Fälle von Daniil Charms
Kalugin schlief ein und träumte, er sitze im Gebüsch, und an dem Gebüsch vorbei gehe ein Polizist.
Kalugin wachte auf, wischte sich den Mund und schlief wieder ein, und wieder träumte er, er gehe am Gebüsch vorbei, und in dem Gebüsch habe sich ein Polizist versteckt. Kalugin wachte auf, legte sich eine Zeitung unter den Kopf, um das Kopfkissen nicht zu besabbern, schlief wieder ein, und wieder träumte er, er sitze im Gebüsch, und am Gebüsch vorbei gehe ein Polizist.
Kalugin wachte auf, wechselte die Zeitung, legte sich und schlief wieder ein. Er schlief ein und träumte wieder, er gehe am Gebüsch vorbei, und in dem Gebüsch sitze ein Polizist.
Hier wachte Kalugin auf und beschloß, nicht weiterzuschlafen, schlief aber augenblicklich wieder ein und träumte, er sitze hinter einem Polizisten, und vorbei gehe ein Gebüsch.
Kalugin schrie auf und warf sich auf dem Bett hin und her, konnte aber nicht mehr aufwachen.
Kalugin schlief vier Tage und vier Nächte hintereinander, und am fünften Tage wachte er so abgemagert auf, daß er die Stiefel mit Bindfaden an den Beinen festbinden mußte, damit sie nicht abfielen. In der Bäckerei, wo Kalugin immer sein Weißbrot kaufte, erkannte man ihn nicht wieder und schob ihm ein Graubrot unter.
Und die Sanitätskommission, die ihre Runde durch die Wohnungen machte und Kalugin sah, befand ihn für antisanitär und überhaupt für untauglich und befahl dem Hausverwalter, Kalugin zusammen mit dem Kehricht hinauszubefördern.
Sie legten Kalugin zusammen und schafften ihn wie Kehricht hinaus.
Ein Franzose hatte ein Sofa, vier Stühle und einen Sessel geschenkt bekommen.
Setzt sich der Franzose auf den Stuhl am Fenster, dabei möchte er lieber auf dem Sofa liegen. Legt sich der Franzose auf das Sofa, möchte er eigentlich lieber im Sessel sitzen. Steht der Franzose vom Sofa auf und setzt sich in den Sessel wie ein König, geht ihm auch schon durch den Sinn, auf dem Sessel sei es doch grauenhaft pompös. Lieber einfach auf dem Stuhl. Setzt sich der Franzose wieder auf den Stuhl am Fenster, nur hält es den Franzosen nicht auf diesem Stuhl, weil es am Fenster irgendwie zieht. Setzt sich der Franzose auf den Stuhl am Ofen und spürt, er ist müde. Da beschloß der Franzose, sich auf das Sofa zu legen und auszuruhen, aber kaum beim Sofa angekommen, wandte er sich ab und setzte sich in den Sessel.
„Hier ist es schön!“ sagte der Franzose, setzte aber sogleich hinzu: „Auf dem Sofa ist es aber sicher schöner.“
Kaum hatte der Hahn gekräht, schlüpfte Timofej aus der Dachluke und erschreckte von dort oben jeden, der um diese Zeit die Straße entlangging. Der Bauer Chariton blieb stehen, hob einen Stein auf und warf ihn nach Timofej. Timofej verschwand irgendwohin. „Geschickt, der Kerl!“ - rief die Menschenherde, und ein gewisser Zubov rannte los und knallte in vollem Lauf mit dem Kopf gegen eine Mauer. „Ach!“ - schrie eine alte Frau mit Zahngeschwür. Aber Komarov machte der Alten pitsche-patsche auf die Backe, so daß die Alte heulend in ein Torweg floh. Feteljuin kam vorbei und mußte lachen. Komarov trat auf ihn zu und sagte: „He, du schadenfrohes Schwein!“ und haute Feteljuin in den Bauch. Feteljuin lehnte sich gegen die Mauer und bekam den Schluckauf. Romakin spuckte von oben aus dem Fenster, mit dem Ziel, Feteljuin zu treffen. Da verprügelte ganz in der Nähe ein altes langnasiges Weib sein Kind mit dem Trog. Und eine junge dickliche Mutter putzte ihrem hübschen Mädchen die Nase an der Backsteinmauer. Ein kleines Hündchen, das sich sein zartes Beinchen gebrochen hatte, wälzte sich auf dem Gehsteig. Ein kleiner Junge aß aus dem Spucknapf irgendeine Sauerei. Vor dem Lebensmittelgeschäft stand eine lange Schlange um Zucker an. Die Weiber schimpften laut und knufften sich gegenseitig mit ihren Portemonnaies. Der Bauer Chariton, der sich mit Denaturiertem betrunken hatte, stand mit offenem Hosenstall vor den Weibern und stieß unanständige Wörter hervor.
So begann ein sehr schöner Sommertag.
„Ein Franzose ...“, aus: Geschichten von Himmelkumow und anderen Persönlichkeiten, Berlin 1983, Friedenauer Presse, übersetzt von Peter Urban.
„Traum“, aus: Fälle, „Beginn eines sehr schönen Sommertages“, aus: Fallen, beides übersetzt von Peter Urban , erschienen bei Haffmanns 1984 in Zürich