Elixiere des Teufels
Es ist jedes Jahr das gleiche. Kaum ist der Neujahrskater vorbei, wird man mit neuen Zahlen (2026) aus irgendwelchen Statistiken überschüttet, dazu regelmäßig der Abgleich aus dem Vorjahr (knapp 1500), die Steigerung in Prozent (36) und neuerdings auch die Zahlen für die ,FNL‘ (2, auch hier steht die Angleichung auf Westniveau offensichtlich noch aus). Wenn dann das große Geschrei anfängt, war entweder die Rede von Asylbewerbern oder, wie hier, von Drogentoten in der BRD.
Diesmal tut sich Bayerns Justizstaatssekretär Alfred Sauter (CSU) mit der Forderung ,Lebenslang für Dealer' besonders hervor. Bundesinnenminister Seiters will ausgerechnet mehr Therapieplätze und hofft, daß eine europäische Rauschgiftzentrale als erste Stufe einer EG-Polizeibehörde noch 1992 mit der Jagd beginnen werde. Ffessens Generalstaatsanwalt Flans-Christoph Schaefer denkt dagegen über die Freigabe einzelner Drogen nach, denn er weiß: „Das geltende Betäubungsmittelrecht greift nicht mehr.“ (FR v. 17.1.1992) In einem Punkt ist man sich bei allen Differenzen jedenfalls einig: Es muß etwas geschehen! Also ist von einer Neuorientierung in der Drogenpolitik die Rede.
Die Polizei deutet dies auf ihre Weise: In Frankfurt wird derzeit die ohnehin eher unbedeutende Hasch-Szene von der Konstablerwache abgedrängt, nachdem zuvor wochenlang in den Tageszeitungen unter Rückgriff auf in der Regel rassistische Argumentationsmuster und bei deutlicher Überzeichnung der tatsächlichen betäubungsmittelrechtsrelevanten Vorkommnisse Stimmung gegen die Menschen gemacht wurde, die sich dort vornehmlich aufhielten. Den Auftakt zu den jüngsten Maßnahmen bildete eine Großrazzia am 16. Dezember vergangenen Jahres, bei der immerhin 150 Polizisten über mehrere Stunden im Einsatz waren und die Festnahme von 34 Personen veranlaßten; bezeichnenderweise wurde auf die zu Anlässen dieser Art sonst übliche Bekanntgabe der beschlagnahmten Menge illegaler Drogen diesmal aber verzichtet. Wie vorab von der Polizei bereits einkalkuliert, hatte die Razia die Abwanderung der Hasch-Szene in Richtung Westen zur Folge, was gleichzeitig die räumliche Annäherung von Hasch- und Heroin-Szene mit sich bringt. Jetzt setzt die kluge Frankfurter Polizei offenbar auf szene-interne k.o.-Verfahren, was sich in der Frankfurter Rundschau vom 17. Januar 1992 folgendermaßen liest: „Im Polizeipräsidium wird befürchtet, daß sich die dort etablierten Drogenhändler (...) dies nicht so ohne weiteres gefallen lassen werden. ,Noch gibt es keinen Machtkampf“, sagt Hans-Jürgen Decher ahnungsvoll.“ Aber auch im europäischen Ausland läßt sich die Polizei nicht lumpen. In Zürich wurde am 13. Januar damit begonnen, die offene Heroin-Szene am Platzspitz, wo bislang Handel und Konsum toleriert und immerhin die medizinische Betreuung inklusive kostenlosem Spritzentausch (bis zu 12000 Stück pro Tag) gewährleistet war, unter dem Einsatz von Tränengas und Gummischrot zu räumen.
In Zürich solidarisierten sich bei der Platzspitz-Räumung etwa 200 Personen mit den Junkies, die linke Wochenzeitung Zürich (WoZ) hatte die akzeptierende Drogenarbeit am Platzspitz mit parteilicher Berichterstattung seit langem unterstützt. - Für die Neue Linke in der BRD wäre es sicherlich ebenfalls von Bedeutung, ihre Position zu illegalen Drogen und deren Konsumentinnen anders zu bestimmen, als es gegenwärtig über die These vom Heroin als Aufstandsbekämpfungsmittel oder bei der erbitterten Verteidigung der herkömmlichen Therapiekonzepte geschieht, wobei die beiden Positionen sich darin überschneiden, daß sie sich einen Dreck um das ansonsten so hoch gehaltene ,Recht auf Selbstbestimmung' auch für Junkies scheren. In diesem Zusammenhang schien der dis- Redaktion der bereits 1982 im Jahrbuch für Lehrer 7' bei rororo (Reinbek) veröffentlichte Aufsatz von Christian Marzahn noch immer lesenswert, so daß wir uns zum Nachdruck einer leicht gekürzten Fassung entschieden.
Dagmar Ganßloser