Papa konnte gut schwimmen, er hatte eine Schwäche fürs Baden.

Mir sagte es wenig. Der Stand von Dieppe ist nicht schön. Aber schließlich waren Ferien! Und außerdem war ich noch viel schmutziger geworden als in der Passage.

Im Aux Mésanges hatten wir zu dritt nur eine kleine Waschschüssel. So drückte ich mich um die Fußbäder. Ich begann sehr stark zu riechen, beinahe so stark wie der Ausguß.

Im Meer zu baden, dazu gehörte Mut. Der Wogenkamm dampft, bäumt sich, er ist mit hunderttausend Kieseln gepflastert, er grollt, bricht sich und schnappt mich.

Erstarrt und verschärft gerät ein Kind ins Taumeln und wird umgerissen ... Eine Flut von Steingeröll zerquetscht mir zwischen den Schaumflocken alle Knochen. Erst wackelt der Kopf, er schwankt, er schaukelt, er stampft tief in den Schotter . . . Jede Sekunde kann die letzte sein ... Mein Vater in seinem Zebrabadeanzug taucht zwischen zwei brüllenden Wellenbergen auf, er schreit sich die Lungen aus .. . er rülpst, müht sich ab, faselt. Eine Woge schmeißt ihn auch um, da liegt er, mit den Quanten in der Luft ... er hüpft wie ein Frosch ... er steht nicht mehr auf, er ist futsch ... Da bricht ein furchtbarer Wirbel von Kieseln über mich herein ... ich bin durchsiebt ... ertränkt ... Schauderhaft . .. Eine Sintflut zermalmt mich ... Dann wirft sie mich wieder aus, vor die Füße meiner Mutter ... Sie will mich packen, mich herausziehen . . . es saugt mich wieder ein .. . trägt mich weg .. . Sie stößt einen furchtbaren Schrei aus. Alle Leute am Strand laufen herbei ... Aber jede Bemühung ist vergebens ... Die Badenden drängen sich zusammen, sie laufen aufgeregt herum . . . Bald stößt mich die rasende Flut auf den Grund, dann trägt sie mich an die Oberfläche . .. ich sehe wie in einem Blitz, daß sie über mein Ertrinken reden ... Es sind Leute in allen Farben da: grüne ... blaue ... Sonnenschirme ... gelbe ... zitronenfarbene ... Ich wirble in Stücken herum ... Und dann sehe ich nichts mehr ... Ein Rettungsring würgt mich . .. Man hißt mich auf die Felsen ... wie einen Pottwal ... Wundkraut deckt mir die Fresse zu, ich bin ganz eingehüllt in Arnika . . . Ich brenne unter all den Umhüllungen ... Dem furchtbaren Reiben. Ich werde in drei Bademäntel eingewickelt . ..

Um mich herum geben alle Leute Erklärungen ab ... Das Meer sei zu stark für mich! Ausgezeichnet! Geht in Ordnung! Mehr wollte ich ja gar nicht! ... Es war ein einmaliges Opfer ... Zwecks gründlicher Reinigung . . .

Schon waren zehn Tage vergangen. Nächste Woche war es zu Ende.

Mein Vater mußte wieder ins Büro. Schon bei dem Gedanken daran wurde mir übel. Keine Minute war mehr zu verlieren.

In puncto Verkauf, der war auf einmal so flau geworden, daß es einer richtigen Panik bedurfte, damit wir uns zu dem Ausflug entschlossen ... der Überfahrt nach England ... die bevorstehende Rückkehr trieb uns zum äußersten ...

Wir standen ganz früh am Morgen auf, kaum hatten wir Zeit, einen Kaffee zu trinken ... Großmutters Erbteil war zur Hälfte draufgegangen ... da hatten wir’s! ...

Auf dem Schiff kamen wir zu früh an . . . Wir hatten die billigsten Plätze, auf dem Vordersteven ... Eine großartige Aussicht auf den ganzen Horizont ... Ich sollte als erster die fremde Küste melden ... Das Wetter war nicht schlecht, aber kaum hatten wir uns ein wenig entfernt, die Leuchttürme aus den Augen verloren, begannen wir naß zu werden ... Es schaukelte mächtig, eine richtige Seefahrt ... Meine Mutter verkroch sich in den Raum mit den Rettungsgürteln ... Sie übergab sich als erste über das Deck hinweg und in die dritte Klasse ... Da wurde es sofort ganz leer um sie ...

„Gib auf das Kind acht, Auguste!“ konnte sie noch kreischen. Das war das beste Mittel, ihn rasend zu machen ...

Jetzt begannen auch andere Leute unerhörte Anstrengungen zu machen . . . über Bord und Reling . .. Bei dem Geschaukel kotzte man wahllos in die Gegend ... Es gab nur ein Klosett ... Das war bereits von vier närrisch gewordenen Kötzern besetzt. Das Meer schwoll immer mehr an ... Bei jeder steigenden Welle übergab man sich einmal . . . Beim Fallen mindestens zwölfmal, reichlicher, dichter ... Meiner Mutter riß ein Windstoß den Schleier weg ... ganz durchnäßt legte er sich einer Dame am anderen Ende auf den Mund ... die vor lauter Aufstoßen beinahe umkam .. . Man war nicht mehr zu halten! Der Horizont fließt über von Eingemachtem ... Salat ... Marengo ... Milchkaffee ... dem ganzen Ragout ...

Meine Mutter kriecht auf den Knien herum, sie müht sich ab und lächelt zart, während ihr der Speichel über das Kinn läuft ...

„Siehst du, Ferdinand“, sagt sie zu mir mitten im Schlingern, „der Thunfisch hat dir auch im Magen gelegen!... “Wir machen gemeinsame Anstrengungen. Buah!... und Buah!... Sie hat sich geirrt! es sind die Krapfen! ... Ich glaube, ich könnte auch Kartoffeln hervorbringen ... Wenn ich mich noch mehr anstrenge ... wenn ich die ganzen Eingeweide aufs Deck auskotze . .. Ich versuche es ... Ich mühe mich ab . . . Ein scheußlicher dichter Gischt geht auf uns nieder, er klatscht, er spritzt, er fegt das Verdeck rein . . . Der Wellenschaum spült, sprudelt, braut, wirbelt den ganzen Auswurf zu uns .. . Man schluckt davon . . . speit es wieder aus .. . Bei jedem Untertauchen entweicht die Seele ... beim Auftauchen kommt sie wieder, in einer Flut von Schleim und Gestank ... Salzgetränkt sickert’s wieder aus der Nase heraus . . . Ein Passagier fleht um Erbarmen ... Er brüllt zum Himmel, er sei schon ganz leer! ... Aber bei neuer Anstrengung kommt doch noch eine Himbeere heraus! ... Entsetzt schielt er darauf ... Jetzt hat er wirklich nichts mehr! ... Er möchte seine beiden Augen auskotzen ... Er gibt sich große Mühe ... er klammert sich an den Mast ... er versucht, sie aus den Höhlen herauszudrücken . .. Mama aber ist dabei, am Geländer zusammenzubrechen ... Sie bricht von neuem den letzten Rest aus ... Es kommt eine Karotte ... ein fettes Stück Fleisch ... dann ein ganzer Fischschwanz heraus ...

Oben, neben dem Kapitän, beugen sich die Leute aus der ersten und der zweiten Klasse zum Kotzen über unser Deck, es ergießt sich bis zu uns ... Bei jeder neuen Woge kriegt man ganze Mahlzeiten ab ... Abfälle, zerfaserte Fleischreste peitschen einem das Gesicht ... Mit den Windstößen fliegt es nach oben, die Wanten werden garniert ... Die See brüllt um das Schiff, eine Schlacht aus Meeresschaum . .. Papa in seiner Sturmhaube beschützt unsere Ohnmachtsanfälle ... Er stolziert herum, er hat’s gut, er ist seefest! ... Er gibt uns Ratschläge, wir sollen uns noch mehr hinlegen ... noch mehr am Boden kriechen ... Eine Fahrgästin* purzelt herbei ... Sie kollert bis zu Mama . .. Auch ein kleiner Köter kommt, er ist so krank, daß er auf die Röcke scheißt ... er wälzt sich auf dem Boden, er zeigt uns seinen Bauch ... Aus den Klos kommt entsetzliches Geheul ... Die vier Leute drin sind eingeklemmt und können nicht mehr kotzen, nicht mehr pissen, nichts mehr ... Sie zwängen sich jetzt auf die Brille ... Sie flehen, man solle sie umbringen ... Und der Kahn bäumt sich noch immer ... er taucht unter ... in den Abgrund ... in das dunkle Grün ... Dann wippt er wieder hoch ... Und hebt, der Schweinehund, einem den ganzen leeren Magen mit ...

Ein untersetzter Kerl mit einem frechen Gesicht hilft seiner Frau in einen kleinen Kübel zu erbrechen ... Er ermuntert sie ... „Los.Leonie!... Nur zu!... Ich bin da!... Ich halte dich.“ Sie wendet plötzlich den Kopf, in der Richtung des Windes ... Den ganzen Fleischsalat, der in ihrer Klappe gluckste, den verpaßt sie mir jetzt mitten in die Schnauze ... Ich kriege alles mögliche ab, Bohnen, Tomaten ... wo ich gar nichts mehr zum Erbrechen hatte .. . Aber jetzt geht’s auch bei mir wieder los ... Ich will meine ganzen Därme auf sie ausspeien ... Es kommt mir schon hoch ... Nur Mut! Ich fühle schon einen ganzen Packen auf der Zunge ... Nun werde ich ihr meine ganzen Gedärme zurückkotzen ... Ich schleiche mich heran ... Wir kriechen beide ... Wir umklammern uns . .. Wir kotzen aufeinander. Mein guter Papa, ihr Mann, beide versuchen uns zu trennen ... Jeder zieht an einem Ende ... Sie haben aber auch gar kein Verständnis Jetzt brechen sich die üblen Racheinstinkte Bahn! Puh! Wart nur, wir werden dich beide ankotzen! ... Ich verpasse seiner Schönen ein ganzes Knäuel Nudeln ... mit Tomatensoße ... Apfelwein von drei Tagen ... Dafür gibt sie mir Schweizerkäse ... Ich lutsche an den Fäden ... Von Tauen umstrickt, kriecht meine Mutter ihrer Kotze nach ... In ihren Röcken schleppt sie den kleinen Hund mit... Wir haben uns mit der Frau des Stämmigen vollkommen ineinander verwickelt. Um mich von seiner Frau loszukriegen, versetzt er mir mächtige Fußtritte in den Hintern ... Er gehört zum Typ .Starker Boxer’ ... Mein Vater will ihn kirre machen ... Kaum hat er den Mund aufgemacht, pfeffert ihm der andere einen solchen Stoß in den Balg, daß er in den Bratspill fliegt ... Aber das ist noch nicht alles ... Der Bulle springt ihm noch auf den Buckel ... Er zerhaut ihm die ganze Fresse ... er bückt sich, um ihn zu erledigen ... Papa blutet aus Mund und Nase ... Das kam alles in die Kotze hinein .,. Er schwankte den Mast entlang ... Schließlich brach er zusammen ... Aber der Mann hatte noch nicht genug ... Während mich das Schlingern des Schiffs fortrollt . .. geht er auf mich los ... Und schießt mich gegen die Latrinen ... Wie ein Sturmbock pralle ich gegen die Tür ... Sie zerbricht ... Ich falle auf die dort eingeschlossenen Schlappschwänze ... Ich bin zwischen sie eingeklemmt... Sie haben keine Hosen an ... Ich ziehe an der Schnur. Wir ersaufen beinahe! ... Aber sie schnarchen weiter ... Ich selbst bin mehr tot als lebendig.

Den Text entnahmen wir Louis-Ferdinand Celines „Tod auf Kredit“ nach einer von Werner Bökenkamp bearbeiteten Übertragung, die 1%3 bei Rowohlt zuerst auf Deutsch erschien.

* passagere: im Französischen eine bisher nicht gebräuchliche, doch logische Neubildung - wie auch die durchaus einleuchtende deutsche Bildung des Feminismus ,Fahrgästin‘ (wie Arzt - Ärztin).