Als 1988 das Frankfurter Polamidon-Programm zur Substitution Heroinabhängiger eingerichtet wurde, war das Geschrei groß. Man befürchtete ein Abrücken vom Gebot der grundsätzlichen Achtung illegaler Drogen. Mittlerweile scheint die Substitution sogenannter Schwerstabhängiger zumindest als letzte Alternative zur Therapie im herkömmlichen Sinne, die auf die völlige Abstinenz der Klienten abzielt, in den Bereich des Vorstellbaren avanciert zu sein. Keinerlei Änderung hat sich dagegen in der Frage der Anhörung Betroffener zum Thema ergeben. Als jüngstes Beispiel hierfür sei die Experten-Anhörung der GRÜNEN im Hessischen Landtag vom 19. März zum Thema „Staatlich kontrollierte Freigabe von Heroin? Chancen und Risiken der praktischen Umsetzung” genannt, zu der erst gar keine Substituierten als Rednerlnnen eingeladen wurden. Mit näherer Aufklärung über den doch etwas unverständlichen Titel der Anhörung kann der diskus zwar nicht aufwarten, die noch ausstehende kritische Kommentierung der derzeitigen Polamidon-Vergabepraxis durch einen Betroffenen soll aber bei uns nicht länger fehlen.

Der folgende Text ist ein Vorabdruck aus dem Sammelband Methadonbehandlung , herausgegeben von Horst Bossong und Heino Stöver, der im Herbst dieses Jahres bei Campus erscheinen wird.

Muß ‘nen Zahn zulegen, sonst schaff’ ich’s nicht mehr, bis zwölf beim Arzt zu sein. Hätt’s beinahe vergessen, heut’ ist ja Mittwoch. Ist fast wie damals im Programm vom Gesundheitsamt. Punkt zwölf und keine Minute später durfte man antanzen. Die schickten einen tatsächlich wieder auf die Szene. Natürlich nicht offiziell. Die schikken einen wieder nach Haus'. Wissen natürlich, daß der Weg mit einem kleinen Umweg über die Taunusanlage verbunden ist. Alles aus erzieherischen Gründen. Das heißt, natürlich aus therapeutischen Gründen. Klingt professioneller. Verdammt! Noch zehn Minuten Zeit. Hoffentlich klappt’s. Käm’ mir sehr ungelegen, so ’ne Erziehungsmaßnahme. Hab’ nur noch einen Heiermann einstecken. Ja, man gewöhnt sich wirklich an alles. Selbst ans Paradies. Jahrelang hab’ ich davon geträumt, mal ganz offiziell Polamidon zu kriegen. Ohne Lügen erzählen zu müssen, ohne Streß mit gefälschten Rezepten, ohne das Risiko auf der Szene, statt Methadon Scheiße angedreht zu bekommen. Jahrelang hat mir mein Arzt Polamidon auf die Namen seiner Krebspatienten verschrieben, bis es für ihn immer heißer wurde. Das war ein Hammer, plötzlich sagt er zu mir: „ Ich kann Ihnen leider keins mehr verschreiben. Ich habe keine Betäubungsmittel-Rezepte mehr. Ich habe auch noch keine bestellt, da ich die nicht mehr brauche. Wissen Sie, es gibt heutzutage so gute Schmerzmittel, daß man keine Betäubungsmittel mehr braucht.” Bei mir bricht Panik aus. Ohne groß zu überlegen, ziehe ich einen Hunni raus und sage ihm: „Wissen Sie, mir geht es so beschissen zur Zeit, und ausgerecht morgen soll ich mich für eine Arbeit vorstellen. Wenn Sie mir nicht helfen, muß ich einfach nach Frankfurt fahren und mir da was besorgen!” Er sieht den Hunni in meiner Hand und fängt an, in seiner Schublade zu kramen. Und wer sagt’s denn; zufällig hat er noch ein Rezept. Seitdem war der Preis für das Polamidon zwischen uns für alle Zukunft festgelegt. Daß ich mal ganz offen und ohne Kohle mein Polamidon täglich erhalten würde, war fast eine paradiesische Vorstellung. Hatt’s mir allerdings doch ein wenig anders vorgestellt.

Was ist denn da vorne los? Scheint wieder einer umgegangen zu sein. Ist schon verrückt. Da lauf’ ich j eden Tag an der Taunusanlage vorbei zur Arztpraxis, um mein Methadon zu kriegen, und die Typen da in der Anlage müssen sich irgend so ‘nen Scheiß drücken.

Der Rettungswagen fährt los, und ich erfahre von Tom, der mir gerade übern Weg läuft, daß sie eben den Harri weggefahren haben. Es läßt sich auf die Schnelle nicht klären, ob wir denselben Harri meinen. Es darf einfach nicht der Harri sein. Mensch, wir haben zusammen angefangen zu drükken. 1970 war’s. Fast alles hatten wir damals zusammen gemacht. Systematisch haben wir zusammen sämtliche Ärzte, Stadtteil für Stadtteil, abgeklappert. Mehrmals haben sich unsere Wege getrennt und wieder zusammen gefunden. Zuletzt in meiner einzigen Langzeittherapie vor drei Jahren. Die haben wir zusammen durchgezogen. Wir haben uns geschworen zu versuchen, trotz Therapie clean zu bleiben und zusammen was aufzubauen. Naiv. Vom Obdachlosen-Asyl in Therapie. Und dort will man uns mit unzumutbaren Methoden die letzten achtzehn Jahre innerhalb von zwölf Monaten austreiben, indem man erwachsenen Männern und Frauen sagt, wann sie ins Bett zu gehen haben, wann sie Zigaretten rauchen dürfen und wann nicht, man erwachsene Menschen so behandelt, wie heute kein Pädagoge mit Kindern umgehen würde und bei einem Regelverstoß in die ‘Schandecke’ stellt oder auf einen Stuhl mitten im Raum unter striktem Kommunikationsverbot (selbst ein solidarisches Zuzwinkern der Mitbewohner ist verboten), so lange zwingt, sitzen zu bleiben, bis man sich eine Strafe ausgedacht hat. Wo es kein Briefgeheimnis gibt und man uns vorschreibt, ab wieviel Therapiemonaten Sex erlaubt ist. Selbstverständlich muß das geplante Bumsen im Tagesplan notiert werden, der dann vom diensthabenden Therapeuten erst noch abgesegnet werden muß. ‘Therapie statt Strafe’ wird zu ‘Therapie als Strafe’. Wer so was nicht mit sich machen läßt und abbricht, gilt als therapieresistent oder motivationsschwach, und einen ‘defizitären Charakter’ kriegt er auch noch gleich mit angehängt.

Wir waren aber keine Deutschen Schäferhunde, die Dressur hat nicht hingehauen. So standen wir beide nach dieser Therapie ohne Wohnung, ohne Geld, ohne Arbeit da, mit einem Schein in der Hand, auf dem stand „Therapie erfolgreich abgeschlosssen”; hab’ ihn vor dem Sachbearbeiter auf dem Wohnungsamt zerrissen.

Zum Schluß haben wir einen kleinen Dienstleistungsbetrieb im Nadel-Park unterhalten, haben Löffel, frisches Wasser, Filter, Ascorbinsäure, Spritzen und was man sonst so braucht verliehen. Dafür haben uns unsere Kunden ihre Filter überlassen. Manche waren so kulant und haben sie uns schön feucht gelassen. Wenn man so zehn zusammen hatte, wo jeweils ein halbes Gramm durchgelaufen war, dann, na ja, dann war das halt besser als nix .

Irgendwann haben wir dann von einem Polamidon-Programm gehört. Hätten noch Plätze frei. Beim nächsten Turkey sind wir nichts wie hin. Voller Hoffnung. Vor Wut hätte Harri am liebsten die Bude dort auseinandergenommen. Zwölf Wochen würde es dauern, bis all die Formalitäten, also Anamnese, Vorgespräche und Untersuchungen, gelaufen wären. Und Harri brüllt los: „Ich brauch’ aber jetzt sofort was! Ich hab’ jetzt ‘nen tierischen Affen, was nützt mir Pola in zwölf Wochen, seid ihr matt im Hirn!” Dann waren die zwölf Wochen vorüber, und ich hab’ rumgebrüllt: „Mensch, Harri! Hätten wir uns damals nur angemeldet, dann wären wir jetzt drin! ” „Dann geh’ doch und meid’ dich gleich an! Ich bleib’ lieber hier und sammel für mich Filter! Für mich. Hast du gehört?” So bin ich dann halt auch geblieben. Wer weiß, was in den drei Stunden, wo ich mich auf diesem Amt rumgetrieben hätte, für Chancen hier im Park an mir vorbeigegangen wären. Und dann, zwölf Wochen später, hätten wir uns wieder in den Arsch treten können. So verging ein halbes Jahr. Aber danach haben wir’s in Angriff genommen. Ich bin jetzt schon zwei Jahre drin, und seither haben sich unsere Wege selten gekreuzt. Ich konnte ihm kaum mehr in die Augen schauen. Er kam nicht rein in das Programm der “Ambulanz für Ausstiegshilfen” des Gesundheitsamtes. Ausgerechnet Harri. Hat länger gedrückt und zwei Therapien mehr als ich. Harri hatte Pech. Harri war nicht HlV-positiv. Und eine „Ambulanz für Einstiegshilfen” in die „Ambulanz für Ausstiegshilfen” gibt es noch nicht. Ist das nicht ein seltsamer Eintrittspreis?

Meine Schritte werden langsamer. Hab’ schon fast keine Lust mehr, es noch rechtzeitig zu schaffen. Würd’ am liebsten umdrehen und mir ‘nen Knaller machen. Was sind das für Spielregeln, nach denen das hier alles läuft? Und dann lege ich doch wieder einen Schritt zu. Hätte fast vergessen, daß ich ja keine Kohle einstecken hab’. Kann mir deshalb auch keine Sentimentalitäten leisten. Hätt’ nach 20 Jahren Erfahrung fast vergessen, daß es bei diesem Programm gar nicht um uns geht. Ich Idiot. Es geht darum, den Freier zu schützen. Damit er ungefährdet von Bett zu Bett hüpfen kann. Man muß die Positiven aussieben und den Freiern genügend HlV-negatives Frischfleisch servieren. Als Harri den Grund erfuhr, warum er nicht substituiert werden konnte, schrie er mit Tränen in den Augen: „Ihr Großstadt-Kannibalen! Ist mein Leben soviel wert wie das Abspritzen irgend eines geilen alten Bocks ?” Harri, Du hast Dich getäuscht. Weniger. Wir sind weniger wert.

Die Straße verschwimmt vor meinen Augen. Verschämt wische ich die Tränen weg. Ich bin das Produkt einer seuchenhygienischen Maßnahme. Vielleicht hab' ich doch mehr von einem Deutschen Schäferhund an mir, als ich dachte. Sonst hätt' ich es nicht geschafft, schon zwei Jahre im Programm zu bleiben. Von wegen Paradies. Aus der Nähe betrachtet geht es um das alte Lied. Disziplinierung. Und zwar auf ganzer Linie. Dennweres schafft, zwei J ahre drin zu bleiben, den hat man doch ganz gut abgerichtet, oder er hat bis jetzt Glück gehabt oder erfolgreich die Urin-Kontrollen umgangen oder sie manipuliert. Wir haben alle schnell gelernt. Und wie heißt das MythosMethadon-Spiel, das wir aufführen? ,Des Kaisers neue Kleider.’ Aber selbst des Kaisers Kleider sind irgendwann mal alt. Was war das für eine Modeschau vor zwei Jahren, als das Programm neu eingerichtet wurde: Zeitung, Radio, Fernsehen, Drogenforen und Wahlveranstaltungen. Und wir erzählten das Blaue vom Himmel herunter. Denn was nützt es uns, den Junkies und den paar Akzeptanzlern, wenn wir nur von Feinden umringt sind. So bleibt uns nur, unseren drogentherapeutischen Souffleur nicht zu entäuschen und uns nicht noch tiefer ins Fleisch zu schneiden. Zum Beispiel mit einem missionarischen „Seitdem ich Methadon kriege, fällt für mich der ganze Streß weg, und ich brauch’ meine Tage nicht mehr auf der Szene zu verbringen.” - Nur gut, daß niemand fragt: „Und warum bist du dann trotzdem jeden Tag auf der Szene?” Es gibt genügend Leute, die sich freuen würden, wenn das alles nicht klappt. Das Einzige, was bei den Methadon-Contras ein wenig Gewicht hat, ist das Zauberwort „Arbeit”. Hauptsache, der ehemalige Drop-Out arbeitet wieder. Das ist der einzige Maßstab, der zählt. Und so hab’ ich mich viel zu früh dazu entschlossen, arbeiten zu gehen. Außerdem, was fängt man den ganzen Tag an, wenn man keine Kohle einstecken hat? So hab’ ich vorerst weiter Pumpen auf der Szene verkauft, hat mir immerhin einen Hunderter pro Tag eingebracht. Ich konnte mir nicht vorstellen, von der Stütze allein zu leben. Meistens kam natürlich gerade wenn ich die Kohle zusammen hatte, die man braucht, um einen Tag angenehm zu verbringen, ein Typ mit besonders gutem Koks. So wäre ich schon fast nach den ersten paar Wochen wieder aus dem Programm geflogen.

Sex and Drugs and Rock ’n ’Roll - hab’ das Lied Vorjahren bis zum Geht-Nicht-Mehr gehört. So ähnlich könnte man meine Drogenzeit auch beschreiben. 1970 hieß das Lied wirklich noch Sex and Drugs and Rock’n’Roll für mich; 1978 wurde daraus langsam Sex and Drugs and Drugs und 1985 dann nur noch Drugs and Drugs and Drugs. Und da sag’ einer, wir Junkies seien ein fauler Haufen. Mit euren Verboten ist ein Fulltime-Job daraus geworden. Kaum ein Spitzenmanager arbeitet soviel wie ein Durchschnittsjunkie. Hatte ja schon fast Workaholic Charakter. War ja wirklich fix und fertig, wie ich ins Polamidon-Programm gekommen bin. Halt wie ein Workaholic nach einem Gehirnschlag. So mußte ich erst mal wieder lernen zu gehen. Ich meine, so ganz normal durchs Leben zu gehen. Hab’ ich doch alles verlernt gehabt, Leben, Lust und Laune und Liebe, Lachen und Lesen. Nach Jahren hab’ ich mich wieder verliebt. Nicht nur in eine Frau. Ins Leben. Bin zum ersten Mal morgens ohne Wecker aufgewacht. Konnte kaum abwarten, daß der Tag endlich losgeht. Täglich bin ich ein Stück gewachsen. Nicht nur mein Bauch, der hat sich von seiner konkaven Form erholt. Und dann kommt der Superhammer. Nach acht Jahren mein erster Kuß. Nach acht Jahren zum ersten Mal wieder die Hand eines Menschen gehalten, die Wärme ihres Körpers hab’ ich durch meine Kleider gespührt, beim Abschiedskuß. Und zu Hause im Bett brechen dann all meine Gefühle, ausgelöst durch den Kuß, über mich herein. Und ich muß heulen. Stundenlang. Was ich mir antun mußte, weil die Gesetze so sind, wie sie sind. Meine Glückssträhne hielt lange vor. Ich finde eine Wohnung, nach Jahren meine eigenen vier Wände. Aber die Grenzen sind bald erreicht. Denn ich bin schon lange nicht mehr der, der vor zwei Jahren in das Programm kam. Das Programm aber ist dasselbe geblieben. Das wächst nicht mit. Und nun wird mir das Leben hier zu eng. Wie eine Jacke, die mich am Anfang geschützt hat, wird es einer Zwangsjacke immer ähnlicher. Ich bin noch lange nicht an den Grenzen meines Wachsens. Ich will reisen, weg aus Frankfurt. Jahrelang Kaisersack gehen einem auf den Keks. Ich will meine Familie mal wieder besuchen. Aber ich kann nicht fahren, denn das Gesetz untersagt selbst Wochenendrationen zur Mitnahme. Ich weiß nicht wohin mit meiner Wut, meiner Hilflosigkeit, als schnurstracks auf die Szene zu rennen und mir einen dikken Knaller zu holen. Es ist schwer, eigenverantwortlich zu handeln, wenn man ständig wie ein Kind behandelt wird.

Es ist sehr frustrierend, wenn man das für Junkies seltene Glück hat, einige Freunde außerhalb der Szene gefunden zu haben und bei jeder Wochenendfahrt und jedem Urlaub als einziger zu Hause bleiben muß. Die Befürchtung, eine Vergabe von Take HomeDosen könne dazu führen, daß Polamidon auf den Schwarzmarkt gelangt, zeigt doch nur, wie groß der Bedarf nach einem Entzugsmittel ist. Denn kein Mensch kauft sich Methadon, wenn er zur selben Zeit Heroin bekommen kann. Ich habe bei meinem Arzt Pola immer nur besorgt und teuer bezahlt, wenn ich mich runterdosieren wollte. Kauft jemand Pola auf dem Schwarzmarkt, sollte man das eher unterstützen.

Unsere große Hoffnung war die Ausdehnung der Substitution auf die niedergelassenen Ärzte. Dort sitzt das Korsett vielleicht nicht ganz so eng. Zumindest brauche ich mich nicht an eine exakte Vergabezeit zu halten. Kann täglich individuell, flexibel mein Kommen selbst bestimmen. Die Vergangenheit, die Vorurteile und das Stigma haben uns aber bald eingeholt. Ständig erfahren wir, daß wir keine normalen Patienten bei den Ärzten sind. Denn wir sind “nur” Junkies. Man vergißt nicht, uns dies immer wieder vor Augen zu halten. Oft sind es Kleinigkeiten. Aber viele Kleinigkeiten ergeben zusammen auch ein Gewicht. Da treff ’ ich bei der Vergabe den Hans. Wir wechseln ein paar Worte, als plötzlich der Doc angeschossen kommt und uns anmacht, ob wir das nicht draußen machen könnten, ich hätte mein Zeug doch schon bekommen und solle verschwinden. Auch die Apothekerin behandelt mich anders als andere Kunden, obwohl sie ein gutes Geschäft mit mir macht: Meine tägliche Ration Polamidon kostet allein schon 360 Mark im Monat; dazu kommt wegen meinem Virus das Medikament zum Inhalieren, das kostet nochmal 600,- DM. Das Arbeitsamt behandelt Substituierte bei Umschulungsfragen vollkommen anders, und die Liste ließe sich fortsetzen.

So ist dann der anfängliche Optimismus bald verpufft, und das Leben pendelte sich nun langsam ein und pendelte weiter bis zur ersten Pechsträhne. Und langsam aber sicher nach einem Jahr völliger Nüchternheit stellt sich bei mir der Wunsch ein, wieder ab und an einen Kick zu erleben. Und dieser Wunsch wird immer größer, denn selbst wenn Polamidon den Opiathunger stillt, das Bedürfnis nach einem Kick stillt es nicht. Und das ist nach wie vor da, wie bei jedem anderen Menschen auch. Jedem Bürger gesteht man zu, ab und an einen über den Durst zu trinken. Für mich war dieses Bedürfnis nach einem Kick und einem Rausch in den letzten 20 Jahren ein entscheidender Teil meines Lebens. Ausgerechnet Junkies will man das Ausleben dieses Wunsches total verbieten. Dafür gibt es kein Substitut. Langsam zeigt sich der wahre Hintergrund des Programms, die Disziplinierung wird immer deutlicher spürbar. Es ist eine Ungeheuerlichkeit, daß nach den Verträgen, die wir mit den substituierenden Ärzten schließen müssen, der Beikonsum von Drogen vollkommen verboten ist. Die Praxis sieht natürlich anders aus. Aber hat mich mein Arzt auf dem Kieker, dann kann er mich nach einem einzigen Rückfall vor die Tür setzen.

Ich finde es unverständlich, wieso man ausgerechnet an Junkies Maßstäbe anlegt, die man keinem anderen Menschen zumuten würde. Schließlich ist die drogenfreie Gesellschaft eine Illusion. Der unkontrollierte Nebengebrauch von Drogen ist erst dann etwas einzudämmen, so man es unbedingt will, wenn ich mich entscheiden kann, ab und an auch mal injizierbares Polamidon (was leicht euphorisierend wirkt) zu nehmen. Will man diese Entscheidung nicht mir selbst überlassen, sollte ich zumindest die Möglichkeit haben, das mit meinem Arzt abzuklären. Selbst bei einer Freigabe sämtlicher Opiate glaube ich, daß ich weiterhin bei Polamidon bleiben würde, um dann nur ab und zu Morphin oder Heroin zu konsumieren. Gerade in so einer konsumorientierten Umwelt, in der es Werbung gibt, die lautet: „Bei uns sparen Sie so viel, daß Sie sich davon einmal sinnlos besaufen können.” Wie und vor allem wann soll ich denn lernen, mit meinen Rauschbedürfnissen umzugehen? Daß ich es lernen kann, habe ich schon erlebt.

Die ganze Substitution ist im Prinzip nichts Neues. Es bleibt alles beim Alten. Es ist nach wie vor die hochschwellige, nichtakzeptierende Drogen’hilfe’. Auf der einen Seite will man uns für den Arbeitsmarkt fit machen, schafft aber so irreale Bedingungen, daß spezielle Arbeitsmaßnahmen und Werkstätten für Rehabilitation bereitgestellt werden müssen, die sich auf diese realitätsfremden Vorraussetzungen einstellen. Und statt raus ins Leben zu treten, treten wir wieder in ein Getto ein. Erst wenn ich mich in meinem Leben so bewegen kann, daß ich in meiner Umgebung nicht wider Willen auffalle und ständig anecke, habe ich eine reale Chance zu lernen, mich dieser Gesellschaft zu stellen. Würde ich heute das Polamidonprogramm verlassen, würde sich in meinem Leben selbst nach langjähriger Substitution auf einen Schlag soviel ändern, daß ich unter Umständen gar nicht damit umgehen könnte.

Würde man Drogen’hilfe’ nach unseren Bedürfnissen und Wünschen ausrichten und nicht nach denen irgendwelcher Kommissionen, für die wir abstrakte Größen sind, müßten die Polamidonprogramme grundsätzlich verändert werden.

Kein Junkie wird auf seinen Kick verzichten, weil es der,Kassenärztliche Vertrag’ so will. Ziel ärztlichen Handelns sollte doch wohl an erster Stelle das Überleben der Betroffenen sein. Erst wenn dies garantiert ist, sollte man sich Gedanken über weitergehende Ziele, wie beispielsweise Abstinenz, machen.

Man sollte sich darüber im klaren sein, daß die, die man heute in die Programme läßt, so ziemlich die fertigsten unter den Junkies sind. Die, die jahrelang vom “War on Junkies” zermürbt wurden, die HIV-Infizierten, die Altfixer, die nur wenig zu verlieren haben. Und wir sollen beweisen, daß Methadon eine brauchbare Alternative ist.

Hat man in den letzten 20 Jahren Drogenhilfe wirklich so wenig gelernt? Vielleicht gehe ich ja von der falschen Voraussetzung aus, wenn ich annehme, daß es überhaupt um Hilfe geht, was bei den Drogenhelfern eine Bereitschaft zu lernen einschließen müßte.

Soll Methadon nicht nur eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für Ärzte, Therapeuten, Sozialarbeiter usw. sein, sondern darüber hinaus auch uns Betroffenen etwas bringen, so kann dies nur heißen: Weg mit den Methadon-Programmen, wir brauchen keine Programme, wir brauchen einfach nur Methadon als Angebot für Jeden’, der dies als Hilfe für sich nutzen will.

Ob und für wen Methadon eine Hilfe sein wird, kann nicht durch ,Kassenärztliche Richtlinien’, durch Politiker oder gewerbliche Therapieunternehmen bestimmt werden. Denn was einem Menschen wirklich hilft, kann letzten Endes nur er selbst beurteilen. Hilfe läßt sich nicht erzwingen.

Ullrich Winternitz