Im letzten Akt fließt immer Blut
„Der Weg der Veröffentlichung ist zugleich die Kapitulation vor weitergehenden Ansprüchen”, stand in der Erklärung der Revolutionären Zellen vom Dezember 1991, die der diskus unter der Überschrift „Moral und Politik” in seiner vorigen Ausgabe (1/1992) publizierte. Nur einen Monat später folgte im Januar 1992 eine weitere Schrift, in der Revolutionäre Zellen ihre Selbstauflösung bekanntgaben (dokumentiert in: „konkret”, 3/1992, „Das Ende unserer Politik”).
„Unser Ziel ist und war die Verbreitung des bewaffneten Widerstandes, war und ist die Unterstützung eines Netzes autonomer Gruppen, die als bewaffnete Tendenz innerhalb der Bewegung in ihren Städten und Regionen aus sich heraus aktionsfähig sind, die dort mit den Methoden der Subversivität Widersprüche forcieren und auf den unteren Gliederungen des Machtgefüges intervenieren, die also das Handlungsarsenal der legalen Linken um ihre Möglichkeiten der Sabotage, der Bestrafung, der Gegenwehr, der Eroberung von Lebensmöglichkeiten erweitern. Es geht uns, platt gesagt, zunächst und vor allem um die Zersetzung des Fundaments von Herrschaft, nämlich Ohnmacht, also um die Veränderung der Menschen und nicht darum, ,den Staat zu kippen’.
Denn das Herz des Staates ist das Volk und sind nicht seine einzelnen Repräsentanten.” (RZ, 1981) I m Mai 1972 startete die RAF ihre erste militärische Offensive, Ende des Jahres befanden sich ihre allesamt öffentlich bekannten Köpfe bereits in Haft. Als 1973 die ersten Gruppen der revolutionären Zellen ihre Tätigkeit aufnahmen, konnten sie auf diese negativen Erfahrungen der RAF zurückgreifen. So gründeten sich die RZ in dem Wissen, daß auf organisatorischer Ebene der beste Schutz vor staatlicher Verfolgung und politischer Isolation die gänzliche Anonymität ihrer Mitglieder und eine dezentrale, nicht hierarchische Arbeitsweise ist. Dies ermöglichte den unbekannten Militanten, an Diskussionen und legalen Bewegungen der radikalen Linken weiterhin teilzunehmen, eine Verselbständigung militärischer Politik zu vermeidenund die Fahndungsapparate des Staates ins Leere laufen zu lassen. Die RZ wollten keine AvantgardeOrganisation aufbauen, keine Stellvertreterpolitik machen. „Alle müssen alles können”, war gleichermaßen Hoffnung wie Anspruch der Zellen: „Es gibt das Gerede von Leuten, die so tun, als wüßten sie was (agit 88a), daß man dazu mindestens 10 Mann (!) braucht, mit 3 klandestinen Wohnungen in der BRD, 5 Ausweichwohnungen, 5 Garagen, ‘nem Haufen Kontakten im Ausland usw. Das ist absoluter Quatsch!
Dabei kann nur zweierlei rauskommen: entweder sie kommen vor lauter Logistik aufbauen nie zu Aktionen, oder die Bullen schnappen sie weg, weil sie sich genauso verhalten, wie‘s im Fahndungsraster steht.
Andere erzählen, der erste Schritt wäre die Illegalität und der zweite die Bank. Das ist genauso idiotisch. In die Illegalität geht man erst dann, wenn man absolut muß. Die BRD ist viel zu gut durchorganisiert, als daß sich hier der Kampf aus der Illegalität heraus führen ließe. Und in ‘ne Bank geht man nur, wenn klar ist, daß Geld für eine Aktion gebraucht wird und das Geld sich nicht andersweitig auftreiben läßt.(...) Das Prinzip, viele selbständige Widerstandszellen zu gründen ist richtig, weil das gewährleistet, daß jede Zelle ihre eigene Politik macht, daß sich die vielfältigsten Initiativen und Kampagnen entwickeln, und weil es für die Bullen keine Methode gibt, diese Struktur aufzubrechen. Man kann dafür kein Fahndungsraster aufstellen, das einzige, was einem das Kreuz brechen kann, ist ein dicker Fehler oder ein gottverdammter Zufall.
Also viel Spaß und paßt gut auf euch auf! ” (RZ, 1978) Anders als der Roten Armee Fraktion gelang es den Revolutionären Zellen, eine Verabsolutierung des Militärischen zu vermeiden; sie verstanden sich nur als eine „Tendenz” der radikalen Linken, die aus den Bewegungen der siebziger und achtziger Jahre heraus versuchte, politische Auseinandersetzungen zuzuspitzen: „Die Überwindung legaler Strukturen und legalistischen Denkens ist die Voraussetzung der Entwicklung einer freien Gesellschaft. Grundlage des legalistischen Denkens ist, daß Aufklärung in der spätkapitalistischen Gesellschaft leicht zum Konsum wird und so die den verrechtlichten Verhältnissen verhaftenden Denkstrukturen nicht aufgebrochen werden können. Die ökonomische Gewalt und andere Gewaltverhältnisse sind als rechtmäßige verinnerlicht, und diese Gewalt muß wieder sichtbar gemacht werden durch Verletzung der Legalität. Damit versuchen wir, auch in der Form des Widerstandes unser Ziel zu verdeutlichen und erfahren dies als ein subjektiv befreiendes Moment. Unsere subversiven illegalen Aktionen sind ein Mittel, legalistisches Denken zu brechen und zu einer Stabilisierung der militanten anti-institutionellen Linken beizutragen.” (RZ, 1981, „Subversiver Kampf in der Anti-AKW-Bewegung”) In ihren Schriften erklärten die RZ die Taktik der Stadtguerilla zum Ausdruck einer „Defensive und Schwäche” der Linken und nicht etwa zum Ersatz für eine „revolutionäre Massenbewegung”. Sie meinten, „es wäre eine Illusion anzunehmen, daß subversive/illegale Aktionen in der BRD auf eine breite Zustimmung stoßen, daß sie populär sind. Aber sie können es werden und das ist unsere Hoffnung...” (1981). Die RZ übten Ideologiekritik am bürgerlichen Fetisch vorgeblich gewaltfreier Verhältnisse und hatten klare Vorstellungen über das Kräfteverhältnis zwischen Linken und Rechten in der Bundesrepublik: „Angriffe gegen zentrale staatliche Institutionen halten wir zur Zeit für politisch unmöglich: wir können die Machtfrage nicht stellen! Wir führen keinen Krieg! Wir stehen vielmehr immer noch am Anfang eines langwierigen, mühseligen Kampfes um die Köpfe der Menschen - nicht in irgendeiner militärischen Etappe um einen militärischen Sieg!” (RZ, 1981) Phasenweise waren die RZ das, was sie sein wollten, „eine populäre Guerilla” - zumindest für die Linken. Der RZ unterliefen jedoch auch schwerwiegende Fehler. Insbesondere Entebbe 1976 (siehe diskus 1/1992) offenbarte zudem entscheidende theoretische Schwächen der frühen RZ. In der Folge nahmen die RZ von dem damals in der gesamten Linken verbreiteten allzu vereinfachten Antiimperialismus Abschied. Ebenso stellten sie ihre antizionistische Propaganda ein, und wandten sich statt dessen Anfang der achtziger gegen antiamerikanische und nationalistische Tendenzen in der Bundesrepublik. Nach dem Bruch mit dem abstrakten Internationalismus der siebziger Jahre bezogen sich die RZ auf die sozialen Kämpfe in der Bundesrepbublik und thematisierten aus diesen die imperialistische Politik der BRD. 1981 verunglückte ein Attentat auf den hessischen Minister für Wissenschaft und Technik Karry zum Mord. Für dieses Attentat mußten die Revolutionären Zellen die Verantwortung übernehmen, obwohl sie es ablehnten und öffentlich scharf kritisierten. Die Attentäter, die den verhaßten Minister nur anschießen wollten, hatten sich im Namen der RZ erklärt und zeigten damit ein in der Geschichte der RZ sich allerdings in der Form nicht wiederholendes Problem beim Aufbau selbsttätiger Widerstandszellen.
In der Regel waren die auf Sachschäden zielenden Anschläge der RZ (z.B. auf Startbahn-Firmen, AKW-Betreiber, militärische Einrichtungen) der Linken politisch vermittelbar. Zudem verbreitete die Guerilla klassentheoretisch fundierte Analysen, präziser und intellektuell weitaus anregender, als viele der übrigen militanten Linken.
Ab Mitte der achtziger Jahre orientierten die Kampagnen der Revolutionären Zellen verstärkt auf die Bekämpfung des institutioneilen Rassismus. Die RZ führten eine Reihe von Anschlägen auf staatliche Stellen durch, die vor allem auch auf die Vernichtung von Aktenmaterial zielten, um „den Flüchtlingen eine Atempause zu verschaffen” und „für das freie Aufenthaltsrecht für alle Flüchtlinge und Immigranten” zu agitieren. So verübten die RZ unter anderem Brandanschläge auf das Ausländerzentralregister in Köln, auf die Dortmunder Außenstelle des Bundesamtes für die Anerkennung von Asylbewerbern in Zirndorf und auf ein Gebäude der Zentralen Sozialhilfestelle für Asylbewerber in Berlin. Fehlgeschlagene Brandanschläge richteten sich gegen die „kämpfenden Verwaltungen” der Düsseldorfer Staatskanzlei und des Sozialministeriums, um „in die Auseinandersetzung zwischen den NRW-Behörden und den von rassistischer Sonderbehandlung und Abschiebung bedrohten Roma einzugreifen”. Dem Chef der Berliner Ausländerpolizei, Harald Hollenberg, und dem Vorsitzenden Richter des Asylsenats am Bundesverwaltungsgericht, Günther Korbmacher, schossen Revolutionäre Zellen in die Knie. Zu dem Attentat auf Korbmacher schrieben die RZ: „Jemandem der Menschen in die Folter oder einen drohenden Tod schickt, kann man nicht das Auto anstecken oder eine Abreibung verpassen. Das ist unangemessen und verniedlicht sein Verbrechen. (...) Uber die strategische Funktion seines Amtes hinaus legt der Vorsitzende Richter am obersten Asylsenat Dr. Günther Korbmacher einen ausgesprochen eigenen politischen Geltungsdrang an den Tag. Auf dem Höhepunkt der rassistischen Hetzkampagne gegen die Flüchtlinge warf er sich persönlich an die Medienfront, um vehement eine Grundgesetzänderung des Asylrechts einzufordern, damit in Zukunft garantiert sei, daß nur noch politisch handverlesene und ökonomisch verwertbare, vorselektierte Immigranten zur Disposition stünden. Mit entsprechender Rigorosität hat er sich dem unnachgiebigen Kampf zur Abschaffung der Nachfluchtgründe verschrieben (...) Die Entscheidung, einer Person ins Knie zu schießen, enthält eine bewußte und präzise praktische wie politische Limitierung. Der Angegriffene und unmittelbarste Tatzeuge soll überleben, ja, er muß es unter allen Umständen, denn dies ist die entscheidende Bestimmung der Aktion, selbst wenn sie zum Preis eines erhöhten Risikos für die ausführenden Genossinnen und Genossen erkauft werden muß.
Der Angegriffene ist ein Schreibtischtäter par excellence, eine Ausgeburt moderner Herrschaft, ausgestattet mit allen Insignien repräsentativer Macht, die sich selbst zelebriert. Person und Körper verschwinden dahinter, verobjektivieren sich. Richter Korbmacher, der haßt, verachtet, eindämmt, raussäubert, de facto wertes von unwertem Leben am Fließband sortiert, letzte Instanz über Leib und Leben zahlloser Menschen, ritualisiert sich erfolgreich aus seiner Person und existenziellen Verantwortungheraus.(...) Die Schüsse auf die Beine des obersten Asylrichters sollen dem kalt ausgeheckten Unrecht, der kodifizierten Brutalität, die das Leben so vieler Menschen zerstört, wieder einen Namen, ein Gesicht, einen Körper verleihen. Diese Schüsse sollen ihn zweifach brandmarken. Sie sollen ihn verletzen, eine nachhaltige Erschütterung seiner Existenz durch einen intensiven körperlichen Schmerz und eine langwierige körperliche Beeinträchtigung bewirken, und er soll leiden damit er bezahlt und versteht. Verstehen nicht im Sinne einer Läuterung - darauf haben wir keinen Einfluß -, sondern indem er mit jeder Faser seines Körpers und seines Bewußtseins in eine umgekehrte Situation gezwungen wird, der er sich unmöglich entziehen kann, die an ihm haften wird.
Und diese Schüsse sollen ihn politisch brandmarken. Sie sollen ihn ins öffentliche Bewußtsein brennen als Hauptverantwortlichen im juristischen Kampf gegen die Opfer imperialistischer Großraumpolitik, der darüberhinaus von einem persönlichen Haß und Eifer in seiner Arbeit angetrieben wird.Wir wollen den suggestiven Nimbus der Macht zerstören, durch den er sich geschützt glaubt, und ihn öffentlich vor aller Augen in die Knie zwingen (...)”.(RZ, 1987) Im Januar 1992 gaben Revolutionäre Zellen nun das Ende ihrer Politik bekannt: „Innerhalb kürzester Zeit” hätten sich „die Bedingungen linksradikaler Politik in der BRD vollkommen verändert”. „Verhältnisse haben sich aufgelöst” und eine Wechselbeziehung zwischen legaler und illegaler Politik bestünde nicht mehr. Die Auflösung „vollzieht sich im Zusammenhang einer Neugestaltung nationaler und internationaler Kontexte und einer Radikalisierung des Imperialismus, deren Ergebnisse” sie nicht kennen. „Sicher” sei nur, “daß die weltweiten Migrationen der wichtigste Indikator dieser Entwicklung sind”. Eine historisch „völlig offene Situation”, die „bisher undurchschaubar” bliebe, „weil wir mit Bildern konfrontiert werden, in denen wir das Wesen der Emanzipation der Klasse nicht erkennen”.
Die RZ stellen sich in „Das Ende unserer Politik” dümmer, als sie tatsächlich waren. Nachträglich reduzieren sie ihre antirassistischen Kampagnen auf antiimperialistische Ableitungsphrasen, die tatsächlich in fast jeder RZ-Erklärung auch enthalten waren. Im Vergleich aber zu den konkreten Begründungen für die Wahl der Anschlagsziele konnten einzelne Ableitungssätze als völlig nebensächlich gelesen werden. „Erst wenn sich erwiesen hat”, meinen nun die Abschieds-Zellen, „daß die albanischen Flüchtlinge in Italien 1991 nur die Vorboten einer Unterminierung der Festung Europa gewesen sind, werden auch hier wieder die Verhältnisse zu tanzen beginnen.” Um sich einen dramatischen Abgang zu sichern, wird hier mit zynischen Krisenszenarien gespielt, dabei beleidigt die politische Verantwortung an andere delegiert und die von den RZ einst bekämpfte ML-Orthodoxie aus den siebziger Jahren ausgekramt. Ein „revolutionäres Subjekt” ist vorausgesetzt, ohne daß diese Zellen ein Wort darüber verlieren, wie denn eine geforderte gesamtgesellschaftliche „theoretische politische Orientierung” zu entwickeln sei, die mehr beinhalte „als einzelne Versatzstücke zu bestimmten Konflikten”, wenn nicht unter militanter Bezugnahme auf die sozialen Auseinandersetzungen selbst. Den Beleg aber, daß die konkreten Begründungen für die Wahl ihrer Anschlagsziele auf einmal jegliche Gültigkeit verloren haben sollen, erbringen sie nicht.
„Den politischen Rest” bekamen diese RZ nicht - wie sie glauben machen - weil sie „zum Zerfall des Realsozialismus keine klärende Position finden konnten”, sondern weil sie sich mittlerweile bis in die Wortwahl dem „Wiedervereinigungsprozeß”, dem Mainstream - nach der Vereinigung der zwei deutschen Staaten - angepaßt haben. Dem Kanon geläuterter Ex-Linker haben sie die Verslein entnommen, „die von uns benutzten antiimperialistischen oder Sozialrevolutionären Erklärungsmuster haben gegenüber dem historischen Wandel versagt”. Die RZ zeigen sich „von der Frustration heimgesucht”, da ihre Aktionen in der Öffentlichkeit „nicht zur Kenntnis genommen” worden seien. Was haben sie erwartet? Medien und staatliches Establishment hielten sich an die RAF, an die Fehler der personifizierten „inneren Feinde”, um bewaffnete Opposition in der Bundesrepublik insgesamt moralisch zu diskreditieren. Die RZ entsprachen nicht dem Bild draufgängerischer, eiskalter, irrationaler Pistoleros und fanden, da ihre Taten eher die Linke zur Selbstbestätigung anregte und die Bürger wenig verschreckte, in den Medien wenig Beachtung.
Die Linke hat sich aus zwei Gründen in der Regel nicht öffentlich mit den RZ beschäftigt. Zum einen lastete auf ihr ein starker staatlicher Druck, mittels Gesinnungsparagraphen wie dem 129a allein durch die Beschäftigung mit sogenannten „anschlagsrelevanten Themen” kriminalisiert zu werden. Zum anderen benutzte der integrationswillige Teil der Linken die dazu wesentlich besser geeignete RAF als Projektionsfläche, um die eigene militante Vergangenheit unter geringstmöglichem Gesichtsverlust loszuwerden, politische Auseinandersetzungen mit den RZ aus Opportunitätsgründen einfach meidend. Eine Taktik, mit der sich nun die RZ selbst versucht, indem sie behauptet: „Heute, zu einem Zeitpunkt rassistisch motivierter Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte, verbietet sich der Gebrauch von Feuer und Flamme als Mittel revolutionärer Poltik in diesem Bereich von selbst”. Ihr neues Diktum begründen die Zellen erst gar nicht. Auch die nachgeschobenen Zeilen, es gäbe „einen dreckigen, geheimdienstlich durchsetzten Terrorismus”, muten eher grotesk an. Oder meinen die Zellen, ihre Anschläge auf Ausländerdateien seien mit geheimdienstlichen Tätigkeiten zu verwechseln gewesen? Erstaunlich ist auch, was am „Ende unserer Politik” noch so alles steht. „Der letzte Aspekt unserer Reflexion”, schreiben die Zellen, „betrifft unser Verhältnis zum sogenannten ‘Internationalen Terrorismus“. Durch die Offenlegung der Stasi-Akten, durch Presseberichte über Carlos und Co.”, scheinen die Zellen tief erschüttert, ohne allerdings ins Detail zu gehen. Die RZ deuten zwar „alte Geschichten”, „Fehler”, „Komplex” und „Blauäugigkeit” an, der eminent interessanten Verbindung von RZ und „Presseberichten über Carlos und Co.” gehen sie leider nicht nach. Dabei wurde Carlos nach Angaben der FAZ dabei gesehen, als er im September von Syrien nach Libyen, von Libyen zurück nach Syrien und dann von Syrien in die Republik Jemen gereist sei. „Gegenwärtig soll sich Carlos im Irak aufhalten”, schloß die Notiz über den „Aufenthaltsort des Terroristen Carlos” in der FAZ vom 29.11.1991. In der Vergangenheit gab es so manche „Presseberichte über Carlos und Co.” Der Spiegel widmete dem „TopTerroristen” schon 1976 eine Serie, in der zu lesen war, daß Carlos „sich noch elender fühlte, als er plötzlich von Durchfall mit schneidenden Magenschmerzen befallen wurde.” Einmal sei es Carlos so schlecht gegangen, „daß er überzeugt war an Amöbenruhr, zu leiden”. Und „Jahre später vertraute er Freunden in England an, zu den schlimmsten Erfahrungen eines Mannes gehöre es, in einem arabischen Abtritt ohne Sitz gegen Durchfall ankämpfen zu müs» sen...
Mit dem Phantom-Terroristen - der nach Presseberichten bis zu 40 Guerilla-Kommandos gleichzeitig geleitet haben soll, und der auch für den Spiegel schon vor 16 Jahren „kaum wiederzuerkennen” war („wahrscheinlich hatte er sich einer Gesichtsoperation unterzogen. Das schwere Unterkinn und der Ansatz eines Doppelkinns waren völlig verschwunden, der Haaransatz lag tiefer...”, Der Spiegel, 32/1976) - mit diesem Phantom hielt auch die Gauck-Behörde Einzug ins RZ-Papier. Inwiefern „die Offenlegung der Stasi-Akten” die RZ so schwer getroffen hat, bleibt wie so vieles am Ende ihrer Politik RZ-Geheimnis. Vielleicht beziehen sie sich auf Veröffentlichungen über militante westdeutsche Linke wie Till Meyer oder Brigitte Heinrich. Till Meyer saß wegen seiner Mitgliedschaft in der Guerillabewegung 2.Juni 13 Jahre in westdeutschen Knästen. Nach seiner Haftentlassung 1987 arbeitete Meyer nicht nur für die taz sondern auch für das Ministerium für Staatssicherheit der DDR. In einem taz-Interview erklärte er seine Beweggründe. Er hielt die DDR für den gerechteren der zwei deutschen Staaten, hätte durch seine Tätigkeit keine Leute in Gefahr gebracht, sondern vor allem im Westen Fehlinformationen ausgestreut, damit über den Verbleib der ausgestiegenen und in der DDR exilierten RAFLeute nichts bekannt wurde. RAF-Aussteiger vor der bundesdeutschen Rachejustiz zu schützen, kann wohl auch für die RZ kein Zeichen für „die Schwäche politischer Moral” sein. Ebensowenig, daß sich Meyer im Laufe seiner Haft von den antiautoritären Vorstellungen des 2.Jurii entfernt hatte und vermeinte, als außenpolitischer Berater seinen positiven Einfluß auf die SED-Politik geltend machen zu können (schließlich hat er damit weder im Westen noch im Osten Oppositionelle ans Messer geliefert).
Auch die 1987 gestorbene Brigitte Heinrich wird nach bisher unüberprüft veröffentlichten BK A-Informationen in der Presse als mögliche Zuträgerin des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR genannt. Brigitte Heinrich, langjährige diskus-Redakteurin, gehörte zu den bekannteren der militanten Frankfurter Linksradikalen in den siebziger Jahren. Sie wurde mit zahlreichen Strafverfahren belegt, ohne daß sie sich deswegen von der militanten Linken distanzierte und ohne daß die Justiz die behauptete „Unterstützung einer kriminellen Vereinigung” jemals nachweisen konnte. Letztlich wurde sie dennoch zu 21 Monaten Haft ohne Bewährung abgeurteilt. Später arbeitete sie von 1982-83 für die taz und saß als Abgeordnete der Grünen ab 1984 im Europaparlament. Ob sie nach 1982 „(Ex-)Genossinnen in Frankfurt, Berlin, Straßburg, Brüssel und anderswo ausspioniert, ‘eingeschätzt“, verraten und an die Stasi verkauft” haben könnte, bleibt die wichtigtuerische Spekulation eines ihrer „(Ex)-Genossen” in der taz vom 29.2.1992. Genausowenig ist bislang bekannt, was es denn an so geheimnisvollen Orten wie dem Straßburger Europaparlament oder in Frankfurt/Bockenheim „auszuspionieren” gab. Und als Anhängerin der diversen K-Kadergruppen war Brigitte Heinrich gerade nicht bekannt.
Weder in derartigen Berichten noch aus den Zeilen der RZ wird erkennbar, warum ausgerechnet der den Staatssozialismus ablehnenden militanten Linken in der BRD mit der „Offenlegung der Stasi-Akten” Schmach und Schande widerfahren sollte Doch wer wie die RZ - um den Preis der Selbstaufgabe - „wieder eine Chance zu bekommen” versucht, „als politische Subjekte in den gegenwärtigen gesellschaftlichen Prozeß eingreifen zu können”, muß vorrausschauend seine bisherige Geschichte - „als politisches Subjekt” - ersteinmal denunzieren. Dies ist die Botschaft von Erklärungen wie dem „Ende unserer Politik” und jener Presseberichte, die wider besseres Wissen von den Zellen heute einfach nachgekaut werden.
Dieser Tage erscheint in der Edition Tiamat die Wiederauflage von „Die alte Straßenverkehrsordnung”. Der Band enthält unter anderem zwei wichtige frühe Texte der RAF und erinnert im Vorwort von 1986 daran, „daß Gewalt ein Mittel zur radikalen Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse ist, und ebenso ein Mittel zu ihrer Konservierung, was heute in der BRD niemand mehr wissen mag, obgleich gerade hier die Demokratisierung der Gesellschaft von der gewaltigsten Streitmacht der Weltgeschichte militärisch erkämpft werden mußte.” Die RZ hätten viele gute Gründe angeben können, warum sie es vorziehen, in Rente zu gehen. Sie wählten den beifallsheischenden Weg der Selbstdenunzierung.
Kleine Wolke über Nadelgehölz