Wir werden jetzt einen kleinen Detektivroman erleben, Herr Pingold. Es gilt, Ypsilon wiederzufinden.

Zeit ist nicht zu verlieren; die Spuren müssen frisch sein. Dennoch: ruhige Überlegung; nichts überstürzen. Zumal ich ein wenig aus der Übung gekommen bin.

Ich lasse mich in einen bequemen Clubsessel fallen, zünde mir eine Zigarette an, schließe die Augen und mache den Eindruck eines völlig entspannten Wesens. Aber hinter meiner Stirn blitzen die Gedanken in unbarmherziger Folgerichtigkeit.

Ypsilon schreit nach Sonne und Mücken. Er will also ins Freie. Auf's Land. Und zwar für mehrere Tage, wenn nicht Wochen. Er hätte sonst die Koffer nicht gebraucht. Mit schnellem Griff erwische ich eine Generalstabskarte und einen Zirkel. Es zeigt sich, daß es in einem Umkreise von fünf Kilometern keine Möglichkeit gibt, unterzukommen. Das ist sehr interessant und wertvoll: Ypsilon und die beiden Frauen werden ihre Koffer nicht über fünf Kilometer tragen. Folglich wird Ypsilon nicht gehen. Er wird fahren.

Ich zünde die unvermeidliche Schägpfeife an und folgere weiter. Vier Beförderungsmittel kommen in Betracht: Eisenbahn, Straßenbahn, Auto, Milchwagen. Rosa Feurig ist auf Auto gestimmt. Ypsilon würde auf den Milchwagen verfallen. Angelika ist in diesem Punkte neutral. Aber sie hält zu Ypsilon. Rosa wird überstimmt: Das Auto scheidet aus.

Es liegen nur noch drei Dinge im Bereich des Wahrscheinlichen. Die Milchmänner fahren erst am Nachmittag in ihre Dörfer zurück: ein Mann wie Ypsilon stürzt aber nicht im Morgengrauen mit dem Schrei nach Sonne und Mücken aus der Wohnung, um bis zum Nachmittage in einer dumpfigen Ausspannwirtschaft auf die Abfahrt eines Milchwagens zu warten. Also: Straßenbahn oder Eisenbahn. Der Ring schiebt sich immer enger zusammen. Jetzt ist volle Konzentration erforderlich. Ich brenne mir eine ganz schwere Brasilzigarre an und sinke in meinen bequemen Klubsessel zurück. Bald schon zuckt es fast unmerklich über meine Stirn. Ein äußerst wichtiger Anhaltspunkt: Ypsilons Schrei nach den Mücken. Wo ist das Eldorado der Mücken? Ich weiß nun bestimmt, daß Ypsilon in die Heide gefahren ist. Straßembahn oder Eisenbahn? In die Heide führt nur eine Straßenbahnlinie. Wie die Dinge liegen, kommt lediglich die Endstation in Betracht, jetzt heißt es handeln.

Ich greife nach einer Zigarette und zünde die unvermeidliche Schägpfeife an. Die schwere Brasilzigarre brennt noch. Das Jagdfieber hat mich gepackt. Aber ich bewahre eine eiserne Ruhe. Niemand würde mir anmerken, unter welcher Hochspannung mein Gehirn arbeitet. Nur wer mit meinen Gewohnheiten näher vertraut ist, würde aus dem gesteigerten Tabakkonsum schließen können, daß ich an der Schwelle einer wichtigen Entscheidung stehe.

Der erste Wagen fährt 6.30 Uhr. Ypsilon mußte ihn bequem erreichen. Ankunft 8 Uhr. Es ist jetzt sieben. Telefonruf an den mir bekannten Gemeindevorsteher: um 8 Uhr kommen zwei Damen und ein Herr dort an; letzterer auf den Namen Ypsilon hörend; je ein Handkoffer. Schicken Sie intelligente Boten an die Bahn. Soll Ypsilon in meinem Namen fragen, wo er das Problem deponiert hat. Sofort telefonisch bescheid, auch wenn die Herrschaften nicht angekommen sein sollten. Schluß! Herr Pingold, ich hielt mit der einen Hand den Hörer, mit der anderen den Bleistift für etwaige Notizen. Glauben Sie mir: es ist sehr anstrengend, in dieser Situation mit drei brennenden Rauchutensilien im Munde ein Ferngespräch zu führen. Aber ich verspürte keine Müdigkeit.

Nun habe ich noch fast eine Stunde Zeit bis zum Anruf. Ich will sie benutzen, um meine Kombinationsgabe zu üben.

Als ich aus der Haustür trete, geht ein Herr vorüber, dessen rechter Daumen mir auffällt Ich begrüße den Herrn wie einen alten Bekannten: „Hallo! Wie siehts im Blumenviertel aus? Wie geht das Geschäft? Viel Ärger mit den Mietern? Müssen Sie denn auch alles in Devisen zahlen? Und sagen Sie mal: wie lange ist Ihr seeliger Vater eigentlich schon tot?” „Sie scheinen”, sagt der Herr, „mich und meine Verhältnisse zu kennen. Ich wohne allerdings im Blumenviertel, ich habe ein Geschäft, ich bin Hausbesitzer, ich zahle in Devisen, und mein Vater ist seit zehn Jahren tot. Aber offen gestanden, - ich entsinne mich nicht, Sie je zuvor gesehen zu haben.” „Ja, sind Sie denn nicht Herr Pingold aus der Tulpenstraße?” (Sie verzeihen Herr Pingold, daß ich Ihren Namen nannte; mir viel gerad kein anderer ein.) „Nein”, sagte der Herr, „mein Name ist Semmelbrot, aus der Lilienstraße.” Ich war von dem Resultat außerordentlich befriedigt und löste mich mit einigen verbindlichen Worten von meinem Opfer. Dann brannte ich mir eine Zigarette an.

Nun passen Sie auf, Herr Pingold! Als ich den Mann sah, wußte ich, daß er im Blumenviertel wohnt. Darauf baute ich auf. Sie müssen wissen, Herr Pingold, daß das sogenannte Blumenviertel ein ganz abscheulicher Stadtteil ist und nur so genannt wird, weil es dort eine Tulpen-, Nelken-, Astern-, Rosen-, Lilien-, Stiefmütterchenund Jelängerjelieber-Straße gibt.

Als besserer Mensch wohnt man dort nur, wenn man dort wohnen muß; wenn man etwa ein Geschäft dort hat. Also: dieser bessere Herr hatte ein Geschäft im Blumenviertel. Man sah ihm die zweite Generation an. Die erste sieht dort ganz anders aus; also - folgerte ich - wird dieser Herr das Geschäft von seinem Vater übernammen haben. Das ließ mich vermuten, ihm gehöre das Haus, in dem er sein Geschäft betreibt. Handwerker war der Mann nicht; dann also Kaufmann. Das zu erkennen ist nicht schwer. Er sah auch nicht wie ein kleiner Krämer aus. Er hatte etwas vom Blumenviertelgrandseigneur. Daraus schloß ich, daß er in Devisen spekuliert. Ich drückte mich natürlich vorsichtiger aus. Er war annähernd 50 Jahre alt; daraus schloß ich, daß sein Vater nicht mehr lebt.

Richtig, Herr Pingold, das Blumenviertel. Das schloß ich - bitte lächeln Sie nicht! - aus der Form seines Daumens. Das Blumenviertel ist nämlich die einzige Gegend der Stadt, in dem die Wasserspülungen nicht eine Ziehvorrichtung, sondern einen Drückknopf haben (rechts vom Schauspieler). Infolgedessen haben Leute, die lange dort wohnen oder gar schon dort geboren sind, eine stark zurückgebogene Daumenspitze.

Sie sehen, Herr Pingold, es ergibt sich eins aus dem anderen, wenn man nur logisch folgert.

Als ich nach Hause zurückkam, setzte ich die unvermeidliche Schägpfeife in Brand.

Bald darauf meldete sich der Ortsvorsteher: Ypsilon ist angekommen und läßt sagen, er sei im Begriff nach Mesopotamien auszuwandern; das Problem habe er heute früh durch Pingspüngels Fenster geworfen.

Das war eine ganz raffinierte Ausrede; für mich aber durchsichtig genug. Ich stieß nur einen leisen Pfiff aus und wußte, was ich zu tun hatte.

Den Text entnahmen wir Christof Spengermanns „Ypsilon - Ein grotesker Mann”, geschrieben 1924 und erstveröffentlicht 1991 im Postskriptum Verlag, Hannover.