BONN, 7. Januar. Der Zustand der Wirtschaft einer Region und ihre Beschäftigungslage hängt nach Meinung von Wissenschaftlern erheblich von der Mentalität der jeweiligen Bevölkerung ab und kann nur in Grenzen durch den politischen Anspruch gleicher materieller Lebensbedigungen beeinflußt werden. Zu diesem provozierenden Ergebnis kommt das „Institut der Wirtschaft und Gesellschaft (IWG), Bonn“ in einer von der Bertelsmann-Stiftung geförderten Untersuchung über „wirtschafts- und arbeitskulturelle Unterschiede in Deutschland“. Das Institut war Vorjahren vom jetzigen sächsischen Ministerpräsidenten Kurt Biedenkopf(CDU) gegründet worden.

IWG-Leiter Miegel sagte am Dienstag bei der Vorstellung der Untersuchung in Bonn, die Studie lege den Schluß nahe, daß auf Dauer Hilfen und Transferleistungen aus den reicheren in die ärmeren Regionen wegen der unterschiedlichen Prägungen der Bevölkerung nichts an dem wirtschaftlichen Gefälle würden ändern können. Fraglich ist nach seiner Auffassung nicht nur, ob die Politik gleiche materielle Lebensbedingungen in einem Land hersteilen kann, sondern auch, ob sie diese überhaupt herstellen soll.

Als wichtigsten Grund dafür, daß sich trotz jahrzehntelanger Ausgleichsleistungen nichts am bestehenden Wirtschaftsgefälle in Deutschland - aber auch in der Europäischen Gemeinschaft (EG) und darüber hinaus - geändert habe, nannte der Wissenschaftler unterschiedliche Arbeitsmoral und Leistungswillen der jeweiligen Bevölkerungen. Die meisten Politiker beantworteten die heikle, weil konfliktträchtige Frage nicht, ob das Wirtschafts- und Beschäftigungsgefälle - zumindest auch - in den subjektiven Neigungen und Verhaltensweisen der Betroffenen Menschen begründet sein könnte, sagte Miegel. Er bezog sich dabei auf die, wie er es nannte, Tabuisierung subjektiver Andersartigkeit ganzer Völker und Volksteile.

Dieser Tabuisierung gelte es entgegenzutreten, betonte Miegel und verwies auf den „großen deutschen Aufklärungsphilosophen“ Immanuel Kant, der seinerzeit schon die Ursache der subjektiven Andersartigkeiten in der Umweltbeschaffenheit, insbesondere des Klimas gefunden und dessen Auswirkungen nicht nur auf die „unterschiedlichen Denkund Anschauungsweisen sowie wirtschaftsund arbeitskulturellen Einstellungen, sondern sogar bis in die Feinheiten der Physiognomie“ hinein verfolgt habe.

„Der Wuchs der schwammichten Teile des Körpers mußte in einem heißen und feuchten Klima zunehmen“ zitierte Miegel aus dem Kantschen Werk, „daher eine dicke Stülpnase und Wurstlippen. Die Haut mußte geölt sein, nicht bloß um die zu starke Ausdünstung zu mäßigen, sondern die schädliche Einsaugung der fäulichten Feuchtigkeiten der Luft zu verhüten. Der Überfluß der Eisenteilchen, die sonst in jedem Menschenblute angetroffen werden, und hier durch die Ausdünstung des phosphorischen Sauren (wonach alle Neger stinken) in der netzförmigen Substanz gefället worden, verursacht die durch das Oberhäutchen durchscheinende Schwärze, und der starke Eisengehalt im Blute scheint auch nötig zu sein, um der Erschlaffung aller Teile vorzubeugen. Das Ol der Haut, welches den zum Haareswuchs erforderlichen Nahrungsschleim schwächt, verstattete kaum die Erzeugung einer den Kopf bedeckenden Wolle. Übrigens ist die feuchte Wärme dem starken Wuchs der Tiere überhaupt beförderlich, und kurz, es entspringt der Neger, der seinem Klima wohl angemessen, nämlich stark, fleischig, gelenk, aber unter der reichlichen Versorgung seines Mutterlandes faul, weichlich und tändelnd ist.“ Aufgrund dieser Evidenzen verneinte Miegel jegliche Hoffnung bezüglich einer Aufhebung des Nord-Süd-Gefälles, räumte jedoch ein, daß seine Schlußfolgerungen auch im Blick auf die deutsche Einheit erhebliche Konsequenzen hätten. Deutsche hätten in West und Ost während der zurückliegenden 40 Jahre recht unterschiedliche klimato-erwerbswirtschaftliche Prägungen erfahren. „Solche neigungs- und verhaltensbedingten Unterschiede wirtschaftlichen Handelns sollten nicht durch Transfers ausgeglichen werden“, riet der IWG-Chef. Man könne nur davor warnen, die Menschen über einen Kamm zu scheren. Die Ostdeutschen hätten sich nun mal unter dem Einfluß des stetigen Kollektivierungsklimas zu Gemeinschaftsmenschen gewandelt, die sich für Erfolge und Mißerfolge nicht selbst verantwortlich fühlen. Eine Angleichung an die individualistischere Grundhaltung der westdeutschen Erwerbsbevölkerung, welche sich durch Wettbewerbsund Durchsetzungsbereitschaft des einzelnen auszeichne, sei unmöglich. Die kurze Geschichte der deutschen Einheit habe die alte Weisheit bestätigt, daß man Wetter nun mal nicht machen könne. Angesichts der enormen Bedeutung des Klimas für den menschlichen Geistes- und Körperbau liege der Verlust dieses Wissens am Grunde des deutschen Problems: Er, Miegel, als einer der letzten wetterfühligen Menschen hingegen werde jedoch nicht ermüden, vor den verheerenden Sturmschäden zu warnen, die der Zusammenprall dieser beiden so unterschiedlichen Wetterfronten unweigerlich zeitigen müsse.

Raymund Burghardt

Weiterführende Literatur:

Kant, Immanuel, Von den verschiedenen Rassen der Menschen, Königsberg 1775

Frankfurter Rundschau, 8.1.1992, S. 1