Kulturlandschaft mit Giftzwergen
Kommt im Gespräch unter Westdeutschen, die nicht unbedingt dem Banken- und Börsenwesen innig verbunden sind, die Rede auf die „Frankfurter Allgemeine Zeitung für Deutschland”, kurz FAZ, fällt mit Sicherheit früher oder später etwa dieser Satz: Politisch ist diese Zeitung selbstverständlich ungenießbar, denken Sie nur an den Leitartikel von letzter Woche über die Sozialministerin von B randenburg, eine glatte Denunziation, und überhaupt dieses unerträgliche deutschnationale Getue, vor allem seit der Vereinigung, nein, das Blatt läse auch kein vernünftiger Mensch, wenn es ja richtig, der Sportteil ist nicht so schlecht, aber den meine ich nicht, wenn es dieses Feuilleton nicht gäbe, das nicht nur umfangreichste, sondern einfach beste Feuilleton in Deutschland, erstaunlich unabhängig von der politischen Linie im vorderen Teil, liberal, wirklich liberal im besten Sinn des Worts, erfrischend im Ton und sehr, sehr informativ.
Das Bemerkenswerteste an dieser Auskunft ist nicht nur, daß man sie überall im deutschen Westen hören kann (im Gegensatz zum Osten, wo diese allgemeine Zeitung für Deutschland bislang noch keinen nachhaltigen Eindruck hinterlassen hat), sondern auch, daß sie keiner erkennbaren Wirklichkeit entspricht. Der Satz vom autonomen Feuilleton der FAZ hat sich gegenüber den Verhältnissen, auf die er sich bezieht, selbständig gemacht. Er gehört zu jenen Sätzen, die einmal etwas Reales beschrieben, dem Untergang dieses Realen aber nicht in den eigenen Tod folgten, sondern, wie Ortega y Gasset es einmal anschaulich ausdrückte, von den Wellen an „die Küste der Rhetorik” gespült werden, „wo sie als Leichnam” noch lange weiterexistieren. Von Mund zu Mund weitergereicht, erhält der Satz vom erfrischenden, unabhängigen, liberalen Feuilleton der FAZ ein Scheinleben, das ein auf seine Weise interessanteres Phänomen ist als das ganze Feuilleton d er FAZ. Er liefert dem Feuilleton der FAZ das Lebenselixier, ohne das es sich augenblicklich als das zu erkennen geben müßte, was es ist, nämlich als der bunt angestrichene Schwanz, mit der der Frankfurter Allgemeine Wachhund für Deutschland kulturell gelegentlich etwas wedelt.
Rebellischer Bohrer
Doch wie alle Mythen hat auch der Mythos vom unabhängigen, liberalen, vom politischen Teil durch einen dicken Strich getrennten Feuilleton seinen Ursprung in realen Begebenheiten. Ende der sechziger und Anfang der siebziger Jahre ist der Kulturteil dieser mit der Frankfurter Bankenwelt eng verbundenen, politisch äußerst konservativen Zeitung durch seinen scharfen Kontrast zur Linie der Herausgeber der FAZ aufgefallen. Während in den Leitartikeln die damalige Ostpolitik der SPD erbittert bekämpft wurde, erhielt sie hinten im Kulturteil kaum versteckten Beifall. Verfolgten die aus alten Wehrmachtszeiten übernommenen Kriegsberichterstatter der FAZ die amerikanische Kriegsführung in Vietnam mit inniger Anteilnahme, kamen auf den Literaturseiten intellektuelle Gegner des Vietnamkrieges zu Wort. Wurde vorne vom Staat hartes Vorgehen gegen demonstrierende Studentinnen verlangt, schrieben unterm Strich des Literaturteils, manchmal hinter Pseudonymen versteckt, theoretische Köpfe der Protestbewegung von 1967/68 über Hegel, Nietzsche und Marx. Beteiligte sich die politische Redaktion der Zeitung an der Hexenjagd auf die 1970 im Untergrund verschwundenen Gründerinnen der Roten Armee Fraktion, wurde auf den Literaturseiten verklausuliert über die Faszination der Tat nachgedacht. Völlig unabhängig von der politischen Debattenführung der Blattmacher versah die Literaturredaktion die von ihr bestimmte Diskussion über Literatur
und Politik, Theorie und Gesellschaft mit einem eigenen Gewicht.
Den Herausgebern der FAZ paßte das Treiben auf den hinteren Seiten ihrer Zeitung selbstverständlich nicht in den Kram. Doch ihre gelegentlichen Anstrengungen, die Literaturredaktion auf Linie zu bringen, scheiterten an dem hartnäckigen Widerstand des damaligen Redaktionsleiters Karl Heinz Bohrer. Bohrer ließ sich, auf seine Weise von der antiautoritären Revolte angesteckt, nicht davon abbringen, die Redaktionsgeschäfte nach seinen eigenen Vorstellungen zu führen und Namen ins Blatt zu bringen, von Enzensberger bis Habermas, bei deren bloßer Erwähnung es die Herren aus der Chefetage schüttelte. Daß sie Bohrer und seine Mitstreiter innerhalb und außerhalb der Zeitung gewähren ließen, lag nicht an ihrer Liberalität; sie scheuten ganz einfach die aufreibende Auseinandersetzung mit dem temperamentvollen Bohrer und nahmen im übrigen nicht besonders ernst, was da auf der feuilletonistischen „Spielwiese” veranstaltet wurde Das änderte sich mit einem Herausgeberwechsel im Jahr 1973, der den aus Springers Welt stammenden Joachim C. Fest in das leitende Gremium der FAZ brachte. Fest, nach dem internen Organigramm der Zeitung für das Feuilleton zuständig, setzte dem Laisser-faire seiner Vorgänger ein Ende. Als erstes warf er Bohrer aus der Literaturredaktion und ersetzte ihn durch den von der Zeit abgeworbenen Marcel ReichRanicki. Reich-Ranicki wiederum sorgte dafür, daß der von Bohrer herangezogene Stamm freier Mitarbeiter gründlich ausgelichtet wurde und daß politischen Themen und theoretischen Debatten der Zutritt zum Literaturblatt versperrt blieb. Behäbige Professoren der Germanistik ersetzten nun als Rezensenten die von der Protestbewegung und der Kritischen Theorie auf Trab gebrachten Intellektuellen. Was der kühl planende Zeitungsstratege Fest erreichen wollte, das setzte Reich-Ranicki aus eigener Neigung und dank eigener Idiosynkrasien in die Tat um: daß alles als literaturfremd Betrachtete, worunter in erster Linie die von der Revolte ausgegangenen soziologischen und gesellschaftskritischen Anstöße zu verstehen waren, von den „belles lettres” ferngehalten werde.
Ohnmächtiger Reich-Ranicki
Reich-Ranicki, ehemaliger Kulturfunktionär im kommunistischen Polen, war politisch zwar strikter Antikommunist geworden, hielt der sehr bürgerlichen Ästhetik des Sozialistischen Realismus aber weiterhin die Treue. Auf der einen Seite hatte er von ihm die engstirnigste Abwehr aller literarischen Experimente und Mischformen übernommen, auf der anderen ließ er sich, das Beispiel des Marxschen Lobs der Romane des politisch als Reaktionär abgelehnten Balzac vor Augen, vom Antikommunismus der FAZ nicht davon abhalten, die literarischen Qualitäten Hermann Kants und Anna Seghers’ hervorzuheben. Gelegentlich waren sogar Autoren wie Peter Weiss und der damals noch in der DDR lebende Günter Kunert mit Beiträgen im Literaturblatt vertreten. Der in der Redaktion autokratisch herrschende Reich-Ranicki verteidigte auf seine Weise mit Nachdruck die Unabhängigkeit des Literaturteils vom Geist der FAZ- Politik.
Während seiner Amtszeit als Literaturblattchef der Zeitung für Deutschland von 1973 bis 1979 gewann Marcel Reich-Ranicki als Hans Dampf in allen Gassen des bundesdeutschen Literaturbetriebs zwar beträchtlichen Einfluß auf die öffentliche Darstellung der Literatur, seine Macht innerhalb der Zeitung jedoch blieb begrenzt. Gegen die Pläne des Herausgebers Fest vermochte er nichts auszurichten. Nach dem Machtantritt der CDU stand in den achtziger Jahren die Ideologisierung des Feuilletons auf dem Programm. Ohnmächtig mußte der dem nationalsozialistischen Massenmord in Warschau knapp entkommene ReichRanicki mit ansehen, wie im Juni 1986 Ernst Nolte im Feuilleton der FAZ die an neonazistischem Irrsinn nur haarscharf vorbeiziehende These verbreiten durfte, Hitler habe mit der Ermordung der Juden lediglich auf Stalins Verbrechen geantwortet und sogar deren Ausbreitung eindämmen wollen. Der Literaturblattchef der FAZprotestierte vehement gegen Noltes Geschichtsverdrehung, aber nicht in der eigenen Zeitung, sondern im Konkurrenzblatt Süddeutsche Zeitung. Der revisionistische Historiker Nolte, Auslöser des inzwischen schon wieder halbvergessenen „Historikerstreits”, durfte unterdessen in der FAZ weiter an der Umschreibung der Geschichte arbeiten, sekundiert von Gesinnungsgenossen wie dem Berater Helmut Kohls in nationalen Geschichtsangelegenheiten, Michael Stürmer.
Ende 1988 ging die Ära Reich-Ranicki mit der Pensionierung des Literaturblattchefs zu Ende. Der Stratege Fest hatte eine Wachablösung eingefädelt, die ihm die totale ideologische Beherrschung des Literaturteils garantierte. Frisch promovierte, kaum der universitären Pepiniere entwachsene, professionell unerfahrene, aber mit hochfliegenden Ambitionen ausgestattete Endzwanziger nahmen die Redakteursplätze in der Frankfurter Hellerhofstraße ein. Nicht die besondere Schwäche der altväterlich mahnenden FAZ für die Jugend gab bei dieser Wahl den Ausschlag, sondern eine Taktik der Vermeidung: Es sollte unter allen Umständen verhindert werden, daß Angehörige der mittleren Generation, Zeitgenossen der Revolte von 1967/68, die zumindest die Erinnerung an die Ereignisse der vergangenen Jahrzehnte nicht verloren hatten, sich in der Zeitung installierten und dort mit ihrem besseren Wissen den von den Herausgebern
in Gang gesetzten Umdeutungsprozeß der deutschen Geschichte störten.
Die Rechnung der /AZ-Herausgeber ist bisher auch voll aufgegangen. Unter tatkräftiger Mitwirkung der neuen Redakteure wurde der von Reich-Ranicki noch eifersüchtig bewachte Zaun zwischen politischem Teil und Literaturblatt niedergerissen. Obwohl von halben Kindern bevölkert, ist der Kulturteil seither keine „Spielwiese” mehr, sondern das Manövergelände, auf dem die in den vorderen Leitartikeln veranstalteten ideologischen Übungen in kultureller Einkleidung fortgesetzt werden. Die politischen Leitartikel und die Leitartikel des Feuilletons lassen sich austauschen. Das liberale Gegengewicht der Kulturseiten hat sich in Luft aufgelöst.
Kasperlnder Schirrmacher
Der seit Anfang 1989 amtierende Literaturblattchef Frank Schirrmacher hat zusammen mit seinen gleichaltrigen Redaktionskollegen den ihm zugedachten Job offenbar so sehr zur Zufriedenheit der /MZ-Herausgeber erledigt, daß ihm die verschiedenen professionellen Fehlleistungen, die er sich als schreibender Redakteur seit seinem Amtsantritt geleistet hat, allesamt nachgesehen wurden. Hatte der altgediente Zeit- Feuilletonchef Fritz J. Raddatz seinerzeit seinen Hut nehmen müssen, weil er einen nicht als Parodie erkannten fremden Text abgekupfert hatte, hat Schirrmacher einen Unsinn nach dem anderen verbreiten dürfen, ohne daß ihm von der FAZ ein Haar gekrümmt worden wäre. Das Highlight unter seinen Entgleisungen ist zweifellos der Kommentar gewesen, den Schirrmacher zur Wahl des Nobelpreisträgers Nagib Machfus verfaßt hat: Ohne sich die kleine Mühe zu machen, in einem guten Lexikon nachzuschlagen oder gar einen Sachkenner um Auskunft zu bitten, wo das eigene Wissen nicht ausreichte, behauptete der Literaturblattchef kühn, der in Wirklichkeit von vielen arabischen Gegenwartsautorinnen als geistiger Vater verehrte Machfus sei nichts als ein in der zivilisierten Welt völlig unbekannter ägyptischer Hintertreppenautor, mit dessen aus lauter Drittweltmitleid getroffener Wahl sich das Stockholmer Nobelpreiskomitee unsterblich blamiert habe. Soviel zum frischen Ton in dieser Zeitung, die ja auch nicht Zeitung für Weltliteratur, sondern Zeitung für Deutschland heißt. Und in einem deutschen Feuilleton kann man sich nicht um alles kümmern wie etwa die moderne arabische Literatur Derartige Formschwächen werden in der FAZ offenbar gern in Kauf genommen, weil sie für die Zeitung weit weniger ins Gewicht fallen als das Kapital, das die neue Redaktion in Gestalt des Lebensalters ihrer Mitarbeiter einbringt. Was Benedikt Erenz in der Zeit einmal „Joachim C. Fests feuriges Jungvolk” genannt hat, besitzt neben gewissen altersbedingten Wissenslücken den ungeheuren Vorzug, die von oben erwünschte Kurzschließung des Kulturteils mit dem in der Zeitung herrschenden Politikverständnis verschleiern zu helfen. Es sieht dann wie ein normaler Generationenkonflikt aus, wenn Schirrmacher und die Seinen (zu deren kampfeslustigem Jungherrenclub bezeichnenderweise keine einzige Frau gehört) gegen die Alteren losschlagen, nicht die Alteren der Zeitung selbstverständlich, die den ganzen Laden bezahlen, sondern gegen Angehörige der mittleren Generation, die einmal mit der Revolte von 1967/68 in Berührung gekommen war.
Wie gut sie funktionieren, haben Schirrmacher und Kollegen zum Zeitpunkt der „Wende” in der DDR unter Beweis gestellt. Die gewaltfreie Erhebung gegen das SEDRegime geriet ihnen sogleich zur deutschen Revolution. Aus dem „Volk” der Leipziger Transparente fabrizierten sie den großen Knüppel, mit dem sie auf alle Kritikerinnen einer schnellen Vereinigungeinschlugen, einschließlich der ostdeutschen Intellektuellen, die den Bürgerinnenprotest mit auf die Straße getragen hatten. Selbst mit der Gnade glückseligerUnschuld gesegnet, entdeckten die Feuilletonisten der FAZ außerhalb der Zeitung überall Schuldige, denunzierten Christa Wolf als „Staatsdichterin ” mit larmoyantem Gemüt und andere Schriftstellerinnen der DDR als Flandlangerlnnen der Zensur und Knechte der Partei. Den westlichen kritischen Intellektuellen wurde geraten, sich lieber, statt in alten Nazigeschichten herumzuwühlen, mit ihrem eigenen schuldhaften Beitrag zur Aufrechterhaltung der
Diktatur in der DDR und in Osteuropa auseinanderzusetzen. Denn soviel begriff der geneigte Leser des FAZ-Feuilletons: Wären diese tapferen jungen Männer eine Generation früher am Drücker gewesen, wäre die Berliner Mauer schon zwanzig Jahre früher gefallen, ja wahrscheinlich niemals gebaut worden, und die Teilung Europas hätte sich seit Menschengedenken in allgemeinem demokratischem Wohlgefallen aufgelöst.
Feuilleton als Richterstühlchen
Nachdem Schirrmacher als Hauptwortführer der Kampagne gegen die einstmals oppositionellen DDR-Schriftstellerlnnen seinen Teil dazu beigetragen hatte, daß sich die deutsche Teilung in Form aggressionsgeladener intellektueller Abgrenzung auf beiden Seiten noch ein bißchen länger aufrechterhielt, produzierte er sein nächstes publizistisches Meisterstück. Auch die Westdeutschen hätten unter einer Art Terror gelitten, lautete die sensationelle Entdeckung des Literaturblattchefs, und zwar unter dem Terror einer „Gesinnungsästhetik”, ausgeübt von den Schriftstellerinnen aus dem Umkreis der Gruppe 47 und ihrer gesinnungsmäßigen Epigonen. Jahrzehntelang habe die richtige politische Einstellung alles gegolten und die Kunst nichts. Damit aber, so darf das Publikum nun erleichtert aufatmen, ist es dank der kühnen Revolte des FAZ-Jungvolkes ein für allemal vorbei. Nach der Demokratie im Osten hat nun endlich auch die Kunst im Westen freie Bahn Bisher ist es dem FAZ-Feuilleton allerdings noch nicht recht gelungen, Meldung zu erstatten über das ungeheure Aufblühen der reinen Kunst im ideologisch befreiten Deutschland. Statt dessen, muß der wohlwollende Leser der Zeitung betrübt feststellen, hat das alte Übel auch die junge Mannschaft der FAZ ergriffen. Denn seit der berühmte „Strich” zwischen Politik und Kultur beseitigt wurde, ist die Ästhetik fast vollständig verschwunden, von der unumschränkten Herrschaft der Gesinnung an die Wand gedrückt. Noch nie hat sich im Feuilleton der Zeitung für Deutschland Ideologie so ungestört breitmachen können wie seit Einzug des „feurigen Jungvolks” in die Redaktion, noch nie stand es so eindeutig in politischen Diensten, noch nie hat das nackte Ressentiment so sehr den Stil seiner Kritik bestimmt, noch nie war ihm die Kunst so gleichgültig.
Alles, was mit der Verstrickung der DDRLiteratur in den Spitzel- und Zensurbetrieb des SED-Staats zu tun hat, ist für Schirrmacher und seine Mitarbeiter ein gefundenes Fressen, weil es ihnen erlaubt, die schwierige Literaturkritik zu vermeiden und gleich zur moralischen Strafprozeßordnung überzugehen. Von dem vergifteten Klima der wechselseitigen Denunziation fühlen sie sich deshalb angezogen, weil es ihre eigenen aggressiven Instinkte weckt. Erst wird dieser als Stasispitzel denunziert, dann jene, dann wird ein Denunziant des Denunziantentums beschuldigt, um tags darauf auf Kosten anderer in Schutz genommen zu werden, scheinheilig beklagt man die Atmosphäre des totalen Verdachts, in der die eigenen Geschäfte prächtig gedeihen.
Bekennt die in der DDR aufgewachsene Helga M. Novak in einem offenen Brief an Biermann und andere, als Zwanzigjährige im Jahr 1957 aus Angst vor einer langjährigen Gefängnisstrafe der Staatssicherheit ihre Unterschrift gegeben zu haben, und fügt sie hinzu, daß sie „eher im polnischen Wald verbluten will”, als sich heute auf einen „deutschen Richterstuhl” zu setzen, dann fühlt sich der auf seinem FAZ-Richterstühlchen thronende Schirrmacher derart provoziert, daß er gleich noch als moralischer Generalstaatsanwalt zurückschlägt: „Ihr Schreiben ist der vorläufige Höhepunkt einer rhetorischen Figur, mit der die Täter sich zu Opfern stilisieren ... Jedenfalls hält sie es für moralisch vertretbarer für die Stasi gearbeitet zu haben als jetzt über die StasiMitarbeit anderer zu richten.” Ginge es um die Figuren eines Theaterstücks und nicht um wirkliche, mit Namen und Adressen versehene, verletzbare und durch Rufmord zerstörbare Menschen, wäre der Stil dieser moralisch entrüsteten Prosa noch zum Lachen. Wenn das Ressentiment in Schwung kommt, bleibt als erstes die Sprache auf der Strecke: Der Literaturblattchef, nebenbei auch zum redigierenden Richter über die Sprache anderer bestellt, bringt das Kunststück fertig, zwei relativ einfache Sätze mit falschem Deutsch zu füllen: Eine „rhetorische Figur” mag nun alles mögliche haben, einen „Höhepunkt” kennt sie nicht, den erleben nur Abläufe und Ereignisse; im zweiten Satz sind Schirrmacher vor lauter Entrüstung nicht nur zwei Kommata abhandengekommen, auch das Adjektiv „vertretbar” hat einen falschen Komparativ erhalten. Es rächt sich nicht nur in diesem Fall an der Sprache, wenn ein Autor seine Erfahrungslosigkeit dadurch zu kompensieren versucht, daß er sich die gravitätisch-endgültige Gewichtigkeit eines pensionierten deutschen Oberstudiendirektors zulegt. Von der Sache her bleibt die denunziatorische Anmaßung festzuhalten, mit der Schirrmacher Helga M. Novak, ohne den Schatten eines Beweises für ihre „Tat” vorzulegen, den „Tätern” zuschlägt: Mit dem Untergang des alten „Neuen Deutschland” der SED, einem Tummelplatz für Denunzianten und Freunde der publizistischen Gesinnungsjustiz, ist dessen Geist offenbar auf das Feuilleton der Zeitung für Deutschland übergegangen. Doch wehe, wenn jemand es wagt, deren Angestellte nur ein wenig an den Haaren zu zausen: Empfindlich wie Mimosen, deren zarte Triebe aber gefährlich geladen sind, stechen die ultrajungen Giftzwerge aus Joachim C. Fest kulturellem Vorgarten gnadenlos zu.
SovielzurpolitischenUnabhängigkeitund erfrischenden Liberalität des gelobten FAZ- Feuilletons. Niemand hat übrigens seinen Geist unfreiwillig so unmißverständlich offenbart wie der Literaturblattchef selbst. Vorjahren brach an einigen amerikanischen Universitäten eine gewisse Unruhe aus, als man nämlich entdeckte, daß der als Vordenker der „dekonstruktivistischen” Schule verehrte Literaturwissenschaftler Paul de Man unter der deutschen Besatzung seines Heimatlandes Belgien emsig für die Kollaborationspresse geschrieben und sich dabei auch der antijüdischen Propagandader Nazibesatzer nicht verschlossen hatte. Frank Schirrmacher nahm die weder besonders sensationelle noch innerhalb der verworrenen Kulturgeschichte Europas unter Nazibesatzung besonders einmalige Affäre zum Anlaß, einen rasenden nachgetragenen Antifaschismus zu vertreten und, die Artikel des jungen Paul de Man vor Augen, eine ungeheure „Katastrophe des Geistes” zu melden. Hat Schirrmacher deshalb so wild um sich geschlagen, weil er in dem damals in der Brüsseler Zeitung Ce soir debüttierenden ganz jungen Paul de Man sein Alter ego erkannte und sich an dem Spiegelbild rächen mußte? Ein wichtigtuerischer Feuilletonist, der sich verbal ständig auf die Zehenspitzen stellt, damit man nicht merkt, wie mickrig er ist, und der seinem maßlosen Ehrgeiz und dem Wohlwollen seiner Auftraggeber manches Opfer bringt einschließlich der Opfer, die der Geist der politischen Kollaboration unter anderen fordert. Ganz wie beim Feuilleton der FAZ.
Lothar Baier