Bei unseren Gesprächen zum Thema der Unsichtbarkeit in all seinen Uneindeutigkeiten und Vielfältigkeiten ist uns die Idee gekommen, dass in Frankfurt mittlerweile viele Gruppen existieren, die sich damit beschäftigen, etwas sichtbar zu machen - entweder an einzelnen Objekten oder im Stadtbild. Unser Eindruck ist dabei, dass diese Projekte mehr werden und zunehmenden Zuspruch finden, und dass das Anliegen dieser Rundgänge oder Spaziergänge in Bezug auf unser Heftthema auf drei Ebenen spannend zu sein scheint:

Zunächst waren es die Typen von Unsichtbarkeit, auf die wir bei den Arbeiten der Gruppen gestoßen sind. Auf welche Formen der Unsichtbarkeit reagieren sie? Auf Orte, Zeiten, Sachen, die verschwunden sind? Oder auf Plätze, Momente, Dinge, die im Alltag verschwinden, übersehen werden oder nicht gesehen werden können? Zum Zweiten haben wir uns gefragt, was die Strategien bei den Rundgängen sind – also, wie auf die verschiedenen Typen von Unsichtbarkeit reagiert wird. Und schließlich haben wir uns gefragt, was denn überhaupt die Ziele der Rundgänge sein könnten. Dabei kamen uns folgende Fragen in den Sinn: Ist es das Anliegen der Gruppen, etwas sichtbar zu machen? Was soll über diese Sichtbarkeit erreicht werden? Welche Grenzen oder Probleme ergeben sich bei diesen Versuchen und was würde gegen kontinuierlichere Formen der Sichtbarmachung (Denkmäler, Plaketten, usw.) sprechen?

 

Formen der Unsichtbarkeit bzw. Sichtbarmachung

diskus: Was war eure Ausgangssituation? Habt ihr überhaupt etwas als unsichtbar wahrgenommen, auf das ihr mit euren Rundgängen dann reagiert habt?

Johnny: Um den Begriff der Sichtbarkeit diskutierbar zu machen, muss man meines Erachtens zunächst die verschiedenen Formen der Unsichtbarkeit trennen. Ich finde, es gibt da große Unterschiede: Im Klapperfeld ist der Zugang verwehrt, aber wenn du da rein gehst, dann siehst du die ganzen Graffiti; wo sich ganz viel Geschichte eingeschrieben hat, die man nur zugänglich machen muss. Es gibt andere Sachen, die sind eher historische Ereignisse, die passiert sind, oder Gebäude, die verschwunden sind, die sind banalerweise unsichtbar, weil sie nicht mehr da sind, also muss man irgendwie über sie sprechen, über sie erzählen. Es gibt nochmal andere Formen von Unsichtbarkeit, die insofern offen-sichtlich und offen zu erkennen sind, für die es aber keine Sensibilität gibt. Ich denke da zum Beispiel an den »Ivory Club«, auf den ja frankfurt postkolonial hinweist. Eigentlich ist es ja offensichtlich, dass dieser Laden eine totale Katastrophe ist – so ein Kolonial-Style Restaurant im Westend, das keine Wünsche offen lässt, was man mit einer kolonialen Phantasie verbinden könnte. Das ist zwar offensichtlich, aber es gibt keine Sensibilität oder keinen Raum, in dem man sich über die Erfahrungen damit austauschen kann. Ich würde sagen, so was gibt es auch am IG Farben Haus. Da gibt es zum einen diese ganze Geschichte, die sich auch noch zum Teil an einem anderen Ort zugetragen hat, die man dazu erzählen muss. Aber zum anderen gibt es ja auch die Sachen, die eigentlich offen zu Tage liegen, für die es aber keine Öffentlichkeiten gibt, in denen darüber gesprochen wird; wo man also an die Sichtbarkeit eine Form der Sprechbarkeit anhängen muss. Es gibt noch eine vierte Art und die wird am Norbert Wollheim Memorial ganz gut deutlich: Es gibt eine Form von Dingen, die irgendwie sichtbar sind, die aber eine gewisse Geschichte, einen bestimmten Diskurs oder bestimmte Ereignisse, die dahinter liegen, verdecken. Das Norbert Wollheim Memorial wäre dafür der paradigmatische Fall. Es wurde als deutliches Zeichen der Universität, sich mit allem ganz ordentlich zu beschäftigen, da hin gesetzt, aber dahinter verschwindet die ganze mühselige Geschichte, die dahin geführt hat. Es gibt also eine Form von Sichtbarkeit, die sich als ganz selbstverständlich gibt, aber ihre problematische Genese verdeckt, die man aber natürlich wieder aufdecken müsste.

Patrick: Wenn ich das noch kurz ergänzen darf: Unsere Situation war ja, dass wir zu einem Zeitpunkt die Arbeit der Initiative wieder aufgenommen haben, als es das Norbert Wollheim Memorial schon gab. Wir haben damals dann damit begonnen, uns mit etwas zu beschäftigen, was überhaupt nicht mehr sichtbar ist, nämlich der eigenen Verstrickung der Universität im Nationalsozialismus. Das ist tatsächlich an diesem Campus gar nicht präsent und komplett zum Verschwinden gebracht - kurioserweise auch durch die Thematisierung, den Versuch des Sichtbarmachens der IG Farben und des Verhaltens der Universität dazu. Dadurch ist unsichtbar geworden, dass die Universität selbst eine Geschichte hat.

 

Buddeln im Diskursschrott

Susanne: Ich finde das ganz spannend, weil es bei unserem Stadtrundgang, frankfurt postkolonial, ja gar nicht um eine Unsichtbarkeit von Dingen geht, sondern genau um die Sichtbarkeit von Dingen, bei denen aber eine Dethematisierung stattfindet. Zum Beispiel der »Ivory Club«, der sich einfach ins Stadtbild eingliedern kann und zu dem es kein kritisches Bewusstsein gibt. Das ist krasse Kolonialnostalgie, mit der sich eine Upper Class auch noch wohlfühlt. Das ist bei ganz vielen Sachen so, z.B. beim Kindermuseum mit ihrem unkommentierten Kolonialwarenladen. Oder dass es diesen Karnevalsverein »Kameruner 1922 e.V.« gibt; also die sind jetzt in dem Sinne nicht im Stadtbild präsent, aber sie können ihre Sitzungen abhalten, sich so nennen, Black Facing-Performances machen und niemand regt sich darüber auf.

Johnny: Ich könnte mir vorstellen, dass es bei uns allen ähnlich ist, dass wir uns erst einmal mit einer ganzen Menge Diskursschrott auseinandersetzen müssen, also dass die Themen, zu denen wir arbeiten, mit so unheimlich viel Bullshitdiskurs zugemüllt sind. Bei uns wäre das jetzt dieser ganze Diskurs über Exzellenz, den schönsten Campus Deutschlands, den Palast des Geistes oder sonst was. Bei Charly wäre es vielleicht das Ernst May-Jahr 2011. Man feiert die funktionale Architektur und gleichzeitig kümmert sich niemand um sie. Eine Diskussion, die in Frankfurt seit Jahrzehnten geführt wurde, findet so ein sang- und klangloses Ende mit dem Sieg der Reaktionären. Genau diese Sachen sind die, die sichtbar sind. Die Schutthalden des Historischen Museums und die Schutthalden des Technischen Rathauses sieht ja jeder. Das Klapperfeld ist mitten in der Innenstadt und hat eine krasse Geschichte. Ich finde es völlig grotesk, dass so ganz banale Sachen nicht registriert werden. Sachen also, die der sinnlichen Wahrnehmung, auch der Sichtbarkeit, erst mal unmittelbar zugänglich sind, aber die von einer ganzen Menge Diskursschrott so zugedeckt werden.

Charly: Und was sie heute aus dem Neuen Frankfurt machen, sie blenden die ganzen Intentionen aus – die meines Erachtens auch gescheitert sind und das Werk selbst finde ich auch nicht besonders gelungen. Aber ich glaube, das, was man thematisieren kann, sind die Absichten, das, was sich damit erträumt wurde. Und wenn heute darauf Bezug genommen wird, dann ist das einfach nur noch neutral gebauter Raum, der schön oder populär oder sonst was ist. In der ganzen May-Ausstellung1 gab es überhaupt keine sozialen oder politischen Inhalte, die durch das Neue Frankfurt thematisiert wurden. Und die späteren rassistischen Entwürfe, die der May in Afrika gemacht hat und an anderen Stellen, sind auch unkommentiert geblieben. Er hat ja z.B. in Kenia gebaut und gedacht, die Bevölkerung dort, die wohnt in Strohhütten, deshalb hat er dann die Häuser da auch so strohhüttenmäßig gebaut. Und für die Weißen hat er aber Flachdächer gebaut. Das war zwar in der Ausstellung abgebildet, aber es war nicht als rassistisch oder politisch kommentiert. Es war einfach nur beschreibend dargestellt.

 

Sichtbarmachung der gesellschaftlichen Verhältnisse

diskus: Es gibt ja einige Beispiele, die zunächst ganz klar verortbar sind, zum Beispiel der Knast. Dann wiederum gibt es aber die Geschichten, die an dem Ort erst mal nur schwer zu erfahren sind: es ist etwas an diesem Ort anzutreffen, aber eben nicht zwangsläufig die gesellschaftlichen Verhältnisse, die ihn ermöglichen. Der Knast ist vielleicht eine Materialisierung, aber wo sind die gesellschaftlichen Verhältnisse, die dazu führen, dass das Klapperfeld gebaut wurde, es ein Gestapo Gefängnis war oder bis 2003 als Abschiebeknast genutzt wurde? Ähnlich verhält es sich vielleicht auch mit den Völkerschauen, die es in Frankfurt zwar so nicht mehr gibt, aber in Zoos oder Aufführungen ein gewisses Fortbestehen haben. Mich würde dabei interessieren, wie man in einem Rundgang so etwas aufzeigen und auf die gesellschaftlichen Verhältnisse zurück spiegeln kann.

Stefan: Einer unserer Punkte ist, die sozialen Verhältnisse und die asymmetrischen Machtverhältnisse innerhalb der Gesellschaft, die sich beispielsweise im »Ivory Club« materialisieren, sichtbar zu machen: dass der »Ivory Club« die Möglichkeit hat, seinen Laden dort zu haben, und dass es Leute gibt, die dort essen gehen und im öffentlichen Raum ihre Elfenbeinstoßzähne mit Fackeln daneben aufstellen können. Wenn man aber diese Orte oder Dinge ins Zentrum der Kritik stellt, stellt sich die Frage, wie zum Beispiel bei euch an der Uni, ob nicht ein Großteil der Kritik am Gegenstand vorbei läuft. Wenn lediglich der »Ivory Club« Gegenstand der Kritik wäre und wir uns daran abarbeiten würden, dann würde eine gesellschaftliche Ebene der Kritik verloren gehen, nämlich, dass man sich überlegt: warum ist das möglich und was drückt das eigentlich aus?

Katha: Wobei es schon insofern immer um eine Form von Sichtbarkeit oder um eine Thematisierung von der Geschichte geht. Einerseits spricht das Klapperfeld eine relativ starke Sprache, also allein wenn man drinsteht, merkt man, dass man in einem Knast steht, aber gleichzeitig heißt das nicht, dass das unbedingt auch eine historische Auseinandersetzung mit dem, was real passiert ist, bewirken würde. Und uns ist es dann schon wichtig zu sagen: das ist ein Ort, an dem sind reale Verbrechen passiert, an dem sind bis vor kurzem Verbrechen passiert. Trotzdem bricht die Dauerausstellung im Klapperfeld mit bestimmten Formen von Musealisierung, dadurch, dass es ein Raum ist, der auch komplett anders genutzt wird. Und das merkt man auch bei Führungen – gerade mit Schülerinnen und Schülern ist es wichtig, dass es nicht eine vorgeschriebene Form der Auseinandersetzung gibt. Denn man ist es nicht gewohnt, dass im Museum eine Flasche Bier rumsteht, man ist auch nicht gewohnt, dass man da rauchen darf. Dann ist auch die Geschichte, wie man selbst an den Ort gekommen ist, wieder mit drin und was man da eigentlich macht.

Johnny: Als wir beschlossen haben, die Uni-Geschichte in den Fokus zu stellen, haben wir den Vorschlag diskutiert, die Bockenheimer Ausstellung zur Uni-Geschichte zum IG Farben Campus zu transportieren und zu fordern, dass sie aktualisiert wird. Dann ist natürlich das Problem, dass die Uni-Geschichte abgefertigt wird. Dann wird gesagt, »Ok, damit haben wir uns auch beschäftigt. Hier, da steht sie, die Ausstellung, alles klar.« Aber strukturell ändert sich daran nichts, dass es auf einer institutionellen Ebene eine Reflexion auf die eigene Geschichte und in dem Falle auf die eigene Verquickung der Universität mit dem Nationalsozialismus gibt und die sich nicht einfach so an diesem Ort als Palast des Geistes – wie Herr Steinberg das genannt hat – präsentieren kann. Da stellt man sich hin und fordert diese Ausstellung und dann hat man das Problem, man bekommt dann diese Ausstellung da hingesetzt, und das, was wir eigentlich wollen, die Reflexion auf die Geschichte der Aufklärung oder die Geschichte von Wissenschaft und deren barbarisches Potential, bleibt dann natürlich aus. Und dann endet man gleich wieder in dieser Sackgasse. Und das wäre so ähnlich, wie das, was Stefan gesagt hat: was hat man denn damit gewonnen, wenn der »Ivory Club« jetzt zu ist oder wenn da jetzt die Elfenbeinfackeln fehlen, aber die Reflexionslosigkeit, das Problem, das sich darin ausdrückt, bestehen bleibt.

Patrick: Ich glaube, dass es in der Praxis bei uns allen ein Bewusstsein dafür gibt, dass es sich eben nicht im reinen Sichtbarmachen erschöpfen kann. Das wäre ja genau eine Form der symbolischen Politik: also nur etwas sichtbar machen und die gesellschaftlichen Veränderungen kommen von alleine. Und vielleicht ist noch ein Problem der Sichtbarkeit, dass sie gewisse Grenzen hat. Am Beispiel des IG Farben Hauses lässt sich sagen, dass allein schon das Verbrechen, das mit diesem Ort verknüpft ist, die Shoa, auch ein Sichtbarkeitsproblem hat. Ein Problem der Darstellung – nicht unbedingt der Abläufe, sondern vor allem des Grauens und des Leidens, was den Menschen in Auschwitz, Treblinka, Sobibor und anderen Vernichtungslagern widerfahren ist. Oder auf den Todesmärschen oder noch am Anfang alleine schon bei den Deportationen. Da sind wir dann an einem ganz grundlegenden Problem von dem Verhältnis von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit, das sich stark zuspitzt bei den eben genannten Verbrechen. Dass es eben nie eine lückenlose Deckung geben kann, von dem was passiert ist, also der Sache und dem wie man darüber spricht oder auch etwas zeigt, also sichtbar macht. Da wird immer ein nicht darstellbarer Rest bleiben, der jedoch nur unsichtbar bleibt, wenn man diese Problematik aus der Reflexion streicht.

 

Gewordensein

diskus: Bei euch allen ist doch gerade der Moment entscheidend, über eine geschichtliche Perspektive das Politische im Gewordensein zu sehen. Gleichzeitig habt ihr alle in einer gewissen Varianz betont, die Relevanz für die Gegenwart zu benennen, um es damit dem Moment der Musealisierung zu entziehen. Also es geht nicht nur darum, eine richtige Lesbarkeit zu entwickeln oder eine Ideologiekritik zu formulieren, sondern tatsächlich um das Aufzeigen von sozialen Beziehungen, die sich eben nicht in ein Denkmal gießen oder einen Schaukasten stecken lassen.

Johnny: Dein Punkt, dass die Sichtbarmachung des Politischen in der Ausstellung des Gewordenseins bestehen muss, ist meines Erachtens ein springender Punkt. Das Vergangene und die Geschichte nicht als das Zurückliegende zur Sprache zu bringen, sondern aufzuzeigen, dass das, was darin steckt, hochaktuell ist und dadurch Spuren hinterlässt und sichtbar ist.

Charly: Irgendjemand hat mal gesagt (ich weiß nicht mehr, wer das war und wie der Spruch genau geht): Geschichtsschreibung ist immer eine Art und Weise, in der Gegenwart sich selbst auf den Punkt zu bringen. Die Auseinandersetzungen mit Geschichte sind quasi immer Auseinandersetzungen mit der Gegenwart, die halt verschoben wird. Die Art und Weise, wie Geschichte reflektiert wird, ist ständig umkämpft. Das, was Johnny als Diskursschrott bezeichnet, ist ja auch das Feld der Auseinandersetzung. Etwas weniger Schrott machen oder was dagegen setzen. Das war explizit bei der Auseinandersetzung mit '68 und der Studibewegung unser Ziel. Man kann viel kritisieren an den 68ern und was damals gelaufen ist, aber so wie das verhandelt und 2008 abgedisst wurde, so kann man das auch nicht stehen lassen und unser Stadtrundgang ist deshalb auch ein Versuch, etwas dagegen zu setzen. Es geht also darum, Geschichte selbst zu lesen und immer dagegen zu lesen, gegen das, was sonst gesagt wird.

Susanne: Bei uns war es so, dass wir bei einem Großteil unserer Stationen von einem Gegenwartsbezug ausgegangen sind. Von dort aus schauen wir dann, wo die Kontinuitäten sind, und gleichzeitig wollen wir zeigen, dass es sich nicht um eine bruchlose Geschichte handelt und dass nicht alles so ist, wie es z.B. um 1900 war. Es geht uns auch darum zu historisieren und die Themen in den jeweiligen Kontexten zu betrachten. Bei den Völkerschauen war es so, dass wir eher aus der Geschichte heraus geschaut und dann aktuelle Bezüge hergestellt haben: auf heutigen Messen gibt es manchmal ein afrikanisches Dorf, wo Leute dann Tänze aufführen, afrikanisches Essen kochen und sich die »Whiteys« Rastazöpfe flechten lassen können. Uns geht es darum, diesen Gegenwartsbezug herzustellen, die heutige Gesellschaft zu betrachten und herauszuarbeiten: was gibt es an kolonialen Kontinuitäten und an rassistischen Strukturen.

 

Musealisierung versus Interaktion & Aneignung

Charly: Ich finde diese Rundgänge auch deshalb gut, weil, wenn Freunde aus anderen Städten nach Frankfurt kommen, geben die Rundgänge einem die Möglichkeit, miteinander ins Gespräch zu kommen oder Diskussionen anzufangen. Ich finde es immer gut, wenn ich in eine andere Stadt gehe und wenn Leute, mit denen ich politisch gleiche Interessen oder ähnliche theoretische Ansichten teile, mich durch die Stadt führen oder auf bestimmte Auseinandersetzungen aufmerksam machen. Du gehst auch immer spazieren zwischendurch und dabei kannst du ganz unbeschwert Kommentare oder dumme Fragen stellen. Ich würde es auch immer als ein Stück Aneignung von Orten verstehen, in denen wir uns bewegen. Also, ich finde, sich einfach nur mit dieser Geschichte auseinanderzusetzen und damit auch ein Stück Selbstaufklärung zu betreiben und die dann auch in einer ziemlich netten Form weiterzugeben, das sind ja auch Interventionen.

Susanne: Das hieße, du würdest im Stadtrundgang selbst eine Aneignung des öffentlichen Raums sehen?

Charly: Nee, erst einmal eine Selbstaneignung. Durch die Auseinandersetzung mit dem Thema ist der Rundgang halt so eine ganz kleine Aneignung.

Susanne: Was ich an einer temporären Sichtbarmachung oder Auseinandersetzung auch gut finde ist, dass man so was Prozesshaftes darin aufgreifen kann. Wenn sich Diskussionen zu bestimmten Themen oder Aspekten verändern, können diese auch gleichzeitig beim Rundgang thematisiert werden. Wenn ich mich aber für eine Form von permanenter Sichtbarmachung entscheide, habe ich letztlich keinen Einfluss darauf und weiß auch gar nicht, was sie bringt. Über die Interaktion beim Rundgang ist es viel besser möglich, die Reaktion der Mitgehenden direkt mitzubekommen: Sind die irritiert, sind die d'accord oder was auch immer?

diskus: Ich habe den Eindruck bekommen, dass ihr – gerade in Abgrenzung zu den Plaketten und Denkmälern – den Standpunkt vertretet, dass die Kategorie der Sichtbarkeit oder der Sichtbarmachung genau die falsche ist, um die Dinge zu beschreiben, die ihr tut. Weil ihr euch abgrenzt von den Denkmälern, da diese nur sichtbar machen können oder nur eine Art der repräsentativen Sichtbarkeit hervorrufen, während das, was ihr macht, noch ganz andere Dimensionen ermöglicht. Ihr habt z.B. davon gesprochen, dass man sich nicht so sehr auf die Objekte selbst fokussieren sollte, sondern eher die Verhältnisse thematisieren soll. Es geht also gar nicht so sehr darum, ein bestimmtes Objekt ins Sichtfeld zu holen, sondern über bestimmte Dinge zu sprechen, über die man sonst nicht sprechen würde. Ihr habt von Aneignung gesprochen gerade im Gegensatz zu einem reinen angucken, von Prozesshaftigkeit im Gegensatz zu einer permanenten institutionalisierten Sichtbarkeit. Ist das eine Kritik uns gegenüber, dass ihr sagt, eigentlich ist das Sprechen über Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit in diesem Zusammenhang genau das Falsche und eigentlich ist das Tolle an euren Initiativen, dass ihr nämlich genau was anderes macht als immer nur Dinge sichtbar zu machen?

Stefan: Uns geht es schon um Sichtbarkeit, aber nicht um eine Musealisierung. Vielmehr geht es uns darum, Verhältnisse sichtbar zu machen und dann in sie zu intervenieren. Die Frage, über die wir im Vorfeld diskutiert haben, »Was ist eigentlich das Ziel eures Stadtrundgangs?«, würden wir vielleicht damit beantworten, dass man mit so einer Sichtbarkeit und Thematisierung vielleicht eine Veränderung schaffen kann – mit Hilfe einer bestimmten Sichtbarkeit.

Katha: An einem Punkt geht es bei uns auch stark um Sichtbarmachung – um die Sichtbarmachung von was Vergangenem. Im Klapperfeld wurden Menschen weggesperrt, die wurden auf eine gewisse Art unsichtbar gemacht, zumal das für viele der Weg in die Vernichtungslager war. Insofern geht es natürlich mit der Begehbarmachung dieses Raums unter anderen Voraussetzungen schon immer um eine Sichtbarkeit dessen, was versucht wurde unsichtbar zu machen.

diskus: Vielleicht ist es die bessere politische Strategie, die Räume für emanzipative Politik zu nutzen, für tolle Projekte, die politische Alternativen aufzeigen. Möglicherweise zeigt aber auch das Klapperfeld gerade die Grenze davon auf und zeigt, dass es nicht ausreicht, den Ort einfach anders zu nutzen, sondern wir müssen auch die Geschichte, die da irgendwie noch drin ist, trotzdem thematisieren.

Charly: Wenn ich dich richtig verstanden habe, dann hast du zwei Sachen aufgemacht. Einerseits diesen Aspekt der Erinnerung und Musealisierung. Andererseits die Frage, dass man einen Raum einfach anders besetzt und die Geschichte damit aufhebt, die in ihm steckt. Letzteres halte ich für eine ziemliche Illusion, weil ich finde, diese Auseinandersetzung mit bestimmten Orten und die Sichtbarmachung von Geschichte, die verweist immer darauf, dass die Orte eben nicht neutral sind und nicht einfach nur ein Steinbau sind, sondern, dass da soziale Praxen mit einer bestimmten Geschichte drinstecken. Und der Versuch, die einfach auszublenden, bedeutet letztlich immer die Affirmation des Bestehenden.

Johnny: Klar, es geht nicht nur um eine Musealisierung, sondern es geht darum, dass man darauf pocht, dass prinzipiell auch eine Universität denkbar ist, die um ihr barbarisches Potenzial weiß und die damit auf eine bestimmte Art und Weise umgehen kann. Aber dafür muss sie die historische Auseinandersetzung eingehen. Und nur in einer anderen Nutzung geht es halt nicht auf. Aber andererseits kann man das nicht entkoppeln. Dann kommt das IG Farben Haus raus, wo auf der einen Seite die Musealisierung im Norbert-Wollheim-Memorial und auf der anderen Seite der fröhliche Palast des Geistes existiert, in dem weiter aufgeklärt werden darf, als hätte es einen an der Universität Frankfurt promovierten Dr. Mengele nie gegeben.

Charly: Und wenn dann noch so eine beschissene Ausstellung oder noch eine Plakette oder noch eine Tafel bei raus kommt, das kann man, muss man aber nicht als Erfolg betrachten, weil das eine Art von Auseinandersetzung ist. Deshalb hört man auch nicht auf, Rundgänge zu machen.

 

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