Kaum hatte man sich auf den Begriff „Hardcore” als Bezeichnung für die Weiterentwicklung des Punkrock in den achtziger Jahren geeinigt, erwies sich dieser schon wieder als viel zu ungenau. Schuld daran waren neben anderen Victims Family aus San Francisco, die in ihrer Musik die unterschiedlichsten Stilrichtungen mit der für sie typischen Hektik zusammenfügen. Da ihre schrägen Harmonien und ihre zerhackten Songstrukturen auch ein wenig an Jazz erinnern, entstand die Bezeichnung „Jazzcore”, die aber nur einen kleinen Teil der Einflüsse beschreiben kann, die in der Musik von Victims Family komprimiert werden. 1986 erschien „Voltage & Violets”, ihre hervorragende Debut-LP, der zwei Jahre später die teilweise zerfahrene Fortsetzung auf „Things I hate to admit” folgte. Mit einem neuen Schlagzeuger und mit John Wright von NoMeansNo als Produzenten entstand 1990 das äußerst eingängige „White Bread Blues”-Album und dieses Jahr „The Germ”.

Nicht nur die Musik macht Victims Family interessant, sondern auch ihre Texte. Meist gelingt ihnen die Kritik des alltäglichen Schwachsinns, ohne dabei in den missionarisch-moralischen Gestus der straight-edge-community zu verfallen. Wir unterhielten uns mit Ralph Spight (Gitarre und Gesang), Larry Boothroyd (Bass) und Tim Solyan (Schlagzeug).

diskus: Seid Ihr in San Francisco Teil einer politischen Szene? Gibt es bei euch besetzte Häuser und solche Sachen?Larry: Hausbesetzungen sind bei uns fast unmöglich. Die besseren Clubs bei uns haben so ein bißchen die Atmosphäre von den besetzten Häusern hier in Europa, da arbeitet man mit den Bands zusammen, aber die zahlen natürlich auch Miete. Wer das nicht mehr tut, wird sofort geräumt.

Ralph: Es ist ziemlich schwer, überhaupt noch Strom und Wasser zu kriegen, wenn man ein Haus besetzt Larry: Diese ganze Hausbesetzerszene ist völlig unterentwikkelt, da geht es nur um das reine Überleben, um das Dach überm Kopf. Für uns ist das richtig erstaunlich, daß die Leute hier in den besetzten Häusern immer noch Strom und Wasser kriegen.

diskus: Ihr habt mal in einem Interview gesagt, daß Ihr hier in Europa nicht mit Primus zusammen spielen wolltet, weil die nur in den großen Clubs auftreten möchten und nicht in besetzten Häusern. In San Francisco aber würdet ihr schon mit ihnen zusammen spielen. Ist das wirklich so eine Grundsatzentscheidung, wo und mit wem man hier in Europa tourt?

Tim: Primus haben eine ganze andere Einstellung zu dem, was sie mit ihrer Musik machen wollen und wo sie spielen möchten. Früher haben wir mit ihnen zusammen gespielt, als sie noch nicht diese Riesenkonzerte mitgemacht haben. Wenn sie hier in Europa sind, haben sie eben keine Lust, mit ihrem kleinen Bandbus in der Gegend rumzufahren. Übrigens sind sie hier gerade mit Rush unterwegs und spielen in irgendwelchen Stadien. Also haben wir gar keine Chance, äh, ich meine, wir haben überhaupt keinen Grund, mit ihnen hier zusammenzuspielen.

Ralph: Wenn wir hier mit Primus touren würden, mit diesem ganzen großen Rock’n’Roll-Scheiß, wäre das für die Leute hier unser Ausverkauf. Auch aus meiner Sicht natürlich Larry: Ja, jetzt erinnere ich mich, daß ich das mal in einem Interview gesagt habe mit Primus. Damals hatten sie noch keine richtige Tour in Europa gemacht und waren aber auch überhaupt nicht daran interessiert, so eine Graswurzel-Tour in besetzten Häusern zu machen. Ich bezweifel aber inzwischen, daß wir selbst in den Staaten überhaupt noch mal mit ihnen zusammen spielen werden.

Tim: Auch bei uns haben sie eine Tour mit Rush zusammen gemacht, daran sieht man ja, wie sie jetzt drauf sind.

diskus: Ich war neulich hier bei den Red Hot Chili Peppers, da waren vielleicht fünftausend Leute da, und du kannst dich dabei wirklich nicht mehr amüsieren. Du hast nur kleine Punkte auf der Bühne gesehen, der Sound war schlecht und es gab nur zwei Bierstände, die hoffnungslos überlaufen warenTim: Fünftausend Leute und alle wollen Bier! Es ist aber auch schwer für Bands, die wir hier so mögen würden, und die dann bekannter werden. Wenn fünftausend Leute sie sehen wollen, dann haben sie auch ein Recht dazu. Wenn wir hier irgendwo spielen, wo uns dreitausend Leute sehen wollen, wärs ja vielleicht noch schlimmer, dann irgendwo zu spielen, wo nur achthundert reinpassen. Ich weiß zwar nicht, was die Chili Peppers überhaupt für einen Status haben ...

Ralph: Naja, sie sind halt berühmt. Aber verdammt nochmal, ich spiel’ auch gern vor fünftausend Leuten, aber wir kümmern uns auch darum, daß die Eintrittspreise nicht so hoch sind, daß unsere T-Shirts nicht so viel kosten. Diese ganze Independentidee bedeutet uns wirklich noch was. Wenn du diese Interviews liest mit Bands, die sagen, o.k., wir sind auf einem kleinen Label und hoffen, irgendwann mal bei einem Major zu unterzeichnen, dann hat das nichts mehr mit der ursprünglichen Idee der Independent-Label zu tun. Dabei ging es ja darum, dieses ganze Rock-Star-Ding abzulehnen, gute und billige Konzerte zu machen, wo du die Barrieren zwischen Band und Publikum wegnimmst und den ganzen Mythos zerstörst. Dieses Denken ist ziemlich verloren gegangen in der Independent-Szene.

Larry: Das wird alles nur noch als Sprungbrett betrachtet. Tim: Das Problem ist, daß fast jeder denkt, wenn du in einer Band spielst, willst du immer berühmter und erfolgreicher werden. Die erste Frage bei den meisten Interviews, die wir auf dieser Tour gemacht haben, war immer: Würdet ihr nicht gerne auch so erfolgreich sein wie Nirvana? Dabei wollen wir nur unsere Musik weitermachen und nicht um jeden Preis so viele Platten wie nur möglich verkaufen.

diskus: Könnt Ihr von Eurer Musik leben ?Alle drei:

diskus: Was für Jobs macht Ihr ?

Tim: Ich arbeite als Möbelträger in einem Warenhaus.

Larry: Ich arbeite mal da, mal dort, alles was ich kriegen kann. Und es ist schwer, was zu kriegen.

Ralph: Ich habe seit der letzten Tour nicht mehr gejobt und bin total pleite. Wenn ich zurückkomme, muß ich mir sofort wieder einen Job suchen.

Nicht erst seit dem gigantischen Aufstieg von Nirvana stellt sich für viele Bands, die ursprünglich aus dem IndependentBereich stammen, die bange Frage, wie erfolgreich man eigentlich sein darf. Die Skepsis gegenüber der großen Rock-Industrie, die Victims Family äußern, hat zwar nach wie vor gute Gründe, wird aber auch von ihnen nicht mehr mit jener Emphase vorgetragen, die für den Beginn der Independent-Szene kennzeichnend war. Inzwischen ist sich wohl jeder in diesem Bereich bewußt, daß man auch ein Teil der Rock-Industrie ist und sich kaum gegen die Funktionalisierung durch die großen Firmen zur Wehr setzen kann. Die einfache Gegenüberstellung von den „guten” IndependentLabeln und den „bösen” Major-Firmen stimmte ja noch nie und ist auch durch den immensen Erfolg von Hip-Hop-Bands mit politischen Texten ein weiteres Mal in Frage gestellt worden. An die Stelle der alternativen Selbstausbeutung tritt bei manchen dieser Gruppen die Vorstellung vom Marsch durch die Institutionen, dem „Ripping up the industry” (Black Radical MK II).

diskus: Es ist ja noch ziemlich ungewöhnlich, daß ein Hip-Hop-Künstler wie Ice-T in einer reinen Hardcore-Band wie „Body Countmitspielt. Wie seht Ihr die gegenseitige Beeinflussung der beiden Szenen fRalph: Die Tanzmusik wird immer härter und die Fleavy-Musik wird immer tanzbarer, wäre doch ganz schön, wenn sich alles in einem great big unending groove trifft. Ich finde, das ist eine positive Entwicklung.

Larry: Cross-Over ist halt der Trend, so wie etwa die Barrieren zwischen Funk und Metal aufgehoben worden sind. Dann kommt aber auch immer die Welle von den ganzen Bands, die sich da dranhängen und die Stile fusionieren, ohne sie weiterzuentwikkeln.

Tim: Ich kanns gar nicht abwarten, diese ganzen Nirvanas zu sehen, die im nächsten halben Jahr herauskommen werden. Das wird ziemlich schrecklich und auch ziemlich lustig. Überall im Fernsehen nur noch Flanell-Hemden und strähnige Haare. Und jeder wird sein Equipment zertrümmern...

Larry: Pete Townshend lebt!

diskus: Habt Ihr direkten Kontakt zur Hip-Hop-Szene oder ist das alles doch eher getrennt?

Ralph: Naja, es gibt immer noch gewisse Barrieren zwischen den communitys, immer ein wenig Mißtrauen. Ich würde gern mal mit Hip-Hop-Bands zusammen spielen, aber bis jetzt haben wir das noch nicht gemacht.

Larry: Ich denke, daß die ganze Rap- und Hip-Hop-Szene ziemlich Business-orientiert ist. Vieles davon ist total kommerziell und hat auch nicht viel Inhalt. Besonders Rap basiert vor allem auf Konkurrenz, und ich hoffe, daß das nicht von anderen übernommen wird. [Ralph setzt zum Protest an.] Natürlich trifft das nicht auf alle zu. Aber hier sehe ich einen der Gründe, warum es keine völlige Übereinstimmung gibt.

Ralph: Die Schwarzen in Amerika sind so lange von den Weißen ausgebeutet worden, und jetzt machen sie etwas, was die weißen Kids gerne hören. Rock’n’ Roll ist von den Schwarzen erfunden worden und die Weißen haben ihn vermarktet und daran verdient Jetzt verdienen halt die eigentlichen Erfinder daran, und ich finde das sehr positiv. Aber dann hast du halt auch bald solche Sachen wie den Pat Boone des Rap ...

diskus: Es gibt hier in Europa immer noch viele Vorbehalte gegen die Hip-Hop-Szene Einerseits findet es jeder gut, daß schwarze Musik eine solche Massenakzeptanz gefunden hat, andererseits stößt es manchen Leuten auf, daß viele Rap-Texte sexistisch oder nationalistisch sindRalph: In jeder Art von Musik hast du bescheuerte messages. Guck dir den Unterschied zwischen Fugazi und G.G. Allin an, da liegen Welten dazwischen. Arschlöcher gibt es in jeder Musikrichtung.

Larry: Und wer war jetzt eben das Arschloch?

Ralph: Also ich meine, G.G. Allin braucht kein Publikum, der braucht eine Therapie!

diskus: Habt Ihr eigentlich mit Euren Texten schon mal Schwierigkeiten bekommen, zum Beispiel, wenn Ihr irgendwo auftreten wolltet?

Ralph: Sehr selten. Ich kann mich nur an ein einziges Mal erinnern, als ein Veranstalter die Texte gelesen hat und danach die Show nicht mehr machen wollte. Insgesamt ist diese MusikSzene aber ziemlich liberal diskus: Heißt das aber nicht auch, daß kaum jemand die Texte beachtet ?

Ralph: Ich hoffe halt, daß die Leute sich die Platten zuhause genauer anhören und auch die Texte gut finden. Manchmal ist es ein bißchen frustrierend, wenn man sich vorstellt, daß die Dinge, um die es in den Texten geht, verlorengehen. Aber am Ende weiß wahrscheinlich doch jeder, worum es geht.

diskus: Ich war hier bei einem Konzert von Consolidated, wo die Band nach dem Auftritt die Mikros genommen und sich mit dem Publikum unterhalten hat. Einerseits haben sie natürlich so eine missionarische Haltung, aber es war eben auch ganz interessant zu hören, was die Band und das Publikum eigentlich so denken.

Ralph: Da geht es halt um Konfrontation, und ich respektiere das, aber ich bin in dieser Hinsicht nicht sehr talentiert.

Larry: Ich hab sie auch gesehen, und da waren die Leute alle ihrer Meinung, und niemand hat seine Ideen verteidigen müssen. Das war keine Diskussion Ralph: Wenn sie nur predigen, dann ist das natürlich gerade das Gegenteil von dem, was sie eigentlich erreichen wollen. But I respect them a lot.

Das Interview führten Christoph Kind und Raymund Burghardt