In seiner Analyse des Golfkriegs und der Reaktionen auf diesen Krieg in der BRD, die im diskus 4/91 auszugsweise nachgedruckt wurde, kritisiert KarlHeinz Roth zu Recht den Mentalitätswandel jener ehemaligen Links-Intellektuellen, die sich gegenseitig bei der Diffamierung der gesamten Antikriegsbewegung und in ihrer Begeisterung für den „wonderful war“ zu überbieten versuchten. Gleichzeitig möchte Roth in seinem Artikel eine theoretische Erklärung der Hintergründe des Golfkriegs geben, mit der sich eine Gegenposition zur Argumentation der Kriegsbefürworterlnnen beziehen lassen kann. An diesem Punkt jedoch, und darauf soll in diesem Kommentar hingewiesen werden, gelingt es ihm nicht, jene Denkschemen zu überwinden, die es den Bellizistlnnen so einfach machten, den gesamten Protest gegen den Krieg als anti-amerikanisch und antisemitisch zu denunzieren.

Roth interpretiert den sich jährenden Konflikt als „großangelegten Angriffskrieg der USA“ und versucht die „Unerbittlichkeit, mit der die US-Administration seit dem 3. August 1990 auf diesen Krieg zusteuerte“ anhand von vier Punkten zu erklären. Zum einen hätte, in Anlehnung an die Argumentation Noam Chomskys, der Verlust der ökonomischen Weltmachtrolle an Japan und Europa die USA dazu bewogen, sich als Weltpolizei anzudienen und bezahlen zu lassen, um auf diese Weise die innere ökonomische Krise zu bewältigen. Zweitens sollte der Golfkrieg „den internationalen Wirtschaftszentren die Fortdauer ihrer Kontrolle über das OPEC-Kartell und damit einen niedrigeren Ölpreis sichern“. Drittens habe vor allem die US-amerikanische Rüstungsindustrie ein großes Interesse daran gehabt, ihre Bedeutung und Notwendigkeit auch nach dem Ende des kalten Krieges unter Beweis zu stellen. Viertens schließlich soll die Invasion des Irak in Kuwait die internationale ökonomische Ordnung, die Roth mit dem Begriff der „debt eco-nomy “ beschreibt, in Frage gestellt und die USA zur militärischen Intervention bewogen haben. Diese vier Argumente, die genau diskutiert werden müssen und gerade auch auf die besondere historische Konstellation des Krieges verweisen, werden von Roth in überraschend einfacher Weise auf einen gemeinsamen Nenner gebracht: „Soweit die Rahmenbedingungen eines klassischen Konflikts zwischen einer imperialistischen Großmacht und einem Schwellenland, das versucht hat, in einer weltwirtschaftlichen Schlüsselregion eine Vormachtstellung zu erringen. Sie erscheinen in fast allen Aspekten banal, so banal wie die gesamte bisherige Geschichte imperialistischer Macht- und Wirtschaftspolitik.“ Von der von Roth selbst geforderten „kritisch differenzierenden Gesamteinschätzung“ des Golfkriegs bleibt so am Ende nichts weiter übrig als die Einschätzung, daß dieser Krieg sich nahtlos in die Geschichte des Imperialismus einreihen und nach dem Muster der altbekannten Theorien interpretieren lasse. Demgegenüber führte gerade die fehlende Auseinandersetzung mit den Gefahren des gewöhnlichen Anti-Imperialismus, nämlich dem Hang zu verschwörungstheoretischen und vereinfachten ökonomischen Argumentationen, innerhalb einiger Teile der Antikriegsbewegung dazu, daß ihre Parolen nur schwer von den Schlagzeilen der National-Zei-tung zu unterscheiden waren. Die geläuterten Bellizistlnnen konnten so ihre in den siebziger Jahren oft selbst vertretenen Positionen wiedererkennen und genüßlich denunzieren. Anhand zweier Parolen, die während des Golfkriegs wieder einmal auftauchten, läßt sich die Problematik der vereinfachten Imperialismustheorien aufzeigen.

„USA = internationale Völkermordzentrale“

Bekanntermaßen hatte sich Marx für das Ende seiner Analyse des Gesamtprozesses der kapitalistischen Produktion die Kritik der internationalen Ausbeutungsverhältnisse vorgenommen, sie jedoch nicht mehr selbst in Angriff nehmen können. Die zu Beginn dieses Jahrhunderts entstandenen klassischen Imperialismustheorien versuchten diese Lücke zu schließen. Eine auch heute noch populäre Vertreterin dieser Theorien, nämlich Rosa Luxemburg, steht für die Ansicht, daß der Kapitalismus „externe Märkte“ erschließen muß, damit der in den kapitalistischen Zentren produzierte Mehrwert realisiert werden kann Rosa Luxemburg war sich sehr wohl bewußt, daß diese „externen Märkte“ nicht nur in unterentwickelten Ländern zu finden sind, sondern auch in den nicht-kapitalistischen Bereichen der entwickelten Ökonomien selbst (wie etwa der Landwirtschaft) oder den durch Staatskäufen geschaffenen Märkten (wie etwa der Rüstungsindustrie). Gleichwohl hat ihre Theorie die einfache Vorstellung geprägt, daß die erweiterte ökonomische Reproduktion innerhalb eines geschlossenen kapitalistischen Systems unmöglich und deshalb die Entwicklung des Kapitalismus auf die Eroberung anderer Länder angewiesen sei.

Die Gefahr einer solchen Behauptung besteht nicht nur darin, daß sie aus theoretischer Sicht einfach falsch ist, sondern auch in ihrer Konzeption des Verhältnisses von Zentrum und Peripherie. Die Klasse der Kapitalistlnnen in den Zentren kann nach dieser Vorstellung die Entwicklung der Weltökonomie ganz in ihrem Interesse steuern und wird nur durch die räumlichen Grenzen der Ausdehnung des Kapitalismus in ihrer Gestaltungsmacht eingeschränkt. Bei Rosa Luxemburg findet sich die fatale Vorstellung, daß die Kapitalistlnnenklasse ihre Investitionsentscheidungen als Ganze trifft, also nach einer gemeinsamen Logik handelt. Wenn aber eine solche „Verschwörung des Kapitals“ überhaupt möglich wäre, warum sollte dann, wie Michal Kalecki zu Recht gegen Luxemburg eingewendet hat, die Kapitalistlnnenklasse nicht im richtigen Ausmaß investieren und so das Problem der Uberakkumulation erst gar nicht entstehen lassen? Die Krisenhaftigkeit des Kapitalismus beruht ja gerade nicht auf der Verschwörung des Kapitals, sondern auf der von Marx immer wieder kritisierten „Anarchie des Marktes“, die keine vorherige Koordination der Investitionsentscheidungen erlaubt.

Noch schlimmer aber wird es, wenn als grimmiger Bösewicht an den Hebeln der Macht nicht mehr „das Kapital“ ausgemacht wird, sondern ganz bestimmte Nationen oder Völker. Kaum anders als in jenen bürgerlichen Marx-Interpretationen, in denen nicht mehr die kapitalistischen Produktionsverhältnisse, sondern die abstrakte Erscheinungsform des Kapitals kritisiert und mit bestimmten Bevölkerungsgruppen identifiziert wird, pervertiert sich so die marxistische Klassentheorie in eine Rassentheorie. Auf diese Weise sind die Imperialismustheorien oft mißbraucht worden, um beispielsweise die Vorstellung von der satanischen amerikanischen Weltmacht zu propagieren, die den Rest der Welt mit gnadenloser Gewalt unter ihre Alleinherrschaft zwingt. Nicht weit ist dann der Schritt, die Wall-Street von jüdischen Spekulantlnnen kontrolliert zu sehen und Israel als „Brückenkopf“ des amerikanischen Imperialismus im Nahen Osten darzustellen. Die umstandslose Identifikation mit der PLO in manchen Kreisen der Linken oder die Unfähigkeit der „Friedensbewegung“, die bundesdeutsche Rüstungsindustrie zu thematisieren, sind auch ein Ausdruck solcher Fehlinterpretationen der marxistischen Kapitalismuskritik.

Aufgrund dieser Erfahrungen muß man deshalb sehr sensibel reagieren, wenn Karl-Heinz Roth den USA unterstellen, sie hätten den Irak „in die Falle [gejlockt und exemplarisch ab[ge]straft“ und dessen „Erpressungsmanöver gegen Kuwait arglistig“ ausgenutzt, „um einen aggressiven Vernichtungskrieg vom Zaun zu brechen“. Während Roth zu Beginn seines Artikels noch die fundierte Quellenkritik einfordert, verweist er nun auf „erst in Jahrzehnten zur Verfügung stehendefs] Quellenmaterial“, von dem er jetzt schon annehmen darf, daß es seine Sicht nicht korrigieren wird. Demnach haben die USA den Irak geradezu ermuntert, in Kuwait einzumarschieren, um einen Vorwand für die bereits von Anfang an geplante Massenvernichtung zu haben.

Selbst Noam Chomsky, dem sich wirklich keine Sympathie für die Politik der USA nachsagen läßt, hat in seiner Analyse des Golfkriegs (vgl. diskus 1/91) die Interessenkonflikte innerhalb der amerikanischen Eliten nicht verschweigen wollen. Ob am Golf Gewalt angewendet oder ob weiter auf wirtschaftliche Sanktionen gesetzt werden soll, war auch noch nach der Stationierung der US-amerikanischen Truppen in Saudi-Arabien stark umstritten. Der Krieg war für die ökonomisch stark angeschlagene Hegemonialmacht eine sehr teure und gefährliche Alternative. Warum sie dennoch gewählt wurde, hat Präsident Bush selbst gesagt: seine Entscheidung war von der Hoffnung mitgetragen, daß Europa und Japan zu ökonomischen Zugeständnissen an die USA bereit sind, um so nicht nur den Krieg finanzierbar zu machen, sondern auch die innere Krise zu überwinden. Wenngleich die direkten Kriegskosten von den Handelsrivalen getragen wurden, blieben die weiteren erhofften Zugeständnisse, wie etwa die Senkung der Zinsen in Europa oder die Rücknahme der Blockadepolitik der EG in den Gatt-Verhandlungen, bisher aus. Die in den USA gehegte Hoffnung, daß ein schneller Sieg am Golf auch ein Ende der Rezession bedeuten könnte, hat sich inzwischen als Trugschluß erwiesen. Entgegen allen Erwartungen fungierte der Dollar während des Golfkriegs nicht mehr wie in früheren Zeiten als Fluchtwährung, sondern erreichte sogar am 12. Februar 1991 seinen historischen Tiefststand. Insgesamt hat sich die ökonomische Krise in den USA seit dem Golfkrieg noch verschlimmert.

Ein Jahr nach Ende des Krieges erscheinen die USA nicht als arglistige Verschwörer, sondern allenfalls als betrogene Betrüger. Der militärische Einsatz am Golf war kein lang geplantes und erwünschtes Ziel der US-amerikanischen Politik. Er war aus guten Gründen umstritten und erst nach der angekündigten finanziellen Unterstützung durch die westlichen Verbündeten für Präsident Bush überhaupt durchführbar. Die Hoffnung, aus dem Krieg politisches und ökonomisches Kapital schlagen zu können, war jedoch trügerisch. Der kurzzeitige Sympathiegewinn für Präsident Bush innerhalb der amerikanischen Bevölkerung ist bereits verspielt, das Ende der ökonomischen Misere nicht absehbar Tatsächlich also war die Rolle der USA während des Golfkriegs nicht mehr die einer imperialen Großmacht, sondern, wie Chomsky richtig feststellt, die einer Söldnerarmee. Auch Roth bezieht sich auf Chomsky, doch er zieht nicht die wichtige Konsequenz, die sich aus dieser Argumentation ergibt. Die Rolle der Söldnerarmee weist nämlich vor allem auf die Instrumentalisierung der USA und somit auf den bedeutenden Einfluß Europas für die Wahl des Krieges hin. Ein Kommentator derE4Zvom31.12.91 sieht bezeichnenderweise den Golfkrieg als besten Beweis dafür, daß Washington als „Schrittmacher des europäischen Willens gebraucht“ werde. In Roths Analyse hingegen dominiert das alte Feindbild des US-amerikanischen Imperialismus, womit die europäische Verantwortung für den Golfkrieg völlig ausgeblendet wird.

Gegen diese Argumentation ließe sich einwenden, daß die USA sehr wohl eigene Interessen in der Golfregion verfolgen, nämlich die Kontrolle über die wichtigen Rohstoffquellen anstreben und deren ökonomische Ausbeutung forcieren wollen. Auf eine einfache Formel gebracht, hat dieses Argument auch in Teilen der Antikriegsbewegung eine wichtige Rolle gespielt.

„Kein Blut für billiges Öl“

Für Roth steht fest, daß neben dem Wunsch nach einer exemplarischen Abstrafung eines aufmüpfigen Schwellenlandes das US-amerikanische Interesse an einem niedrigen Ölpreis den ökonomischen Hintergrund des Golfkrieges bildete. US-amerikanische Politiker wie Lee Hamilton, der Vorsitzende des Unterausschusses für Europa und den Nahen Osten im US-Repräsentantenhaus, der im Spiegel 34/1990 scheinbar freimütig äußerte, der Grund für den Einsatz am Golf sei ganz alltäglich, nämlich Geld, Öl und die Kontrolle über beides, scheinen ihn in dieser Ansicht bestätigen zu können.

Hinter dem Gedanken, daß ein niedriger Ölpreis von zentralem Interesse für die USamerikanische Ökonomie sein müsse, verbirgt sich eine von den Theorien des „ungleichen Tauschs“ her bekannte Vorstellung von den weltweiten ökonomischen Ausbeutungsmechanismen. Diese Theorien weisen auf die Lohndifferentiale zwischen Zentrum und Peripherie und den sich daraus ergebenden Werttransfer im internationalen Handel hin. Ihre Anwendung auf Schwellenländer wie den Irak und insbesondere auf den Rohstofftausch, dessen Preisbildungsmechanismus weniger von den Produktionskosten, sondern von der Nachfragestruktur bestimmt wird, ist jedoch problematisch. Da Roth diese Frage nicht näher aufgreift, soll hier auf eine komplementäre Position eingegangen werden.

Die jahrelange Unterbewertung des Öl-Listenpreises, so etwa die Argumentation von Mohssen Massarat (vgl. diskus 1/91), habe es den Verbraucherstaaten des Nordens ermöglicht, den Rentenanteil der ölproduzierenden Länder niedrig zu halten und sich die Differenz zwischen Marktpreis und Listenpreis über Mineralölsteuern und Importzölle selbst anzueignen. Erst mit den drastischen Preisanhebungen durch die OPEC im Jahre 1973/74 und 1979 wäre ein Prozeß in Gang gekommen, der den unbeschränkten Abfluß von Öl und Kapital aus dem Nahen Osten in die Verbraucherstaaten einzudämmen begann. Der Ölpreis, so Massarat, sei jedoch immer noch unterbewertet und seine Anhebung das einzige Mittel der OPEC, den gigantischen Ressourcentransfer vom Süden in den Norden zu stoppen.

In der Tat könnte ein hoher Ölpreis den Ressourcentransfer reduzieren, jedoch wären die Konsequenzen allein für die ölproduzierenden Staaten katastrophal. Prinzipiell sind die Vereinigten Staaten - selbst ohne die vielfältigen Einsparungsmöglichkeiten zu berücksichtigen - in der Lage, ihren enormen Energiebedarf selbst zu produzieren, und sie werden dazu bei einem hohen Olpreis auch einen entsprechenden Anreiz haben. Langfristig gesehen sind die USA - im Gegensatz zu ihren Handelsrivalen in Europa und Japan weit weniger von den Ollieferungen aus dem Nahen Osten abhängig. Ein hoher Olpreis würde, wie die „Energiekrise“ der siebziger Jahre gezeigt hat, die Konkurrenzposition der USA gegenüber Europa und Japan sogar verbessern. Der Anstieg der Olpreise in den siebziger Jahren erlaubte es den USA, ihre unrentabel gewordene heimische Energieproduktion wieder aufzunehmen und sich unabhängiger von der Preispolitik der OPEC zu machen. Die stetige Reduktion der Nachfrage nach teurem Ol führte schließlich 1986 zum „Gegen-Crash“: der Preis pro Barrel fiel von 25 US— auf bis zu 8 US— und stabilisierte sich schließlich auf einem Niveau von etwa 15 US—. Eine Politik hoher Olpreise kann deshalb angesichts der vorhandenen Energiesubstitutionsmöglichkeiten keine erfolgversprechende Strategie der OPEC-Staaten sein.

Umgekehrt aber ist es auch für die Verbraucherstaaten wenig sinnvoll, den Olpreis auf einem sehr niedrigen Niveau zu halten. Die Erfahrungen in Europa und den USA in den fünfziger und sechziger Jahren haben gezeigt, welche negativen Auswirkungen auf die Entwicklung des inländischen Energiesektors der ölimportierenden Nationen ein niedriger Ölpreis haben kann. Nur durch hohe Importschranken konnte in dieser Zeit in Europa die Kohleindustrie in der Konkurrenz gegen das billige Öl verteidigt werden. Ein „zu niedriger“ Ölpreis kann also die notwendige Abschaffung unrentabel gewordener, aber beschäftigungs- und strukturpolitisch wichtiger Energieproduktionssektoren verhindern und dazu führen, daß solche Bereiche unter hohen gesamtwirtschaftlichen Kosten gegen die Konkurrenz abgeschottet werden müssen. Eine solche Politik der Protektion ist nicht nur für die ölproduzierenden Staaten schädlich, sondern auch für die Entwicklung der inländischen Industrie bedenklich. Es sollte deshalb nicht verwundern, wenn James R. Schlesinger, der frühere amerikanische Staatssekretär für Energie und Verteidigung, im EnergyJournal 2/1991 zu dem Schluß kommt, daß der Olpreis sowohl zu niedrig als auch zu hoch sein kann.

Das Verhältnis der ölproduzierenden Staaten zu den Verbraucherländern der nördlichen Hemisphäre läßt sich aus diesen Gründen nicht allein auf eine Beziehung zwischen Zentrum und Peripherie reduzieren. In vielerlei Hinsicht erscheinen die ölproduzierenden Staaten gegenüber Ländern der „Dritten“ und „Vierten Welt“ als durchaus privilegiert. Die Ausbeutung der Billiglohnländer in Asien und die Gewaltverhältnisse gegenüber den überschuldeten Ländern in Afrika und Lateinamerika, die sich zum Teil in der absurden Situation von Nettokapitalexporteuren befinden, ist für den Imperialismus der Zentren bezeichnender als die eher auf Kooperation angelegten Beziehungen gegenüber der OPEC.

Auch wenn die Situation der ölproduzierenden Staaten nicht gerade typisch für die internationalen Ausbeutungsverhältnisse ist, könnte dennoch damit argumentiert werden, daß die Stabilität der Golfregion ein aus ökonomischen Gründen und mit militärischen Mitteln zu verteidigendes Ziel der US-Politik war. Die strategische Bedeutung der Golfregion für die Weltenergieversorgung wird jedoch weit überschätzt, wenn der militärische Einsatz der US-Truppen allein mit dieser Argumentation erklärt werden soll. Wenn den USA nicht ein grundsätzlicher Vernichtungswille unterstellt werden soll, muß vor allem bedacht werden, daß ihre ökonomischen Interessen auch mit anderen Mitteln hätten durchgesetzt werden können. Die jüngsten Meldungen über die katastrophale ökonomische Situation im Irak sind ein eindrucksvolles Beispiel für den „Erfolg“ des - bis heute bestehenden - westlichen Embargos und stellen deshalb erneut die Frage, warum der riskante und teure Weg des militärischen Eingriffs gewählt wurde, um die „Stabilität“ der Region zu sichern.

Der Krieg kann deshalb nicht alleine auf die ökonomischen Interessen der USA in der Golfregion zurückgeführt werden. Zwar eint Europa und die USA das gemeinsame Interesse an der Stabilität der Golfregion, jedoch wären die Auswirkungen einer Destabilisierung dieser Region für Europa nicht nur aufgrund der größeren Nähe, sondern eben auch wegen der stärkeren Abhängigkeit von den Ölimporten aus dem Nahen Osten nachteiliger als für die USA. Auch aus diesem Grund deutet einiges darauf hin, daß die Wahl der militärischen Option nur vor dem Hintergrund der veränderten hegemonialen Kräfteverhältnisse zwischen den USA und Europa erklärt werden kann. Nicht billiges Öl, sondern die Hoffnung auf Zugeständnisse der schärfsten Handelsrivalen in Europa und Japan wird letztlich aus der Sicht der USA für die Wahl des Krieges gesprochen haben. Hinter der „heiligen Allianz der Imperialisten“ verbirgt sich ein massiver Interessenkonflikt, der Europa ein hohes Maß der Verantwortung für die Wahl des Krieges zuweist. Eine ökonomische Analyse, die eine falsche Vorstellung von den internationalen Ausbeutungsverhältnissen vermittelt, verschleiert hier ein weiteres Mal die historisch neuartige Konstellation während des Golfkriegs.

Zur Zeit sieht es danach aus, als ob der Golfkrieg für die USA trotz des militärischen Triumphs die wesentlich weitergehenden Hoffnungen nicht erfüllen konnte. In Europa wiederum wird offen darüber debattiert, wie die militärische Führungsrolle selbst in die Hand genommen und so die Finanzierung einer US-amerikanischen Söldnerarmee in Zukunft vermieden werden kann. Auch wenn die Neuordnung der gesamten Region des Nahen Ostens noch lange nicht beendet ist und insbesondere die Ergebnisse der Verhandlungen zwischen Israel und den arabischen Staaten abgewartet werden müssen, erscheint das Unternehmen „Wüstensturm“ nicht eben beispielhaft für die zukünftige Formen des Nord-Süd-Konflikts

Imperialismus und die „Vereinigten Staaten von Europa“

Der Golfkrieg läßt sich demnach weder als Konflikt erklären, der sich nahtlos in die bisherige Geschichte des Imperialismus einreiht, noch steht er für das Ende des Imperialismus und den Übergang zu einem einst von Karl Kautsky erträumten friedlichen „Über-Imperialismus“. Entscheidend ist vielmehr der Wandel der Hegemonialverhältnisse in den achtziger Jahren, mit dem die sich konstituierenden „Vereinigten Staaten von Europa“ eine Schlüsselrolle in der „Neuen Weltordnung“ erhalten haben. Sie tragen eine zentrale Verantwortung für den Golfkrieg, auch wenn sie an den Kriegshandlungen selbst nur marginal beteiligt waren. Diesen Wandel der Hegemonialstrukturen zu benennen und seine Auswirkungen zu begreifen, muß der wesentliche Inhalt eines auch in Zukunft tragfähigen Imperialismusbegriffs sein.

Roth nimmt diesen Wandel zwar wahr, bleibt aber in seiner Vorstellung gefangen, daß die USA immer noch das imperialistische Zentrum bilden. Der sich daraus ergebende Widerspruch wird besonders deutlich, wenn Roth den Begriff der debt economy verwendet, um die neue ökonomische Weltordnung zu beschreiben. Dieser Begriff läßt sich eben nicht mit einer alten Weltordnung gleichsetzen, in der die USA die unbestrittene Hegemonialmacht waren. Die größte SchuldnerNation der weltweiten debt economy sind die USA selbst, und ihrem Wandel von der größten Gläubiger- zur größten Schuldner-Nation in den achtziger Jahren steht dabei die Entwicklung der BRD gegenüber, deren traditioneller Leistungsbilanzüberschuß seit den siebziger Jahren auch noch von einer massiven Zunahme der Nettokapitalexporte begleitet wird. Die internationale debt economy ist somit gerade das Paradigma jener gewandelten Hegemonialstruktur, in der Europa und vor allem die BRD zunehmend die Führungsrolle übernimmt.

Es wäre jedoch falsch, aus diesen Überlegungen die Konsequenz zu ziehen, daß die US-amerikanische Hegemonie endgültig vorbei wäre und der neue Gegner nun in Europa zu suchen sei. Zum einen ist die Stabilität jener historischen Konstellation, die dem Golf-' krieg zugrunde lag, äußerst ungewiß, da nicht nur die Konstitution der „Vereinigten Staaten von Europa“ ein gefahrvoller und in sich widersprüchlicher Prozeß ist, sondern auch die Rekonstitution der US-amerikanischen Ökonomie keineswegs auszuschließen ist. Zum anderen aber ist das Feindbild der Nation selbst problematisch, da mit ihm zur mystifizierenden Konstruktion des Nationalen beigetragen wird.

Innerhalb der Antikriegsbewegung gab es sehr wohl Gruppierungen, die zu einer solchen Analyse befähigt waren und die eine differenzierte und undogmatische linke Position ■ vertraten, die sich nicht anti-amerikanischen und antisemitischen Ressentiments bediente, um ihre Opposition gegen den Krieg zu begründen. Daß in Frankfurt während des Golfkrieges Demonstrationen organisiert wurden, die nicht vor dem amerikanischen Konsulat, sondern vor der Börse, dem Ordnungsamt und den Panzerausstattern von VDO stattfanden und daß in Hamburg die Hermes Kreditversicherungs AG, die den Rüstungsexporteurlnnen den Rücken deckt, besetzt wurde, zeugt von der Urteilskraft einer - wenn auch marginalisierten - Linken in diesem Land. Die Arroganz der Mentalitätswandlerlnnen bestand auch darin, diese Positionen nicht wahrnehmen zu wollen. Die notwendige Kritik dieses Lagerwechsels kann jedoch nicht die konkrete Analyse der herrschenden Verhältnisse ersetzen oder diese als einfache Fingerübung abtun. Eine solche Fingerübung kann, wie Roths Analyse zeigt, nämlich leicht mißglücken.

Christoph Kind