Unter dem Namen „Gilets Noirs“ (dt: Schwarzwesten) organisieren sich seit 2018 „sans-papiers“ - Menschen ohne gültige Aufenthaltspapiere - in Frankreich gegen die unmenschlichen Zustände der Illegalität. Diese Menschen ohne Papiere leben zwar teilweise jahrelang in einem Staat, besitzen jedoch keine Dokumente, die dies legal bestätigen. Dadurch sind sie vom offiziellen Arbeits- wie Wohnungsmarkt ausgeschlossen und es ist ihnen mitunter unmöglich medizinische Versorgung zu erhalten.

Die Gilets Noirs kämpfen also nicht nur für die offizielle Anerkennung der sans-papiers, sondern auch gegen Rassismus und Schikanierung durch Polizei, Behörden und in den Unterkünften. Ihre Aktionen prangern die systematische Ausbeutung durch Arbeitgeber, die die prekäre Lage der sans-papiers auszunutzen suchen, genauso an, wie das System der Abschiebungen.

„Wir kämpfen nicht nur für Papiere, sondern auch gegen ein System, das dafür sorgt, dass Menschen keine Papiere haben. Wir kämpfen für ein Leben in Würde.“

 

Am 13.06.20 fand in Paris, vom place de la République aus, eine antirassistische Demonstration statt. Unter dem Eindruck der weltweiten Black Lives Matter Bewegung versammelten sich an diesem Samstag etwa 20.000 Menschen, um gegen Rassismus, Polizeigewalt, Abschiebehaft und die Illegalität der Papierlosen zu demonstrieren. Den Anlass der Kundgebung lieferte das Solidaritätskomitee für Adama Traoré, welches Gerechtigkeit für den bereits 2016 in Polizeigewahrsam gestorbenen Adama Traoré fordert. Anfang Juni wurde ein von der Familie Adama Traorés in Auftrag gegebene Studie veröffentlicht, die die offizielle Todesursache – ein Herzfehler – widerlegt. Der Fall wird mittlerweile in Frankreich parallel zu dem des US-Amerikaners George Floyd betrachtet, da Adama Traoré an Atemnot durch einen Würgegriff der Polizisten gestorben sein soll. Unter dem Druck der momentanen Proteste hatte der Französische Innenminister zwischenzeitlich angekündigt, den polizeilichen Würgegriff verbieten zu wollen und Rassismus von Polizist_innen unkomplizierter zu bestrafen. Das hat wiederum zu öffentlichkeitswirksamen Demonstrationen und Protesten der Polizist_innen geführt, woraufhin der Innenminister nun von diesen Vorhaben wieder Abstand nahm.

Wir trafen uns am Rande der Demonstration mit Aktivisten der Gilets Noirs um über ihren Kampf zu reden. Das folgende Interview fand auf Englisch und Französisch statt, wurde aufgezeichnet und von uns auf Deutsch übersetzt. Wir hoffen, dass der gewählte Wortlaut den ursprünglichen Aussagen entspricht und die kämpferische Stimmung nicht durch die Übersetzung verloren geht. Da es jedoch chaotisch wurde, als Faschisten der „Identitären Bewegung“ kurzzeitig ein Banner auf einem nahegelegenen Dach entrollen konnten und die Polizei gleichzeitig die sich in Bewegung setzende Demonstration stoppte, wurde das Gespräch leider kürzer als geplant. Dennoch wollen wir das eindrucksvolle Gespräch hier wiedergeben, um von den Kämpfen der Gilets Noirs zu berichten und ihren Stimmen Gehör zu verschaffen.

Place de la Republique

diskus: Wer sind die Gilets Noirs und was ist der Kampf der sans-papiers in Frankreich?

Die Gilets Noirs sind eine Bewegung der Papierlosen in Frankreich. Ihr Kampf dreht sich darum, Papiere für jeden in Frankreich zu erlangen und eine stabile Organisation der Selbstverteidigung von migrierten Menschen in Frankreich aufzubauen.

 

diskus: Was ist der konkrete Anlass für die heutige Demonstration?

Heute geht es darum Gerechtigkeit für Adama Traoré zu fordern, der von der Polizei getötet wurde. Aber grundsätzlich wollen wir zu verstehen geben, dass wir nicht nur für die Gerechtigkeit der Toten, sondern vor allem die der Lebenden kämpfen. Gerechtigkeit für die Lebenden, für uns, die Papierlosen in Frankreich und jeden Migranten.

 

diskus: Habt ihr jetzt, da sich auf der ganzen Welt Black Lives Matter Demonstrationen bilden, stärker das Gefühl Teil einer globalen Bewegung zu sein und steigt damit Eure Hoffnung, dass sich auch grundsätzlich etwas ändern könnte?

Wir haben bereits seit langem internationale Verbindungen zu Kollektiven und Organisationen in der ganzen Welt. Wir hoffen, dass sich mit der Aufmerksamkeit jetzt etwas verändern wird. Aber die Legalisierung der papierlosen Menschen, und auch allgemeine Gerechtigkeit ihnen gegenüber wird sich nie durchsetzen, nur weil die Mächtigen und ihre Institutionen darüber sprechen. Nur der Kampf und die Selbstorganisierung der Menschen selbst kann etwas verändern und dafür kämpfen wir.

 

diskus: Zuletzt haben die Gilets Noirs das Panthéon besetzt, jetzt ist die Kundgebung am place de la République, welche symbolische Bedeutung hat das für das Verhältnis zur Französischen Republik? Seht Ihr einen grundlegenden Widerspruch zu eurem Kampf um Gerechtigkeit oder fordert Ihr die Einlösung der Versprechen und Normen der Republik?

Als wir zum Panthéon gegangen sind, ging es darum, dass wir den lebenden Franzosen egal sind. Also gingen wir dorthin wo die vermeintlichen Größen der Republik begraben liegen, um sie nach Gerechtigkeit zu fragen. Und wir gingen dort hin, weil es als das Haus Frankreichs gilt und wir leben auch in Frankreich, es sollte also auch unser Haus, unser Zuhause sein.

Unsere Vorfahren haben mit den Franzosen im Krieg für die Befreiung Frankreichs gekämpft, aber jetzt, da ihre Kinder, also wir, hier leben, sind ihnen unsere Lebensbedingungen scheißegal. Also natürlich hoffen wir, dass die Republik uns den Wandel bringt. Wir kämpfen und organisieren uns schon so lange Zeit und wir werden uns auch weiterhin organisieren und wir werden weiter kämpfen, um diese Ziele zu erreichen.

 

diskus: Was ist eure Nachricht für die Menschen außerhalb Frankreichs? Wie können sie Euch unterstützen?

Wir rufen die Menschen, die uns zuhören dazu auf, sich unserem Kampf in jeder möglichen Form anzuschließen. Wenn ihr unseren Protest physisch unterstützen könnt, sehr gut. Für die Menschen, die nicht hier sein können, finden sich online (z.B. auf Facebook oder Twitter) immer wieder Möglichkeiten, sich zu beteiligen. Die Gelder, die wir auf unserer Website gesammelt haben, erlauben es uns zum Beispiel die Anwaltskosten unserer Aktionen zu begleichen, oder helfen dabei, uns auf den Straßen zu organisieren und den Kampf weiter aufzubauen.

 

diskus: Vielen Dank, dass Ihr Euch kurz Zeit genommen habt und viel Erfolg bei eurem Kampf.

Die Gilets Noirs rufen am kommenden Samstag den 20.06.20 erneut zu Demonstrationen für die Legalisierung der sans-papier in Paris und anderen Städten Frankreichs auf.

Aufruf