Komm! Ins Offene, Freund!
Horch! Das ist der alte Hölderlin. Und so kommt es vorne raus, wenn du den Toten hinten haust. Dann staubt es aus dem neunzehnten Jahrhundert frisch herüberund reißt uns mit, die „städtische Natur des 21. Jahrhunderts zu entwerfen”. Denn das Besondere an dem Konzept eines zweiten Grünflächenrings um die äußere Innenstadt Frankfurts - Bestandteil der rot-grünen Koalitionsvereinbarungen und Verewigungsvision des grünen Partners, mittlerweile per Magistratsbeschluß abgesegnet ist seine Verankerung in den Köpfen der Bürgerinnen. Den „Anspruch der Stadtbevölkerung auf bessere Lebensbedingungen in Frankfurt und der Region” soll sie selbst wahrnehmen und als Grüngürtel verteidigen, „Selbstorganisation und Partizipation der Nutzer”, auch von Minderheiten durchsetzen und insbesondere „den Verdrängungsprozessen begegnen, die durch die Einrichtung des Grüngürtels ausgelöst werden”. Dazu drückt uns das städtische Social Management neben dem Hölderlin-Motto noch den „Kampfbegriff GrünGürtel Frankfurt” (niemals Frankfurter Grüngürtel, immer mit zwei großen Gs und ohne Artikel) in die Hand und verabschiedet sich dann, um weiter zu missionieren Erfolgreich, wie die Bilanz zeigt: Fahrradtouren mit frischem Süßen und Drachensteigen bei günstigem Wetter; 345 000 ausgesandte Teilnahmebogen des Bürgerwettstreits zur Gestaltung Grün-Gürtel Frankfurt, 136 Rücksendungen; feierliche Enthüllung des „ersten GrünGürtelFrankfurt Fahrrads ” auf dem Römer, wobei ein Funktionär des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs begeistert ausrief: „Zum ersten Mal seit zehn Jahren fühlen wir Radfahrer uns ernstgenommen! ”; Sommerakademie mit allen eingeladenen Planer- und Gutachterlnnen; schließlich ein dickes „politisch-poetisches” Fachbuch, wo von all dem berichtet wird, für 129 Mark.
Komm! Zur Sache, Freund!
Wahrscheinlich wußten die acht oder neun Jugendlichen also gar nicht, wie wörtlich sie den grünen Hölderlin nahmen, als sie sich Pfingsten 1990 mit ihren Bauwagen auf dem ehemaligen Bundesgartenschaugelände niederließen. Die Vorstellungen reichten von der Flucht aus anderthalb Zimmern zu siebt über den eigenen Gemüsegarten bis hin zum selbständigen ökologischen Wohnen. Ziemlich schnell zeigte sich jedoch, daß sie nicht so sehr vorbeispazierenden Bürgern und Ortsbeiräten zur Last fielen, sondern hier, inmitten GrünGürtel Frankfurt- auf dem „Herzstück der Politik” des Umweltdezernenten Tom Koenigs lagerten.
Der hatte wohl viel mehr Angst vor GrünGürtel Frankfurt Solidarität der Frankfurter als diese vor den Leuten in den Bauwagen, denn noch bevor es irgendwelche Beschwerden gab, jammerte er schon: „Das könnt ihr doch nicht machen, hier laufen doch viel zu viele Leute vorbei, ich hab schon genug Arger mit dem Projekt, das muß jetzt nicht auch noch sein, was meint ihr, was das gibt, wenn das erst hochgekocht wird?”. Sauber und ordentlich, sonst grüne Chaospartei, so muß es wohl kurz-geschlossen
haben, und Koenigs schoß gleich drei Eigentore. Denn erst nach der eigenmächtig veranlaßten Übersiedlung in den Rödelheimer Biegwald am Westrand Frankfurts empörten sich Anwohner, Spaziergänger und übergangene Ortsbeiräte. Und erst jetzt hatte Koenigs sich die Bauwagen richtig aufgehalst, weil die Öffentlichkeit ihn mit diesem Problem identifizierte und alle anderen etwaig zuständigen Stellen eine Ausrede hatten: „Das fällt in die Zuständigkeit des Herrn Koenigs”. Außerdem liegt der Biegwald ebenfalls in GrünGürtel Frankfurt.
Wo sich unterdessen immer mehr Leute einlebten: Konzerte fanden statt, die Szene im Frankfurter Westen (Au, Exzess, KOZKneipenabend) lag nahe wie die Innenstadt. Die Reaktionen der Anwohner der nahegelegenen Postsiedlung, auf deren Festplatz das Bauwagendorf stand, reichten von erwartungsgemäß bis phantasievoll. Einige vermuteten zu viele Sozialhilfeempfänger und Arbeitsscheue (wobei die alle in sächsischen Kneipen sitzen und unser Geld versaufen nicht umsonst haben sie da die Sperrstunde aufgehoben), Hunde machten Angst, Lagerfeuer Waldbrände, Menschen Schrott und Dreck, und Dreck muß weg, damals hätten sie die sofort vergast... Eine wohl vom Weg abgekommene Spaziergängerin landete im Bauwagendorf und behauptete: „Der Weg ist hier gewesen und ihr habt ihn weggemacht!”, und ließ sich erst umstimmen, als sie wieder zu ihm hingeführt wurde: „Der Weg ist dort gewesen und ihr habt ihn weggemacht!”. Ansonsten entspannte sich das Verhältnis in der Regel, wenn es zu näherem Kontakt kam.
Die Bewohner sind Arbeiter-, Schrauber, Schrottsammler-, Studentinnen, und wohnen zum großen Teil einfach lieber draußen als in einer Wohnung, legen Wert auf die Vorteile einer Wohngemeinschaft, können sich aber weiter als nur in ihr eigenes Zimmer zurückziehen. Da in Frankfurt das Mieten ganzer Häuser oder großer Wohnungen für Wohngemeinschaften nicht mehr möglich ist (Vermieter nehmen keine oder verlangen zu hohe Mieten), bleibt für das Wohnen mit mehreren Leuten eigentlich nur noch der Bauwagen. Dafür haben einige sogar Wohnungen aufgegeben, andere sind aber auch von der Straße dazugestoßen. Sie zählen sich zu einer bundesweiten Bauwagenbewegung mit mittlerweile 60 Dörfern (im Rhein-Main Gebiet u.a. in Mainz, Wiesbaden und Rüsselsheim), die sich jährlich treffen und auch eine eigene Zeitung herausgeben.
Dann reichte die CDU einen Räumungsantrag ein, und Koenigs mußte Ersatzgelände suchen. Mittlerweile kam es dabei auch den Bauwagenleuten darauf an, nicht zu nah an Wohnbauten zu geraten („Streß für uns, Streß für die Bürgers”). Diese Suche wurde ein anderthalbjähriges Hin und Her und endete mit der Pistole auf der Brust: So war das anfangs angebotene Gelände um die alte Ziegelei in Rödelheim auf einmal nicht mehr im Gespräch, wofür auf einer Ortsbeiratssitzung mehrere Gründe an den Haaren herbeigezogen wurden. Zunächst tauchte ein Bewohner der nahen Siedlung Westhausen auf und verlangte, das Gelände an der Autobahn solle als eine der letzten Grünflächen für die Anwohner erhalten bleiben, er ginge da immer spazieren. Still wurde es erst in seiner Ecke, als die Bauwagenbewohner ihn fragten, ob er denn gerne über alte Kühlschränke steige und darauf hin wiesen, daß dies Gelände sogar auf entsprechenden Plänen als illegaler Müllabladeplatz ausgewiesen sei. Woraufhin dann prompt die zu hohe Bodenbelastung als Gegenargument ins Spiel gebracht wurde, außerdem sei dort ein Sportgelände geplant (was sich merkwürdigerweise mit der Bodenbelastung verträgt) und zudem der Ortsbeirat dagegen. Mit den Ortsbeiräten ist das aber so: Sie sind grundsätzlich dagegen und werden im entscheidenden Fall sowieso übergangen, wie schon bei der Übersiedlung in den Biegwald. Man muß nur einigen Ortsbeiräten inoffiziell bescheidgeben, dann umziehen lassen und nachher behaupten, es hätten doch alle gewußt.
Bei so viel überzeugungskräftiger Vernunft mußten die Bauwägler also schließlich Einsicht
zeigen, zurück blieben nur das Gerücht, Mercedes Benz hätte Interesse an dem Gelände und der Verdacht, daß die politischen Zusammenhänge mit der Au, dem Exzess usw. ein wenig zerpflückt werden sollten Ein Gelände am Schwedlersee/Osthafen war so furchtbar, daß die Biegwaldsiedler erstmal behaupteten, der Boden sei zu stark belastet, was sich dann auch glücklicherweise als wahr erwies. Ans Nordwestkreuz zwischen der A5 nach Kassel, der A66 nach Wiesbaden und der Lorscher Straße zu ziehen, war wohl auch von städtischer Seite eher scherzhaft gemeint und wurde spätestens fallengelassen, als die nahegelegene Autobahnmeisterei die Pointe lieferte, indem sie Autobahnvermüllungsgefahr anmeldete.
Komm! Ins offene Messer, Freund!
Wir können es nur vermuten, doch daraufhin muß ein gewaltiger Prozeß des Umdenkens stattgefunden haben, ohne den der weitere Verlauf der Dinge weit weniger professionell erschiene. Eines Tages kam mit einem unangekündigten City-Tours Bus die Einladung in den Biegwald, einzusteigen und sich zwei Ersatzgelände anzusehen. Taktisch brillant ging es zuerst zur Landfahrersiedlung nach Bonames (nördlichstes Frankfurt). Hier wollte Koenigs ein zusätzliches Areal planieren und die Leute dort unterbringen, fand sich jedoch sofort umringt von Landfahrern, deren Sozialarbeitern und Biegwäldlern, die alle nah daran waren, ihn plattzumachen. Die Landfahrer haben nämlich so wenig Platz, daß sie neue Parzellen nicht mal an ihre eigenen Leute vergeben können: Wer heiratet muß entweder zusammenrücken oder wegziehen.
Daraufhin stiegen alle wieder in den Bus und fuhren in den Osten Frankfurts zur Borsigallee in den Schlamm, womit nun der eigentliche Trumpf ausgespielt war. Denn im direkten Vergleich zu dem gerade Erlebten erschien dies Gelände hier ungleich machbarer. Als tags darauf einige Leute aus dem Biegwald, die die City-Tour verpaßt hatten, ans andere Ende Frankfurts fuhren, um sich das einmal anzusehen und sich an den Kopf faßten, half das auch nichts mehr, denn eine Woche später wurde mit einem Vertrag noch einmal kräftig nachgelegt. Ganze anderthalb Tage Bedenkzeit gab es noch bis zur Magistratssitzung, in der bei fehlender Unterschrift die Räumung beschlossen werden würde. Keine Diskussionen, keine Nachbesserungen, nach dem Motto: „Komm! Ins Offene, Freund! So oder gar nicht!”.
Die 29 Bewohner wurden als Vertragspartner zu einer GBR zusammengeschlossen und sind also namentlich bei der Stadt bekannt. Eine Duldung von weiterem Zuzug ist unklar, das Ordnungsamt tauchte jedoch schon auf, fotografierte und verschwand bisher folgenlos. Der Zwischennutzungsvertrag läuft bis Februar 1994 (Koenigs: „Es gibt kein Leben nach dem Tod”), ist jederzeit kündbar und beinhaltet keine Wasser-, Abwasser- und Stromversorgung. Das mit dem Wasser ist noch nachvollziehbar, da die Stadt verpflichtet ist, auch für Abwasserleitungen zu sorgen, sobald sie Zuleitungen legt und das zu teuer käme. Der fehlende Stromanschluß ist vollkommen unverständlich, weil es Strom auf jeder noch so entlegenen Baustelle als erstes gibt. Die Post kommt, dafür die Müllabfuhr nicht, und auch für den dort herumliegenden Altmüll stellte die Stadt die versprochenen Container nicht bereit mit der Begründung, sie würden beim Transport über den Feldweg, der zur Siedlung führt, Aste von Bäumen abknicken.
Die Bodenverseuchung ist noch ein ganz eigenes Thema. Laut Koenigs im Ortsbeirat Seckbach/Fechenheim wurde das Gelände „Mehrfach industriell umgewälzt”, was unter anderem heißt, daß in unmittelbarer Nähe mal eine Torpedofabrik gestanden hat. Bei leichten Grabungsversuchen kommen auch sofort verschiedenster Müll und Schrott, u.a. merkwürdige Fässer zum Vorschein. Der neueste Witz in dieser Sache ist ein Schreiben vom Ordnungsamt, in dem steht, daß der Feldschutz beträchtliche Bodenverunreinigungen ausgemacht habe, die, wenn nicht umgehend beseitigt, zur Kündigung führten. Auf der anderen Seite zeigt sich die Stadt dafür wieder großzügig, wenn sie die garantierte freie Zufahrt zu dem Gelände vollkommen verschlammt beläßt.
Der Ortsbeirat erfuhr nach der üblichen Ubergangsbehandlung Koenigs erst von dem Umzug, als die Bauwagen schon an ihrem neuen Platz standen. Es macht jedoch keinen Sinn, den Koenigsteufel an die Wand zu malen. Er ist durchaus gespalten in seinen Intentionen. Einerseits mögen ihm grünes Gewissen und grüne Programmatik und die Angst vor politischem Identitätsverlust im Nacken sitzen. Die wohnungspolitischen Grundsätze seiner Partei listen Bauwagen immerhin als unterstützungswürdige alternative Wohnform auf. So setzte er sich also, wenn auch widerwillig, für die Bauwagensiedler ein und unterstützte sie gegen die CDU-Ortsbeiräte, die Angst vor Diebstählen, hafenstraßenähnlichen Zuständen anmeldeten und befürchteten, auf der Borsigallee könnte demnächst kein Mercedes mehr geparkt werden. Andererseits verfolgt er natürlich seine eigenen Interessen und hat es geschafft, das Problem erstmal auf Eis und vor allen Dingen außerhalb GrünGürtelFrankfurt zu legen, sowohl lokal als auch vom öffentlichen Bewußtsein her gesehen. Und wieviel ihm daran liegt, zeigt ja die Überreaktion, mit der er in dieses Näpfchen überhaupt erst hineingetreten ist.
Das Visions- und Verewigungsgetue darf dabei nicht unterschätzt werden. Dies ist der gemeinsame politische Nenner aller Vorantreibenden, auch wenn einige unter diesem Deckmantel ihre ganz eigenen Verewigungsprobleme lösen, wie es z.B. der hochangesehene Berliner Stadtplaner und Anthroposoph Herbert Seiberth im „politisch-poetischen” Buch tut. Schlimmer als sein Doppelgänger Hörb Seibert aus den Sondermann-Seiten der Titanic, nämlich vollkommen ernsthaft träumt er davon, 2065 noch im Ochsenkarren durch GrünGürtelFrankfurt zu schaukeln. Dabei stopft er uns mit einer unglaublichen Menge multi-kulturellen Quarks voll, damit wir nicht merken, daß er eigentlich nur kleine albanische Mädchen, die Natalie heißen, ficken will: „Es war am Spätnachmittag, beim gutbesuchten interkulturellen LämmerbratenPicknick auf der von florenfremden Nadelhölzern umsäumten Cohn-Bendit-Wiese ... Die Robinien blühten und der Holunder streckte seine cremefarbenen Blütenteller dem Sommer entgegen. Nachdem wir den daraus gewonnenen Saft genossen und bei Kicherebsenmus und Ayran den Blick über die gepflegte Wildnis des Frankfurter Stadtwaldes hatten schweifen lassen, bot uns Onkel-Toms-Gipfelhütte Schutz vor dem kurzen Regenschauer, der den warmen Wald zum Dampfen brachte.” Dabei wird in den „Vereinigten Staaten von Europa” natürlich kräftig gegoethelt, -hölderlint und -rudolfsteinert, übertroffen nur durch solche unverschämten Selbstverschätzungen wie: „Stets waren es die unbotmäßigen Bürger, Verbände, Hausbesetzer, die ,Szene’, die Querulanten, die den zarten Wachstumspool der Geschichte bildeten.” Sowas gehört alles mit zu dem Konzept, vor dem die Bauwagenleute an die Borsigallee weichen mußten. Das interessiert sie jedoch einen feuchten Dreck, denn von dem haben sie dort viel zuviel.
Raymund Burghardt