WER DIE TÖCHTER MISSBRAUCHT
Ich schaute ihr nach und sah nur die langen, hohen Wände, die geschlossene Tür, durch die sie nichteinmal hereingekommen war — so schnell war sie wieder draußen, während ich mich nicht auf meinem Platz gerührt hatte, keine Geste, kein Entgegenkommen, da war für sie nur der Rücken, der die Schreibmaschine abdeckte, gebeugt und starr bis zum eingezogenen Kopf hinauf, eine Unfreundlichkeit, für sie beinahe eine Bösartigkeit, aber sie hatte sich daran gewöhnt, das war seine, eben meine Geste, wenn ich arbeitete, und Marianne nahm sie stumm hin, zog sich in ihre Wände zurück, wie ich mich in meine einschloß, abgespalten von dem, was sie bei mir suchte, ich sagte nichts, zeigte ihr wie ich dasaß und das genügte, um sie zurückzuwerfen, gefühllos saß ich in meiner Ecke und betrachtete die Wände, von denen eine Totenstille ausging, keine Bewegung war im Raum, und ich hielt mir die Ohren zu, als hätte ich keine andere Wahl, als müßte ich die Unerträglichkeit der Stille aushalten, um auf einen befreienden Gedanken zu kommen, ein Satz würde genügen, um mich aus jener Starre herauszureißen , und ich drehte mich langsam um, den Blick an der Gitarre vorbei, die an der Wand hing und schweigsam wie die Wand war, wie auch alle Bilder schweigsam zwischen den Büchern an den Wänden hingen.
Ich dachte, das Zimmer hat vier Wände und schon hatte ich sie aus Verzweiflung tatsächlich gezählt, vier waren es und ich zählte nach, ob es vier waren, ich kam nicht weiter als vier.
Also das Fenster. Ich entschloß mich ans Fenster zu gehen, dort war es heller, als in dem Raum, dessen Tapete ein welkes Licht abwarf, welk und gelb war es drinnen, während draußen die Fassade des gegenüberliegenden Hotels grün war, grün wie frische Blätter, dachte ich, aber es waren keine Blätter zu sehen, eine Fensterreihe unter der anderen über der anderen oben und unten eine immergleiche nichtssagende Ausgeglichenheit, hinter der sich höchstens einmal ein Vorhang leicht zur Seite bewegte, und dann sah von dort drüben auch jemand zur Straße herunter auf die gleichgültigen Autodächer, und der sah genauso aus wie ich,herunterblickend, kaum suchend, weü es draußen nichts zu suchen gab, das war die Hebelstraße, eine Straße im Nordend, ein Teü von Frankfurt, so hatte der sich im Hotel drüben die Stadt sicher nicht vorgestellt, die Stadt war die Straße, eine gradlinige Einbahnstraße, von der unten vor meinem Fenster, das im ersten Stock über der Straße liegt, eine andere Straße abzweigt, die Eiserne Hand, eine in einem langgezogenen S davonziehende Straße, ebenfalls eine Einbahnstraße, deren Verkehr immer auf mein Fenster zufährt, während der Verkehr auf der Hebelstraße immer von mir wegfährt,aber das hatte alles nichts mit mir zu tun, eine Frau überquerte inzwischen die beiden Straßen, und ich stellte mir vor, daß diese Frau, die von weitem anziehend wirkte, sich plötzlich umdrehen würde, sie würde eine Hand heben und winken, käme auf mich zu,käme heraufin meinZimmerund zöge sich aus, bis sie nackt sei, so würde sie mich umarmen und fest an sich drükken, dann zöge sie mich aus und beide würden wir nackt im Zimmer umherrennen, bis der eine auf den anderen herabsinke, um in dem anderen auszuruhen.
Ich ficke dich, sagte ich, und ich zerstörte mit einem Satz diese Vorstellung, daß nichts mehr von dieser Frau auf der Straße unten übrig blieb, als der Gedanke, daß ich sie ficken würde, ich schlug gegen das Fenster, riß es auf und hörte den Lärm von der seitlich vorbeiführenden Eckenheimer Landstraße, die Geräusche von Straßenbahn und Autos und der Geruch der Stadt stieg von der Straße hoch, wälzte sich in mein Zimmer hinein und dann war die Frau in der Kurve der Eisernen Hand verschwunden, ein leerer Bürgersteig, der ragte steil die Wände hoch bis an meinen Kopf, den ich einfach herabrollen lassen wollte, hinunter mit dir, sagte ich, aber er saß fest im Genick, das über die Straße hinweg an dem Hotel vorbeistarrte, wo gerade drei Tauben in einem engen Bogen von oben tief hinunter in die Eiserne Hand über das flache Dach der Autoreperatur in einen Hinterhof ins Dunkele schwirrten.
Ich lief vom Fenster weg ins Zimmer, wo ich um den niedrigen Tisch herumlief, ungeduldig, daß es war, wie es war, ein langer wortloser Nachmittag, ein Nachmittag mit vier Wänden, und ich war schuld, daß ich da allein herumstierte, ich hatte Marianne abprallen lassen, konnte sie nicht wahmehmen, stumm geworden von dieser ungeheuer wortlosen Phantasie, die sich heraufdrängte, der ich über die Straße weit nachblickte, ein offener Raum, in dem ich hemmkroch, als wäre es ein Raum aus weißer Haut, weich und endlos zum Anfassen und Untertauchen,ein Wunsch nach dem eigenen Verschwinden darin, nach dem Auslöschen all der unnachgiebigen Begierden, die gleich jede Frau, die irgendwo auftaucht, auszieht und zwischen die Beine nimmt, eine unausgeschlafene Geilheit, die von jeder Frau nur noch den eigenen, sie durchstoßenden, sie vernichtenden Schwanz wahrnimmt, bis er schlaff und blutlos aus den Bäuchen fällt, in die er immerzu hineinwill ohne hineinzukommen, das ist das doppelte Malheur.
Da war noch die Tür, durch die ich hätte leise verschwinden können, vorsichtig, um Marianne nicht hören zu lassen, daß ich gehe, aber wohin hätte ich gehen sollen oder sollte ich gehen, unbemerkt davonschleichen, den Versuch aufgebend, über diese Eingeschlossenheit nachzudenken, sie auf mich wenigstens wirken zu lassen, wenn sich schon keine klaren Gedanken einstellten, also bleiben und sehen was wird, eine Entrinnbarkeit entdecken, die keine Flucht wäre, aber wo.
Ich glaubte, ich zerspringe, griff die Wände hoch und fiel herunter, ein Jammer in der Stille, und ich ging zum Fenster, ja dort ganz oben war ein Stück Himmel, ein weißer Himmel, ein Himmel wie eine Haut und ich schaute hinein, bis ich ruhig wurde. Manchmal sehe ich am Himmel einen endlos weiten Strand mit weißen, der Freude hingegebenen Völkern, hatte Rimbaud im Rausch gesagt, den ich nicht mit ihm teilte, ich staunte still diesen Himmel an, komm herunter, sagte ich, nachdem ich gesehen hatte, daß er nirgends bis auf die Straße hinab reichte, und ich wurde nicht ruhig. Er war hoch und voll von den Umrissen der Wolken, hell waren sie und leicht, ein Himmel, der überall über den Dächern endete, und es gab keine Geduld.
Nein, hinausgehen wollte ich nicht, als ob der Himmel draußen anders aussähe,dachte ich, was ist schon draußen los, ich könnte — wie manchmal — die Hebelstraße hinunterlaufen und in den Bethmannpark gehen, dort reicht der Himmel bis in die Bäume und um die Bäume herum geht eine weitläufige Mauer, die den Park aus der Stadt herausschält, eine grüne Insel für Rentner, für die Mütter mit ihren Kindern und für die Vögel, aber keine Insel für mich, dort werde ich mich, wie ich bin, nicht los, ich muß woandershin, woanders, so ist das, fragte ich und setzte mich in die Ecke vor die Schreibmaschine, starrte auf die weißen Buchstaben der schwarzen Tastatur.
Dort kann ich herumgreifen, meinen Gefühlen nachspürgen, doch wo gehen sie hin, hörst du, sie gehen im Selbstgespräch auf und nieder und seitenlang verziehst du dich im Selbstgespräch, das spricht solange mit sich selbst, bis es sich selbst nur noch spricht, hör auf, warum hörst du nicht auf, ich kann nicht, sagte ich und schaute mir zu, wie ich in der Ecke saß, ich saß dort wie ich im Park sitzen würde, ohne Sandalen und mit einem offenen Hemd, der Verkehr von der großen Straße hinter dem Park wäre laut, ich hörte den Verkehr und sähe grüne Pflanzen und zwischen den Pflanzen säßen die Menschen, lauter Rentner wären die Menschen, stille Anzüge mit etwas Zeitungspapier vorm Gesicht oder überhaupt nur stille Anzüge, die geradeaussehen oder so tun, als würden sie geradeaussehen,obwohl sie dasäßen, als wären sie mit dem Geradeaussehen zufrieden. Die Hände haben sie zusammengefaltet in ihrem Schoß oder neben sich auf der Bank. Ab und zu werfen sie eine Hand hoch, dann liegt die Hand wieder still, bis es Abend wird. Es dauert, bis es Abend wird. Wenn Frauen über die Wege vor den Rentnerbänken vorbeilaufen, dann schauen die Rentner den Frauen kaum nach. Sie sind merkwürdig still, während die Frauen an ihnen Vorbeigehen. Erst wenn eine Frau an ihnen vorbei ist, bewegen sie sich etwas, sie heben ein Bein, ziehen eine Schulter nach vorne oder schauen ihre Hände an. Die Frauen, die Vorbeigehen, schauen die Rentner auf den Bänken nicht an, sie schauen auf den Weg, auf die Bäume, auf die Blumen unter den Bäumen und wieder auf den Weg. Sie gehen an den Enden des Parks durch die Gittertüren und Aufwiedersehen, denken die Rentner oder sie denken es nicht. Die Mädchen unter den Frauen im Park sehen nicht die Blumen unter den Bäumen und auch nicht die Bäume über den Blumen an und schon gar nicht die Rentner auf den Bänken, sie gehen, als wären sie nirgends, gehen aber geradeaus. Dabei bewegen sie ihren Kopf, sie können manchmal ihren Kopf um die eigene Achse drehen, weil sie wissen wollen wer ihnen nachsieht. Das passiert im Park, wo auch mal eine Zeitung auf einer Bank liegen bleibt und dann sehe ich, was sie schreiben, was sie denen, die das lesen, vorschreiben, rote Balken, hinter denen die Welt sich dreht, eine durchdrehende Welt, die weiß, daß derjenige, der ins Schwindlige gerät, nichts sieht als das Gleichgewicht, als käme es darauf an, wenn jemand zeitungslesend im Park sitzt und obendrauf steht: Tochter vergewaltigt.
Ich lehnte mich auf dem Stuhl in der Ecke von der Maschine zurück, schaute das Stück Himmel an, das oben in meinem Fenster lag. Der Himmel war so weiß, durchsichtig und unwirklich, daß ich ihn nicht lange ansehen konnte und ich sah auf dem Fußsessel in einer anderen Ecke des Zimmers den zusammengerollten Körper des Hundes, sein schwarzes Fell, das ruhig durchatmete, der lag einen ganzen Tag im Schatten des Zimmers, schlief, träumte, ab und zu schaute er, als wolle er nur wissen, wo ich mich befand,du bist noch in deiner Ecke, sagte er, und wartete, bis ich aufstehen würde, um mit ihm hinaus über die Straßen in den Park zu gehen, er wartete, schlief im Warten ein, träumte, streckte sich, wenn er Lust danach hatte, ohne sich über die Zeit, die verging, den Kopf zu zerbrechen. Er hat einen klaren Kopf, herabhängende Ohren und zwischen den Vorderzähnen erscheint im Schlaf manchmal die Spitze seiner Zunge, die zu saugen anfängt, wenn erträumt, und dabei vibriert sein Körper, als schwämme er in der Luft, er fiebt und dann ist er einen taglang still, daß ich seine Anwesenheit vergesse, kein Geräusch, das von ihm käme,nichts als Abwesenheit, die ich nicht spüre, und dann wundere ich mich, daß er immer noch daliegt, wenn ich ihn plötzlich in der Bewegung meines Kopfes auf seinem Platz entdecke, das schwarze Fell, das ruhig durchatmet, und ich stellte mir vor, ich könnte das, was er kann, daliegen, als gäbe es nichts außer mir, ich bin und alles was ist, bin ich, sagte der Hund, sagte ich, während ich ihn betrachtete und ich hörte zu, als ob er mich inzwischen beruhigen könnte.
Ich saß auf dem Stuhl und wartete auf das Ende des Tages. Ich erwartete keine Änderung dieser ausgetrockneten Stille, in der ich den Atem anhielt, aber ich fiel nicht vom Stuhl, ich saß lange, stockte im Sitzen, denn eigentlich hatte ich mich ja zum Schreiben auf den Stuhl zurückgezogen, daran dachte ich, und ich wußte, daß jetzt nicht mehr daran zu denken war. So gehts nicht.
Ich brauche mich, wenn ich arbeiten soll, aber ich hatte mich nicht, ich hatte steife Finger undkalte Füße, wußte nicht, wo ich war, obwohl ich mich ununterbrochen im Zimmer aufhielt, abwesend von mir selbst, und ich wußte nicht warum.
Warum bin ich nicht hinausgegangen, warum bin ich einen taglang sitzengeblieben, bis ich mir gänzlich abhanden kam.
Es gab keine Antwort. Ich sah hinauf zur Decke und von der Decke wiederherunter auf den Boden, eine stumme Entfernung, die vor meinen Augen dahingähnte und ich saß mittendrin, fühlte sie langsam dahingehen. Die Dämmerung löste allmählich den Raumaufund ich saß irr Dunkeln, heute, dachte ich, gibt es keine Gewißheit und morgen, morgen werde ich anders denken, heute weiß ich,daß der Hund liegt, er liegt, das ist, was ich weiß und alles andere wäre eine Einbildung.
Irgendwann war ich vom Stuhl gefallen, ich lag zwischen Stuhl- und Tischbeinen ausgestreckt, die Augen offen in der Dunkelheit, in der ich fühlte, wie sie in mich eindrang, zuerst wischte sie das Gehirn aus, eine gewichtslose Masse,ein Schatten, der sich in meine Erinnerung einfraß, sie fielen weit zurück, hinunter in einen Abgrund, ich hörte sie nicht, ich hörte mich nicht, eine Taubheit, die mich aushöhlte, als verlöre der Mund Lippen und Zähne, der Körper Arme und Füße, ein Torso, der dalag und abnahm. Als die Tür aufging, war ich aufgestanden, benommen von jener Abwesenheit, die anhielt, sie war eine Gewohnheit geworden, eine geheime Absprache zwischen ihr und mir, ein Stillschweigen, das in den Jahren, die wir uns kannten, härter geworden war, auch wenn es immer wieder einige Versuche um mehr Offenheit gab, entzog danach wieder jeder unbemerkt die Bereitschaft, auf die Bedürfnisse des anderen einzugehen, sie fand wieder die herausgebürsteten Haare im Waschbecken verteilt, gedankenlos hatte ich sie heruntergekämmt, nicht bedacht, daß Marianne vom täglichen Anblick der ausfallenden Haare, die sie dann wegspülen mußte, weil sie sich gerne ohne oben herumschwimmende Haare wusch, eine Wut auf mich bekam, eine Kleinigkeit sicher, ein Ärger, der mit einer Handbewegung und einem Guß aus der Wasserleitung wegzuwaschen gewesen wäre, aber das hatte ich nicht gemacht, also fühlte sie sich provoziert, vernachlässigt, und ich würde es spüren, darauf lief es hinaus, der Ärger sollte weiterschwelen, als wäre das die Naht, die uns zusammenhielt.
Jetzt stand sie in der offenen Tür. Hinter ihr das gedämpfte Licht vom Flur, vor dem nur ihre Silhouette sichtbar war, ein Schattenriß, ein schlanker Körper, mager und groß, die langen Beine, die herunterfallenden Haare, die herabhängenden langen Arme, ein Bild, das mich weckte, du,| wollte ich sagen, aber schon wehrte sich etwas gegen dieses unvorhergesehene Eindringen, gegen diesen Willen, der die Türl öffnete und Aufmerksamkeit verlangte,! obwohl ihr Erscheinen so weit in meine" Abwesenheit eindrang, daß ich spürte, wie es mich wieder in mich hereinbrachte, als ergäbe ihre Anwesenheit die meine, da war das Du, das ich sagen wollte und doch • nicht aussprach, weil es gegen die Abgespaltenheit, die ich ihr gegenüber empfand, nicht ankam, da stand sie, eine Silhouette, in die viele Frauen hineingepaßt hätten, aber es waren nicht viele Frauen, es war eine Frau, Marianne, und es blieb Marianne, auch wenn ich nur ihre austauschbaren Umrisse wahmahm, und ich sah das und kam nicht auf den Gedanken, ob ich denn je mehr von ihr wahrgenommen hätte, ob ich überhaupt, wie sie wirklich war, erkannt haben könnte, das fragte ich nicht, ich wich jener möglichen Unwissenheit aus, indem ich in dieser eingeschlossenen Haltung verharrte, was willst du, fragte ich und sie sagte nichts, sie stand in der Tür und wartete, zögerte, als überlege sie, ob sie überhaupt hereinkommen sollte.
Ja ich hatte sie eindeutig abgewiesen, als sie es am Nachmittag versucht hatte, wieso sollte sie es weiter versuchen, wie sie es immer wieder versucht hatte, an mich heranzukommen, wenn ich arbeitete, warum kam ich nicht aus meinem Versteck heraus, warum mutete ich ihr einen erneuten Anlauf zu und dann später kam ich bloß mit dem Ergebnis der Arbeit, das ich ihr einfach auf den Tisch legte, damit sie es eindringlich lese und sage, was sie nicht verstünde, danach wollte ich es ausbessern, verdeutlichen undsoweiter, ohne sie eigentlich zu fragen, womit sie denn in dem Augenblick, in dem ich ankam, beschäftigt gewesen war, das übersah ich, wie ich übersah, was über jene Silhouette hinaus in ihr vorging, ihre Verletztheit hatte ich meistens viel zu spät bemerkt, wenn sie offensichtlich geworden war, ein roter Fleck in ihrem Gesicht, oder einmal ein roter Streifen quer auf der Länge ihrer Stirn, da hatte sie den Kopf auf das Bügelbrett gelehnt, weil ihr schlecht geworden war, und sie vergessen hatte, wo ihr Kopf lag, und da kam ich zu ihr und sah es, meine Unbekümmertheit, die kaum etwas von ihr wußte, und erst in der Betroffenheit solcher eindeutiger Zeichen, fiel ich auf das, was sie von mir unterscheidete, ohne davon zu wissen Aber ich kam nicht aus mir heraus, es war schwer aus mir herauszukommen und was sollte denn noch alles passieren, bis ich endlich einmal aus mir herausfände und nicht nur mich erblickte, wenn ich sie sah, nicht diese ungestillten Wünsche,diese unerfüllten Liebesbedürfnisse, die wie pornographische Sequenzen über ihr Erscheinen dahinschlitterten, dieser Männerwahn, der die eigene Frau mißbrauchte, eine Silhouette für eine Projektionswand, auf der das erschien, was in meinem Männerkopf möglich war, eine Orgie, in der ich über alle mich bewegenden Frauen herfiel und das waren Frauen, die einen schönen Arsch hatten, einen schönen Buserl, ein schönes Gesicht, schöne Beine, es waren eigentlich nur Filmschapspiele rinnen denkbar und die Frauen, die ich sah, waren irgendwie wie Fümschauspielerinnen, inzwischen existierte der neue deutsche Film, der sanfte, und gescheite Frauen hervorgebracht hatte, keine Brigitte Bardot, die hauptsächlich aus Busen bestand, obwohl sie zwischen den Männern und Frauen immer noch hin- und herlief, ohne älter geworden zu sein, und sie verdrängte die neue Frau, die es gab, und ich erbrach mich in ein ausschweifendes Durchficken, bei dem all die Frauen, die an mir vorbeikamen , als Stimulanz benutzt wurden, eine Stimulanz, die sich mit jenem Phantom begnügte, das aus Lippen und Busen bestand, ein aufgeschwellter Film, dem ich bis zur Ermüdung nachstarrte. Am Ende hatte ich Kopfschmerzen, weil das alles überhaupt nur im Kopf stattfand und nicht aus dem Kopf herausfand, nicht die Haut berührte, die ich selbst zwischen den Fingern zerrieb, wie ich später dann Marianne zerrieb, nachjagend all den Versäumnissen, die unterhalb des Kopfes stattgefunden hatten und davon war ich noch lange nicht losgekommen, auch wenn es Wochen gegeben hatte, in denen ich mit Marianne und durch sie irgendwie zu mir gekommen war, aber von diesen Wochen blieb eine lähmende Ohnmacht gegen die Jahre, in denen die sexuellen Bedürfnisse in dem Verdrängungsbereich eines Fünfpersonenhaushaltes aufwuchsen, da war die Toilette, Aktfotos und die Hand, die vergeblich den Ansturm zu stillen versuchte.
Es war die Abgeschlossenheit, die ich gelernt hatte, und da kam sie, sie stand in der Tür, zögernd, weil sie wußte, mit wie viel Unsinn ich antworten konnte, und ich hörte sie wortlos ihre Fragen stellen, die Sie wahrscheinlich gar nicht stellte, warum, warum, warum und ich war müde von all diesen heimtückischen immerwährenden Fragen, diesen Ritus an Selbstverp ständlichkeit, dieser zwanghaften Langwierigkeit, in die wir uns täglich hineinbegaben, ohne damit fertigzuwerden, ein ungebrochener Aussatz an Mißverständnissen, in denen es aussah, als wär nichts veränderbar, ein Wahn, in dem ich mich aufhielt, als sie hereinkam, eine Gefühllosigkeit, in der ich zur Arbeit flüchtete, wo all die Enttäuschungen in einem unaufhörlichen Redefluß weggeschwemmt werden sollten.
Wolfgang Utschick