In ihrem neuen Buch „Revolution für das Leben“ schreibt die Philosophin Eva von Redecker über aktuelle Protestbewegungen, revolutionäre Praxis und einen „umsichtigen Kommunismus“. Eine Rezension.

Die aktuellen Protestbewegungen wie „Black Lives Matter“, „Fridays For Future“ oder „NiUnaMenos“, nimmt Eva von Redecker zum Anlass, um eine neue Philosophie des Protests zu formulieren. Im Gegensatz zu klassisch sozialistischen Ansätzen stehe bei den Protestbewegungen am Anfang des 21 Jahrhunderts nicht mehr nur die Frage nach der Verteilung, sondern vielmehr die nach dem Leben selbst im Zentrum des Widerstands. Patriarchale Unterdrückung, rassistische Gewalt, ökologische Zerstörung oder auch die aktuelle Pandemie riefen eine „Revolution für das Leben“ hervor. Im Zentrum dieser Revolution steht eine, wie sie es selbst formuliert, „Praxis der Wiederannahme“ (S. 148).

 

Sachliche Sachherrschaft

Eva von Redecker widmet den ersten Teil ihres Buches einer ausführlichen und vor allem leicht zugänglichen Kapitalismuskritik, wobei der Verschränkung zwischen bestehenden Eigentumsformen und Herrschaftsstrukturen besondere Aufmerksamkeit geschenkt wird. Der spezifische Charakter der modernen Eigentumslogik führt sie dabei bis zur französischen Revolution. Das dort im Eigentumsrecht gründende Versprechen der radikalen Freiheit zeige sich insbesondere in der uneingeschränkten Verfügung über eine Sache. Das „volle Dingrecht“ ermächtige den Besitzenden zu Missbrauch und sogar Zerstörung des Eigentums (S. 24). Daran anschließend beschreibt der „Phantombesitz“ (S. 34) den Zustand einer verlorenen Herrschaft, einen artikulierten Besitzanspruch ohne wirkliches Eigentum. Er wirkt dort, wo das „volle Dingrecht“ an einer Person formal abgeschafft ist und die Verfügung nun auf andere Weise ausgeübt werden muss. Mittels gesellschaftlicher Rollenerwartungen oder Zuschreibungen wird der Besitzanspruch an Menschen weiterhin ausgeübt. So lassen sich fortlaufende patriarchale oder rassistische Herrschaftsstrukturen als das Nachleben der Sachherrschaft in Form des „Phantombesitzes“ verstehen. Mit dem Vokabular können noch anhaltende Unterdrückungsmuster im Kontext einer „proprietären Ideologie“ verstanden werden (S. 127). [1]

Der Gesamtzusammenhang gesellschaftlicher Herrschaft ergibt sich für die Autorin aus der sachlichen Sachherrschaft, also einerseits der Vermittlung zwischen der Herrschaft über die Dinge (z.B. in Form des Phantombesitzes) und andererseits der Herrschaft der Dinge über den Menschen (in Form des verdinglichenden Kapitalverhältnisses). Beide wirken zusammen: Die Eigentumsfixierung fungiert im Dienst der Profitmaximierung. Die Autorin eröffnet damit ein vielschichtiges Verständnis von Klassenpolitik. Schließlich sind es nicht nur die Lohnarbeitenden, die im Dienst der Wertschöpfung unterworfen werden, sondern eine Vielzahl an Subjekten. „So viele Hände. In Ketten, hinter Gittern, am Fließband, an der Tastatur, am Spülbecken, im Boden“ (S. 83). Die potentiellen Träger*innen der Revolution sind so gesehen alle, die der Sachherrschaft unterworfen sind.

 

Leben für die Revolution

Waren für den frühen Marx die Revolutionen die „Lokomotiven“ [2] der Geschichte, welche man sich aneignen müsste, steht dieser Vorstellung seit der Fortschrittskritik Walter Benjamins das Bild der Revolution als „Ausbremsen“, als Notgriff zur Bremse, entgegen: “Marx sagt, die Revolutionen sind die Lokomotiven der Weltgeschichte. Aber vielleicht ist dem gänzlich anders. Vielleicht sind die Revolutionen der Griff des in diesem Zug reisenden Menschengeschlechts nach der Notbremse“. [3] Heute scheint Benjamins Metapher unteranderem angesichts der drohenden ökologischen Katastrophe aktueller denn je. [4] In ihrem Buch entscheidet sich Eva von Redecker weder für das eine noch das andere Bild, sondern verlässt die Metapher der Lokomotive. Es reiche nicht aus sich die Produktionsverhältnisse anzueignen, ebenso wenig den Kapitalismus auszubremsen. Vielmehr brauche es ein neues Verhältnis zur Welt, abseits der Sachherrschaft und ein „Aufgreifen des Zerstörten“ (S. 146). In diesem revolutionären Prozess soll „die“ Revolution aus ihrer „instrumentellen“ Funktion zwischen Gegenwart und Zukunft befreit werden. [6] Das Material der zukünftigen Welt befindet sich nämlich in den Zwischenräumen der bestehenden Gesellschaft. Deshalb stützt sich Eva von Redecker auch auf eine praxeologische Sozialtheorie, die zugleich das Fundament ihres Revolutionsverständnisses ist. [5]

Ihr Revolutionsbegriff ist eine Absage an alle ereignissuchenden Vulgärrevolutionär*innen. Deshalb ist die „Revolution für das Leben“ auch aufs engste verbunden mit dem dafür notwendigen „Leben für die Revolution“ (S.33). [7] Mit anderen Worten: Die „Revolution für das Leben“ will zwar den Kapitalismus und seine Sachherrschaft als Ganzes überwinden, kann dafür aber an bereits bestehender Praxis in der Gegenwart ansetzen. Revolution wird zur „Wiederannahme“ (S.148). So kann etwa, wie von marxistischen Feminist*innen eingebracht wurde, die Reproduktionsarbeit, soweit sie ihrem patriarchal-kapitalistischen Zusammenhang entzogen wird, durchaus als Anhaltspunkt für eine bedürfnisorientierte Arbeit dienen. Die „Wiederannahme der Welt“ beschreibt letztlich diese Form des Aufgreifens und paradigmatischen Verwirklichens. Insofern der Kapitalismus das Leben zerstört, sind die sich ihm entgegenstellenden revolutionären Praktiken also das „Retten“, „Regenerieren“, „Teilen“ und „Pflegen“.

 

Ein „umsichtiger Kommunismus“?

Um noch einmal zu der Metapher zurückzukehren: Eva von Redeckers Bezug auf die angeeignete oder ausgebremste Lokomotive ist äußerst ambivalent. Denn die „Wiederannahme“ als revolutionäre Tat bezeichnet sowohl eine Vergesellschaftung sozialer (Re-)Produktion als auch eine „Weltwahrung“ (S.146). So müsse das sachherrschaftliche Eigentum nicht bloß neu verteilt, sondern auch vollkommen anders geformt werden. Um den Fallstricken der Naturbeherrschung - also der Sachherrschaft - zu entgehen, formuliert sie die Notwendigkeit einer neuen „Objektbeziehung“ (S.264). Denn über ein Ding vollumfänglich zu verfügen, es zu besitzen, entspreche der Logik der Sachherrschaft, welche auch den Kapitalismus durchziehe. „Ein umsichtiger Kommunismus muss nicht nur darauf reagieren, dass wir soziale Wesen sind, sondern auch, dass wir lebendige Wesen sind.“ (S.284). Insofern sie hier ein klassisch marxistisches Verständnis von Vergesellschaftung verwirft, stellt sich allerdings die Frage, wie diese ohne einen Begriff von Besitz überhaupt gedacht werden könnte.

Geht es Eva von Redecker bei der „Weltwahrung“ also um eine Art der christlichen Schöpfungsbewahrung? Wohl kaum. Zwar ähnelt ihre Sprache stellenweise theologischen Begrifflichkeiten, allerdings unterstreicht sie, dass es nicht darum gehe, etwas Ursprüngliches, etwa die Natur, zu bewahren, oder unangetastet zu lassen. Vielmehr geht es um die Betonung einer Eingebundenheit in der Welt und um die Verantwortung, sich um dieses Verhältnis zu sorgen. Sich der Abhängigkeit von Zyklen der Gezeiten bewusst zu sein und auf diese zu achten, kann auch als simple Selbsterhaltung verstanden werden. Doch bleibt die Frage offen, was es konkret bedeuten könnte, „neue Beziehungsweisen“ mit den Dingen einzugehen und diese nicht mehr bloß als „tote Materie“ (S. 262) wahrzunehmen. Nähert sich die Philosophin hier den erkenntnistheoretischen Positionen des „Neuen Materialismus“, bei welchem es darum geht, den Dualismus zwischen Subjekt und Objekt in Frage zu stellen und die Grenzen des Sozialen zu öffnen? Wer oder was ist dann Subjekt von politischem Wandel? Menschen, Tiere oder auch Steine? Oder geht es ihr lediglich darum, den engen Zusammenhang zwischen gesellschaftlicher Tätigkeit und Umwelt zu betonen? Leider wird man mit diesen unbeantworteten Grundsatzfragen von der Autorin allein gelassen. 

Für Irritation sorgt zudem ihre Affinität und Sympathie für Naturbeobachtungen. Denn auch wenn sie hier keiner essentialistischen Verklärung nachgeht, wirkt ihr regelmäßiger Bezug auf Pilzgeflechte, Wälder und Gezeiten stellenweise wie eine groß angelegte Naturromantisierung. Zum Problem wird dies, wenn Naturphänomene als einzige Orientierungspunkte für die Überlegungen sozialer Gestaltung bereitstehen sollen. Wer über eine bessere Gesellschaft nachdenkt, braucht nicht im Wald nach ultimativen Antworten zu suchen. Insbesondere in der Klimabewegung finden sich an so mancher Ecke regressive Tendenzen naturesoterischer Positionen, welche sich durch eine ideologische Unterscheidung zwischen „böser Zivilisation“ und „friedlicher Natur“ auszeichnen und die Umsetzung einer „organischen“ Ordnung fordern. Gruppen wie „Extinction Rebellion“ sind dabei immer wieder durch geschichtsvergessene oder bewusst relativierende Aktionen oder Statements aufgefallen, während sich ihr Wahrheitsverständnis nicht selten auf verklärende Naturbeschreibungen stützt. Die „Revolution für das Leben“ einer solchen Perspektive zu bezichtigen, wäre aber nicht gerecht. Die rhetorischen Verweise auf Naturphänomene sind zwar auffällig, lassen sich aber nicht als einseitige oder die Sicht verklärende inhaltliche Bezugspunkte verstehen. Vielmehr kritisiert die Autorin jene Bewegungsmomente, als „Ökonarzissmus“ (S. 105). Mit ihrem Buch, das analytisch nah an den derzeit wichtigsten Protestbewegungen bleibt, schafft es Eva von Redecker in ihren philosophischen Reflexionen, eine verbindende Klammer um verschiedene Proteste zu spannen. Zwar ist das Werk keine „Bibel intellektuellen Widerstands“ (Deutschlandfunk) [8], allerdings aber eine gelungene und notwendige Reflexion gegenwärtiger Versuche, der kapitalistischen Sachherrschaft etwas entgegenzusetzen. Mithilfe malerischer Erzählweisen, erfrischenden Assoziationen und pointierten Referenzen auf bestehende Revolutionstheorien wird dem breiten Publikum eine differenzierte und kritische Analyse zugänglich gemacht. Man glaubt Eva von Redecker, dass es ihr nicht nur um die theoretische Betrachtung revolutionärer Prozesse geht, sondern gleichsam um deren Verwirklichung.

Von Finn Gölitzer

 

Eva von Redecker (2020): Revolution für das Leben: Philosophie der neuen Protestformen. S. FISCHER. (23EUR)

 

 

[1] Eva von Redecker (2020, S. 127) bezieht sich dabei auf Pikettys Begriff der proprietären Ideologie. Vgl.: Piketty, T. (2020). Kapital und Ideologie (1. Aufl.). C.H.Beck.

[2] Vgl.: Marx, Karl (1960). Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850, in: Karl Marx Friedrich Engels Werke Bd. 7 August 1849-Juni 1851, Berlin: Dietz Verlag, S. 85.

[3] Benjamin, Walter (2010). Über den Begriff der Geschichte. Werke und Nachlaß / kritische Gesamtausgabe; Bd. 19 1. Aufl., Berlin: Suhrkamp. S. 153.

[4] Damals schrieb Benjamin die Zeilen natürlich nicht im Bewusstsein der weltweiten Umweltzerstörung, sondern im Anblick des Faschismus.

[5] In ihrem 2018 erschienenen Buch „Praxis und Revolution: Eine Sozialtheorie radikalen Wandels“, geht Eva von Redecker noch genauer auf ihr Revolutionsverständnis ein, in welchem die Praxis als Schlüsselbegriff auf das Alltägliche, und Antiheroische verweist. In diesem Werk beschreibt sie zudem ausgiebiger ihr praxeologisches Verständnis des Sozialen, welches das Fundament ihrer Revolutionstheorie darstellt. Metaphorisch bezeichnet sie dieses Fundament als „Gleisbett“ ihrer Revolutionstheorie. Vgl.: „Praxis und Revolution: Eine Sozialtheorie radikalen Wandels“, S. 30.

[6] Vgl.: „Praxis und Revolution: Eine Sozialtheorie radikalen Wandels“, S. 34.

[7] Ursprünglich kommt der Begriff von Francis Beal. Vgl.: „Praxis und Revolution: Eine Sozialtheorie radikalen Wandels“, S. 33.

[8] Vgl.: https://www.deutschlandfunkkultur.de/eva-von-redecker-revolution-fuer-das-leben-die-welt-wahren.1270.de.html?dram:article_id=484502