Totalitäre Sprachen? Jean Pierre Faye, Theorie der Erzählung, Einführung in die “totalitären Sprachen, Kritik der narrativen Vemunft/Ökonomie, Suhrkamp Verlag 1977, DM 32,-, Übersetzung Jürgen Hoch.
Jean Pierre Faye,Totalitäre Sprachen,
In den “Elements pour une analyse du fascisme” zwei Taschenbüchern, die von Maria A.Macciocchi 1976 in der Reihe 10/18 herausgegeben wurde und für den sich, mit Ausnahme von Wagenbach, bisher deutsche Verleger nicht interessierten ist auch ein Beitrag des in Deutschland bislang nur als Romancier bekannten Jean Pierre Faye enthalten, der die programmatischen Ideen des Verfassers klarer erklärt als das in den nun endlich hier in zwei verschiedenen Verlagen erschienene Werk über die “Totalitären Sprachen.” In diesem Taschenbuchbeitrag, dem ein Beitrag zu einem Faschismus Seminar in Vincennes 1974/75 zugrunde liegt, leitet Faye die Berechtigung ab, mit welcher er die “faschistische” Sprache analysiert. Er weist darauf hin, daß Marx nicht der Verfasser einer ökonomischen oder staatstheoretischen Entwicklungslehre gewesen ist, sondern Kritiker einer Wissenschaft, der politischen Ökonomie. Daß es Marx dabei letztlich immer wieder um die konkrete gesellschaftliche Wirklichkeit ging, wird, wie schon bei Althusser und anderen Strukturalisten, unterschlagen. Daraus, daß Marx die Kategorien der politischen Ökonomie kritisiert, leitet Faye die Berechtigung ab, Faschismus bzw. dessen sprachliche Äußerungen aus sich selbst, immanent, zu kritisieren Faye geht von dem Begriff der Geschichte aus. Geschichte ist etwas, was erzählt wird. Dabei finden Bedeutungsverschiebungen statt, die sich einerseits daraus erklären, daß es sozialen Wandel gibt. Andererseits gibt es die manipulative Bedeutungsverschiebung von Worten, Begriffen und politischen Kategorien.
Nach Faye hat Marx die Geschichte des Kapitalismus mit allen theoretischen Konsequenzen erzählt. Die Kategorien der Kritik der politischen Ökonomie oder die Kritik der reinen Vernunft nur als Erzählungen (über Erzählungen häufig) zu begreifen ist letztlich Relativismus. Eine emphatischer Begriff von Wahrheit, den Faye insgeheim hat, wird theoretisch damit verschleiert. Entscheidend ist die Bedeutung der Grammatik.
So erzählt Faye in den beiden - teuren — Bänden der “Totalitären Sprachen” (die uns der Ullstein-verlag als Korrekturexemplare liebenswürdigerweise überließ — bei Surkamp fragten wir lieber erst garnicht an, sondern kauften) von den,in der Tat, akrobatischen Verwirrkunststücken der deutschen Nationalrevolutionäre der zwanziger Jahre, von den Brüdern Jünger, Niekisch, Radek und Schlageter, der Landvolkbewegung dem Gegner-Kreis und anderen. Hier im Material gewinnt seine DarStellung eine große ideologiekritische Würde und Bedeutung; wer, wie der Verfasser dieser Zeilen, auf diesem Gebiet arbeitet, wird in der Zukunft auf diese Bücher nicht verzichten können. Mehr als zehn Jahre hat Faye über dieses Gebiet gearbeitet, er hat Interviews mit Überlebenden durchgeführt (Jünger, C.Schmitt) und nur sehr wenige sachliche Fehler sind sichtbar. (So wird wiederholt gesagt, Niekisch sei nach Buchenwald gebracht worden, tatsächlich verbrachte er — regulär verurteilt — seine Haft im Zuchthaus Brandenburg, in den KZs gab es keine regulär Verurteilten, wahrscheinlich hat N. nur deshalb überlebt).
So finden wir in den drei jetzt auf Deutsch erschienen Büchern sehr viel brauchbares Quellenmaterial über die ,linken Leute von Rechts” wie sie Kurt Hiller einmal bezeichnet hat und was den Titel des großen Buches von Otto-Emst Schüddekopf abgab. Wir finden daneben eine anfechtbare sprachstrukturalistische Theorie, mit der gründlicher auseinanderzusetzen, als es hier die Möglichkeit gibt, es sich nicht nur lohnt, sondern von der Sache her erforderlich ist. Zu wünschen ist, daß die beiden Verlage möglichst schnell Taschenbuchausgaben erscheinen lassen. Der Gang durch wissenschaftliche Buchhandlungen wird mehr und mehr - zumindest für Studenten - zu einer Aufforderung zum Ladendiebstahl oder zum Bankausnehmen. Und das will doch keiner.
Til Schulz