Die erste Assoziation der meisten Leser_innen Redaktion mit dem Heftthema »Unsichtbarkeit« dürfte wohlwar der Kindheitstraum sein: selbst unsichtbar zu werden.     

 

»I'm the invisible man« (Queen)

 

In dieser Vorstellung ist die Eigenschaft unsichtbar zu sein mit einem Machtgewinn verbunden, dem Vorteil anderen gegenüber, sie beobachten zu können, ohne selbst dabei wahrgenommen zu werden. Die Unsichtbarkeit gestattet es, sich dem regulierenden gesellschaftlichen Blick zu entziehen und wahrscheinlich würde diese Eigenschaft auch gerne zu einem Handeln genutzt werden, das unter diesem Blick nicht möglich ist. In den Filmen »Der Unsichtbare« und »Hollow Man« scheint die Verbindung desdas Motivs der Unsichtbarkeit mit und der Kriminalität fest verbunden verankert zu sein. In beiden Filmen testet ein Wissenschaftler ein Serum an sich selbst und wird durch dessen Wirkung unsichtbar. Beide werden durch die ihnen neu verliehene Fähigkeit zur Gewalt verleitet, ganz so als sei die ständige Beobachtung durch andere notwendig, damit nicht (in diesem Fall negativ) gegen die Verhältnisse rebelliert wird. Die Debatten, die um die Überwachung des öffentlichen Raums geführt werden, verdeutlichen leider: hierbei handelt es sich nicht ausschließlich um das spannungserzeugende Material zweier Filme, sondern eben auch um eine zentrale Legitimationsstrategie staatlicher Kontrolle. Es genügt ein Blick auf die Infoplakette in Bus, Bahn oder an bestimmten öffentlichen Orten, um zu sehen: dieser Bus/Platz/... wird zu »unserer« Sicherheit videoüberwacht. Man muss also auch das erkennen können, was dem flüchtigen Blick entgeht, sonst würde das Chaos ausbrechen.   

 

»Kein Grund zur Sorge vielleicht ist Riesengemüse unsichtbar« (Homer Simpson)

 

Neben der Vorstellung selbst unsichtbar zu sein, liegt besitzt all dem, was einer_m zu dem Thema zunächst einfällt,   die   Vorstellung einer gewissen Macht und einer Mystik zugrunde. Für Marx geht das Gespenst des Kommunismus durch Europa; für Derrida die Gespenster Marx'; für Adam Smith regelt, vulgär-theoretisch gesprochen, die unsichtbare Hand den Markt; nicht zu vergessen: der Pumuckel; oder auch der eine Ring in J.R.R. Tolkiens »Der Herr der Ringe«; ob nun das Gespenst oder der Geist, der Prozess des Verschwindens oder die Anwesenheit eines übernatürlichen, nicht wahrnehmbaren   Wesens, alle Motive finden sich immer wieder in den unterschiedlichsten Kontexten: in Theorien, Literatur und Filmen. Allen gemein ist das Unsichtbare,  bzw. Unwahrnehmbare;,, das einige Faszination hervorruft. Dabei lässt es viel Interpretationsraum, in dem sich das darin Transportierte eben nicht sofort erkennen und wahrnehmen lässt. 

In der politischen Theorie und Praxis hat Unsichtbarkeit oder Unwahrnehmbarkeit hingegen »klassisch« eine negative Bedeutung, indem sie mit Ohnmacht oder Exklusion gleichgesetzt wird.    

Daraus folgt die Annahme der mangelnden Möglichkeit, an gesellschaftlichen Praxen zu partizipieren, und bannt damit die Unsichtbaren in einen erzwungenen Zustand, von dem man sich (oder andere) zu emanzipieren versucht. Hier besteht eine Verbindung zur Trennung von Politischem und Privatem:. Während die Sphäre der Politik wohl weitgehend mit Öffentlichkeit umschrieben wird, wird beispielsweise die Reproduktionsarbeit, die zum größten Teil (in stiller Voraussetzung) von Frauen verrichtet wurde und wird, in das Private verschoben und erscheint so gesellschaftlich unsichtbar. So lässt sich die feministische Forderung: »Das Private ist politisch« auch als die Forderung nach Sichtbarmachung u.a. dieses Prozesses verstehen.     
 

 

»[...] auch das werde ich auf meiner unsichtbaren Schreibmaschine protokollieren« (Chief Wiggum) 

 

Wenn sich schon eine Ausgabe hauptsächlich mit dem Thema Unsichtbarkeit beschäftigt, so schien es der Redaktion angemessen, zumindest im Editorial all die Themen vorzustellen, die wir in der Diskussion zwar äußerst spannend fanden, die es aber letztlich aus den verschiedensten Gründen nicht in das Heft geschafft haben, die also unsichtbar geblieben sind. Unsichtbar in der Masse zu sein oder zu werden muss nicht zwangsläufig die negative Erfahrung der_des Einzelnen sein, sondern wird, wie im Falle des »Black Block«, als politische Handlungsmöglichkeit genutzt. Das gewählte Uniformieren erlaubt aus einer anonymen Masse heraus zu agieren, ohne dass die agierende(n) Person(en) dabei zu erkennen sind. In der militanten Aktion aus dem Black-Block heraus ist einmal mehr der Zusammenhang von Unsichtbarkeit und Kriminalität Kriminalisierung angesprochen. Allerdings steht hier bereits das Unsichtbarwerden selbst unter der Sanktionsdrohung der Ordnungsbehörden.

Was in diesem Fall vom Staat mit einem Verstoß gegen das Vermummungsverbot geahndet wird, ist vor einigen Jahren in einem ganz anderen Zusammenhang in mehreren europäischen Ländern diskutiert worden: in der öffentlichen Debatte über das Burka-Verbot. Bei der Flut an Diskussionsbeiträgen um ein Pro oder Contra, die sich häufig zwischen kulturalistischer Affirmation und regressionsbeladenem Dagegen bewegten, blieb eines »sichtbar unsichtbar« zu bleiben: die Frauen unter der Burka.

Das, was unser Denken und Handeln auf der Ebene des Subjekts maßgeblich beeinflusst, das Unbewusste, bleibt dem Bewusstsein meist verborgen. Noch allgemeiner könnte man sagen, dass sich alle gesellschaftlichen Verhältnisse, die unser Leben bis ins Innerste hinein prägen und gezwungenermaßen strukturieren, eben nicht mit dem bloßen Auge erkennen lassen. Die gesellschaftlichen Verhältnisse bleiben als Gegenstand von Theorien zwangsläufig abstrakt. Sie durchziehen alles, bleiben   aber gerade durch den Akt, der sie theoretisch sichtbar machen will, unsichtbar.

Spannend fanden wir in der Diskussion um das Thema auch die »zahlreichen« Schattenökonomien. Im Stadtbild, für die Passant_innen nicht zwangsläufig zu erkennen, betreiben Menschen illegalisierte Geschäftspraktiken. Um der mit der Illegalisierung einhergehenden Repression zu entgehen und sich dennoch den »Kund_innen« erkennbar zu zeigen, werden bestimmte Orte und Codes benutzt, die für die unbeteiligten Betrachter_innen »unsichtbar« sind.

Was bei der Beschäftigung mit Unsichtbarkeit natürlich auch nahe lag, war die Auseinandersetzung mit Verschwörungstheorien. Strukturell     oder offen antisemitisch und mal mehr oder mal weniger nazistisch, wird über allerhand unsichtbare Mächte phantasiert, die im Verborgenen, im Unsichtbaren, »die Fäden ziehen«. Ob nun die BRD in Wirklichkeit eine GmbH ist (wofür der Personal-ausweis der Beweis sein soll) oder der Kondensstreifen am Himmel uns in Wirklichkeit vergiftet; in dieser Ausgabe werden wir es leider nicht erfahren.

Was es auch nicht in die Ausgabe geschafft hat, ist der Virus: Mit dem bloßen Auge für den Menschen nicht wahrzunehmen, ist die oftmals diffus geführte Debatte um Angst vor Krankheit XY umso wahrnehmbarer. Doch nicht nur im wirklichen Leben, auch im Digitalen ist der Virus erstmal zunächst unsichtbar. In beiden Fällen scheint dem Virus als unsichtbare Gefahr noch etwas von dem Schrecken vor den »bösen Monstern« aus den Sagen anzuhängen, betrachtet man die Panik, die mit mit jeder neuen »Bedrohung« einhergehen.   

Last but not least: Der CERN Versuch Mitte des Jahres, der nun den Beweis für die Existenz des Higgs-Teilchens liefern soll. Lange war es unsichtbar, über seine Existenz konnte gestritten werden. Das Sichtbarmachen durch die Messung beendet nun diesen Streit, das Higgs-Teilchen existiert. Auch als »Gottesteilchen« bezeichnet, erklärt es aber leider nicht ohne weiteres den Zusammenhalt der Masse. Mit sehr schlechtem bis sehr mäßigem Verständnis der Schulphysik war es uns in der Redaktion leider nicht möglich, die Bedeutung um die Existenz oder Nicht-Existenz des Teilchens zu verstehen.

 

»Ich sehe was, was ich nicht seh«


Die bislang beschriebenen Phänomene lassen sich größtenteils auf der negativen Seite der Unsichtbarkeit verorten. Einmal ist das Unsichtbare Objekt von Kontrolle, das andere Mal wird die Unsichtbarkeit zu deren perfidem Instrument. Was materiell unsichtbar ist, ist unheimlich, ungreifbar oder nur mit Hilfe der gern gemiedenen Naturwissenschaft in den Blick zu bekommen. Doch schon der eingangs erwähnte Kindheitstraum des Unsichtbarseins verweist auf eine Art Zugewinn an Handlungsmacht. Die Unsichtbarkeit enthält darin dann das Versprechen, ungeahntes Potential bereit zu halten, das nur freigelegt werden müsste. Wir glauben, dass diese positive Bezugnahme auf Unsichtbarkeit zunehmend an Bedeutung gewinnt. So versucht beispielsweise ein unsichtbares Komitee seit einiger Zeit, aus der vermeintlichen Schwäche, politisch nicht repräsentiert zu sein, eine Stärke zu machen: im Kommenden Aufstand sind es die Kämpfe aus der Unsichtbarkeit heraus, die schließlich zur Revolution führen sollen. Im vorliegenden Heft werden wir uns dem Thema   von dieser zweiten Seite her annähern. In den folgenden Artikeln wird das Potential des uUnsichtbar-Machens sowie des uUnsichtbar-Werdens einer kritischen Prüfung unterzogen. Ist Unsichtbarkeit eine politische Strategie? Wenn ja, wer kann sie für sich nutzen? Und in welchem Sinne kann Emanzipation im Kampf um Sichtbarkeit erreicht werden? Ist sie Unsichtbarkeit etwas, das überhaupt konkret in Erscheinung treten kann? Birgt sie gar eine ganz eigene Dialektik? Eines sei vorweggenommen: die Unsichtbarkeit bleibt zumindest ambivalent. Ihr Potential ist an den jeweiligen Gegenstand gebunden, den sie umfängt. Wenn dieser sich nun aber anschickt, sich ihr zu entwinden und sie selbst einzufangen, wird alles erst richtig kompliziert. Und so konnten auch wir bei der bloßen Feststellung der Ambivalenz nicht stehenbleiben. Das Resultat unseres hier nur angedeuteten Rätselratens ist dieses Heft, bei dessen Lektüre wir viel Vergnügen wünschen.   

 

diskus Redaktion