J akob Arjouni hat bislang drei Kriminalromane veröffentlicht. Der Held seiner Krimis heißt Kemal Kayankaya. Der schlägt und säuft sich als Privatdetektiv durch Frankfurts Schattenwelt, im Auftrag wenig notabler Leute, die zumeist in wirtschaftlichen Grauzonen tätig sind und unter der Fuchtel von kleinen Gangsterbossen und korrupten Polizisten ein bürgerlich-rechtloses Dasein führen. Bei seinen Ermittlungen räumt er Pittbulls samt deren zweibeinigen Kopien aus dem Weg, und wenn er nicht wüßte, was ein Bulle ist, bräuchte er erst gar keine Ermittlungen anzustellen. Kayankaya lebt von den Aufträgen, die seine Kollegen mit landesüblichen Namen lieber nicht bearbeiten wollen.

In Arjounis Krimis ist der Detektiv ein Alltagsheld, eine Person, die eher gewöhnlich und erreichbar ist. Er hat keine reichen Eltern und keinen außergwöhnlichen Habitus, ist kein unschlagbarer Muskelprotz und kein unwiderstehlicher Herzensbrecher. Von den banalen Figuren der Frankfurter Umgebung hebt ihn seine Mischung aus nüchterner Klugheit und hemmungslosem Abenteurertum ab, daß er sich, Freunde und Gegner sehr direkt und ernst nimmt. Kayankaya beherrscht die Umgangssprache und spielt mit vollem Einsatz, gerade wenn es „um nichts“ geht. In Arjounis „Happy Birthday Türke“ verdrischt der körperlich hoffnungslos unterlegene Detektiv drei nadelgestreifte Kleiderschränke. „Das Nasenbein knackte trocken“, weil die Typen einfach zu stark und fies waren, weiter keine Gründe. Andersherum kann es ihm ähnlich ergehen, und manchmal verläßt ihn auch sein trockener Witz.

Kayankaya ist der desillusionierte Detektiv, sarkastisch, alkoholisiert und interessiert, jene Sorte, die an wenig glaubt, alleine geht, steht und fällt, sich niemals kaufen läßt. „Er hat etwas“, stellte Klaus Bittermann richtig fest, „vom destruktiven Charakter an sich, von dem Benjamin schreibt, er ,lebt nicht aus dem Gefühl, daß das Leben lebenswert sei, sondern daß der Selbstmord nicht lohnt““.

Soweit wäre Arjounis Held bereits als die klassische Figur des Außenseiter-Privatdetektivs eingeführt, fehlt noch Teil zwei seiner Grundausstattung: Name, Herkunft, Aufenthaltsland.

Kayankaya ist in der Türkei lediglich geboren, in der Bundesrepublik aber aufgewachsen. Mutter starb bei der Geburt, Vater „ging nach Frankfurt und arbeitete drei Jahre bei der städtischen Müllabfuhr, bis ihn ein Postauto überfuhr.“ Kayankaya wächst bei deutschen Adoptiveltern auf, einsprachig, und erhält einen bundesdeutschen Paß. Mit 17 forscht er einmal nach Verwandten in der Türkei, läßt dies aber schnell wieder bleiben. Für Arjounis Kayankaya ist der „back to the roots“-Faden damit zerschnitten. Er nimmt ihn nie wieder auf und hat ihn in knappen 15 Sätzen der Einleitung zu „Happy Birthday Türke“ erledigt.

Auch in Frankfurt gab es „Tanz gegen Haß“, und Techno-Disco-Buben wie auf unserem Foto präsentierten sich entsprechend fürs Illustrierten-Publi-kum. Dazu ein kurzer Kommentar aus der Januarausgabe der Musikzeitung Spex: „Leser gegen Fremdenhaß“, „Prominente helfen Ausländern“, „Ausländer bringen Farbe in den grauen Alltag“ - Was Tempo, Wiener und fast alle Stadtzeitschriften an Boutiquenbesitzer-Kryptorassismus verzapfen, ging fast nicht auf die gesammelten Kopfhäute der offenen Rassisten. Während Pöbel und Landbevölkerung zelebrieren, endlich wieder Deutsche sein zu dürfen, bangt das Metropolentrotteltum um seine Schmuckemigranten, um seine Benetton-Colors, die es ab und an braucht wie ab und an Tapetenwechsel. Natürlich ist das Leben als Hofnarr immer noch besser als gleich aufs Rad gespannt zu werden - diejenigen, die einem zu dem einen oder anderen verurteilen, unterscheiden sich nur, aber nur durch ihr Einkommen.

Jakob Arjouni hat bislang drei Kriminalromane veröffentlicht. Der Held seiner Krimis heißt Kemal Kayankaya. Der schlägt und säuft sich als Privatdetektiv durch Frankfurts Schattenwelt, im Auftrag wenig notabler Leute, die zumeist in wirtschaftlichen Grauzonen tätig sind und unter der Fuchtel von kleinen Gangsterbossen und korrupten Polizisten ein bürgerlich-rechtloses Dasein führen. Bei seinen Ermittlungen räumt er Pittbulls samt deren zweibeinigen Kopien aus dem Weg, und wenn er nicht wüßte, was ein Bulle ist, bräuchte er erst gar keine Ermittlungen anzustellen. Kayankaya lebt von den Aufträgen, die seine Kollegen mit landesüblichen Namen lieber nicht bearbeiten wollen.

In Arjounis Krimis ist der Detektiv ein Alltagsheld, eine Person, die eher gewöhnlich und erreichbar ist. Er hat keine reichen Eltern und keinen außergwöhnlichen Habitus, ist kein unschlagbarer Muskelprotz und kein unwiderstehlicher Herzensbrecher. Von den banalen Figuren der Frankfurter Umgebung hebt ihn seine Mischung aus nüchterner Klugheit und hemmungslosem Abenteurertum ab, daß er sich, Freunde und Gegner sehr direkt und ernst nimmt. Kayankaya beherrscht die Umgangssprache und spielt mit vollem Einsatz, gerade wenn es „um nichts“ geht. In Arjounis „Happy Birthday Türke“ verdrischt der körperlich hoffnungslos unterlegene Detektiv drei nadelgestreifte Kleiderschränke. „Das Nasenbein knackte trocken“, weil die Typen einfach zu stark und fies waren, weiter keine Gründe. Andersherum kann es ihm ähnlich ergehen, und manchmal verläßt ihn auch sein trockener Witz.

Kayankaya ist der desillusionierte Detektiv, sarkastisch, alkoholisiert und interessiert, jene Sorte, die an wenig glaubt, alleine geht, steht und fällt, sich niemals kaufen läßt. „Er hat etwas“, stellte Klaus Bittermann richtig fest, „vom destruktiven Charakter an sich, von dem Benjamin schreibt, er ,lebt nicht aus dem Gefühl, daß das Leben lebenswert sei, sondern daß der Selbstmord nicht lohnt““.

Soweit wäre Arjounis Held bereits als die klassische Figur des Außenseiter-Privatdetektivs eingeführt, fehlt noch Teil zwei seiner Grundausstattung: Name, Herkunft, Aufenthaltsland.

Kayankaya ist in der Türkei lediglich geboren, in der Bundesrepublik aber aufgewachsen. Mutter starb bei der Geburt, Vater „ging nach Frankfurt und arbeitete drei Jahre bei der städtischen Müllabfuhr, bis ihn ein Postauto überfuhr.“ Kayankaya wächst bei deutschen Adoptiveltern auf, einsprachig, und erhält einen bundesdeutschen Paß. Mit 17 forscht er einmal nach Verwandten in der Türkei, läßt dies aber schnell wieder bleiben. Für Arjounis Kayankaya ist der „back to the roots“-Faden damit zerschnitten. Er nimmt ihn nie wieder auf und hat ihn in knappen 15 Sätzen der Einleitung zu „Happy Birthday Türke“ erledigt.

Privatdetektiv Kayankaya verbindet mit der Türkei nichts, außer der Name und eine bundesrepublikanische Gesellschaft, die ihn permanent daran erinnert, wo er ihrer Meinung nach herkommt und auch hingehört. Arjouni setzt die Mittel von Einfühlung und Ablehnung geschickt ein. Leser, die sich mit dem Helden identifizieren wollen, und darauf zielt Arjounis Schreibstrategie, müssen schlucken, daß Leute, deren Differenzdenken sich an sekundären, körperlichen oder kulturellen Merkmalen festmacht, nur rassistischen Blödsinn aussondern.

Im Roman riskieren sie, von Kayankaya eins auf die Schnauze zu kriegen, oder werden kurz als Idioten vorgeführt: „Ich trank mein Bier ... bis ich bemerkte, daß mich der dritte im Jägermeister-Verein anglotzte Er gab seinem Herzen einen Stoß: ,Babbelst en gudes Deutsch. Biste net vom Balgan?“ Seine Hand deutete hinter sich, wo der Balkan liegen sollte ,Ei naa, Bubsche, isch war zwaa Woche uff Maijorga.“ ,Ah, soo.“ Pause ,Isses schee dort unne?“ ,Schee isses scho, blos aach gefällisch, wesche de Indianer.“ ,Ah, soo.“ Er überlegte ,Habbe Se sich da verschdändische könne?“ ,Klar, isch habb gedrommelt“, antwortete ich ihm, trank das Bier aus und ging ...“ Für Arjouni ist Kayankaya lediglich das Medium, das die bundesrepublikanische Gesellschaft zum Sprechen bringt. Der Dürftigkeit des rassistischen Geklappers begegnet er mit Ironie oder Härte. Er weiß, daß Rassisten nicht mit Aufklärungsfloskeln beizukommen ist, und aus diesem Wissen zieht er einen Teil seines Selbstbewußtseins und seiner Kompromißlosigkeit. Der Outsider läßt sich in seinem Selbstbild nicht so ohne weiteres verunsichern (schon gar nicht fängt er wie der spätere Film-Kayankaya wehmütig im deutsch-türkischen Wörterbuch zu blättern an). Die Probleme, die seine verspeckte Umwelt mit ihm hat, sind nicht die seinen, er läßt sich nicht in den rassistischen Diskurs verweben, qua Abstammungs-, Kultur- oder Nationengefasel. Seine Kriterien sind soziale und damit basta.

Der Regisseurin Doris Dörrie ging die DeKulturalisierungs- und De-Nationalisierungsstrategie der Vorlage von Jakob Arjouni entschieden zu weit. In ihrem Film „Happy Birthday Türke !“ hat sie Kayankaya eingetürkt und im Gegenzug seine Umgebung überdeutscht. Es wäre albern, eine Übereinstimmung von Roman- und Filmhandlung einzuklagen. Es sind zwei unterschiedliche Produkte und als solche auch zu betrachten. Interessant ist jedoch, was Dörrie aus Arjounis Privatdetektiv macht.

Aus Kemal Kayankaya ist ein smarter und angesceneter Tölpel geworden, ein nervöses Etwas, das den Kopf nicht mehr selbst aus der Schlinge ziehen kann. Er muß sich das Bein und dabei gleich das Kinn aufschlagen lassen. Armer kleiner Türken-Kayankaya darf beim Autofahren keinen Hip-Hop, keinen Rock, keine Klassik hören. Er muß sich, na an was wohl für Klängen, erfreuen. Und innerlich zerrissen muß er sein, nicht nur die ihn Umgebenden wissen nicht mehr, wer er ist und wo er hingehört, sondern er kriegt das deutsche „Identitätstrauma“ gleich selbst in Hirn und Herz gegossen.

In seine türkische Auftraggeberin muß sich der Privatdetektiv diesmal gleich ein wenig verlieben. Natürlich wie der verstoßene Sohn in seine Mutter. Ein blaues Tuch geistert durch den Film, erst hat es die Auftraggeberin auf den Kopf, dann der Detektiv in der Jackentasche, dann ist es die Kopfbedeckung der Frau auf dem Erinnerungsbild und schließlich nach türkisch-züchtigem Beischlaf darf er das blaue Tuch behalten. Sieht Kayankaya türkische Kinder überfällt ihn die Sehnsucht, soviel Blutsverwandtschaft läßt sich eben nicht verdrängen. Und natürlich gewinnt der Privatschnüffler die Familie seiner Auftraggeberin lieb, die putzigen Kinder, die düster-undurchschaubare orientalische Großmutter, und in der Schlußszene kommt es zur Verbrüderung mit dem Juniortyrann, dem Bruder der Auftraggeberin. Der ist zwar ein patriarchaler Spießer und hat aus niedrigen Motiven einen Mord begangen, aber, wie gesagt, der Film-Kayankaya hat dafür Verständnis. Mag der Detektiv doch seine Auftraggeberin und hatte der Mörder die Ehre der Familie im Sinn, eine unter Türken verständliche Sache.

Von Doris Dörrie durch die Multikulturindustrie gedreht, kann Privatdetektiv Kemal Kayankaya als antirassistische Hans-Wurstigkeit in Blaufilter-Pelle abgehangen werden. Arjounis Kayankaya scherte sich noch einen Dreck um kulturelle oder nationale Sentimentalität. Er läßt den Mörder laufen, weil er ihm keine weitere Tat zutraut und nicht wegen „türkischer“ Gefühle: „Und wissen Sie, weshalb ich Sie nicht zur Polizei bringe .. . Weil Sie damit ein Leben lang zu kämpfen haben. Es ist kein gutes Gefühl ein Mörder zu sein, um so mehr, wenn der Mord sinnlos war . .. Machen Sie es gut Herr Ergün. Schöne Tage in Istanbul.“ Dörries zäh vor sich hin ächzender Bilderbogen ist voller Versimpelungen und platten Überzeichnungen. Das Publikum wird mit jenen Klischees beliefert, die es ohnehin schon intus hat. Hinzu gesellt sich ästhetische Einfallslosigkeit und technischer Dilletantismus, vergleichbar den Tatort-Abgeschmacktheiten. Jederzeit könnte der bei seinem letzten Tatort-Einsatz an einem Drachenflieger hängende Schnauzbart um die Ecke segeln, „Ein schöner Tag“ und „Mit freundlichen Diebels“ auf den Lippen, um Dörries Frankfurter Ruhrpott-Romantik als wahrhaftige Currywurst den Rest zu geben.

Andreas Fanizadeh