»Das Formlose ist ein Arbeitsvorgang.« (Yves Alain-Bois)

Wir wollen in diesem Text an drei Strängen ziehen. Erstens sind wir beide, in Zusammenhängen, die mit Aktivismus und Theorie und manchmal auch mit Ästhetik zu tun haben, immer wieder mit dem Konzept der >Sichtbarkeit< beschäftigt. Dabei fiel uns in den letzten zwei oder drei Jahren eine Verschiebung in der Bewertung des politischen Potentials der >Sichtbarkeit< auf, die sich in linksaktivistisch und/oder antirassistisch argumentierenden Texten findet – weg von Sichtbarkeit, hin zu Unwahrnehmbarkeit, so diese Verschiebung kurz. Mit ihr, und der oft damit einhergehenden Vorstellung >postrepräsentationaler Politiken< wollen wir uns im Folgenden beschäftigen, allerdings in wenig zustimmender Tonart. Dabei interessiert uns, zweitens, der subjekt- und repräsentationskritische Aspekt jener Verschiebung, und diesen wollen wir stärken, indem wir diesem kritischen Impuls einen Begriff aus dem Repertoire ästhetischer Debatten zur Seite stellen – den Begriff des Formlosen. Dieser Griff hin zum Ästhetischen geschieht, drittens, nicht naiv, nicht einfach so, sondern hat mit unserem Interesse zu tun, gerade die ästhetische Dimension der Welt zu betonen, weil wir glauben, dass wir damit gut über Materialismus und Materialität sprechen und nachdenken können. Da unsere jeweils eigenen Beschäftigungen durch den Wunsch motiviert sind Gewaltförmigkeiten zu zersetzen, endet dieser Text viertens, mit kurzen Überlegungen dazu, was durch den Griff in ein ganz anderes Reservoir der Textbilder an Verhältnissen entsteht: Verhältnisse mit Tieren.

 

»Instead of visibility, we say imperceptibility!« (Papadopoulos / Tsianos)

Sichtbarkeit ist immer auf spezifische Weise gefasst, immer abhängig von bestehenden Strukturen des Darstellens bzw. der Lesbarkeit, die immer auch durch sie bestätigt werden, und sie ist in ihrer Geformtheit, Gerahmtheit immer auch beteiligt an der Herstellung von Nichtlesbarkeit und Unsichtbarkeit. Anders gesagt bedingen spezifische Sichtbarkeiten und spezifische Unsichtbarkeiten sich gegenseitig. Sichtbarwerden ist Repräsentiertwerden und Sichtbarkeit ist eine Repräsentation. Das war der Ausgangspunkt des 2008 veröffentlichten Buches »Ambivalenzen der Sichtbarkeit« (Schaffer 2008), in dem es vor allem darum ging, sich der Hartnäckigkeit entgegenzustellen, mit der >Sichtbarkeit< in kritisch und aktivistisch handelnden queeren, feministischen, antirassitischen Zusammenhängen quantitativ gedacht, positiv besetzt und direkt mit politischer Durchsetzungskraft verbunden wurde.

Wir knüpfen hier noch einmal an, nun aus einem gegenteiligen Grund: Denn war bis vor einigen Jahren Sichtbarkeit als die eine Seite der Dichotomie oftmals vorbehaltlos positiv besetzt, erfährt nun die andere Seite zum Beispiel in linksaktivistisch-kulturpolitisch und/oder antirassistisch ausgerichteten Texten gegenwärtig enorme Aufwertung – Unsichtbarkeit oder Unwahrnehmbarkeit – verbunden mit einer generellen Absage an >Repräsentation<. Wir werden uns im Folgenden zunächst näher mit einem Text von Dimitris Papadoupolos und Vasilis Tsianos, zwei Theoretikern der »Autonomie der Migration«, beschäftigen, und diesem kurz einen queere Verhältnisse theoretisierenden Text von Antke Engel hinzu stellen.

 

Autonomie der Migration

Papadopoulos und Tsianos arbeiten im Anschluss an den Ökonomen und Autor Yann Moulier Boutang mit der Forschungsperspektive der »Autonomie der Migration«. Diese Perspektive versucht die Geschichte der Migration als Geschichte von Kämpfen zu artikulieren und betont dabei Aspekte der kollektiven Selbstorganisation und autonomer Eigensinnigkeit innerhalb ideologischer und ökonomischer Vergesellschaftungsprozesse. Während dabei strategisch »Ent-Subjektivierung« als Schlüsselkategorie der Emanzipation von identitären Zuschreibungen auftritt, bleiben die entsprechenden Analysen dazu relativ unbestimmt. Im Text »Die Autonomie der Migration. Die Tiere der undokumentierten Mobilität« (Papadoupolos/Tsianos 2008) findet sich dazu etwas mehr: Hier argumentieren die Autoren zum einen gegen bestimmte Repräsentationsmodi von Migration, die als konzeptuelle Maschinen Opfer in Serie produzieren: Sie verabschieden das klassische Theater der Migration, das als Protagonisten nur Pull-Push-Faktoren (wie z.B. die Nachfrage nach Arbeitskräften im Westen/Norden oder Bürgerkriege im Süden/Osten) und die dazugehörigen nationalen wie supranationalen Regulierungsagenturen auftreten lässt. Die Perspektive der »Autonomie der Migration« dreht die Blickrichtung um: Statt gestresster Migrationssubjekte auf einem »Planeten ohne Visum« (Brecht) zeichnen sie Bilder von Systemen, die in Stress geraten – durch Migration. Wenn in rassistischen Delirien unkontrollierbare Massen die Festung Europa zu stürmen scheinen, so wenden sie dieses Bild gegen sich selbst: Migration wird hier autonom, als Kraft sui generis, in den Blick genommen. Die vibrierende Militanz ihres Textes zur Autonomie der Migration bringt erstarrte Konzeptualisierungen von Körpern in Bewegung zum Tanzen, indem er ihnen gesellschaftstheoretisch ihre eigene Melodie vorspielt: Migration nicht als Nichts, wahrnehmbar nur innerhalb der Spannung anderer Kräfte, sondern selbst als welterzeugende Kraft, als Fülle. Der auf diese Weise neu konzeptualisierte Raum des Historischen ist das Habitat flüchtiger statt bloß flüchtender Kreaturen, denn Migrant_innen verbrennen  mehr als nur ihre Identitätspapiere, um der Abschiebung hinter die Schengengrenzen zu entgehen:

 

»Bei der Strategie der Entidentifizierung handelt es sich um eine freiwillige „Entmenschlichung“, in dem Sinn, dass die Beziehung zwischen Namen und Körper gekappt wird. Ein namenloser Körper ist ein unmenschliches menschliches Wesen, ein Tier, das rennt.« Papadopulos/Tsianos (2008).

 

Das Tier-Werden nimmt bei den beiden Autoren als besondere Dimension des durch die Texte des Philosophen Gilles Deleuze inspirierten Unsichtbar-Werdens eine exemplarische Rolle ein - darauf weist der Untertitel ihres Textes bereits hin. Das Tier tritt in ihrem Text zum einen im Verweis auf die verblüffend hohe Zahl an Tierbezeichnungen für Schlepper_innen/Fluchthelfer_innen und klandestine Migrant_innen in unterschiedlichen Gebieten der Welt auf, zum anderen sehen Papadopoulos/Tsianos im Tier-Werden die zentrale »Chiffre für das körperliche Substrat der transnationalen Migration in Zeiten eines globalen Regimes erzwungener Illegalität.« (ebd.) Im Tier-Werden der undokumentierten Migration zeigt sich deren politische Physiologie: »Das ist das Ende der Politik der Repräsentation«, schreiben Papadopulos/Tsianos. »Statt Sichtbarkeit sagen wir: Unwahrnehmbarkeit.« In dieser Deklaration einer neuen Form der Politik geht es ihnen auch um »eine neue Formation aktiver politischer Subjekte, oder vielleicht genauer: Akteur*innen, die sich weigern, überhaupt ein Subjekt zu werden« (ebd.).

 

Queere Kritik an >Sichtbarkeit< als Kritik an Inklusion

Ähnlich wie Papadoupolos/Tsianos, wenn auch aus einer anderen Perspektive, hat Antke Engels in ihren Arbeiten der letzten Jahre die Notwendigkeit betont, nicht nur die dichotome Konstruktion Sichtbarkeit-Unsichtbarkeit zu problematisieren, sondern zudem zu bedenken, dass und vor allem, wie Inklusion (Sichtbarkeit) systemstabilisierend ist. Mehr noch, wie sich die neoliberale Ideologie des spätmodernen Nordens/Westens genau über die Behauptung von Liberalität als Behauptung größtmöglicher Inklusion, Integration, Toleranz herstellt: Für Engel folgt hieraus, aus einer queeren Perspektive zu fragen, wie sich die Verdinglichung von Differenz vermeiden lässt und wie »irreduzible Andersheit« als politische Kraft gedacht werden kann:

 

»Das Ziel ist, das, was Unintelligibel ist – und der Integration in die gegebenen Macht/Wissens-Regime widersteht – als Kraft anzuerkennen, die gesellschaftliche und politische Räume artikuliert und gestaltet. Also müßte man eben nicht ein erkennbares politisches Subjekt werden, das (historisch spezifischen) Standards der Rationalität und Handlungsfähigkeit entspricht, um Politik machen zu können.« (Engel 2011: 70)

 

Die Denkbewegung Engels ähnelt der von Papadopoulos/Tsianos – beide Positionen beschreiben eine generative Größe, d.i. eine Kraft, die von Domänen des Unlesbaren/Unwahrnehmbaren ausgeht und lokalisieren Widerstand gegen gegebene Macht/Wissens- bzw. Repräsentationsregime im Nicht-Erkennbar-Sein und im Nicht-Subjekt-Sein. Die beiden Texte unterscheiden sich allerdings grundlegend in ihrem Repräsentationsverständnis. Denn Engels’ »Becoming Bird« schlägt eine queere Verwendung des becoming imperceptible vor. Diese Verwendung vermeidet gezielt ein Denken in dichotomen Anordnungen im Sinne eines Innerhalb oder Ausserhalb der Repräsentation und betont, dass die Taktik des Unwahrnembarwerdens auf bestimmte (herrschende) Perspektiven abzielt, um diese Perspektiven zu verunsichern. Dem entgegen verabsolutieren Tsianos’ und Papadopoulos »Tiere der undokumentierten Mobilität« Repräsentation und im Gegenzug auch ein Becoming-Imperceptible als Alternative zu Repräsentation. Dieser an Oppositionen orientierte Umgang mit Repräsentation findet sich gegenwärtig auch immer wieder in linksaktivistischen kulturpolitischen Argumentationen, die sich >postrepräsentational< oder >postrepräsentativ< nennen: »Es muss nicht unbedingt etwas oder jemand gezeigt, dargestellt und/oder vertreten werden, oft gelingt es auch so, dass etwas geschieht« argumentiert beispielsweise das Editorial der kulturaktivistischen Zeitschrift Bildpunkt im Fühling 2012 in zwar äußerst vorsichtigen Formulierungen, die aber letztlich auf die Entgegensetzung von Repräsentation und Handlung/Geschehen setzen (Kastner 2012: 3). Uns stört diese Simplifizierung von Repräsentation als komplexer, auch ästhetischer Prozess, und daher wollen wir uns noch ein wenig  mit ihrer Kritik aufhalten.

 

Nach der Repräsentation?

So erlösend1 und produktiv das Repräsentieren der Migration als autonomer und Welt gestaltender Kraft bleibt, wollen wir doch Einwände formulieren gegen die Art, wie in der Vorstellung des Unwahrnehmbar-Werdens Repräsentation vereinfacht wird, um dann abgetan zu werden. Denn hier wird Diskurs-Beton gemischt: Der gegen Repräsentation gerichtete Impuls verabsolutiert sowohl die als dominant beschriebenen Parameter des Lesens/Wahrnehmens als auch die minorisierten, subalternen Arten des Bedeutens und Wahrnehmens. Die einen erscheinen dabei als unveränderbar, die anderen als unintelligibel oder unwahrnehmbar.

Vor vielen Jahren hat Gayatri Spivak in ihrem Text »Can the Subaltern Speak« eine dichte Kritik an einem derartigen »postrepräsentationalem Vokabular« (Spivak 1994 (1988): 80) erarbeitet.2 Ausgangspunkt ist für Spivak, dass der Begriff »Repräsentation« zwei Dimensionen umfasst: Darstellen/Vorstellen und Stellvertreten. Sie legt dar, wie in derartigen postrepräsentationalen Konzeptionen die eine Dimension des Begriffs »Repräsentation« – Darstellen/Vorstellen – verloren geht. Diese wird durch die andere – Stellvertreten – verdrängt, und diese Unterdrückung hat einige schwerwiegende theoretische/politische Konsequenzen: sie führt zu einem essentialistischen Begriff der handelnden Figuren, die angeblich nun nicht mehr repräsentiert werden. Diese Form des »representational realism« (Spivak 2010 (1988): 27), stützt die herrschende Ideologie darin, ihre Darstellungen bzw. Repräsentationen als Tatsachen durchzusetzen. Dies geschieht, indem der Glaube an Darstellungen als neutrale Spiegel der Wirklichkeit gestützt wird. Durch diesen Glauben wird das Fabrizierte am Faktum abgeschliffen. Anders gesagt wird unterdrückt, dass jede Darstellung immer auch eine Perspektive vorgibt, und diese Unterdrückung geschieht, um bestimmte Perspektiven spezifischer Darstellungen als selbstverständlich und natürlich durchzusetzen. Sich mit diesen Prozessen nicht zu beschäftigen bedeutet, Ideologiekritik aufzugeben. Keine an ideologischen Operationen interessierte Theorie kann es sich also leisten, schreibt Spivak, sich nicht mit Repräsentation in genau ihren beiden – radikal verschiedenen aber auch aufs dichteste verbundenen – Bedeutungsdimensionen auseinanderzusetzen (ebd: 74).

 

Ästhetik

Für unsere Perspektive folgt daraus, dass eine an der Produktion von Welt interessierte Theorie sich für die Dimension von Ästhetik interessieren sollte. Denn Ästhetik bezeichnet zum einen das Potential des Generativen, Performativen, des Welterzeugenden und zum anderen, engstens damit verbunden, »die mit Wahrnehmung verbundene Einteilung des Denkbaren« (Sonderegger 2012: 79) – und damit auch die Produktion des Undenkbaren, Unlesbaren, Unwahrnehmbaren. Ästhetik als Textur, als Materialität von Ideen und Körpern ist unablösbarer Teil jener monströsen Falte, die Intelligibilitätshorizont oder kurz: Welt genannt wird.

Zusätzlich wollen wir hervorheben, wie durch die Verabsolutierung spezifischer Verhältnisse der Repräsentation (als ein Ensemble von Sichtbarkeiten und Unwahrnehmbarkeiten) vor allem Prozesse und Kämpfe der Hegemonialisierung und (Spuren von) Hegemoniestörung getilgt werden. Denn >unsichtbar< oder auch >unwahrnehmbar< ist etwas nur in einem bestimmten Zusammenhang, in einem anderen Kontext hingegen ist es sehr wohl darstellbar – und das heißt auch denkbar, sonst ließe sich davon ja nicht schreiben, sprechen oder es gar theoretisieren. In postrepräsentationalen Kontexten wird also die Art, wie etwas in dem einen Zusammenhang nicht wahrnehmbar, in einem anderen Kontext hingegen sehr wohl lesbar ist, unbeschreibbar gemacht. Was damit zusammenhängt: untheoretisiert bleibt, wie >Unwahrnehmbarmachen<, Teil der minorisierenden, d.h. Herrschaft sichernden Verfahrensweisen einer dominanten Repräsentationsordnung ist – und zwar dort, wo sie rassistische / heteronormative Dominanz produziert.

Becoming Imperceptible ist also ein ambivalentes konzeptuelles Werkzeug, um gegen Formen normativer, epistemologischer und legistischer Gewalt vorzugehen. Das heißt nicht, dass es in bestimmten Situationen kein effektives Werkzeug sein kann. Aber jeweils zu klären ist, wo dieses konzeptuelle Tool einer dichotomen Anordnung von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit verfangen bleibt, in deren Rahmen (egal ob nun der erste oder der zweite Term der Dichotomie privilegiert wird) ästhetische Kritik als Kritik an den dominanten Ordnungen des Wahrnehmbaren nicht formulierbar ist.

 

Entformendes

Uns interessiert dennoch die Betonung des Deleuzianischen becoming und ihr so entschieden an Stellvertretung (Repräsentation) und Autorität desinteressierter Gebrauch in den von uns oben zitierten Texten. Vor allem aber wollen wir das transformatorische und also fixierungs- und identitäts-kritische und damit Autorität widerstehende Potenzial dieses Begriffs aufgreifen und diesem Potenzial einen anderen Begriff hinzustellen, der sich unserer Meinung nach noch entschiedener in Richtung Entautorisierung drehen lässt – den Begriff des Formlosen. Informe ist ein Konzept George Batailles.3 Bataille beschreibt in einem Zusammenhang, in dem er sich über die Funktion von Wörterbüchern Gedanken macht, auch, was der Begriff des Formlosen – nicht ist, sondern bewerkstelligen kann:

 

»Deshalb ist >formlos< nicht nur ein Adjektiv, sondern ein Ausdruck der Deklassierung und verlangt im Allgemeinen, dass jedes Ding seine Form haben müsse. Was er bezeichnet, hat keine Rechte in irgendeinem Sinne und lässt sich überall wie eine Spinne oder ein Wurm zertreten.“ (Bataille [1929] 2005: 44)

 

Wir schlagen vor, diesen Begriff zuächst auf der Ebene der Subjektivierung einzusetzen, um eine transfigurative Ent/Subjektivierungskraft zu fassen. Damit lässt sich das Entautorisieren an der grundlegendsten kollektiven Form, die wir kennen – dem Subjekt – erproben. So betont zum Beispiel Rosalind Krauss, die sich als Kunsttheoretikerin für Formen und De-Formendes interessiert, dass mit informe ein »will toward self-defacement« [Wille, sich selbst durch Entstellung unleserlich zu machen], ein »antinarcissism« (Krauss 1993: 152) bezeichenbar ist, ein Wille eben nicht zur Repräsentation, sondern ein Wille zur Veränderung (ebd.). Beim Un_formenden handelt es sich also um einen operationellen und performativen Vektor (vgl. Böck 2010: 258). Wenig verwunderlich, dass die Literaturwissenschaftlerin Julia Kristeva genau hier ansetzte und in Anlehnung an Batailles Un_Formenden den Begriff des »Abjekts« für Beziehungen der Verwerfung (»abjection«) entwickelte. (Kristeva 1982) Der Ekel als ein mit der Verwerfung in Zusammenhang stehender Affekt wird so zu einem politischen Problem – auf das Batailles Wahl von »Wurm« und »Spinne« als besonderen Tieren abzielt: Sie sind Schwellen zum Un_Formenden als demjenigen, dem jede Autorität, jedes Recht abgeht. Mit diesem Un_formenden lassen sich also deautorisierende, die eigene Subjektform runierende Gesten betonen.4

Während Bataille an Architektur ihre humanoide Form verabscheute und stattdessen das Anenzephale (d.h. Hirnlose) inthronisierte, gilt es für uns bei Diskursarchitekturen Köpfe von Königen in Permanenz und Performanz zum Rollen zu bringen, statt bloß entlarvend auf ihre neuen Kleider zu zeigen. Unser Vorschlag ist dabei nicht unschuldig – so entstammt das informe Batailles Analyse der sakralen Ambivalenz im Herzen der westlich-säkularen Moderne (Paris), dessen ästhetisch-affektiven Pole er in Schlachthaus und Museum ausmacht. Schmutz, Blut und tierliche Todesschreie bilden einen Fluchtpunkt innerhalb eines Kontinuums an dessen entgegengesetzem Ende Bürger*innen die saubere Ordentlichkeit der Kunsträume besuchen.

 

Zu den Tieren

Das wollen wir noch einmal anhand  zwei der von uns zitierten Texte zeigen. Denn mit informe bezeichnete Bataille zunächst die formlos gewordenen tierlichen Körper, deren körperliche Integrität in den Fleischklumpen nicht mehr wahrnehmbar ist. Ihre Subjektform war gemeinsam mit ihrer Körperform gewaltförmig aufgelöst worden. Diese Tierkörper allerdings kehren nun als Bezüge wieder: Antke Engels Vogel-Werden mithilfe des Anlegens fremder Federn (vgl. Engel 2011) setzt voraus, dass letztere zuerst gewaltförmig anderen Körpern entnommen werden. Diesen Anderen ist in der Architektur des Textes keine Akteursform gegeben, und sie sind auch als Aktanten unwahrnehmbar geworden.5 Und auch die Theoretiker der Tiere der unkontrollierten Mobilität lassen die Immobilisierung von Tieren in den real existierenden Tierfabriken, deren finale Migration in menschlichen Mägen endet, außen vor. Dieses Problem verweist zudem auf eine theoretische/konzeptuelle Leerstelle dort, wo die Tierchiffren lagern: Taktische Biopolitiken des Un/Sichtbaren, wie sie bei Papadopoulos/Tsianos, Engel und uns entwickelt werden, scheinen in ihrem Kern von zoopolitischer Ambivalenz angefüllt zu sein.

Das Denken der Subjektform führt nicht erst neuerdings in zoographische Bestiarien: Zwischen mitunter beklemmender Nähe und radikalster Alterität zur anthropomorphen Formen des Lebensvollzugs, firmieren Tier-Bilder und Tier-Begriffe als Reservoir zentraler Ideen der westlichen Ideengeschichte (vgl. Calarco 2008). Diese konzeptuelle und materielle Abschöpfung tierlicher Formen, bei Menschen Enteignung und Ausbeutung genannt, wird von Nicole Shukin im Konzept des Rendering gefasst – zugleich Tierkörperverwertung, wie auch Übersetzung in visuelle Repräsentationsmodi (Shukin 2009). Kurz deuten wir hier zwei Bedenken an, wenn es um Tiermetaphern geht: erstens bedient man sich hier bestimmter Formen, die ihrerseits eine Verwertungs- und manche sagen: eine Gewaltgeschichte haben. Anders gesagt sind dies keine unschuldigen Metaphern. Zweitens haben die Verhältnisse mit den Tieren ihre eigene Geschichte, handelt es sich um Diskursarchitekturen, die ihre eigene Autonomie haben – und wir fragen uns, ob die Analyse dieses Feldes, anstatt es immer nur als diskursives Reservoir zu nutzen, nicht auch Rückschlüsse auf die Felder erlaubte, die sich hier bedienen. So ließe sich vielleicht auch noch einmal klarer stellen: es gibt kein Außerhalb von Gewalt, auch nicht wenn menschliche Akteure nach tierischen Metaphern greifen.

 

Becoming-With

Im Un_Formenden aber tauchen materiell-semiotische Konturen eines »becoming-with« (vgl. Haraway 2008: 27) auf, das uns in Haraways Bestehen auf den Zusamenhang von materiellen und semiotischen Praxen viel geeigneter erscheint, das Versprechen des »Werdens« einzulösen als es in den beiden diskutierten Texten gelingt. Wir fordern mit Donna Haraway dazu auf, sich zu ontologischen Chroreographien des »Werdens-Mit« aufzumachen, in denen wir uns realiter längst befinden – oftmals ohne es zu ahnen. Dabei sind Kategorien wie Ko-Konstitution, Endlichkeit, Unreinheit und Historizität Dimensionen, auf die zu verzichten sich kein emanzipatorisches Projekt leisten kann, wie Haraway mit Bezug auf »Companion Species« argumentiert. (ebd.)

Auf dem Spiel steht nichts weniger als die Welt. Nahe liegt, auf die indoeuropäische Wurzel des Worts »Welt« zu verweisen – »Wiro«,»der Mensch« (wie in »Werwolf«). Jedoch bedarf auch dieser Verweis der Analyse aktueller Verhältnisse und ihrer strukturierenden Gewaltformen – um auf dieser Grundlage nicht-anthropozentrischen Impulsen einer Deformation des selbstidentischen Gefängnisses der Welt=Mensch6 zu folgen. Phantasie ist ein notwendiger Bestandteil dieser konzeptuellen Arbeit, wobei wir hier der Aufforderung Hannah Arendts folgen, die das Vorstellungsvermögen, also Imagination und Phantasie eng an politische Urteilskraft bindet (Arendt 1998 [1985] u 2000 [1968]). Was sie damit fordert, ist ein Üben des imaginativen Aus-sich-heraus-tretens, und diese exzentrische Bewegung, die auf die Präsenz anderer angewiesen ist, wollen wir an ein Üben entformender, defigurierender, entautorisierender Qualitäten binden.

 

Fahim Amir, Johanna Schaffer

 

*.lit

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