E. Hilsenrath beschreibt in seinem Roman „Der Nazi und der Friseur” den Lebenslauf des Max Schulz. Max, 1907 geboren, ist der Sohn der arischen Hure Minna Schulz und des Fleischers Hubert Nagler, des Schlossermeisters Franz Heinrich Wieland, des Maurergehilfen Hans Huber, des Kutschers Wilhelm Hopfenstange und des Hausdieners Adalbert Hennemann. Er wächst in der deutschen Kleinstadt Wieshalle auf Als er ein paar Wochen alt ist, bekommt Max einen neuen Vater, den Friseur Slavitzki, der den kleinen Max mit einem schwarzen Stock und einem langen Glied während dessen Jugendzeit verfolgt und mißhandelt Befreundet ist Max mit Itzig Finkeistein, dem Sohn des jüdischen Friseurs Chaim Finkeistein. Max und Itzig besuchen gemeinsam das Gymnasium und absolvieren auch gemeinsam eine Lehre bei Itzigs Vater 1933 tritt Max Schulz in die SA ein und wechselt schließlich zu SS. Dort wird er Oberscharführer Im KZ Laubwalde in Polen wird er zum Massemmörder. Unter seinen Opfern sind auch Chaim Finkeistein, seine Frau Sarah und Itzig.

Als die Russen in Polen einmarschieren, flieht er mit der übrigen KZ-Bewachung aus Laubwalde. Sie fallen jedoch einem Paritsanentrupp in die Hände. Max Schulz kann fliehen und verbringt den Winter im polnischen Wald bei der “Hexe” Veronja, die er dann umbringt.

Der Krieg ist zu Ende. Max kommt nach Berlin und nimmt die Identität seines Jugendfreundes Itzig Finkeistein an - er spielt den hirngeschädigten KZ-Insassen. Geld verdient er in dieser Zeit als Schwarzhändler. Er entscheidet sich nach Palästina auszuwandem In Palästina betätigt er sich als Untergrundkämpfer. Er arbeitet in einem Frisiersalon, heiratet und wird ein angesehener Bürger Israels.

So war das also Anfang der 30er Jahre in Deutschland, als Max Schulz in den Zwanzigern war. Ein Bergprediger namens Hitler verspricht einem Millionenvolk von „Unzufriedenen, solchen die immer geprügelt wurden und nun zurückprügeln wollen, die immer getreten wurden und nun zurücktreten wollen, einem Volk von Kurzatmigen und Leuten ohne Puste, von Arschleckern und solchen, die das planmäßige Kriechen nicht gelernt haben” Stöcke zum prügeln.

Warum die Leute geprügelt werden, wer sie prügelt, wer ihnen die Stöcke verspricht, woher der Bergprediger kommt, wer ihn gerufen hat, darüber schweigt sich E. Hilsenrath aus. Ob er davon ausgeht, daß nur Leute dieses Buch lesen, die über entsprechende Geschichtskenntnisse verfügen, oder ob er glaubt, alle Bewohner dieses Landes seien über die Nazizeit gründlich informiert. Kein Wort über soziale und politische Zustände im Deutschland der 30er Jahre, kein Wort über Arbeitslosigkeit, Verelendung, keine Erklärung über Militarismus, Autoritätsdenken, Volksgemeinschaftsideologie, Feindbilder.

Aber erst recht keine plausible Erklärung darüber warum ausgerechnet Max Schulz, die Titelfigur des Romans, zum Judenhasser wird. Ausgerechnet Max Schulz, der seine halbe Jugendzeit bei der jüdischen Familie Finkeistein verbringt, der mit Itzig dem Sohn der Familie, eng verbunden ist, der wissen muß, daß an dem Juden-Feindbild der Nazis kaum etwas stimmt: ausgerechnet der tritt nach der Rede Hitlers auf den Ölberg von Wieshalle der SA und später der SS bei und bringt schließlich in einem Lager in Polen Juden um, darunter auch die Familie Finkeistein. „Warum?, Wollen Sie wissen warum?, Woher soll ich das wissen?” fragt Max Schulz und das fragt er sich häufiger in der ersten Hälfte des Buches.

So war das also Anfang der 30er Jahre in Deutschland. Das deutsche Volk brachte Hitler an die Macht, als ob es hoffte, sich mit ihm an der Spitze mal so richtig austoben zu können. Nun, wenn man das Endergebnis kennt, (32.000.000 Zweiunddreißig-Millionen Tote durch den Krieg, dazu 11.000.000 Elf-Millionen, die in KZ’s und Zuchthäusern umkamen) ist man geneigt zu glauben, was sich einem als Eindruck in Hilsenraths Roman aufdrängt: jeder Deutsche ein Max Schulz, ein Max Schulz mit einem Dachschaden.

Doch ganz so einfach sollte man es sich nicht machen. Vielleicht wäre der Weg, den Max Schulz geht, für den Leser verständlicher, hätte der Autor sich nicht so oft im Bett des Max Schulz aufgehalten. Die erotischen Erlebnisse durch Frau Holle mit dem Holzbein, mit Veronja (der polnischen “Hexe”), Gräfin von Hohenhausen, der Schwarzhändlerin und Hanna Levisohn, der Ballerina, sind jedenfalls sehr ausführlich und einprägsam beschrieben.

So einfach wie die Machtübernahme Hitlers in diesem Buch zustandekommt, so einfach läutert sich Max Schulz. Er taucht in Palästina als hirngeschädigter KZ-Insasse auf in der Rolle des Vaterlandsverteidigers, des Untergrundkämpfers. Der Rest seines Lebens gibt sich sauber und unbefleckt. Er übernimmt einen Friseursalon,heiratet, stirbt. Während er sich eingliedert in die israelische Gesellschaft, kommen ihm ab und zu Zweifel über seine Tätigkeit als Massenmörder, aber die bringen ihn nicht um, es ist ein Herzinfarkt, der ihn ereilt, und nicht mehr.

„Es wäre interessant zu wissen, was das deutsche Volk zu diesem Buch sagen würde” schreibt Times Literary Supplement.

Eine Aufarbeitung der deutschen Vergangenheit ist mit diesem Text sicher nicht möglich, und wer sich als Nicht-Dabeigewesener ein Bild über diese Zeit machen will, der sollte zu einem anderen Buch greifen.

Monica Weber-Nau