2001 begann der bis heute andauernde Umzug der Goethe-Universität von ihrem ehemaligen Hauptcampus, dem Campus Bockenheim, auf das Areal des ehemaligen Hauptverwaltungssitzes der IG Farben. Dabei entzündete sich von Anfang an Kritik am neuen Standort – steht er doch wie wenige andere Orte in Europa für das Ineinandergreifen der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik mit der Großindustrie: die IG Farben führte Menschenversuche durch; lieferte das Zyklon B für die Gaskammern in Auschwitz und betrieb in Zusammenarbeit mit der SS das firmeneigene Konzentrationslager Auschwitz III Monowitz. Sie profitierte unmittelbar vom nationalsozialistischen Raubkrieg im Osten und war mit in die Kriegsplanung einbezogen.

In Anbetracht der Geschichte des IG Farben Gebäudes und der bis heute noch nicht geschlossenen Leerstelle im Gedenken an sie gründete sich vor gut zwanzig Jahren die Initiative Studierender am IG Farben Campus um »den – expliziten und impliziten – erinnerungspolitischen Diskurs der Goethe-Universität zu kritisieren und die bewusste Auseinandersetzung mit der Geschichte des Nationalsozialismus und der Shoah nicht nur im Rahmen einer Gedenkkultur zu führen, sondern auch auf die Institution Universität als Ganzer zu beziehen«.1 Kurz: Um zu fragen, was Studieren nach Auschwitz im Allgemeinen und ganz konkret am ehemaligen Hauptverwaltungssitz der IG Farben bedeuten kann.

Dringlich ist die Frage, was Studieren nach Auschwitz heißt, nach wie vor, wenn auch in veränderter Konstellation als vor zwanzig Jahren. Zu Beginn des Umzugs wurde seitens der Universität etwa der Versuch der Umbenennung des IG FarbenHauses in Poelzig Ensemble unternommen, einer Entnennung die, wäre sie nicht zuletzt auch am öffentlichen Druck gescheitert, Teile der Geschichte des Gebäudes unsichtbar gemacht hätte. Zu der Eröffnung des Gebäudes als Teil der Universität wurden keine Überlebenden des Konzentrationslagers Auschwitz III Monowitz eingeladen. Noch zum hundertjährigen Jubiläum der Goethe-Universität im Jahr 2014, das mit großem Feuerwerk vor der Kulisse des IG Farben Gebäudes begangen wurde, zeigte sich die Ignoranz gegenüber der Geschichte des Ortes. So sprach die offizielle Begleitbroschüre von der Geschichte der Universität als einer Fieberkurve, in der der Nationalsozialismus folglich nur einen »Ausschlag« darstellt.

War das Verhältnis der Universität zur Geschichte des Geländes lange weitgehend von Verdrängung geprägt, finden sich heute auf dem Campus einige, wenn auch nach wie vor wenige Gedenk- und Erinnerungsorte. Das aber verdankt sich öffentlichem und universitätsinternen Druck auf die Universitätsleitung. So finden sich mittlerweile neben den Gedenktafeln am Eingang, dem Norbert-Wollheim Memorial und der Ausstellung in den Fluren auch Ehrungen der Überlebenden von Auschwitz III Monowitz, wie Trude Simonsohn, die die Schrecken des Lagers überlebte und nach der ein Saal der Goethe Universität benannt ist. Erinnerungen finden sich auch an Siegmund Freund und an Norbert Wollheim in Form des Norbert-Wollheim-Platzes, womit einer studentischen Forderung entsprochen wurde, der sich das Präsidium jahrelang versperrte. Ohne öffentlichen Druck, eine kontinuierliche Auseinandersetzung unter Studierenden und ohne kritische Forschung wären diese wenigen Erinnerungs- und Gedenkorte wohl nicht zustande gekommen.

Diese wenigen Erinnerungsorte deuten auf eine veränderte Konstellation hin; die Frage, was Studieren nach Auschwitz heißen kann, ist jedoch nicht weniger aktuell. Auf frappante Weise zeigt dies etwa der mehrjährige Konflikt um die Adolf-Messer-Stiftung-Lounge, wie zeitweise ein Raum auf dem Campus Riedberg hieß. Adolf Messer war NSDAP-Mitglied und in seinen Betrieben wurden Zwangsarbeiter_innen eingesetzt. Eine Umbenennung dieses Raumes geschah erst durch Proteste von Studierenden, denen sich der Senat anschloss und letztendlich auch das Präsidium.

In Frankfurt heißt Studieren nach Auschwitz nicht nur, an die Geschichte der IG Farben und ihre zentrale Rolle im Nationalsozialismus zu erinnern und Konsequenzen für die Gegenwart zu fordern, sondern auch, den Blick auf die Goethe-Universität im Nationalsozialismus zu lenken. Während dieser Zeit war an ihr das ›Institut für Erbbiologie und Rassenhygiene‹ untergebracht, dessen Leitung Otmar von Verschuer teilweise innehatte, zugleich Doktorvater von Joseph Mengele.

Eine Verantwortung resultiert aus diesen Aspekten – der Geschichte der IG Farben sowie der der Universität im Nationalsozialismus –, die die Universität als Bildungsinstitution wahrzunehmen hätte. Wer heute über den Campus läuft, kann sich aber nicht des Eindrucks erwehren, dass die Auseinandersetzung mit dem Ort und der Geschichte der Universität nicht bei den Adressat_innen ankommt, um die es auch gehen müsste: bei Student_innen und Mitarbeiter_innen der Goethe-Universität.

Das vorliegende Heft dokumentiert einen Ausschnitt aus den mittlerweile zwanzig Jahre andauernden studentischen Auseinandersetzungen um die Frage, was Studieren nach Auschwitz im Allgemeinen und im Besonderen an dem Ort, an dem Auschwitz III Monowitz geplant wurde, bedeutet. Dafür wurden einige Texte aus dem 2013 erschienenen Heft Studieren nach Auschwitz, erneut abgedruckt.2 Es ist uns ein Anliegen, auch die veränderten Konstellationen und gegenwärtigen Diskussionen abzubilden. Das Heft stellt also nicht nur die inhaltliche Beschäftigung mit der Frage nach dem Studieren nach Auschwitz dar, sondern dokumentiert zugleich die Auseinandersetzung darum. Damit möchten wir dazu beitragen, dass die Geschichte des studentischen Engagements – und damit auch die Möglichkeit, sich gegen aktuelle Missstände zu wehren – nicht in Vergessenheit gerät. Selbstverständlich hat sich seit dem Erscheinen der ältesten, in diesem Heft abgedruckten, Texte am Campus und auch am Verhalten der Universitätsleitung einiges geändert. Dass diese Texte dennoch abgedruckt werden, soll auch aufzeigen, wie viel Engagement von Studierenden und Überlebenden des KZ Auschwitz III Monowitz nötig war, um diese Veränderungen zu erreichen.

Neben einem Artikel der Initiative Studierender am IG Farben Campus, in dem wir noch einmal die vielfältigen Problemlagen auf dem IG Farben Campus darstellen und Möglichkeiten aufzuzeigen versuchen, wie diesen begegnet werden kann, haben vier weitere neue Texte Eingang in dieses Heft gefunden. Dabei handelt es sich zunächst um den Text Kein (Zivilisations-)Bruch – nur Höhen und Tiefen, in welchem die Erinnerungspolitik der Goethe-Universität anhand von drei Beispielen analysiert und kritisiert wird. Des Weiteren findet sich der Text Braunes Geld, weiße Westen, der sich mit der Umbenennung der Adolf-Messer-Stiftungs-Lounge beschäftigt. Der Text Biographieforschung als Lernprozess – eine solidarische Hinwendung zum Konkreten zeigt eine neue Perspektive, die Studierende der Goethe-Universität in der Auseinandersetzung mit ihrem Studieren nach Auschwitz einnehmen. Im Rahmen einer Arbeitsgruppe widmeten sie sich der Erforschung von Biographien jüdischer Studierender an der Goethe-Universität zur Zeit des Nationalsozialismus. Ihre theoretische Perspektive beschreiben sie in ihrem Artikel. Zuletzt findet sich im Beitrag Frankfurter Studierende als Wegbereiter einer reibungslosen Machtübergabe an die Nationalsozialisten eine Beschäftigung mit der Geschichte der Universität im Nationalsozialismus, wobei insbesondere die Rolle der Studierenden an der Goethe-Universität aufgegriffen wird.

Viele der veröffentlichten Texte behandeln eine Bandbreite an Themen. Zum besseren Verständnis haben wir uns dennoch dafür entschieden, das Heft in verschiedene Kapitel einzuteilen. Behandelt wird die Gegenwart auf dem IG Farben Campus, die Vergangenheit der Universität sowie die IG Farben und Auschwitz III Monowitz. Innerhalb der Kapitel sind die Texte in chronologischer Reihenfolge abgedruckt. Mit dieser thematischen und chronologischen Gliederung zeigen wir zum einen die Entwicklung – Kontinuitäten ebenso wie Veränderungen – der Auseinandersetzung Studierender mit der Frage nach einem Studieren nach Auschwitz auf, zum anderen wird so die Vielschichtigkeit der Thematik, die sich am IG Farben Campus kristallisiert, deutlich.

Diese diskus-Ausgabe entstand in Zusammenarbeit mit der diskus-Redaktion. Wir bedanken uns bei den Autor_innen der Texte, der diskus-Redaktion und allen, die dieses Heft ermöglicht haben. Unser Dank gilt auch all denjenigen, die seit Jahren sichtbar oder unsichtbar die Frage stellen, was Studieren nach Auschwitz bedeutet.