Ausgangspunkt dieses Artikels ist die Podiumsdiskussion Whose Body? Whose Choice?, die im Rahmen der Vortragsreihe We can’t believe we still have to protest this shit! – Für das Recht auf Abtreibung und körperliche Selbstbestimmung! stattfand. Die Organisatorinnen vom Bündnis für körperliche Selbstbestimmung Frankfurt erklärten, diese Veranstaltung sei ein Produkt der Reflexion auf die feministischen Proteste rund um die Verurteilung der Ärztin Kristina Hänel: Während sich der politische Widerstand gegen die Kriminalisierung von Abtreibungen im Herbst 2017 formierte, kam es im feministischen Protestbündnis immer wieder zu Diskussionen um die Nutzung der Kategorie ›Frau‹. Zentral war dabei die Frage, ob und inwiefern Schwangerschaftsabbrüche nur ›Frauen‹ beträfen oder ob nicht lieber von ›schwangeren Personen‹ gesprochen werden solle. Auch transsexuelle und non-binäre (ungewollt) Schwangere und ihre Erfahrungen sollten im Kampf für das Recht auf Abtreibung sichtbar sein. Zeitgleich schien allen Beteiligten – wenn auch auf unterschiedliche Art und Weise – klar zu sein, dass dieser Kampf nicht ohne die Kategorie ›Frau‹ geschlagen und gewonnen werden kann. In der Organisation der Reproduktion zeigen sich explizite geschlechtliche Unterdrückungsstrukturen, die eng an den Zugriff auf ›Frauen‹ gebunden sind. An einer so simplen Frage wie »Schreiben wir schwangere Person oder Frau?« materialisierte sich für die Veranstalterinnen aktuelle (queer-)feministische Diskussionen um Identitätspolitiken und Gesellschaftskritik.

Das Ziel der hier dokumentierten Veranstaltung war es nun, eben diese Debatte aus den politischen Hinterzimmern zu holen und sich die Zeit und den Raum zu nehmen, diese in einer breiteren Öffentlichkeit zu diskutieren. In diesem Sinne hat das Bündnis für körperliche Selbstbestimmung vier (queer-)feministische Gruppen aus Frankfurt geladen: SUQ – solidarisch, unaufgefordert, queer; Feministische Philosoph_innen Frankfurt; FfeM. und Fantifa.Frankfurt.

Wer sich hier nun auf die Reportage einer hitzigen und kontroversen Diskussion gefreut hat, muss leider enttäuscht werden. Die vier am Podium vertretenen Gruppen waren sich in den allermeisten Fragen – praktischer wie theoretischer Natur – weitestgehend einig. Dies darf insoweit nicht verwundern, reichte das politische Spektrum des geladenen Podiums vom (queer-)feministischen Materialismus bis zum materialistischen Queerfeminismus. Dennoch oder vielleicht gerade deswegen war an diesem Abend einiges über den aktuellen Stand des Feminismus in Frankfurt zu lernen.

Alle Gruppen waren sich darin einig, dass die Kategorie ›Frau‹ analytisch wie politisch von großer Bedeutung für die feministische Theorie und Praxis – insbesondere im Kontext der Abtreibungsdebatte – sei. Unterschiede ließen sich aber in der Gewichtung der Relevanz für den konkreten politischen Kampf ausmachen. Während FfeM. die Kategorie ›Frau‹ und das damit gemeinte weibliche Subjekt ins Zentrum ihrer feministischen Arbeit stellen, nimmt bei SUQ die Kategorie ›Queer‹ und das queere Subjekt diese Stellung ein. Zeitgleich sei – auch darin war sich das Podium relativ einig – die unhinterfragte Verwendung der Kategorie ›Frau‹ je nach Kontext durchaus auch problematisch. Sie suggeriere eine Homogenität von Frauen und produziere zeitgleich Ausschlüsse vermeintlicher Nicht- Frauen1. Geeint wurden die unterschiedlichen queer-/ feministischen Ansätze und Positionen zudem – zumindest in der unwidersprochenen Annahme von SUQ – durch einen gemeinsamen Feind, der entweder in den heterosexistischen (Reproduktions-)Verhältnissen oder im patriarchalen Kapitalismus ausgemacht wurde. Ziel müsse daher auch immer – selbst beim (reformistischen) Kampf für die Rechte von Frauen und LGBTIQ*s – die Überwindung der kapitalistischen Verhältnisse und der Geschlechterbinarität sein.

Leider gelang es nicht, die durchaus vorhandenen Unterschiede zwischen den Gruppen herauszuarbeiten. Auch auf explizite Nachfrage, nach den theoretischen, praktischen und begrifflichen Verschiedenheiten, gaben Vertreter_innen der Fantifa.Frankfurt zu verstehen, dass sie keinen Gegensatz und keine große Differenz erkennen können. Die Repräsentant_in von SUQ verwies auf die Unterschiede in der individuellen Motivation oder der Identitäten, die entweder zu einem eher feministischen oder zu einem eher queeren politischen Engagement führten. Während FfeM. eher klassischere feministische Positionen bezog, fehlt eine solch eindeutige Positionierung bei den beziehungsweise innerhalb der Feministischen Philosoph_innen, die eher die Widersprüchlichkeit des Gebrauchs der Kategorie ›Frau‹ betonen und darauf zu reflektieren versuchen. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass alle Redner_innen von denselben oder zumindest sehr ähnlichen theoretischen Grundannahmen ausgehen, die sich jedoch auf verschiedene Art und Weise in ihrer Praxis niederschlagen. Alle Gruppen gehen von der sozialen Konstruiertheit der Kategorie ›Frau‹ aus. ›Sex‹ und ›Gender› werden – so bringt es die Fantifa.Frankfurt auf den Punkt – im Sinne der Queer-Theorie gleichermaßen als sozial konstruiert verstanden. Das sich daraus ableitende politische Ziel ist – sehr abstrakt – die Überwindung der heterosexistischen und patriarchalen kapitalistischen Gesellschaft.

Statt die kleinen, aber entscheidenden Differenzen auf den Punkt zu bringen, wurden die Unterschiede auf dem Podium, die vom interessierten Publikum sehr wohl wahrgenommen wurden, von den Diskussionsteilnehmer_ innen eher harmonisiert. Dabei würde es gerade nicht um eine soziale, das heißt identitäre Abgrenzung von anderen Gruppen gehen, sondern um eine Klärung des eigenen politischen und theoretischen Standpunkts. Diese Harmonie des Podiums führte leider immer wieder dazu, dass zentrale Fragen – wie beispielsweise was eine ›queere Praxis‹ denn ausmache, nur schwammig oder gar nicht beantwortet werden konnten oder in Phrasen untergingen. Beispielsweise wurde Queerfeminismus folgendermaßen skizziert: Im Gegensatz zu den traditionellen beziehungsweise historischen Feminismen gehe es um die Überwindung der Binarität der Geschlechter und um die Kritik an der Ideologie der Natürlichkeit von ›Sex‹ und › Gender‹. In diesem Versuch, eine möglichst inklusive und allgemeingültige Antwort zu finden, wird sowohl den Zweite-Welle wie auch den Dritte-Welle Feminist_innen unrecht getan. Die Annahme der Natürlichkeit des Geschlechts und der Geschlechterrollen wurde schon vor der Queer-Theorie von Feminist_innen kritisiert und auch die Queer-Theorie lässt sich nicht auf diese banale Aussage reduzieren.

 

FEMINISTISCHE DISKUSSIONSKULTUR

Der fehlende Bezug auf Frauen-Körper hat dabei konkrete Auswirkungen, in der Debatte um Schwangerschaftsabbrüche. Elvira Sanolas problematisiert beispielsweise, dass die Verdrängung der natürlichen und biologischen Voraussetzungen des Schwanger-Werden- Könnens dazu führt, »dass die Probleme von Frauen nicht mehr sinnvoll thematisiert werden können « (Sanolas 2018: 196). Den »Zusammenhang zwischen Frau-Sein und Geschlechtskörper« im Bewusstsein zu halten, ist aber ein »wesentliche[s] Fundamen[t] feministischer Kritik« (ebd.: 198). Dabei scheint der Sachverhalt – zumindest wie ihn Koschka Linkerhand und Sanolas in ihren Beiträgen in dem Sammelband Feministisch Streiten fassen – relativ einfach zu sein. So schreibt Linkerhand2: »Die weibliche Biologie ist ein prägendes Merkmal des Frau-Seins« (Linkerhand 2018: 40; Herv. d. A.). Daran anschließend verweist Sanolas darauf, dass das Vorhandensein einer Vulva dazu führt, dass ein »Baby als Mädchen betrachtet und entsprechend erzogen wird« (Sanolas 2018: 198). Staat, Kapital und deren gesellschaftliche Sozialisationsinstanzen produzieren das Bedürfnis oder Gefühl, Kinder gebären zu müssen primär bei jenen Individuen, die die materiellen Voraussetzungen dazu haben3. Anders formuliert: Die gesellschaftliche Totalität weiß genau, wen sie zur biologischen Reproduktion der Gesellschaft zwingen kann und wen nicht und der Besitz einer Vulva ist zumindest ein gutes Indiz dafür, »dass die[ser] Mensch mit hoher Wahrscheinlichkeit einmal wird Kinder gebären können« (ebd.). Transmänner und Transfrauen sind daher vom gesellschaftlichen Gebärzwang auf die ein oder andere Weise weniger betroffen. Während bei Transmännern wohl die gesellschaftliche Erwartungshaltung beziehungsweise der gesellschaftliche Druck, Kinder zu gebären eher gering sein dürfte, besteht bei Transfrauen diese Möglichkeit schlicht und einfach nicht. Es scheint daher sinnvoll und legitim zu sein, die Kategorie ›Frau‹ ins Zentrum des Kampfes um reproduktive Selbstbestimmung zu rücken.

 

Stan alias Loretta von der Volksfront von Judäa

 

*.lit

LINKERHAND, KOSCHKA (2018): Das politische Subjekt Frau. Rehabilitierung eines Kampfbegriffs. In: Ebd.: Feministisch Streiten. Texte zu Vernunft und Leidenschaft unter Frauen. Berlin: 18-50.

SANOLAS, ELVIRA (2018): Geschlecht als Wille und Design. Zur Kritik an der queeren Multiplikation der Geschlechtsidentitäten. In: Linkerhand, Koschka (Hrsg.): Feministisch Streiten. Texte zu Vernunft und Leidenschaft unter Frauen. Berlin: 188-200.

 

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