
Ein Wort noch ...
Hans-Georg Backhaus verstarb am 8. März 2026 in Frankfurt. Er setzte sich zeitlebens für die kritische Analyse der Marxschen Werttheorie ein, trug damit zur Entstehung der »Neuen Marx Lektüre« bei, und hinterließ mit seiner spezifischen Art, Marx zu lesen, ein Werk, das bis heute nach Weiterentwicklung ruft.
Hans-Georg Backhaus wurde am 3. Oktober 1929 in Remda geboren und verließ, nachdem er dort das Abitur nachgeholt hatte, gerne das dörflich »völkische« Thüringen, obgleich sein Interesse an der Geschichte und den Gegebenheiten dieses Landes nie erlosch. So verblieb ihm eine ambivalente Gefühlslage. Mit dem Vorhaben, Rechtswissenschaft zu studieren, ging er zunächst nach Heidelberg, wechselte aber bald Ort und Fach und studierte ab 1961 Soziologie in Frankfurt, unter anderem bei Theodor W. Adorno. Dieses Studium schloss Bezüge zur Philosophie ein. Besonders angetan hatten es ihm die Interpretationen des Rechtshegelianismus und die der Kritischen Theorie. Aber auch Georg Simmel wurde rezipiert.
Seit Anfang der 60er Jahre herrschte in der Bundesrepublik eine verhaltene Aufbruchstimmung. Das implizierte – jenseits des offiziellen Antikommunismus – auch eine erneute Hinwendung zur Marxschen Theorie. War die Debatte seit den 50er Jahren von starker Ambivalenz zwischen einer Hinwendung zu Marx und der Kritik am Sowjetmarxismus bestimmt1, so änderte sich das etwas mit der erneuten Betonung des philosophischen Marx, womit die Diskussion der 20er Jahre (Korsch, Lukács) wieder aufgenommen wurde, um sich ab 1964 von dort aus auch der Problematik der Ökonomie zuzuwenden. Das lässt sich an Iring Fetschers Publikationen ablesen. Galt die Kritik der 50er und frühen 60er Jahre dem Sowjetmarxismus im Namen eines anderen Marx2, so widmete sie sich später dem realsozialistischen Ökonomismus. Das schloss den Rekurs auf die Erstauflagedes Kapital von 1867 ein.3 Diese enthielt wichtige methodische Hinweise, die in der verbreiteten Ausgabe der Marx-Engels-Werke fehlten und den Lesern somit lange Zeit nicht zugänglich waren. Mit der Widerentdeckung dieser Schrift nahm eine unorthodoxe Lesart der Marxschen Werttheorie Fahrt auf. So kam es 1967 auch zum Frankfurter internationalen Colloquium »100 Jahre Kapital«.4 An dieser Konferenz nahmen Wissenschaftler aus West- und Ostdeutschland teil, um über die Aktualität von Marx’ Kritik der politischen Ökonomie zu diskutieren.
Als diedamit angestoßenen Rezeptionsphase der 70er Jahre in den 80er Jahren langsam verebbte, sah sich Backhaus, von dem die Bezeichnung »Neue Marx-Lektüre«5 ex post stammt, der sich allerdings viele anschlossen, die andere theoretische Linien verfolgten6, veranlasst, die Diskussion in einem neuen Rahmen fortzusetzen. So kam es aufgrund seiner Initiative zur Gründung der »Marx-Gesellschaft« durch Hans-Georg Backhaus, Diethard Behrens, Kornelia Hafner, Hans Joachim Blank, der sich Heinz Brakemeier und Helmut Reichelt anschlossen. Für einen bestimmten Zeitraum war damit die Diskussionskontinuität gesichert.
Es ist hier nicht beabsichtigt, einen Bezug zu den gesamten Schriften herzustellen oder den einzelnen Debattensträngen zu folgen, sondern noch einmal auf die frühe Ausgangslage und die Programmatik zu rekurrieren, die von vornherein Abgrenzungen implizierte: Backhaus formulierte die Idee, dass das, was Marx gegenüber der Klassik und der Vulgärökonomie vorgeführt hatte, auch an der Neoklassik und den an diese anschließenden Schulen zu demonstrieren sei, in der Annahme, dass die gleichen Widersprüche, Verkehrungen und Verkürzungen sich auch dort finden lassen müssten.
Laut Backhaus geht es bei Marx um einen Prozess, der zum Ausgangspunkt die Einheit von Wert- und Geldtheorie hat, und das Werden des Kapitals als »Weiterbestimmung der gesellschaftlichen Arbeit«7 diskutiert. Dabei gehe es um »reale ökonomische Kategorien« sowie um ein reales gesellschaftliches Subjekt und es werde wegen der aufzuweisenden Zirkel auf die Verkehrungen als Erscheinungen verwiesen. Die »Verkehrung dieser Verkehrungen« aber setze »ein Real-Allgemeines (...), den Wert« voraus.8 Die hervortretende Kritikdimension an der akademischen Ökonomik hatte zwei Implikationen. So richtet sich die Kritik an einem Strang der Ökonomik a) gegen die Annahme, dass das Geld ein Prius und gesetzter Maßstab der Werte sei (so bei Aristoteles, Hegel, Sohn-Rethel und Michael Heinrich), die den Einwand provoziere, dass man das Geld, ganz gleich, ob über den Metallismus oder die nominalistische Geldtheorie deduziert, nicht einfach setzen und apologetisieren könne, sondern erklären müsse. Und b) gegen die Annahme, man könne von einem einfachen prämonetären Tausch – und folglich auch von einer einfachen Arbeitswerttheorie – ausgehen (wie dies spätestens seit Adam Smith, David Ricardo, der Neoklassik und im traditionalen Marxismus der Fall ist).9
Backhaus’ Ausgangspunkt war die These, dass die Arbeitswerttheorie bislang nur grob vereinfachend rezipiert worden war. Sie sei einer positivistischen Perspektive subsumiert worden oder man habe gleich die Eigenständigkeit der Marxschen Wertanalyse bestritten. Laut Backhaus ist es »vor allem der positivistischen Marx-Interpretation eigentümlich, klassische und marxistische Werttheorie zu identifizieren«.10 Die Marxsche Theorie werde somit als »Wirtschaftslehre« traktiert. Auf besonderes Unverständnis stoße dabei die Kategorie der Wertform (Böhm Bawerk), was auch an der theoretischen Form gelegen habe. Das führte, so Backhaus, zu einer popularisierten Version des Kapital, während in der Erstauflage die Dialektik erkennbar geblieben sei.11 Der »Wert als Wert« erscheine als mysteriös, zumal dann, wenn auf Dialektik verzichtet werde.12 Die dialektische Methode müsse nämlich demonstrieren können, »warum das Wesen gerade diese oder jene Erscheinungsform« annehme.13
Vielfach sei zudem die Einheit von Arbeitswert und Geldtheorie verkannt und damit das Verhältnis von Wertgröße zu Arbeitszeit unkenntlich geworden, was auch Ausdruck der »Unfähigkeit, die Werttheorie als Wertform-Analyse zu verstehen« sei. Als ein Problem erweise sich, wie das »Verhältnis der Sachen« zu fassen sei und was den Grund bezeichne, »gesellschaftliche Beziehungen« als »Anderes« zu verstehen. Auch müsse nach dem Charakter »abstrakter Wertgegenständlichkeit«, insbesondere seiner Vergegenständlichung, gefragt werden. Hat man hier den Wert als »ideelle Form eines Materiellen«?
Die Gleichsetzung der Waren bedürfe nach dem gängigen Verständnis eines Dritten. De facto findet eine Aufspaltung in Ware und Geld statt14, was laut Backhaus zu erklären ist. Als Frage taucht dann gegenüber der Klassik – nach der Intervention von Bailey – das Problem auf, dass Dinge und Wert nicht vorab identifizierbar sind. Das leitet über zur Erkenntnis, dass das Verhältnis von Ware und Geld ein qualitatives sei, weil die Waren implizit »ideelle Quanta« von Geld seien. Es sei hier aber auf die Differenz von Inhalt und Form zu verweisen. Das zeige sich an der widersprüchlichen Besonderheit »gesellschaftlicher Arbeit« im Verhältnis zu einzelner Arbeit. Dies wiederum konstituiere die Wahrnehmung gesellschaftlicher Besonderheit.15 Der philosophische Schluss hieraus sei nicht nur die »Identität von Identität und Nichtidentität«, sondern noch mehr: »Die Ware-Geld-Gleichung ist die ökonomische Aufhebung des Satzes der Identität«.16
Eine Folge des Nichtbegreifens des Wertes war der Versuch, den Wert zu metaphysizieren (Simmel). Konzediert werden müsse indes, dass die Ware ein »sinnlich-übersinnliches Ding« sei. Im Gegensatz zu einer einfachen Identität des Dinges, liege die Einheit der Ware nicht unmittelbar vor, weil sie selbst »Selbstunterscheidung« und so in die »Verdopplung von Ware und Geld« gesetzt sei.17 Der Wert dieser Beziehung sei das »Konstituens«, das »Subjekt«.
Mit Backhaus kann hier vorläufig resümiert werden: Die »Wertform-Analyse« ist bedeutsam als »Nahtstelle von Soziologie18 und Wirtschaftstheorie«.19 Sie enthält eine spezielle Geldtheorie20 und verdeutlicht die »Marxsche Ideologiekritik«. Da die »abstrakte Wertgegenständlichkeit« eine »spezifische Form der materiellen Produktion« meint, eignet ihr eine spezielle Resilienz. Kapital aber, so wird postuliert, ist »einerseits Geld, andererseits Ware«.21 Es muss als absoluter Wert gedacht werden. Auch ist festzuhalten, dass »die Beziehung von Ware und Geld nur als soziale, nicht aber als dingliche faßbar« ist. »Jenes Etwas, das an reale Güter gebunden und sich zugleich von ihnen unterschieden ist«, verweist auf die »materialistische Form der Synthese«.22 Das ruft nach Weiterentwicklung.