsstruktur des Benutzers widerspiegelt, die in diesem Fall (wie in den meisten anderen) eine hierarchische ist. Die dem Poelzig-Bau eigene »Ambivalenz zwischen nobilitierter Arbeitsstätte und glorifiziertem Konzern« (womit auch ausgedrückt wird, dass betriebliche Hierarchien durch die Architektur zum Teil verschleiert werden) ist bei May/Elsaesser zugunsten einer eindeutigen Aussage aufgelöst. Exemplarisch zeigt sich dies in der Behandlung der Eingänge. Während Poelzig für seinen Bau nur einen – prunkvollen – Eingang vorsieht, der gleichermaßen vom Direktor wie der kleinen Sekretärin zu benutzen ist, gibt es bei May und Elsaesser einen Direktoreneingang mit deutlichem Abstand zur Straße, der über eine relativ lange Autozufahrt zu erreichen ist, und einen zweiten größeren, dicht an der Straße gelegenen für die Angestellten, die ihren Arbeitsplatz zu Fuß, oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichen. Diese Lösung ist sicherlich »praktischer« im Sinne einer Trennung verschiedener Funktionen – hier Repräsentation, dort möglichst reibungslose Abwicklung großer Verkehrsströme – aber sie weist dem Einzelnen auch sehr deutlich eine bestimmte Stellung innerhalb der Firmenhierarchie zu. Dabei handelt es sich mit Sicherheit nicht um eine Aussage, auf die es May/Elsaesser bewusst angelegt hätten (womöglich in subversiver Absicht), sondern um einen unbeabsichtigten »Nebeneffekt« funktionalistischen Entwerfens. Beide Gebäude also, das reale wie das imaginäre, sprechen gleichermaßen von Macht, auch wenn sie ihre Botschaften in entgegengesetzte Richtungen schicken. Dass die I.G. Farben-Chefs es vorzogen, ihre Macht gegenüber der Öffentlichkeit und nicht gegenüber ihren Angestellten zu verkünden, liegt in der Natur der Sache und erklärt ihre Entscheidung für den Entwurf Poelzigs.

 

Und was wird daraus?

Bleibt noch zu überlegen, ob der Einzug der Universität irgendetwas an der beschriebenen Wirkung – ein festungsartiger Bau mit feudaler Attitude, der sich hoheitsvoll vor der Stadt zurückzieht – wird ändern können. Das Gebäude ist nun einmal da und ein Wechsel des Eigentümers führt nicht automatisch zu einer anderen Ausstrahlung. Zudem sind möglichen Umgestaltungswünschen seitens der Universität durch die Auflagen des Denkmalschutzes enge Grenzen gesetzt – und das ist hier durchaus positiv gemeint. Entscheidend ist daher, ob und inwieweit die Universität bereit ist, ihr neues Prunkstück auch dem gemeinen Volk ohne Hochschulzugangsberechtigung zu öffnen. Immerhin war der Park bis 1972 frei zugänglich. Erst nach dem Anschlag der RAF auf das American Headquarter im Mai 1972 durfte er nicht mehr betreten werden, wurde der Zaun errichtet und ein Wachdienst eingesetzt. An dieser Situation hat sich auch nach dem Abzug der Amerikaner kaum etwas geändert, sieht man von den von Zeit zu Zeit veranstalteten kulturellen Ereignissen einmal ab, deren Beschaffenheit aber wiederum Zugangsschranken anderer, nämlich sozialer Art errichtet. Und im Moment ist durch den Umbau das Betreten für Unbefugte ohnehin nicht möglich.

Hoffnung ist zwar nicht verboten, aber, wie die momentanen Diskussionen um Sicherheitsstandards usw. zeigen, wäre es doch ziemlich vermessen, hier einen Wandel zum Besseren zu erwarten: Zaun, Wachdienst und Ausweiskontrolle sind da weit eher wahrscheinlich – und immer gerechtfertigt durch die Kostbarkeit des Baudenkmals »Poelzig-Ensemble«: Wenn da einer was dranschmiert? Das wäre dann nicht mehr nur Sachbeschädigung, sondern mindestens eine Kulturschändung, die es selbstverständlich mit allen Mitteln zu verhindern gilt.

Mittlerweile gibt der Unipräsident zwar mächtig damit an, dass der Universität jetzt der schönste Campus Deutschlands zur Verfügung stünde und schwadroniert großartig von »Entwicklungsmöglichkeiten«, verschweigt dabei aber tunlichst, dass der Bockenheimer Campus und die in den Fünfziger und Sechziger Jahren von Ferdinand Kramer entworfenen Gebäude praktisch seit ihrer Fertigstellung systematisch vernachlässigt wurden. Insbesondere das Philosophicum in der Gräfstraße ist inzwischen einigermaßen heruntergekommen und steht nach dem Umzug der geisteswissenschaftlichen Fachbereiche ins I.G. Farben-Haus vermutlich zur Disposition. Da es nicht unter Denkmalschutz steht, wird sich ein Abriss kaum verhindern lassen, der zudem mit dem schlechten Erhaltungszustand des Hauses trefflich begründet werden kann.

Die Bauten Kramers waren wegen ihrer unprätentiösen Schlichtheit, die sich nur schwerlich zu Repräsentationszwecken eignet, schon zu ihrer Entstehungszeit heftig umstritten und werden auch heute nur selten in angemessener Weise wahrgenommen, nämlich als exemplarische Bauwerke der Nachkriegsmoderne, als »Beispiel für demokratisches Bauen nach 1945, welches sich gegen restaurative Tendenzen im deutschen Wiederaufbau wendet« (Astrid Hansen). In einer Umfrage der Zeitschrift Christ und Welt zum Thema Repräsentationsbauten schrieb Alexander Kluge 1958:

»Bei weitem die glänzendsten Leistungen sind für mich die Universitätsbauten von Ferdy Kramer in Frankfurt am Main: Der Hörsaal-Kubus, das Seminar-Hochhaus, das Biologische Camp, die neue Mensa und die erst entworfene Universitätsbibliothek. Hier entsteht eine Universität aus einem geistigen Zusammenhang, und ich bin sicher, daß mehr noch als das, was in dieser Universität geschieht, das Gehäuse die nächsten hundert Jahre überstehen wird. Kramers Bauen ist funktionell, billig und von einer fast zarten Form, wie ich Ähnliches sonst in Deutschland kaum kenne.«

Jetzt steht zu befürchten, dass der Teilumzug der Universität endlich die Gelegenheit bietet, mit dem ungeliebten »Erbe« aufzuräumen und sich en passant einiger der meistgehassten Gebäude, wie eben des Philosophicums, zu entledigen.

 

Heike Heer

 

*.notes