Vor ein paar Tagen führten und veröffentlichten wir ein Interview mit Thomas von der Osten-Sacken. Thema war die Lage der Flüchtlingslagers Moria auf Lesbos, mit besonderem Fokus auf die Corona-Pandemie und auch die Aussichten einer Evakuierung.

Im Folgenden veröffentlichen wir eine Replik von Axel Steier, Mission Lifeline.

 

Lieber Thomas von der Osten-Sacken,

Sie erleben das Schicksal der vielen tausend Menschen hautnah und haben treffende Worte für die Situation im Camp Moria formuliert. Schätzenswerter Weise unterstützen Sie mit Ihrer NGO WADI e.V. lokale NGOs vor Ort und versuchen verzweifelte Corona-Präventionsmaßnahmen in den Camps zu realisieren.

Dennoch haben wir Ihr Interview in der diskus mit großer Empörung gelesen.

 

Teile Ihrer Äußerungen haben uns regelrecht schockiert, tasten sie doch die Menschenwürde an. Wie können Sie ermessen oder gar beurteilen, ob ein Leben schützenswerter ist als ein anderes? Wir, als Mission Lifeline, haben Unterscheidungen zwischen Menschenleben nie vorgenommen. In der diskus sagen Sie: „Ob die Kinder, die schon seit Monaten in diesen Dreckslöchern hier ausharren müssen, jetzt hier noch einen Monat länger festsitzen, sollte gerade – leider – nicht das Problem sein.“ 

Wir würden niemals auf die Idee kommen, alte Menschen bzw. alleinstehende Männer dort einfach im Dreck und Elend zurückzulassen. Würden Sie das einem Menschen im Camp ins Gesicht sagen, mit welcher Reaktion darauf würden Sie rechnen?

Alle Menschen, die dort seit Wochen oder Monaten versuchen zu überleben, haben ein geschwächtes Immunsystem. Wissen Sie - als Journalist - welche Folgen eine Infektion auf ein geschwächtes Immunsystem eines Kindes haben kann und wird? Wir sind auch keine Virologinnen und können uns nur auf die offiziellen Verlautbarungen, basierend auf Expertisen von Medizinern und den Informationstand in der Öffentlichkeit beziehen. In dieser zählen zu den Risikogruppen jedenfalls Menschen mit Lungenerkrankung (Bronchitis, Asthma) und Menschen mit einem schwachen Immunsystem. Beide Faktoren treffen hier auch auf jüngere und jüngste Menschen zu.

 

Außerdem meinen Sie: "Wer über eine Evakuierung redet, sollte sich jedoch darüber klar sein, wovon man überhaupt spricht. Jede_r will zu Recht hier weg und wenn, was ich bis jetzt nicht glauben mag, hier wirklich die Flugzeuge landen, wird es ziemlich sicher zu sehr hässlichen und chaotischen Szenen kommen. Die lokale griechische Polizei ist schon jetzt hoffnungslos überarbeitet und überfordert und wird also kaum bereit und in der Lage sein, schützend einzugreifen."

Herr von der Osten-Sacken, nein, es wird nicht zwangsläufig zu „sehr hässlichen und chaotischen Szenen kommen“ wenn auf Lesbos ein Flugzeug landet. Es ist sogar eher unwahrscheinlich. Wir sehen die Chancen, dass genau das Gegenteil eintreten wird als sehr hoch ein. Was Sie mit Ihrer Einschätzung den Menschen im Elendslager Moria unterstellen, ist gelinde gesagt unfair. Einige wenige Personen dürfen, oft nach monatelangem Warten auf eine Bestätigung ihres Antrags, Moria verlassen und werden ans Festland transferiert. Bei einem letzten Transfer waren 100 bis 200 Zuschauerinnen zu deren Verabschiedung dort. Die Menschen haben sich für diejenigen die gehen dürfen gefreut. Andere NGOs vor Ort berichteten uns, dass dies der Normalfall sei. Und das vor dem Hintergrund, dass das Corona-Virus bereits jetzt eine enorme Gefahr für die Bewohnerinnen des Elendslagers darstellt. Glaubt man ihrer Einschätzung, müssten sich doch bereits jetzt schon schreckliche Szenen abspielen. Warum malen Sie solche Horrorszenarien an die Wand?

Zwei Polizisten, zwei Militärs und zwei Mitarbeiter einer Hilfsorganisation hatten während des letzten Transfers keine Schwierigkeiten diese zu managen. Es geht solidarisch zu, das ist unsere Erfahrung. Mit Ihrer Darstellung zeichnen Sie ein negatives Bild von Menschen, die unter höchster emotionaler Anspannung stehen, weil sie um ihr Leben und das Leben ihrer Kinder fürchten. Wir sind hier nicht im Krieg. Vertrauen entsteht, indem wir den Menschen aufrichtig begegnen und ihnen den Schutz gewähren, der jedem Menschen zusteht. Es gibt regelmäßige Transfers aufs Festland, die Frequenz der Busfahrten - erst recht zum Flughafen - wäre leicht zu erhöhen. Selbstverständlich, und das haben wir mehrfach gesagt, ist eine kurzfristige Zwischenstation in Hotels sehr sinnvoll. 

 

Weiterhin meinen Sie: „Eine unvorbereitete Evakuierung des Lagers würde vermutlich sogar dazu führen, dass im schlimmsten Fall tausende Flüchtlinge versuchen in die bereitgestellten Transportmittel zu stürmen, denn, wie gesagt jede_r will hier weg. Also bedürfte es einer eingehenden operationalen Planung, dass es nicht so weit kommt, sondern so eine Evakuierung einigermaßen geregelt vonstattengeht und auch die Menschen in den Camps wissen, wer weshalb außer Landes gebracht wird. Momentan sieht es jedoch nicht so aus, als würde es vonseiten der EU oder Deutschlands einen wirklichen Willen geben, eine Evakuierung der Camps durchzuführen.“

 

Lieber Herr von der Osten-Sacken, stellen Sie sich einmal vor, dass die Geflüchteten in der Lage sind auch selbst Koordinierungsaufgaben beim Transfer zu übernehmen! Das Menschen in Moria die Initiative selbst übernehmen und Koordinierungsaufgaben stemmen können, zeigt doch gerade auch Ihre Inititative „Moria Corona Awareness Team“. 

 

Es ist weiterhin eine reine Unterstellung, dass wir, weitere NGOs oder andere Akteure eine Evakuierung ungeregelt und unvorbereitet durchführen wöllten. Eine gewisse Erfahrung haben wir auf diesem Gebiet, auch unter Bedingungen, dass Menschen in unmittelbarster Todesgefahr sind. Wir sind gerade bei Evakuierungen auf Kommunikation und Mitwirkung der Menschen angewiesen, welche in den Rettungsmissionen gut funktionierte. Niemand hat je behauptet die griechischen Behörden nicht mit einzubeziehen. Darüber hinaus ist ihr Argument auch politisch völlig verfehlt. Sie sprechen uns - den NGOs - die Verantwortung für die Planung zu, statt hier den griechischen Staat, die EU Kommission und die Mitgliedsstaaten zum handeln aufzufordern. In welcher Bearbeitungsphase befindet sich der „Notfallplan“ und wann ist mit diesem zu rechnen? Das wären Fragen an die griechische Regierung und die EU. Herr von der Osten-Sacken, Sie machen den Falschen die Vorwürfe und zäumen das Pferd von hinten auf. Sie bieten eine völlig fehlgeleitete Argumentation. Die Sie anschließend auch nochmal unterstreichen:

 

"Das ist doch völlig absurd. Ich erlebe diese ganze Diskussion hier vor Ort mit. Das ist wunderschön, dass Leute sich jetzt unheimlich viele Gedanken machen, wie das Camp evakuiert werden könnte, es gibt jedoch bislang meines Wissens noch keinerlei praktische Pläne, wie das vor Ort dann auch umgesetzt werden kann. Unglaublich viele Leute reden da unglaublich vieles, was in der Intention auch richtig ist, nur wenn man ein bisschen nachbohrt, wie denn bitte die Camps in dieser Situation evakuiert werden oder auch nur hunderte von Geflüchteten aus diesem Camp hier rausgeholt werden sollen, stößt man auf die Tatsache, dass es operational noch überhaupt keine Pläne vorliegen. Die Leute reden über Dinge, die leider wirklich noch sehr unausgegoren scheinen. In der Öffentlichkeit entsteht dadurch der Eindruck, als wäre es nur noch eine Frage von Tagen bis hier sozusagen eine große Evakuierung losgeht. Vor Ort sehen wir das noch nicht. Es wäre natürlich sehr schön, wenn das passiert. Ich bin da aber eher skeptisch und denke, dass der Eindruck auch kontraproduktiv sein kann, weil viele Leute sich jetzt einfach der Illusion hingeben, dass die Camps bald evakuiert sind und man sich deshalb nicht um die Frage kümmern muss, wie man mit dem Nichts, das man hier hat, irgendwie durch diese Krise kommt."

 

Wo bitte in der Öffentlichkeit in Deutschland entsteht dieser Eindruck?Wer, egal ob Aktivist:in, NGO oder Institution glaubt denn, dass eine Evakuierung kurz bevor steht? Es ist eher im Gegenteil so, dass Zeitungen, zivilgesellschaftliche Organisationen und Einzelpersonen immer wieder die Evakuierung einfordern und entsetzt darüber sind, dass eben genau nichts passiert. Der Mission Lifeline zu unterstellen sie würden es in der Öffentlichkeit so hinstellen, als stünde eine Evakuierung der Camps unmittelbar bevor, ist hanebüchen und zeugt eher von der Unkenntnis des Diskurses dazu in Deutschland. Niemand sagt, dass die Camps bald evakuiert werden, aber es sollte auch keine Illusion sein, dies zu schaffen. Umso wichtiger ist es, tatsächlich Lösungen und zwar auf einer politischen Ebene zu fordern und dabei zu helfen, sie zu schaffen. Diese sehen wir nicht darin, eine Elendsverwaltung vor Ort zu propagieren und in die unmenschliche Abschottungspolitik der EU zu investieren, für die das Elendslager Moria exemplarisch steht.

 

Herr von der Osten-Sacken, wer einen Gastbeitrag auf der Website WADI e.V. veröffentlicht, in dem von einer "Geburtsstunde einer Republik der Staatenlosen" gesprochen wird, sollte sich doch bitte hüten, anderen NGOs vorzuwerfen, sie würden falsche Hoffnungen wecken: "Es mag verwegen klingen, aber vielleicht erleben wir in Moria auf Lesbos gerade so etwas wie die Geburtsstunde einer 'Republik der Staatenlosen' inmitten von Europa."1  Moria ist Hölle, Moria bedeutet Elend und Moria muss evakuiert werden, oder es wird viele weitere Opfer geben. Gleiches trifft für all die anderen Lager zu. Lager sind als Institution menschenverachtend. Eine auf ihnen errichtete Republik wird es schwer haben, mit dem tödlichen Erbe umzugehen.

 

Axel Steier

 

*.notes

  • 1. https://wadi-online.de/2020/03/24/gastbeitrag-was-koennen-wir-fuer-lesbos-tun/ (letzmalig aufgerufen am 13.04.20, 11:30)