Jüngste feministische Diskussionen sind zu dem Ergebnis gekommen, daß viele Frauen in der Welt es mit einer „triple oppression“ zu tun haben. Einer dreifachen Unterdrückung nämlich durch Kapitalismus, Rassismus und Sexismus. Dies bedeutet nun aber keineswegs, daß alle Frauen ihr weltweit in gleichem Maße unterliegen. Vielmehr ergeben sich aus der Analyse der Verknüpfungen zwischen den einzelnen Strängen der „triple oppression“ eine Reihe von Differenzierungen und Widersprüchen: Auch und gerade zwischen unterschiedlich in dieses Netz aus Machtverhältnissen eingebundenen und an ihnen beteiligten Frauen. Es läßt sich also mitnichten von dem Feminismus als einem gemeinsamen Kampf mit einheitlichen Interessen und Zielsetzungen sprechen.
Dies alles ist der Altfeministin Claudia von Werlhof viel zu kompliziert. In ihrer neuen Aufsatzsammlung straft sie deshalb die Vertreterinnen jener neumodischen Sekte, die in ketzerischer Manier die Leidensgemeinschaft der Frauen zu spalten versucht, durch bloßes ignorieren.
„Was haben die Hühner mit dem Dollar zu tun?“ lautet der Titel ihres Buches, in dem sie sich zum Vorsatz genommen hat, zu beweisen, daß die wahren und hauptsächlich Ausgebeuteten weltweit die Frauen sind. „Sie sind diejenigen, die die wirklich wesentliche Arbeit erledigen müssen“ (28), was da wäre: Befriedigung der Grundbedürfnisse, Gebären und Aufzucht neuer Arbeitskräfte. Allein diese Tätigkeiten sieht Werlhof als notwendig für den unmittelbaren Lebensunterhalt, die Reproduktion menschlichen Lebens an und faßt sie deshalb kurz unter dem Begriff „Subsistenz“ zusammen
Die Klasse der Frauen
Der wohl wichtigste Beitrag in dem Band ist ein Aufsatz, der 1978 Furore machte: „Frauenarbeit — Der blinde Fleck in der Kritik der politischen Ökonomie“. Damals unternahm es Werlhof, die Bedeutung des von Marx als Reproduktionsarbeit vernachlässigten Anteils der Frauen an der kapitalistischen Wirtschaft zu analysieren und in die Kritik der politischen Ökonomie zu integrieren.
Erstens entsteht durch die von Frauen geleistete, unentlohnte Gebärarbeit ein „absoluter Mehrwert“ für den Kapitalisten, den er in Form von Arbeitskräften abschöpft. Zweitens erspart das Eigentum der Männer an ihren Frauen dem Kapital Abzüge vom Mehrwert der Lohnarbeiter zur Erhaltung ihrer Arbeitskraft. Und drittens gewinnt gar noch der Lohnarbeiter als quasi „Grundeigentümer“ seiner Frau eine Arbeits- und Produkte nrente Erst auf dieser Basis beginnt der „eigentliche“ Kapitalverwertungs- und Akkumulationsprozeß. „ Die Herstellung und ständige Wiederherstellung dieser Basis entspricht somit einer Art fortgesetzten Prozesses ursprünglicher Akkumulation, der denselben Charakter hat, gleich ob es sich um das Makro-Verhältnis Erste Welt/Dritte Welt oder um das Mikro-Verhältnis Mann/Frau handelt.“ (42) Zwar stellt Werlhof den Subsistenzarbeit leistenden Frauen noch Kleinbauern und „allgemein männliche und weibliche Marginalisierte in Stadt und Land“ zur Seite, sie betont aber, daß „quantitativ und qualitativ“ gesehen das Gros der städtischen und ländlichen Subsistenzproduktion von Frauen geleistet wird. Aufgrund der „historisch bedingten Doppeleigenschaft der Frau als Arbeitskraft und fruchtbringenende, zumindest aber extraktionsfähige Ressource ... finden sich (in der Frau) womöglich alle Ausbeutungsformen der Geschichte wieder“ (49).
Ihr Fazit: Frauen sind die ersten Ausgebeuteten der Welt und liefern somit nicht nur das Muster für alle nachfolgenden Ausbeutungsformen von Menschen, sondern gar noch das Vorbild für die Ausbeutung der Natur. (51) Nun könnte jemand auf die verwegene Idee kommen, einzuwenden, daß eine Hierarchisierung von Ausbeutungs- oder Unterdrückungsverhältnissen — und sei es auch zum Zwecke ihrer Überwindung — völliger Schwachsinn sei und es zudem eine Reihe von Frauen gebe, die von den Früchten des Kapitalismus sehr wohl profitieren. Doch Werlhof ist offensichtlich eine Anhängerin der These, daß nur, wem es am schlechtesten geht, auch Subjekt revolutionärer Veränderung sein kann, und deshalb werden die Frauen zur schlechthin unterdrücktesten „Klasse“ auf Erden erklärt. Ihnen geht es nämlich sogar „noch schlechter als selbst der äußeren Natur, deren Ausbeutung und Erschöpfbarkeit inzwischen wenigstens anerkannt wird“ (32).
Frauen und Technik — EinGegensatzpaar
Der Sozialismus als gesamtgesellschaftliche Perspektive ist schnell verworfen. „In der ehemals sich sozialistisch nennenden Welt“ existierte nämlich das Patriarchat „ungebrochen“ fort. (8) Wie wir nun aber wissen, ist die patriarchale Ausbeutung der Frauen die eigentliche Basis des Kapitalismus. Nur deshalb sei der „real existierende Sozialismus“ eigentlieh keiner gewesen.
Vor allem aber trieb dort wie in den sich offen kapitalistisch nennenden Ländern der Technikfetischismus sein Unwesen. Spätestens seit Tschernobyl aber — so Werlhofs haarscharfe Analyse des Weltgeschehens — müßte allen klar sein, daß die Technik des Teufels ist: „Hat nicht der Zusammenbruch des Sozialismus mit der Explosion des ‚sozialistischen’ Kernkraftwerkes von Tschernobyl begonnen? Nehmen wir Tschernobyl als ein Zeichen, ein Wahr-Zeichen.“ (11) Wir trauen unseren Augen nicht, wenn wir lesen, was nicht nur nach dem Willen der Weltwirtschaftsplaner, sondern auch, wenn es nach den naturfreundlichen Linken ginge, „die von Natur ‚befreite’ , die naturlose Gesellschaft kennzeichnen soll: pillen-‚ernährte’ Menschen, bodenlos wachsende Hybrid-Pflanzen, die allgemeine Agrarfabrik und Plastikbäume“. Endgültig erschreckt uns aber die Vision von „wahrhaftigen Gebärmaschinen“, industriell gefertigten, gar „elternlosen Menschen“. Da die Menschen aber „in erster Linie Naturwesen sind“, führt deren „Ersetzung durch Maschinen und Roboter eben zu nichts anderem als ihrer Auslöschung“! (12/13) Angesichts dieser apokalyptischen Aussichten erteilt Werlhof der Technik also eine generelle Absage. Vorzuschlagen wäre, zuvor das Denken — möglicherweise als „Mechanismus der psychischen, der inneren Kolonisierung“ (17) abzuschaffen. Denn es könnte ja die Möglichkeit eröffnen, zu entscheiden, welche Errungenschaften der Technik sich vielleicht zum Nutzen eines genüßlicheren Lebens verwenden ließ.
Die Hoffnungsträger der Werlhofschen „Gegenökonomie, ja neuen Produktionsweise“ (183) sind Frauen und Bauern. Ohnehin macht deren Arbeit schon — das ist ja leicht errechnet — „achtzig Prozent“ unserer „Wirtschaft“ aus. „Bauern und Frauen auf der ganzen Welt tragen dazu bei, daß wir von der ‚Wirtschaft’ reden können, ohne daß sie jemals Gewinne gemacht, Löhne erhalten oder eine Fabrik betreten hätten.“ (7) Aber: „Das besonders — oder vielmehr allgemein — Wichtige an Bauern und Frauen ist die Tatsache, daß sie direkt naturabhängig produzieren.“ (9) Zwar dämmert der Autorin zuweilen, daß auch dieser angeblich „mimetische“ „lustvolle“ Umgang mit Natur die Ausübung einer — von ihr selbst als grundlegend bezeichneten — „Verfügungsgewalt“ (169) ist. Doch solche möglichen Einwände werden rasch beiseite geschoben, widersprechen sie doch der Vorstellung von Frauen und Bauern als Garanten einer zukünftig naturbezogenen, ökologischen und herrschaftsfreien Gesellschaft.
Heilsformel Subsistenz
Naturbeherrschung, Technik, Kapitalismus, Staat und Patriarchat bilden ein schlechtes Ganzes, das eigentlich kein Außen kennt. Selbst die auf der Welt weitverbreitete Form der Subsistenzwirtschaft, die aus der Sicht „der unmittelbaren Produzentlnnen der Erhaltung ihres Lebens dient, ist aus der Sicht des Kapitals die Erhaltung (Reproduktion) von Arbeitskraft“ (42). Im Bedarfsfall kann es sich „jederzeit und in jeder Form aus dem Pool dieser ,marginalen Masse“ bedienen“ (ebd.).
Nachdem das „Tal der Tränen“ dieser globalen Analyse durchritten ist, setzt Werlhof ein entschiedenes Trotzdem : es muß wieder dort angefangen werden, wo der Weg in die Irre gegangen ist, „auch wenn wir dann bis in die Steinzeit zurück müßten“ (168).
Die einzig konsequente konkrete Utopie besteht in der Subsistenzwirtschaft. „Subsistenz hat auch eine utopische Dimension. Sie umfaßt sowohl den Weg als auch das Ziel unserer Versuche, einen Ausweg aus dem Industriesystem zu finden.“ (169) Die Utopie der Subsistenz sieht so schöne Dinge vor wie: „Selbstversorgung, ,Eigenarbeit’, Tausch von Subsistenzprodukten, schonenden Umgang mit der Umwelt, also auch die Verwendung anderer, nämlich handwerklicher, irgendwann einmal vielleicht wieder magischer Techniken, und all dies zunächst zur Grundversorgung überschaubarer und selbstorganisierter Gruppen, die sich an den lokal vorhandenen Fähigkeiten und Notwendigkeiten orientieren.“ (171) Wer nun das arbeitsreiche, durch die Natur beherrschte Leben scheut und die Aussicht auf ein „Zurück zur Scholle“ wenig verheißungsvoll findet, könnte folgende Ausreden erfinden: Die vorgeschlagenen Ausstiegsstrategie käme den in der kapitalistischen Weltwirtschaft zunehmend zu beobachtenden Tendenzen zur Ausgrenzung weiter Bevölkerungsteile gerade recht. Dies gelte sowohl innerhalb der Metropolenländer als auch im Verhältnis dieser zu ihrer Peripherie Im übrigen sei es auch denkbar, daß sich „das Kapital“ der sich freiwillig Ausgrenzenden weiterhin als „Pool beliebig verfügbarer Arbeitskräfte“ bediene.
Solche unverbesserlichen Zweiflerlnnen jedoch setzt Werlhof die Pistole auf die Brust und fragt sie ein letztes Mal: „Geld oder Leben?“ Wir müssen raus aus der abstrakten Herrschaft des Geldes, die uns die Warenproduktion beschert hat. Schließlich geht es „am Ende ... immer ums nackte Überleben, und dabei sind — wie die letzten Flüchtligsströme der Kurden oder die Not der Bangladeshis zeigten — die unmittelbaren Lebensmittel immer wichtiger als Geld, das man bekanntlich nicht essen kann“ (10).
Und wer würde sich nicht, vor eine derart erschreckende Alternative gestellt, zusammen mit Werlhof „auf die Seite von Leib und Leben schlagen“ (19)1 „Der Weg aus den Bunkern und Gefängnissen der Industriegesellschaft führt ins Freie Ins Freie auch deshalb, weil damit ein neues Verhältnis zur Natur und zur Welt selbst sowie ein anderes Verhältnis zur Freiheit gemeint ist. Die Freiheit im Freien ist jedenfalls nicht die Freiheit, die uns seit der Aufklärung immer versprochen und die noch immer nur mit der Erfindung und Durchsetzung einer neuen Unfreiheit — insbesondere der Frauen — erkauft wurde. (...) Im Freien spüren wir: Die Subsistenz liegt schon in der Luft.“ (172) ... oder ist es doch nur eine Güllegrube?
Christiane Müller-Lohbeck
Claudia Werlhof: Was haben die Hühner mit dem Dollar zu tun? Frauen und Ökonomie, München (Verlag Frauenoffensive) 1991