Elixiere des Teufels
Im September 1970 erschien im KonkretVerlag ein Buch mit dem Titel: „Hasch und andere Trips“. Man werde sich, so der Herausgeber Neumann, „um objektive Informationen bemühen“ und die medizinischen, juristischen und gesellschaftlichen Probleme des Drogenkonsums darstellen. Das ist eigentlich das Übliche. Jedoch ist das Buch in einigen Punkten unüblich. Anhand empirischer Befunde versucht es das Vorurteil zu widerlegen, Haschischkonsumenten würden labil, sexuell enthemmt und kriminell. Es behandelt die positiven Wirkungen durch Drogen: gesteigerte Sinnlichkeit, Kontaktfähigkeit, Kreativität, Heiterkeit und Glücksempfinden, verschweigt aber nicht die Gefahren von Abhängigkeit und künstlicher Konfliktvertuschung. Es bietet eine Reihe anregender Rezepte zum Selbermachen — von der Hasch-Suppe über Tee, Konfekt und Pudding bis hin zu „Nebukadnezars Traum“. Der weitaus interessanteste Beitrag des Bandes stammt von Peter Brückner und ist ein engagiertes Plädoyer für den Rausch, für die Macht der Imagination und gegen die Korrumpierung und „Verregelung aller Sinne“ in der Warengesellschaft. Brückner differenziert zwischen dem „Rausch des Protestes“ und dem „Rausch der Affirmation“. Während im letzteren sich die Borniertheit des bürgerlichen Bewußtseins „nur lallend bestätigt“, kommt ersteren durchaus die emanzipierende Bedeutung schöpferischer Regression zu. Brückner benennt hier auch in aller Deutlichkeit das Elend des Kriminalisierungszirkels: Verfolgung, Sektenbildung, Entpolitisierung, soziale Verelendung.
Gut ein Jahr später erschien der erste „Release-Report gegen die Sucht“ (Heuer, R. u.a., Helft Euch selbst). Release (zu deutsch: Befreiung) existierte als Selbsthilfe-Initiative ehemaliger Fixer nach nordamerikanischem Vorbild in Hamburg seit September 1970. Ende 1971 gab es zehn Release-Gruppen in der BRD. Das Bändchen ist eine Dokumentation eigener Aktivitäten und eine kritische Auseinandersetzung mit der öffentlichen Reaktion auf Drogenkonsum; es ist Reflexion und Appell. Die Position ist nicht eindeutig. Zum einen wird jener Gleichung, Sucht sei Flucht vor der Wirklichkeit, widersprochen; Rausch sei vielmehr ein „höherer Wachheitsgrad des Bewußtseins“. Nicht der Fixer, sondern die Gesellschaft bedürfe der Resozialisierung. Andererseits wird Release ausdrücklich übersetzt mit: „Befreiung von der Sucht“. Der Appell lautet: „Sagt euch los von den Drogen. Für offene Augen ist sichtbar: Es war ein Irrweg.“ Auch diese Ambivalenz war offenbar nicht lange auszuhalten. Im März 1972 versammelten sich die linken Drogenarbeiter in Hamburg zu einem Anti-Drogen-Kongreß. Der Materialienband, in dem dieser Kongreß dokumentiert ist, trägt den Titel: „Sucht ist Flucht“. Und die Aufgabe des Kongresses wird gekennzeichnet als: der „Vermischung von Unvereinbarem — linker politischer Gesinnung und Drogenkonsum“ überzeugend entgegenzutreten. Jochen Steffen, einer der Begrüßungsredner, bekräftigte die neue Klarheit der Genossen: „Wer, wie ich, bei allen Gründen, die daran zweifeln lassen, nur Vernunft und Rationalität als Grundsätze und Mittel der Analyse und der Gestaltung der Gesellschaft anerkennen kann, der muß gegen Suchtmittel kämpfen“. Natürlich wurde der Zusammenhang von Drogenkonsum und Kapitalismus auch auf diesem Kongreß vielfach thematisiert, wurden repressive und kriminalisierende Strategien zurückgewiesen. Aber der einzige Beitrag, der sich ernsthaft auf die Frage einläßt, wie die Linke ein angemessenes Verständnis von Lust entwickeln könne, gelangt auch nur zu der Enthüllung, daß bei Timothy Leary das wahre Sein im Bewußtsein bestehe. Er schließt mit den harten Worten: „Gefühle, die sehnsüchtig kindlichen Befriedigungs- und Glückwünschen nachhängen, können nicht die Grundlage einer vernünftigen und rational ausweisbaren Politik sein.“ Der nächste Schritt ließ nicht lange auf sich warten: 1973 gab Release Heidelberg unter dem Titel „Krankheit und Institution“ eine Dokumentation der „Unterdrückung eines Versuchs zur Selbstorganisation“ heraus. Das Arbeitsprogramm von 1970 hatte die Leitsätze der Release-Arbeit formuliert: Selbstorganisation für den Kampf um Emanzipation aus Abhängigkeit aller Art, Auflösung des Abhängigkeitsverhältnisses auch zur Droge, Transformation der selbstzerstörerischen Potentiale in selbsterhaltende und bewußte Wendung gegen die Ursachen. Die danach mitgeteilten Dokumente des Vorurteils, der Behinderung und Zerstörung dieses Versuchs sind in der Tat empörend.
Wirklich berührt hat mich aber etwas anderes in diesem Band. Es gibt da ein langes Tonbandprotokoll eines Gesprächs, das die Leute von der Release 1971 mit dem Heidelberger Oberbürgermeister Zundel und anderen Offiziellen geführt haben. Vorausgegangen war der Tod eines ehemaligen Release-Mitglieds. In dem Gespräch geht es um die Konsequenzen, die aus diesem Todesfall und der gegenwärtigen Situation von Release zu ziehen seien. In der Dokumentation wird es abgedruckt unter der Überschrift: „Versuch der Zerschlagung des Release“. Und tatsächlich konnte der Arzt von Release einer Kündigung durch den Oberbürgermeister nur zuvorkommen, indem er selbst kündigte. Die Gründe dafür lagen in Kontakten mit dem Sozialistischen Patientenkollektiv an der Universität Heidelberg, das unter Terrorismusverdacht stand. Aber die Veränderung des Konzepts, der Übergang zur harten Therapie ä la Synanon ging nicht vom Oberbürgermeister aus, sondern
unheimlicherweise von eben jenem Arzt, der kurz darauf Release verlassen mußte, und von Ingo Warnke, einem ehemaligen Drogenabhängigen. Prinzipielle Drogenfreiheit im Haus, Rausschmiß bei Verstoß, Generalmißtrauen als Arbeitsgrundlage, Kontrollmechanismen, zweijährige Verweildauer, der Übergang von einem Konzept für Jedermann/-frau zu einem für wenige Motivierte — alle diese Auflagen gingen nicht von der Bürokratie aus. Im Gegenteil. Der Oberbürgermeister ist von dieser Wendung so verdutzt, daß er immer wieder fragt: „Und was machen wir mit all den anderen?“ (...) „Darf ich jetzt in die gleiche Runde fragen, was machen wir mit all den anderen?“ Die Unvereinbarkeitsfeststellung des Anti-Drogen-Kongresses hatte nun auch Eingang in die Therapie gefunden. Vorsitzender von Release wurde für eine Übergangszeit Ingo Warnke, bis er später nach Berlin ging und dort „Synanon“ begründete. Vertreter des alten Konzepts zogen die Konsequenz und traten aus. Einer von ihnen schrieb, der Hauptgrund für das Scheitern des Release-Konzepts sei gewesen, daß „diese Gesellschaft, der wir entgehen wollten, dennoch immer dageblieben ist (. ..) Denn diese Gesellschaft kam durch Hintertüren immer wieder in unser Release herein“.
Innerhalb von drei Jahren hatte sich dieser Umschlag vollzogen. In dieser Zeit wurden die Weichen der weiteren Drogenpolitik gestellt. Realität, Vernunft und Rationalität hatten ihre Positionen zurückerobert — und die Hintertüren, durch die sie kamen, waren nicht nur Repression, Zwang und Gewalt, der wir weichen mußten. Dem geheimen Einverständnis zwischen der Linken und der bürgerlichen Gesellschaft im Zeichen der Rationalität müssen wir weiter nachspüren. Sonst mogeln wir.
W ohin diese Weichenstellung geführt hat, will ich nur kurz andeuten und mich dabei auf drei exemplarische Positionen zur Drogenfrage beschränken.
Die Welt soll anders werden als sie ist. Das ist nach Erich Wulf (Argument 120,1980) der Grundimpuls des Drogengebrauchs. Woher aber kommt er? Nach Wulf ermöglichte auch noch der Kapitalismus den Menschen eine progressive, das heißt nicht stagnierende Weltund Wirklichkeitserfahrung, wenigstens bisher. Zunehmend jedoch bleibt insbesondere der Jugend diese Perspektive versperrt. An die Stelle einer progressiven setzt sie daher eine regressive Wirklichkeitserfahrung: Drogen. Einen Ausweg sieht Wulf in der bereichernden Erfahrung und Perspektive, die die Beteiligung am gesellschaftlichen Befreiungskampf vermitteln kann. Auch bei Wulf bleibt Drogenkonsum Flucht, wenn auch Flucht aus einer beschädigten Wirklichkeit. Auch für ihn ist Drogenkonsum nur der Verlust einer wirklichkeitsgerechten Identität, nicht auch Zugewinn. Auch für ihn besteht der Ausweg in einem Appell, der zwar nicht nur Anpassung ist, in den Bedingungen seiner Realisierung aber heute unklarer scheint denn ja.
Viel einfacher liegen die Dinge für Peter Jacobs. (Auf dem Regenbogen reitet der Tod, Berlin 1980) Auch er sieht die Drogenkonsumenten als Opfer des Kapitalismus in der Krise, als Objekte verfilzter profitgieriger und politischer Interessen. Da er besonders diese anklagen will, kommen ihm die schlimmen Folgen des Drogengebrauchs gerade recht — als Folge des Stoffs, nicht seiner gesellschaftlichen Verfolgung. Überhaupt ist das Buch ganz aus der Kontrollperspektive geschrieben; viele Maßnahmen gelten ihm als zu schlaff, die Folgen einer Entkriminalisierung wären „unabsehbar“. Es könnte aus einer unserer eigenen Ordnungsinstanzen stammen, wäre darin nicht so viel die Rede von Kapitalismus und CIA. Des Rätsels Lösung: es stammt aus der DDR. Woraus sich ebenfalls erklärt, daß die Drogen bisher vom Westen nur bis nach Wien gelangt seien, nicht aber hinein in den real existierenden Sozialismus — offenbar wie einstmals die Türken an Wien gescheitert sind und so das christliche Abendland gerettet wurde.
Die in der Praxis weitaus wichtigste und verbreitetste Position ist der Therapieoptimismus, wie ihn etwa Wolfgang Heckmann vertritt (Praxis der Drogentherapie, Weinheim 1982). Er wendet sich gegen einen Therapiepessimismus, der zu Unrecht glaube, mit Drogensüchtigen könne man ohnehin nichts mehr machen, und der nach aller Erfahrung ebenso unangebracht wie schädlich sei. Tatsächlich könne die Drogentherapie nach ersten tastenden Anfängen heute auf stattliche Erfolge zurückschauen, hinter denen sie sich nicht zu verstecken brauche. Zwar sei noch allerhand zu verbessern und vor allem auszubauen, aber im Prinzip sei man auf dem rechten Weg. Insbesondere abzulehnen seien alle kurzschlüssigen Patentlösungen wie etwa die Kasernierung der Abhängigen, die Ausgabe von Ersatzdrogen wie Methadon oder die Legalisierung aller Drogen. — Über die Erfolge der Drogentherapie läßt sich trefflich streiten, und es wird heftig gestritten, obgleich (oder weil) es keinerlei verläßliche Evaluation gibt und schon ein Blick auf das Verhältnis von geschätzten Fixern (50.000), Therapieplätzen (1.800) und hoher Abbruchquote (50 % und mehr) eher zu Bescheidenheit anhält. Schwerwiegender als diese Selbstbelobigung scheint mir die Verkürzung der Problemsicht. Die Ursachen, Zusammenhänge, die historischgesellschaftliche Bedeutung des Drogenkonsums steht nicht mehr zur Diskussion. Da ist ein „Problem“, woher auch immer, und dieses Problem muß und kann bearbeitet werden, von Spezialisten, in besonderen Einrichtungen, möglichst effektiv im Sinne der Vorgaben. Der Ausbau des Apparats, mit dem dieses Ziel erreicht werden soll, das Wachstum des Etats, die Spezialisierung der Professionellen gelten als Indikatoren einer positiven Entwicklung. Ist das denn mehr als fortschrittsgläubige, technologisch-funktionalistische Vernunft?
Ein merkwürdiger Widerspruch bietet sich dar. Soweit die Drogenfrage noch gesellschaftstheoretisch betrachtet wird, erscheint der Abhängige auch heute noch als Opfer einer von Widersprüchen zerrissenen Gesellschaft mit zweifelhafter Perspektive Hierin unterscheidet sich die linke Betrachtungsweise nach wie vor von der bürgerlichen, die von gesellschaftlichen Bedingungen nichts wissen will und in altbewährter Weise dem Individuum nicht nur die Folgen, sondern auch noch die Schuld für sein Scheitern aufbürdet. Aber wo es an die Praxis geht, verschwinden die Unterschiede. Es ist bei beiden das unangepaßte, defiziente Individuum, worauf sich diese Praxis richtet. Und „Nach-Sozialisation“ als Inhalt dieser Praxis bleibt nicht nur von der Wortbildung her in der Nähe von NachSitzen und ähnlich freundlichen Hilfestellungen. „Es gibt auch einen allzu großen Fortschritt von der Utopie zur Wissenschaft; — wenn diese nämlich den Traum nach vorwärts verliert.“ (Bloch 1965) S eit alters gilt der Rausch als die äußerste Form des ungezügelten und unmoralischen Lebens, steht er im Umfeld von Verbrechen, Krankheit und Tod. Ganz besonders gilt dies für die Entstehung und Entwicklung
der bürgerlich-industriellen Gesellschaft und ihrer auf Leistung und Berechenbarkeit gerichteten Moral. Kein Wunder, daß die herrschenden Klassen und Eliten allezeit darauf bedacht waren, das Unberechenbare des Rauschs in Grenzen zu halten. Weniger leicht verständlich ist, wann und warum die unteren Volksklassen sich in solche Ordnungskampagnen haben einspannen lassen, ja selbst zu ihrem Träger wurden.
Nur sehr vereinzelt ist bisher die Arbeiterbewegung unter diesem Gesichtspunkt betrachtet worden. In ihren Reihen galt der Engelsche Topos, der Alkoholgenuß der Arbeiter ergebe sich notwendigerweise aus ihren Arbeits- und Lebensbedingungen. Uneinig war man sich in der Antwort darauf. Die einen meinten, mit dem Kapitalismus werde auch der Arbeiteralkoholismus verschwinden; die anderen wollten dem „Saufteufel“ schon jetzt zu Leibe rücken. Seit Ende des 19. Jahrhunderts gab es starke Bemühungen, einen proletarische Abstinenzbewegung in Gang zu bringen. 1903 entstand der „Deutsche Arbeiter-Abstinenten-Bund“. 1930 meinte Otto Rühle (in seiner „Illustrierte(n) Sittengeschichte des Proletariats“), die SPD habe in dieser Frage versagt. Auf mehreren Parteitagen waren Abstinenten-Anträge nicht durchgedrungen und insgesamt habe sie sich des Alkoholproblems zu wenig angenommen.
Auch gegenüber dem Umfeld von Alkohol und Rausch gab es in der Arbeiterbewegung eher skeptische Ablehnung. Diethart Kerbs (Die hedonistische Linke, Wien 1974) und Gert Mattenklott (Argument 123, 1980) haben dies für den Hedonismus und die linke Romantik gezeigt. Beides galt als uneindeutig, weltfremd, phantastisch, realitätsuntüchtig. Schimpfworte. Und doch gibt es eine linke hednonistisch-romantische Tradition, die von den Frühsozialisten über den Anarchismus bis zur Neuen Linken reicht. Das Verhältnis der Arbeiterbewegung zu dieser Tradition kennzeichnet Mattenklott mit der Formel: „Erdrosseln oder Einverleiben, jedenfalls Beherrschen.“ Es scheint, als wirke dieses Verhältnis weiter. Die antiautoritäre Studentenbewegung, auf die Tradition der Arbeiterbewegung und auf die kulturrevolutionäre und subkulturelle Vorwegnahme einer sozialistischen Gesellschaft gerichtet, konnte dem Rausch und dem Drogengebrauch noch eine positive und hoffnungsgeladene historisch-gesellschaftliche Bedeutung zuschreiben. Mit dem Aufkommen des Zirkel- und Kaderunwesens, der Redogmatisierung linker Positionen, der Liquidierung der Studentenbewegung als „kleinbürgerlichem Sumpf“ verschwand auch diese offene Haltung. Zusammen mit den Unsicherheiten und Schwierigkeiten der frühen Drogen-Selbsthilfe, zusammen auch mit dem Erfolgsdruck und der zunehmenden Verschärfung der Verfolgung, verschob sich die Offenheit zu immer konsequenterer Ablehnung.
Mit aller Deutlichkeit möchte ich es sagen: Keinen Praktiker, der sich über Jahre in der Drogenarbeit abgemüht hat, soll hier eine besserwisserische Watschen verabreicht werden, denn eine Dolchstoß-Legende hätte selbst nur die Funktion einer Denkblockade. Es ist aber der Eindruck nur schwer zu verwischen, die Linke, die linken Pädagogen und Therapeuten, also wir hätten uns an der gesellschaftlichen Ausgrenzung des Drogenproblems nicht tatkräftig beteiligt. Wir haben dies gegen unseren Anspruch getan, vielleicht auch vielfach gegen unseren Willen. Wir selbst haben die Trennung von Politik und Underground aktiv betrieben. Wir haben die Reindividualisierung des Drogengebrauchs befördert, in dem sich die Praxis zunehmend auf die Reparatur als defekt gekennzeichneter Individuen verlagerte. Wir haben uns an der Einrichtung besonderer Institutionen und professioneller Stäbe für die Defekten beteiligt und damit der Entmündigung der Betroffenen Vorschub geleistet. Und wir haben unseren eigenen Drogenkonsum den Erfordernissen angepaßt, sind zu Abstinenzlern geworden oder zu heimlichen Konsumenten, freudlos, privat, isoliert, mit schlechtem Gewissen womöglich. Der Rest ist wieder Sehnsucht.
Aber warum dies alles? Woher das Zurück- _ sinken? Zweierlei scheint mir bedeutsam. Linke Studenten der Psychologie und der Sozialpädagogik, die sich gegen das repressive Bündnis von Psychiatrie und Strafjustiz wandten, die sich als aktiver Teil der Studentenbewegung verstanden und die etwas Praktisches und Nützliches tun wollten, sie und andere Vertreter der helfenden Berufe waren die Initiatoren im Prozeß der Institutionalisierung der Drogenarbeit. Ihre Motive waren gewiß ehrenwert, aber sie hatten auch ein eigenes Interesse. Viele von ihnen schufen sich auf diese Weise ihren späteren Arbeitsplatz, in der Praxis wie auch im Wissenschaftsbetrieb. Und mit der Institutionalisierung kamen die Loyalitätsverpflichtungen, und mit den Loyalitäten kam der eingeschränkte Blick.
Zum anderen sehe ich das Dilemma von Nah- und Fernziel: Um die bürgerliche Gesellschaft zu überwinden, ja um sich mit ihr auseinandersetzen zu können, hat die Linke immer wieder enorme Anleihen bei den Prinzipien eben dieser Gesellschaft gemacht und sie noch überhöht: ein höheres Maß an Rationalität und Planung sollte die Bürger ausstechen, mehr Bereitschaft zu Leistung, Engagement und Verzicht. Das bürgerliche Muster des Bedürfnisaufschubs hat sie geradezu zum Ideal des erfüllten Politlebens erhoben. Und die Angst vor der Ich-Auflösung des Subjekts ist vielleicht nirgendwo so groß wie gerade in der Linken. So haben wir uns in der Meinung, diese Anleihen und Übernahmen seien listig und subversiv, in Wahrheit fangen lassen; schlimmer noch: wir sind selbst zu nachsichtigen Vertretern dieser harten Bürgertugenden geworden.
D ie Frage nach den praktischen Konsequenzen solcher Überlegungen bereitet Unbehagen. Beugen wir uns da nicht schon wieder dem Verwertungsdruck? Gehen wir nicht sogleich in neue Fallen? Aber auch umgekehrt: Wozu denn solche Selbstreflexion, wenn sie uns bei unserer Suchbewegung nicht auch Orientierungspunkte gibt?
Mir scheint, es ergeben sich solche Orientierungspunkte für die Drogenpolitik auf zwei Ebenen. Zum einen werde ich noch skeptischer gegenüber einer auf Abwehr und Verfolgung gegründeten Drogenpolitik. Ihre innere Inkonsequenz, ihre geringe faktische Reichweite, ihre Tendenz zur Hospitalisierung, ihr Kriminalisierungsgrundsatz, der noch die Therapie einholt und zur Strafe werden läßt — dies alles erweist die offizielle Drogenpolitik als eine Strategie, die soziale Konflikte nicht löst, sondern ausgrenzt, und die einen öffentlich-politischen Dialog der Bürger über gesellschaftliche Ziele, Werte und Normen nicht nur nicht herbeiführt, sondern verhindert. Auf diesem Weg fortzuschreiten, wird die Sache nicht besser, sondern schlechter machen. Gerade an dieses Tabu der Abwehr und Ausgrenzung, das ist die zweite Ebene, müssen wir uns also heranwagen, wenn es um Alternativen zu der bisherigen Drogenpolitik gehen soll. Manfred Josuttis hat in seinen „Unbeholfenen Überlegungen ...“ (in: Völger u.a., Rausch und Realität, Bd. II, 1981) eine solche Alternative skizziert. Sie besteht darin, den Umgang mit Drogen nicht aus der Gesellschaft herauszudrängen, sondern ihn gesellschaftlich wieder zu reintegrieren. Das bedeutet, soziale Verständigung zu ermöglichen über Lebensziele und Lebensformen. Das bedeutet auch, soziale Orte und Situationen zu schaffen, an denen Drogengebrauch gewissermaßen gefahrlos möglich ist, das heißt frei von den heutigen Markt- und Verfolgungsgefahren und eingebunden in stützende Rituale und Gebräuche Das ist auch eine andere Perspektive als die bloße Liberalisierung und Freigabeforderung, die ja sogleich dieselbe schrankenlose Vermarktung zur Folge hätte, wie wir sie heute bei den legalen Drogen Tabak, Alkohol und Tabletten beobachten. Eine solche Wiederaneignung kompetenten Drogengebrauchs könnte wohl kaum auf dem Verordnungswege eingeleitet, sondern müßte von unten aufgebaut werden. Produktion und Konsumtion der Drogen müßten wieder in eigene Regie genommen werden; (...)
Christian Marzahn