Spätestens seit dem 9. November 1989 läßt die allmorgendliche Unratbewältigung resp. Zeitungslektüre nur den einen Schluß zu: So deutsch kommen wir nicht mehr zusammen. Aber dann geht es doch jeden Tag ein Stückchen weiter. Im August 1991 etwa jault unsere herrliche, demokratiegestählte Presselandschaft, die sich bequem in einem einzigen Blatt, dem Alzheimer Boten, zusammenfassen ließe, über ein Pütschlein gegen den Billigwodka Gorbatschow und die, so wörtlich, „Gleichschaltung der sowjetischen Medien“ - unisono und identisch bis in die Kommafehler, versteht sich. Dasselbe Schauspiel kann man wenige Monate später bei der Ernennung von Michail G. zum „Ehrendeutschen“ betrachten, eine Auszeichnung zum Dank für geleistete Dienste als nützlicher Idiot; die US-amerikanische Variante dieses Hohngelächters bzw. Fußtritts heißt, nebenbei, „Man of the Year“: Richtig Pluralismus ist erst, wenn alle freiwillig dasselbe sagen, und zwar genau das, was ihnen aufgetragen wurde, vorgetragen natürlich mit dem Gestus, man riskiere seinen Hals für diesen journalistischen Wagemut.

Besonders rührend werden die Damen und Herren Berufskriecher, wenn es ums Höchste, ums Vaterland geht. Als Endlosband wird die neue deutsche Nationalhymne eingelegt: „Non, je ne regrette rien“ in der „Bacardi Feeling“Dance-Mix-Version, eine Mischung aus Gemütlichkeit, Lambada und Stechschritt, und die frisch umgeschriebenen Geschichtsbücher erscheinen als täglicher Versuchsballon und Vorabdruck im Alzheimer Boten. Ohne Haß kein Spaß: Die Auslieferung Erich Honeckers, er den Fehler begangen hat, weder Autobahnen gebaut noch ein paar Millionen Menschen umgebracht zu haben und eben deshalb bei seinen Landsleuten schlecht angesehen ist und nicht Bundespräsident werden kann, wird mit einer Hartnäckigkeit betrieben, die Massenmörder wie Eichmann oder Mengele niemals fürchten mußten.

Das Zauberwort beim Frisieren der historischen Bilanzen heißt Stasi bzw. „Schdohsi! Schdohsi!“, wie es aus den Mündern von Millionen Vorgartenzwergen erklingt, die sich entweder wechselseitig „Ach, ich armes Opfer, Schluchzl-Bescheinigungen ausstellen oder mit erigierten Fingern aufeinander zeigen, sehr zur wiehernden Freude der annektierenden Westdeutschen und ihrer Lohnschreiber vom Alzheimer Boten. Kein Blatt kann man aufschlagen, aus dem einem nicht der klerikale Bezichtigungs- und Absolutionskunsthonig entgegentrieft.

Klamauk im Hause Gauck heißt das Rührstück, nach nur einem Tag sind die Anträge auf Akteneinsicht vergriffen, und wer das Glück hat, eine (seine) Akte zu finden, schwenkt sie und krakeelt und zetert, auf daß ihn auch ja jeder sehe. Topföde Existenzen versuchen, ihre schlappen Biographien mit dem Anstrich von Konspiration und Verfolgung aufzupeppen, ihnen nachträglich SportSpiel-Spannung einzuhauchen. „Aufarbeiten“ heißt das im Tranfunzeljargon - warum eigentlich nicht aufessen oder aufwischen oder, frei nach Faßbinder, „Angst arbeiten Camembert auf“? Jesusmäßig geht es zu, jeder schlechte Lyriker und jeder Falschparker wirft sich in die Brust: Wie er doch gegen das System war, und wie er hat bluten und büßen müssen dafür.

Den Fibel- und Bibelbildchen der sogenannten Opfer entsprechen die monströs aufgeblasenen der Täter: Tiere in Menschengestalt, lautlose Killer, eiskalte Apparatschiks so hat man sie sich vorzustellen, die Mitarbeiter der Fa. Stasi, deren Opfer selbstverständlich wir alle, also ca. sechs Milliarden Erdbewohner, waren, zumindest potentiell.

Im Akt der Wiedervereinigung, von deren Wesen und Ästhetik man schon einen adäquaten Eindruck erhielt, als am 10. November 1989 die Siegermächte Brandt, Genscher, Kohl, Wohlrabe, Momper, Diepgen usw. das Lied der Deutschen in einer dem Inhalt der Schnulze sehr angemessenen Form stimmbruchreif daherkrächzten - Hanns Martin Schleyers Freicorpsgesichtszüge vermißte

man irgendwie im Gewaltakt der deutschenEinigung fällt den ehemaligen Stasi-Leuten die Rolle der Watschenmänner zu, bei denen jeder mal hinlangen, -spucken und -treten darf, wobei die Heftigkeit proportional zur persönlichen Feigheit steigt. Die Stasi wird zum globalen Entsorgungspark und Kotbeutel, zu dem Paar Schuhe, in das man günstigerweise alles hineinschieben kann.

„Ein Auschwitz der Seelen“ nennt Jürgen Fuchs im Alzheimer Boten , der in diesem Fall „Die Welt“ heißt, die ehemalige DDR, und niemand lacht oder schickt ihn dahin, wo er hingehört: in die Gummizelle. Betroffen wird mit dem Kopfe gewackelt und geheult wie beim Zwiebelschneiden, und all das nichtgelittene Leid, all die nichtvorhandenen Narben - die wenigen Ausnahmen bestätigen die Regel - werden vorgezeigt wie Reliquien und medial für ganz ganz wahr begutachtet, weil: So preiswert und günstig, daß sie’s ganz umsonst tun, sind Denunzianten sonst nicht zu haben, und die etwas prominenteren, weil des Schreibens unkundigen Figuren wie Lutz Rathenow, die ein bißchen Kleingeld und Ruhm einsackten dürfen, werden schon demnächst, ähnlich wie Herr Gorbatschow, aber weniger gut dotiert, nach Gebrauch und ohne Flaschenpfand zum Leergut gegeben. Nicht, daß mir dann das Herz brechen wird.

„In der DDR konnte sich jeder aussuchen, ob er Jude sein wollte oder nicht“, trätet Bärbel Bohley kokett, die etwa so malen kann wie Stephan Krawczyk singen, und kein Henryk M. Broder, der doch sonst seinen Meinist-die-Rache-Feudelbart in jede Talkshow hängt und „Alles Nazis außer Mutti!“ grollt, zieht die Bohley dafür am Ohrchen und zur Rechenschaft, weil man als deutscher Medienund Berufslude eben zuallererst deutscher Antikommunist ist. Lieber schon sondert man demonstrative Empörung ab über einen Sascha Anderson, der durch das Biermannsche „Arschloch“ beinahe geadelt wurde; daß einer, der so entsetzlich grausame Gedichte schreibt wie Anderson, auch einmal etwas vergleichsweise Nützliches tun wollte und bei der Stasi anheuerte, ist weit weniger degoutant als das armrudernde, wehleidige und anbiedernde Opfergetue der angeblich oder tatsächlich Ausgespähten und Bespitzelten.

Doch auch die Stasi ist nicht frei von Schuld: Wer eine geballte Harmlosigkeit wie Christa Wolf observiert, wer jedem Betbruder und Umweltheini qua Überwachung das Gefühl von Wichtigkeit gibt, darf sich über daraus resultierende spätere Popularität der Dissidenten nicht wundern, sondern muß laut und deutlich sagen. „Scheiße! Wir haben alles falsch gemacht.“ Wieviel Kitsch, wieviel schlechte Kunst ich sage nochmals: Lutz Rathenow - wäre der Welt erspart geblieben, hätte sich die Polit-büro genannte Seniorentruppe in den 80er Jahren nicht die Decke über den Kopf gezogen und sich solange totgestellt, bis sie tatsächlich tot war; hätte die Stasi souverän und lässig gehandelt und nicht dieselbe Perfektion angestrebt wie die westdeutsche Konkurrenz vom Verfassungsschutz, der z.B. gleich 65 Agenten auf die Westberliner Alternative Liste ansetzte, obwohl für diese Ansammlung mehrheitlich staatsbejahender trüber Tassen eine halbe Planstelle reichlich bemessen gewesen wäre. (Ja, ja: Wenn das Wörtchen wenn nicht wär, dann wär mein Vater Millionär, bzw. es geht nicht ums Hinterherjammern, nur ums Richtigstellen.) Im Alzheimer Boten aber wird die Stasi nicht mit Vergleichbarem wie dem Verfassungsschutz verglichen, sondern mit der Ge-stapo, die nach offizieller Lesart ein doch eher bedeutungsloser, ungefährlicher Haufen von Fehlgeleiteten war, nein, die Stasi ist als TopTerrorbande des Jahrhunderts enttarnt, so will es der Glaube, der Berge (und eben auch Nazi-Leichenberge) versetzen kann.

Und so dürfen wir uns in den nächsten Jahren noch auf viele, viele spannende Enthüllungsstories freuen, z.B. auf die, daß Mielke, Schalck & Co. westliche Musiker umbringen ließen, und das nur aus Rache für jahrzehntelanges Anhörenmüssen von Puhdys, Karat oder Udo Lindenberg. John Lennon, Marc Bolan, Jimi Hendrix, Janis Joplin, Jim Morrison, Chet Baker, Freddy Mercury und viele andere starben, der Alzheimer Bote wird es berichten und beweisen, durch ruchlose StasiKreaturen, die so abgefeimt vorgingen, daß man sie beinah, beinah nicht erwischt hätte. Ein Beispiel für die beispiellose Heimtücke der DDR-Geheimdienstler: Dem Sex Pistols-Bassisten Sid Vicious, der in seiner Version von „My Way“ die westliche Lebensweise verherrlichte, vergiftete die Stasi sein Heroin.

Wiglaf Droste

„Der Alzheimer Bote: Klamauk im Hause Gauck“ erscheint im März in „Mein Kampf, dein Kampf“, gesammelte Polemiken von Wiglaf Droste in der Edition Nautilus, Hamburg.