In den siebziger Jahren soll die Frankfurter Universität ein Ort der Rebellion gewesen sein. Anfang der achtziger Jahre verkündeten die Reste der Uni-Sponti-Szene dann mit ihrem Rückzug ins Geschäfts- und Privatleben gleich «das Ende der Politik«. Es dauerte jedoch nicht allzu lange, bis sich erneut ein linkes Gegenmilieu an der Universiät herausbildete Es konturierte sich um die Linke Liste, einer Gruppe aus Alt-Spontis und Leuten, die ihre politische Sozialisation außerhalb der Universität durchliefen, die sich vor Alltagsstumpfsinn, harten Arbeitsrhythmen oder dumpfem Provinzleben ins städtische Studentendasein flüchteten.

Verknöcherter Lehrbetrieb und Duckmäusertum ödeten jedoch auch hier an, und so störte die Linke Liste die eine oder andere akademische Zusammenkunft. Die Universitätsleitung benötigte für ihren Repräsentationskult, wie die Jahre zuvor, die Unterstützung uniformierter Kräfte und blamierte sich damit in der Öffentlichkeit regelmäßig. Die Linke Liste versuchte, weniger langweilige Feste zu feiern, zerdepperte auch mal ein paar Scheiben, ging gegen die Sonderbehandlung von politischen Gefangenen oder gegen die Vereinigung der zwei deutschen Staaten auf die Straße. Die Zubetonierung von Häuserfundamenten des ehemaligen Ghettos der Frankfurter Juden am Börneplatz konnte sie zwar nicht verhindern, dagegen zu protestieren, interessierte sie immerhin mehr, als jene fade «Wissensschaftskritik« zu betreiben, die linke Akademiker gerade in Frankfurt so gerne als Opposition mißverstehen. Als alle Welt unaufhörlich die Wohnungsnot beklagte, versuchte die Linke Liste, im rot-grünen Frankfurt Häuser zu besetzen. Es ging ihr wie anderen Gruppen zuvor und danach. Außer der Polizei kam niemand.

Erstaunen provozierte auch immer wieder, wo bei all der Lethargie und den sauertöpfischen Mienen auf dem Campus jährlich die etwa 2ooo Wahl-Stimmen für die Linke Liste herkamen, die es ihr ermöglichten, den AStA zu dominieren und nicht nur Projekte wie diese Zeitung zu finanzieren. Die Vermutung, die Linke könne sich der Institutionen der Studentinnenschaft nur deshalb bedienen, weil jene den individualisierten, von Aufstiegs- und Existenznöten gebeutelten Studentinnen in der Mehrzahl völlig egal sind, verfestigte sich im bundesweiten Protest von 1989. In Frankfurt griff eine Bewegung auf alle Fachbereiche über und legte die gesamte Universität lahm. Angeführt von ihren Professoren zeigte sich der akademische Nachwuchs standesbewußt, verlangte einfach mehr von der Sorte der sie Führenden, um straffer und zügiger vorwärts zu schreiten. «Auch ich will ein Buch«, forderten die Tröpfe, elternunabhängiges Bafög schien ihnen dagegen «viel zu ungerecht«. Ohne etwas erreicht, gar den Ausfall eines Semesters riskiert zu haben, zogen sich Professoren und Studierende wieder in ihren Alltag zurück. Mit Piratensender und ein bißchen Rabbatz hatten diese Leute wirklich nichts am Hut.

Der Studentinnenstreik hatte die Verhältnisse an der Frankfurter Universität offengelegt und die Selbstwahrnehmung der Linken korrigiert. Entschieden hatte sich für die Linke Liste auch, die Universität eher als einen Freiraum und nicht als bevorzugtes Feld der Politisierung zu betrachten. Die Universität als ein Ort, über den sich ohne große soziale Basis dennoch leichter Opposition betreiben ließe als über die vorstellbaren Alternativen in Frankfurt. Zwei unterschiedliche, aber integrierbare Strategien kennzeichnen in der Folge die Politik der Linken Liste. Zum einen versuchte sie, stärker auf intellektuelle (auch innerakademische) Diskussionen Bezug und Einfluß zu nehmen, zum anderen wurde die Zusammenarbeit mit der außeruniversitären radikalen Linken ausgebaut. Aus beidem ergab sich natürlich nicht umstandslos eine weiterführende Perspektive, die Kluft zur allgemeinen Studentinnenschaft vertiefte sich zudem noch mehr. Uber die Vereinigung, den 2.Golfkrieg und den Zusammenbruch im Osten ist die Ratlosigkeit der Linken (Liste) zügig vorangeschritten.

Anfang Januar lud die alte Linke Liste zu einem ersten Abwicklungsplenum, bei dem nur soviel herauskam, daß eine neue Gruppe unter dem alten Namen an der Universität agieren wird und die alten Überbleibsel irgendwie weiter mitmischen wollen. Dieses Editorial ist nicht der geeignete Ort, um auf die Auseinandersetzungen, unterschiedlichen Einschätzungen und Spaltungen einzugehen. Der Hinweis, daß es sie bis hin zur Selbstauflösung gibt, muß an dieser Stelle genügen.

Der diskus ist Teil und Ausdruck der skizzierten Entwicklung und schlägt sich ebenso mit den daraus resultierenden Problemen herum. Ob es noch eine weitere Ausgabe unter der jetzigen Redaktion geben wird, hängt nicht zuletzt vom Ausgang der diesjährigen Wahlen zum Studentinnenparlament ab. Im Vorjahr hing die linke Mehrheit an zwei Stimmen. Die Wahlergebnisse lagen bei Drucklegung dieser Ausgabe noch nicht vor.

Zuletzt noch zwei Hinweise:

- Im Studentinnenhaus sind nach wie vor 24 Asylbewerberinnen untergebracht. Das Komitee zur Unterstützung der Flüchtlinge bittet dringend um Spenden auf das Konto: Flüchtlingssolidarität Ökobank Frankfurt, Kt.Nr. 198 161, BLZ 5oo 901 00, Stichwort: Studentinnenhaus.

- Ab Mitte Februar ist der im letzten Heft vorgestellte Band «diskus — Texte der Neuen Linken« im Buchhandel für DM 29,8o zu erwerben. Den Auswahlband mit den wichtigsten diskus-Beiträgen aus den letzten 4o Jahren kann auch direkt bei uns oder dem AStA gekauft werden. Das hätte den Vorteil, daß von den Buchhandelsrabatten etwas bei uns hängen bliebe und wir somit einen Teil der privaten Zuschüsse wieder reinholen könnten.

Die Redaktion