In den vergangenen 20 Jahren, in denen die Initiative Studierender am IG Farben Campus mittlerweile aktiv ist, hat sich am IG Farben Campus einiges getan. Einerseits wissen heute wenige Erstsemestler_innen, was der Campus Bockenheim ist, einige haben noch nicht einmal vom Studierendenhaus gehört. Andererseits finden sich auf dem nicht mehr ganz so neuen IG Farben Campus mittlerweile einige Hinweise auf die Verbrechen der IG Farben im Nationalsozialismus. Trotz des in dieser Hinsicht erfolgreichen Engagements von Studierenden der Goethe-Universität und Überlebenden des Konzentrationslager Auschwitz III Monowitz, wissen Wenige, dass dort, wo heute im IG Farben Haus Universitätskurse stattfinden, vor nicht einem Jahrhundert das KZ Auschwitz III Monowitz mitgeplant wurde. Bis heute zeigen sich am IG Farben Campus vielfältige Problemlagen, die sich nicht in der Thematisierung der nationalsozialistischen Vergangenheit der IG Farben erschöpfen. Doch von vorn: Was war eigentlich die IG Farben?

 

Die Interessengemeinschaft Farben im Nationalsozialismus

Die Interessengemeinschaft Farben AG – kurz IG Farben – bestand ab 1925 als ein Zusammenschluss verschiedener deutscher Chemiekonzerne, u.a. Bayer, BASF, Hoechst, AGFA und Casella. Die IG Farben bildete einen Trust, der praktisch ein Monopol in der chemischen Industrie innehatte. Nachdem die IG Farben zunächst Angriffsziel des vorgeblichen Antikapitalismus der Nationalsozialisten war, fand schnell eine gegenseitige Annäherung statt. Die IG Farben profitierte nicht nur von Zwangsarbeit und Arisierung, sie war aktiv an der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik und Kriegsführung beteiligt.

Am deutlichsten wird diese aktive Beteiligung an ihrem firmeneigenen Konzentrationslager im Lagerkomplex von Auschwitz. Das KZ Auschwitz III Monowitz wurde ab 1940 von der IG Farben gemeinsam mit der SS betrieben. Auf der Baustelle für eine neue Buna-Fabrik1 mussten die dort Inhaftierten Zwangsarbeit leisten. Häftlinge, die den IG Farben-Mitarbeiter_innen oder der SS zu entkräftet zur weiteren Zwangsarbeit erschienen, wurden selektiert und in den Gaskammern von Birkenau ermordet. Etwa 25.000 bis 30.000 Inhaftierte fielen dieser Vernichtung durch Arbeit und den dort herrschenden Zuständen zum Opfer oder wurden auf der Baustelle oder im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau ermordet.

Die IG Farben partizipierten jedoch noch in weiteren Punkten an der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik. So verkaufte die Firma Degesch, eine Tochterfirma der IG Farben, das Schädlingsbekämpfungsmittel Zyklon B, welches die SS in den Gaskammern von Auschwitz-Birkenau einsetze. Überdies waren Mitarbeiter_innen der IG Farben in grausame Menschenversuche in Konzentrationslagern involviert. Die IG Farben profitierten somit von Zwangsarbeit und war auf vielen Ebenen unmittelbar am Holocaust beteiligt.2

 

Die Goethe-Universität im Nationalsozialismus und ihr Umgang mit der Vergangenheit

Doch es ist nicht nur die Geschichte der Verbrechen der IG Farben, derer am heutigen Hauptcampus der Goethe-Universität erinnert werden muss. Auch die Geschichte der Goethe-Universität im Nationalsozialismus bedarf der Auseinandersetzung. Einmal bezüglich der Konsequenzen der nationalsozialistischen Gesetzgebung für Universitätsangehörige; etwa die Entlassungen jüdischem Lehrpersonals in Folge des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums. Zum anderen hinsichtlich der eigenen Aktivitäten im nationalsozialistischem Geiste von Universitätsangehörigen. Zu diesen zählt die Organisierung von Bücherverbrennungen.3

Zudem stellte die Universität einen gewichtigen Standort der ›Rassenforschung‹ dar. Am ›Universitäts-Institut für Erbbiologie und Rassenlehre‹ der Goethe-Universität wurde unter der Leitung von Otmar von Verschuer im Sinne der nationalsozialistischen ›Rassenlehre geforscht. Neben der Forschung sollte an diesem Institut »erbärztliche[n] praktische[n] Arbeit« erfolgen, die darin bestand, eine »erbbiologische[n] Bestandsaufnahme« der Frankfurter Bevölkerung zu erstellen, anhand derer sogenannte ›Erbkranke‹ erfasst werden sollten und die die Durchführung entsprechender Gesetze erleichtern sollte. Darüber hinaus wurden am ›Universitäts-Institut für Erbbiologie und Rassenhygiene‹ Gutachten zur Zwangssterilisation erstellt.4Josef Mengele, der später als ›Lagerarzt‹ in Auschwitz Selektionen und Menschenexperimente durchführte und verantwortlich für unzählige Morde war, assistierte von Verschuer 1937 an jenem Institut der Goethe-Universität. Mengele promovierte 1938 an der Goethe-Universität zur ›Rassenforschung‹ und erhielt auch während seiner Zeit in Auschwitz als Mitarbeiter der Goethe-Universität ein Gehalt von ebendieser.5

Die Auseinandersetzung mit den Verbrechen des ›Universitäts-Instituts für Erbbiologie und Rassenhygiene Frankfurt am Main‹ wurde und wird jedoch nicht maßgeblich von der Universitätsleitung, sondern von Studierenden und der Forschungsstelle NS-Pädagogik vorangetrieben. Im Vergleich dazu scheint die Geschichte der IG Farben im Nationalsozialismus weitaus präsenter im Universitätsalltag zu sein. Auch hier ist die inhaltliche Auseinandersetzung an der Goethe-Universität jedoch größtenteils begrenzt auf eine weitere renommierte Institution der Forschungslandschaft, das Fritz Bauer Institut.

Hinzu kommt, dass die in den Auseinandersetzungen um die Vergangenheit der Goethe-Universität und der ihrer Geldgeber gewonnenen Einsichten wenig Konsequenzen für das Agieren der Universität in der Gegenwart zu haben scheint und jene Einsichten vor allem zwischen Buchdeckeln ihre Wirkung zu entfalten scheinen. Ein Beispiel dafür ist die Vergangenheit der Familie Quandt, die heute die Goethe-Universität mit Geldspenden unterstützt und deren Vermögen maßgeblich durch die Ausbeutung von Zwangsarbeiter_innen im Nationalsozialismus entstand. Auf die Gesprächsanfrage einer hr-Reporterin bezüglich der Familie Quandt nimmt die Universitätsleitung erst nach mehrmaligem Nachhaken und dann ausschließlich schriftlich Stellung. In ihrer Stellungnahme geht sie nicht auf die konkreten Verbrechen der Quandts im Nationalsozialismus ein, lobt die Familie stattdessen für den Umgang mit ihrer Geschichte und dankt ihr vor allem für die großzügigen Geldspenden an die Universität.6

 

Universität als Verwaltungsakt

Wie einleitend beschrieben, erschöpft sich die Problematik des IG Farben Campus jedoch nicht in seinen vielfältigen (größtenteils unsichtbaren) Bezügen auf den Nationalsozialismus. Das IG Farben Gebäude ist zudem schlicht wenig als Universitätsgebäude geeignet, da es als Verwaltungsgebäude des damals größten Chemiekonzerns Europas geplant wurde. Es stellt sich deswegen die Frage, welcher Zweck mit dem Umzug auf das Gelände verfolgt wurde und welches Selbstverständnis damit verbunden ist. Es ist frappierend, dass man einen Verwaltungsbau als geeignetes Gebäude befunden hat, um darin Universität stattfinden zu lassen – und zwar nicht in ihren verwaltungstechnischen Anteilen, sondern für Seminarbetrieb und Bibliothek. Hinzu kommt, dass die in der Folge unter der Leitung der Universität selbst erbauten Gebäude in ihrem Stil diesem Verwaltungsbau angepasst sind. Daraus spricht ein bestimmtes Selbstverständnis von Universität als Verwaltungsakt. Die Gebäude der Goethe-Universität symbolisieren einen Prozess, der durch die Bologna-Reformen in Gang gekommen ist. Universität wird dabei nach Effizienz und Leistung definiert. Es geht nicht darum, Raum und Zeit für kritisches Denken und die freie Entfaltung des Geistes zu stellen. Die Universität ist vielmehr dazu da, den Studierenden die besten Karrierechancen zu ermöglichen.7 Der Erkenntnisgewinn wird dabei anhand von Credit Points und einem möglichst reibungslosen Durchlaufen der Universität in Regelstudienzeit gemessen. Der IG Farben Campus, der in seinem Erscheinungsbild eher einem kühlen Bürokomplex als einem Universitätscampus ähnelt, steht bildlich für diese Entwicklung, die nicht nur in Frankfurt stattgefunden hat.

Eine zweite Problematik folgt aus der Nutzung dieses Verwaltungsgebäudes. Wie einleitend beschrieben, stellte die IG Farben bereits in den 20er Jahren ein Monopol dar und war damit der größte Chemiekonzern Europas. Diese finanzielle Macht wollten die damaligen Konzernchefs aus ihrer Hauptverwaltungszentrale sprechen lassen. Deswegen wurde das IG Farben Haus als eine Krone oberhalb der Stadt angelegt. Das Gebäude nimmt dabei keinerlei Bezug auf das existierende Straßennetz im Westend und grenzt sich eindeutig vom Rest der Stadt ab. Diese Abschottung gegenüber dem Stadtteil wurde in den neuen Gebäuden nicht aufgebrochen. Wenig einladend wirkt er für diejenigen, die nicht am Campus studieren oder arbeiten. Die Symbolik der elitären Abschottung gegenüber der Bevölkerung, die von den IG Farben initiiert wurde, setzt die Goethe-Universität fort.

 

Studieren auf dem »Schönsten Campus Europas«

Es gibt Grund genug zur Annahme, dass sich für die Studierenden auf dem neuen Campus nichts zum Besseren entwickelt hat. Die architektonischen Bedingungen der neuen und alten Gebäude auf dem Campus verschärfen die Konkurrenz und Engstirnigkeit, die mit den Bologna-Reformen einherging. Für die Masse an Studierenden, die die Universität jedes Jahr durchlaufen, sind selbst die neu gebauten Gebäude nicht ausgelegt. Die Seminarräume sind zu klein, sodass regelmäßig – insbesondere zu Beginn des Semesters – die Hälfte der Interessierten auf dem Boden Platz finden muss. Von finanziellen Zwängen und den Anforderungen des Bafög-Amtes getrieben, entsteht ein Hauen und Stechen um die wenigen Plätze im Wunschseminar. Ein weiteres Beispiel dafür, dass die Gebäude des IG Farben Campus für die Bedürfnisse der Studierenden nicht ausgelegt sind, ist die Mensa im PEG. Da sie sich ebenfalls durch völligen Platzmangel auszeichnet, sind Studierende regelmäßig damit beschäftigt, durch das halbe Gebäude zu laufen, um einen geeigneten Platz für das gemeinsame Mittagessen zu finden. Leider offenbart sich dabei jedes Mal, dass für Studierende außerhalb des Seminarbetriebs auf diesem Campus kein Platz ist.

Es gibt kaum Räume, an denen sich Studierende aufhalten und unverbindlich miteinander diskutieren können. Die Orte, die sich dennoch dazu anbieten würden, werden aufgrund des Platzmangels stattdessen meist von Studierenden genutzt, die einen ruhigen Ort zum Arbeiten suchen. Auch andere Formen außeruniversitärer studentischer Kommunikation werden unterbunden. So werden Sticker und Plakate von den Wänden entfernt und ausgelegte Flyer täglich entsorgt. Das studentische Leben auf dem Campus ist aufgrund architektonischer Gegebenheiten und dem Willen der Universitätsleitung in vielerlei Hinsicht stark eingeschränkt. Ein Studierendenhaus auf dem IG Farben Campus scheint auch nach Jahren des Umzugs noch in weiter Ferne. Damit steht der »schönste Campus Europas« in diametralem Gegensatz zu dem, was sich Architekt und Hochschulleitung beim Wiederaufbau der Universität in den 1950er-Jahren gedacht haben. Bei der Eröffnung des Studierendenhauses auf dem Campus Bockenheim sagte der damalige Rektor der Universität, Max Horkheimer:

»Das Glück des unabhängigen Denkens und das Bedürfnis nach Freiheit, das aus ihm folgt, ja mit ihm identisch ist, muss gelernt und erfahren sein; es bedarf der Übung und der Gelegenheit, des Beispiels und des Umgangs. […] Wie unendlich klein auch das Ausmaß dieses Hauses im Hinblick auf so hoch gesteckte Ziele erscheint, die Wirkung dieser Zelle wird sich aufs Ganze der Universität und weiterhin erstrecken, es wird ihr Zentrum werden.«8

Nach dem Nationalsozialismus war die Demokratisierung der Universität erklärtes Ziel der Leitung. Dies ist neben der Erbauung des großen Studierendenhaus im Zentrum des Campus an weiteren architektonischen Besonderheiten zu erkennen, die aufzuführen an dieser Stelle zu weit führen würde.9 Bei diesem Blick nach Bockenheim geht es nicht darum, nostalgische Gefühle derer zu wecken, die noch dort studiert haben. Vielmehr soll dieser Blick aufzeigen, wie Universität auch gedacht werden kann und dass die aktuellen Zustände an der Universität weder naturgegeben und unveränderlich sind, noch schon immer so waren.

 

Es sollte alles ganz anders sein

In diesem Sinne ist eine Demokratisierung der Universität als Institution und eine Entstandardisierung des Lehrangebots erforderlich. Darüber hinaus ist eine verpflichtende Auseinandersetzung mit den negativen Potentialen der eigenen Disziplin, den Verstrickungen des eigenen Studienfachs in den Nationalsozialismus und die Vermittlung eines kritischen Umgangs mit Studieninhalten dringend notwendig. Kaum eine Disziplin, die an der Goethe-Universität gelehrt wird, ist so jung, als dass sie nicht bereits zur Zeit des Nationalsozialismus gelehrt wurde. Es gilt außerdem, der Beschäftigung mit der Geschichte der Goethe-Universität und der IG Farben einen zentralen Stellenwert im Studium in Frankfurt einzuräumen. Momentan ist es couragierten Tutor_innen und einzelnen Lehrstuhlinhaber_innen zu verdanken, abseits der Lehrpläne auch die Auseinandersetzung mit dem Ort und der Institution auf den Tisch zu bringen.

Die IG Farben als monopolkapitalistischer Chemiekonzern sind Paradebeispiel dafür, dass wissenschaftliche Erkenntnisse auch dem Massenmord dienen können. Die Entwicklung des Schädlingsbekämpfungsmittel Zyklon B, welches in Konzentrationslagern zur systematischen Vernichtung von Jüdinnen und Juden eingesetzt wurde, geht aus Kenntnissen der Chemie hervor. Erkenntnisse, wie sie aus Betriebswirtschaftslehre gezogen werden können, sicherten die Koordinierung eines Unternehmens wie den IG Farben, das von Zwangsarbeit profitierte sowie den materiellen Gewinn, der aus jener gezogen wurde.

In der Beschäftigung mit der Verstrickung von universitären Inhalten und Personen in den Nationalsozialismus liegt die Möglichkeit einer Reflexion dessen, was »Studieren nach Auschwitz« bedeuten kann. Ein Bewusstsein darüber zu erlangen, dass Kultur die Barbarei nicht von vornherein ausschließt, dass Wissenschaft nicht davor gefeit ist, in Barbarei umzuschlagen, ist für eine aufgeklärte und progressive Gesellschaft unerlässlich.