Leserbriefe
betr.: Sebastian Scheerer, „Drogendealer sind megaout“, diskus 4/1991
Diskus-Autor trinkt zuviel!
(...) Gerade wegen des hohen Niveaus sämtlicher übrigen Artikel in den wenigen diskus- Ausgaben, die mir bekannt sind, fällt dieser Artikel aus dem Rahmen. (...) Sebastian Scheerer hantiert ständig mit dem Begriff des „Dealers“, der angeblich das feindbild schlechthin ist, ohne daß er den Begriff definiert. So bringt er es fertig, „die Familie Escobar in Medellin“ den ach-so verfolgten Dealern zuzurechnen.
Keine Erklärung folgt, daß diese Familie Escobar zu jener Clique von Drogenkapitalisten gehört, die ihre Interessen mafiaähnlich durchsetzen, was das Kennzeichen einer schwachen staatlichen Zentralgewalt ist. Ihre Killerbanden sind für unzählige Morde verantwortlich, gerade gegen Linke, Gewerkschaftlerinnen, Studentinnen, Mitglieder und Sympathisanten der UP (einer linken Wahlkoalition um die kolumbianische kommunistische Partei). (...) Die schwache kolumbianische Staatsgewalt unterstützte diesen Terror gegen Linke. Diese Terrorkapitalisten unter dem Schlagwort des „Dealers“ zu den hiesigen Kleindealern zu subsumieren, ist eine Beleidigung für letztere Was soll der moraltriefende Satz „für die ,good people 1 ist es rufschädigend, mit Drogen erwischt, mit bekannten Drogenkonsumenten gesehen oder als Verteidiger der Drogenfreigabe angesehen zu werden“? Das gilt zumindest nicht für die Drogenkartelle und ihre Hausbanken in Miami und Los Angeles. Immerhin stehen Drogenhandel und -industrie mit einem geschätzten Jahresumsatz von 140 Milliarden Dollar hinter der Elektro-, Nahrungsmittelund Autoindustrie an vierter Stelle auf der Rangliste der umsatzstärksten Industriebranchen. Die USA nehmen 50 % des Weltkoka-Anbaus ab, und der Staat verdient kräftig mit. Zum einen fließen die Gewinne aus dem Drogenhandel über den Umweg der US-Banken wieder „gewaschen“ in den normalen Geldkreislauf zurück und können an dieser Stelle auch besteuert werden. Zum anderen beteiligen sich CIA und die oberste Drogenbekämpfungsbehörde DEA (drug enforcement agency) selber am lukrativen Geschäft. (...) Für die US-amerikanische Innenpolitik bedeutet dieser „Krieg gegen die Drogen“ die weitere Demontage der Menschen- und Bürgerinnenrechte. So wurden die Untersuchungshaftbestimmungen erweitert bei Drogendelikten, bei Verdacht auf Drogenhandel entfällt die Freilassung auf Kaution; das sind nur einige Verschärfungen, die sich aus dem 1984 verabschiedeten comprehensive crime control act (umfassendes Kriminalitätskontrollgesetz) ergeben.
Der Kampf gegen die Drogen ist also ein Klassenkampf, in dem an den Drogenprofiten verdienende staatliche Stellen den Kampf gegen die Bauern und Bäuerinnen und die Volksbewegungen in Lateinamerika und gegen die metropolitanen Unterklassen (in den USA vor allem gegen die schwarzen Ghettos) aufnehmen.
Ein weiterer Aspekt hierbei muß erwähnt werden: das Einschleusen von bestimmten Drogen in rebellische oder aufständische Kreise ist ein Mittel der Aufstandsbekämpfung von staatlicher Seite (...) In Kreuzberg/Berlin und in der Hafenstraße/Rote Flora in Hamburg wurde die Kampagne „Drogendealer — verpißt euch“ entwickelt. Es ist ein kleiner Versuch, sich durch eigenverantwortliches Handeln ohne staatliche Einflußnahme gegen das Hineinpumpen von Drogen in potentiell rebellische Kreise zur Wehr zu setzen. Leider sind die Erfolge noch spärlich. (...) Was die Kennzeichnung als „faschistoid“ für diese Anti-Dealerlnnen-Kampagne soll, könnte günstigenfalls mit dem extensiven Genuß der Droge Alkohol durch den Autor vor dem Verfassen des Artikels erklärt werden.
Peter Nowak
betr.: Alex Demirovic, Vom Vorurteil zum NeoRassismus, diskus 4/1991
Diskus-Autor zitiert zuviel!
(...) Alex Demirovic setzte sich im letzten diskus mit dem Thema Rassismus auseinander; angesichts des allgemeinen Schweigens zu diesem Thema zuerst eine erfreuliche Sache (...) Mich gelüstet es, die letzten beiden Demirovic-Veröffentlichungen in den zwei letzten Nummern dieser Zeitung umfassend aufs Korn zu nehmen. Bloß kann diese Lust jetzt nicht befriedigt werden. Um aber nicht völlig darben zu müssen, sei der exemplarische Nachweis erlaubt, daß Demirovic, der vorgibt, über verschiedenste theoretische Strömungen frei variieren zu können, noch nicht einmal deren Grundtonarten beherrscht. Zu sieben Seiten Text gibt der Mann immerhin dreißig Literaturhinweise - macht im Durchschnitt 4,285714 (Periode) Literaturangaben pro Seite (ein diskus- Rekord). Zusätzlich macht er im Text sechsundvierzig Querverweise auf Literatur, davon siebenundzwanzig mit genauer Seitenangabe (...) Ich kenne viele Texte, die von Demirovic in den beiden diskus-An\\se\n zitiert werden, nicht. Alle Texte aber, die ich schon genauer gelesen habe, scheint er völlig schief oder auch falsch zu zitieren. Ich habe in einem einzigen Fall spaßeshalber mal nachgeschaut und festgestellt: Demirovic gelingt es, in ein einziges Zitat gleich drei Fehler einzubauen (ein weiterer diskus- Rekord).
Wer’s nicht glaubt und wer auch nicht erschrickt, wenn’s ernster wird, verfolge die Stichprobe Demirovics Zitierungskünste mit.
Im diskus 4/91 schreibt er im Artikel „Vom Vorurteil zum Neo-Rassismus. Das Objekt .Rassismus 1 in Ideologiekritik und Ideologietheorie“ folgenden Satz: „Daß Juden als eine Rasse angesehen werden, ist der Ansicht Horkheimers und Adornos zur Folge eine von den Nazis propagierte Doktrin, die an sich falsch, doch auf grausame Weise historisch wahr geworden ist, insofern sie der .Faschismus wahr gemacht hat’ .“ Als Beleg gibt er an: Horkheimer/Adorno: Dialektik der Aufklärung, in: Horkheimer, Gesammelte Schriften, Bd. 5, Frankfurt am Main 1987, Seite 197. Schlägt man dort nach, so findet man, daß er folgende drei Fehler in seiner .Wiedergabe’ der zwei einleitenden Absätze der „Elemente des Antisemitismus“ macht: 1) Von Juden als „Rasse“ ist dort mitnichten die Rede, der wohl gemeinte Begriff ist der dort verwendete der „Gegenrasse“ Es ist jedoch äußerst problematisch, zu unterstellen, diese beiden Begriffe seien äquivalent, oder derjenige der „Gegenrasse“ eine Spezifikation dessen der „Rasse“. Dieser Begriff ist nicht zu verstehen als gegnerische Rasse’ , sondern als .Negation der Vorstellung von Rasse’ . So ist dort zum Beispiel formuliert: „die Gegenrasse, das negative Prinzip als solches“. Der Begriff der „jüdischen Rasse“ kommt nur in Demirovics Text, nicht aber in der „Dialektik der Aufklärung“ vor. Dort ist immer nur von Juden als „Gruppe“ die Rede (Siehe z.B.: 1 he Juden sind heute die Gruppe, die praktisch a ic theoretisch den Vernichtungswillen auf sich zieht.“ 2) Der Satz, aus dem Demirovic seine Deutung des Hauptwerkes der Kritischen Theorie ableitet, es sei „an sich falsch“ aber „historisch wahr“, Juden als Rasse zu begreifen, lautet im Original: „Beide Doktrinen sind wahr und falsch zugleich “ (Herv. S.G.) Die Autoren versuchen, die Aufklärung in ihrer Dialektik zu begreifen. Es ist kein Zufall, wenn sie davon reden, daß eine Aussage zugleich wahr und falsch ist. Aus diesem „zugleich“ macht Demirovic flugs „an sich falsch“, „historisch wahr“. Eine billigere .Auflösung’ eines dialektischen Verhältnisses kann man sich kaum vorstellen. Der diskus- Autor hat offensichtlich Schwierigkeiten mit dem Hegelschen Erbe in jener Schrift, dann sollte er dies aber thematisieren statt akademisch gekonnt mißzuverstehen.
3) Das genannte „wahr und falsch zugleich“ bezieht sich aber nicht, zumindest nicht so direkt wie Demirovic unterstellt, auf die Vorstellung von Juden als „Gegenrasse“, sondern auf den ersten Satz der „Elemente“, der heißt: „Der Antisemitismus heute gilt den einen als Schicksalsfrage der Menschheit, den anderen als bloßer Vorwand.“ Der Antisemitismus ist vorrangiger Gegenstand und Untersuchungsbegriff der „Elemente des Antisemitismus“. Dieser ist zugleich Schicksalsfrage der Menschheit und ist es nicht. Beide Aussagen sind innerhalb der Geschichte zu verstehen, das von Demirovic eingeführte „an sich“ (siehe 2) ist völlig dunkel. Er ist Schicksalsfrage wegen der Bedeutung der Vernichtung der europäischen Juden für jedwede nachfolgende menschliche Geschichte und ist es nicht, da die Befreiung der Menschen allem anderen bedarf denn der (so die Nazi-Propaganda) „Befreiung von Juden“. (...)
Stefan Gandler
Beide Leserbriefe wurden gekürzt.