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1968 entwickelte der Gynäkologieprofessor Hugh Davis zusammen mit dem Ingenieur Lerner in Baltimore ein Plastik-Pessar. Dies sollte die Nachteile der bisherigen Pessare (Blutungen, Krämpfe, Nichtfunktionieren, Ausgeschiedenwerden) aufheben. Daher wurde das scheibenförmige Pessar auf Tentakelstummel gesetzt, deren Widerhaken es in der Uteruswand halten sollten. Die Resultate, die Davis beobachtete, beschrieb er für das führende American Journal of Obstetrics and Gynecology (Februar 1970). Hervorgehoben war vor allem die niedrige Schwangerschaftsrate von 1,1%. Der Artikel verschwieg, daß die Frauen weder ihre Zustimmung zu einem Versuch gegeben hatten, noch überhaupt wußten, daß sie ein frisch vom Reißbrett gekommenes Produkt eingesetzt erhielten. Wenigstens einige Frauen bekamen von Davis den Rat, vom 10. bis zum 17. Tag des Zyklus zusätzlich spermienabtötenden Schaum zu verwenden. Daher ist es unklar, ob die von ihm beschriebenen schwangerschaftsverhütenden Effekte auf das Pessar oder nicht vielmehr auf den Schaum zurückzuführen sind. Die von ihm genannten Zahlen wären weniger beeindruckend, wenn er beschrieben hätte, daß er jede Frau nur fünfeinhalb Monate untersucht hat. (Dies ist kein ausreichender Zeitraum, um zuverlässige Schwangerschaftsdaten zu ermitteln!) Als Davis das „Dalkon Shield“- Pessar von der großen A.H. Robins Company verteiben ließ, fanden die Leser von 5 amerikanischen Medizinerzeitschri ften doppelseitige Anzeigen mit den veröffentlichten „Ergebnissen“ von Davis’ Untersuchungen (während mittlerweile 26 der 832 Patientinnen, die Davis getestet hatte, schwanger geworden waren). Aufgrund der Werbekampagne wurde das „Dalkon Shield“ - Pessar bei 3,3 Millionen Frauen in den USA und 12 anderen Ländern eingesetzt (u.a. als Beitrag der International Agency for Development zur bevölkerungskontrollierenden Entwicklungshilfe). Im Frühsommer 1973 wurde bekannt, daß „Dalkon Shield“ eine Schwangerschaftsrate von 10,1% aufwies (Untersuchung von Dr. Johanna Perlmutter); die Schwangerschaft endete in mehr als 110 Fällen mit septischem Abort. Bei 26,4% der Frauen verursachte das Pessar ernsthafte Krämpfe und teilweise massive Blutungen - sowie 17 Tote.! Obwohl viele Frauen Prozesse anstrengten und die A.H. Robins Company wegen Prozesskosten allein 1975 5 Millionen Dollars aufwenden mußte, blieb der Gesellschaft für die erste Hälfte von 1976 noch ein Gewinn von 26%. Hugh Davis lehrt immer noch an der renommierten John Hopkins Medical School und leitet noch immer die Familienplanungsklinik der Universität - seine manipulierten und unverantwortlichen Forschungen werden wohl als Gentlemansdelikt betrachtet, wie dies auch für Sir Cyril Burt gilt, dessen Forschung ,der Beweis' für die Erblichkeit der Intelligenz waren, bis sich herausstellte, daß seine Zwillignsuntersuchungen erlogen waren.
Nominationen zu Studienreformkommissionen
In den nächsten Wochen ist damit zu rechnen, daß die frankfurter Universität ihre Vertreter für die bundesweite Studienreformkommission Sozialarbeit und Sozialpädagogik und für die erste hessische Studienreformkommission Gesellschaftswissenschaften benennen soll. (Vgl. zu dieser Problematik den Artikel von G. Boege in diesem diskus.) Zu der bisherigen Verfahrensweise des Präsidenten beim Zustandekommen der bundesweiten Studienreformkommissionen für Chemie, Zahnmedizin und Wirtschaftswissenschaften, sowie einer zentralen Koordinierungskommission (in der der RCDSler Banzer die hessischen Studenten vertreten soll!), erklärte die Sozialistische Konvents-Initiative, sie sei „empört über das Verhalten des Präsidenten, undemokratisch die Mitglieder für Studienreformkommissionen zu benennen. Neben der Nomination des RCDS-Studenten Banzer ist ein Beispiel dafür die Nomination von Herrn Quinkert (Chemie). Der Präsident setzte sich über das Votum des Chemiedekans hinweg und nominierte den reaktionären Vertreter des Fakultätentags, Professor Quinkert — und zwar aus machtpolitischen Gründen („höhere Weisheit” wurde dies von ihm genannt!). Um einen frankfurter Vertreter durchzusetzen, egal was für einen, verzichtete der Präsident darauf, den benannten Vertreter des Fachbereichs, Professor Becker, zu benennen. Auf diese ‘Autonomie der Hochschule’ können wir verzichten.”
Justiz als Literaturkritiker
Der wuppertaler Untersuchungsgefangene Dietmar B. bestellte sich einige Zeitschriften und Bücher, darunter den von diskusAutor Wolfgang Bittner herausgegebenen Band „Strafjustiz — Ein bundesdeutsches Lesebuch” (Verlag Atelier im Bauernhaus). Das Buch enthält Beiträge von etwa 80 Schriftstellern, Journalisten, Rechtssoziologen, Juristen, Grafikern und auch Betroffenen zu Problemen der Strafjustiz als literarische Betrachtung eines Sachthemas. Die Aushändigung dieses Buchs sowie weiterer Schriften wurde dem Häftling verweigert. Im Beschluß des Landgerichts Wuppertal (18.7.77) heißt es: „Die genannten Schriften sind zur Habe des Untersuchungsgefangenen zu nehmen... Die Schrift ‘Strafjustiz’ enthält eine Vielzahl von Problemaufsätzen mit zum Teil richtigen Ansätzen zu einer Behandlung des mit Recht als schwierig zu bezeichnenden Themas. Bedauerlicherweise ist die Schrift mit einer Reihe von Gedichten, Karikaturen und anderen Äußerungen angereichert die Verbrechen ganz allgemein verherrlichen und von angeblichen Straftaten staatlicher Organe gegenüber insbesondere Straf- und Untersuchungsgefangenen berichten und so Unruhe in der Haftanstalt hervorrufen, statt fruchtbare Diskussionen zu fördern ...
Ein Heraustrennen beanstandeter Seiten oder Blätter hat der Untersuchungsgefangene grundsätzlich abgelehnt, weshalb die Schriften insgesamt angehalten werden mußten.” Auf den beanstandeten Seiten finden sich Beiträge von G.Zwerenz, Fritz Bauer, Ossip K.Flechtheim und E. Fried, Um ein Beispiel herauszugreifen: Fritz Bauer war Jurist, wurde 1933 wegen antinazistischer Betätigung aus dem Staatsdienst entlassen und in ein KZ eingewiesen. 1936 gelang ihm die Flucht ins Ausland. Nach der Rückkehr aus der Emigration wurde er Generalstaatsanwalt in Braunschweig und später in Frankfurt am Main. Bis zu seinem Tod 1968 war er einer der engagiertesten Vertreter der Strafrechtsreform, eine Kapazität von internationalem Ruf. Fritz Bauer setzt sich in seinem Beitrag „Auf der Flucht erschossen...” (den er als Richter des wuppertaler Gerichts mißbilligte) kritisch mit Vorfällen auseinander, bei denen Menschen mehr oder weniger versehentlich von Exekutivbeamten erschossen wurden.
Dazu meint W.Bittner: „Man kann davon ausgehen, daß der wuppertaler Literaturkritiker vom Dienst weder Zugang zu einer solchen Problematik gefunden, noch den Namen Fritz Bauer je gehört hat. Aberdas ist ja bei Juristen nichts Neues. Auch darf es nicht überraschen, daß dem Richter die Lektüre des beanstandeten Buches offensichtlich nicht geholfen hat. Dafür ist die in dem Gerichtsbeschluß zum Ausdruck kommende Mentalität zu tief verwurzelt. Alles, was nicht in eigene Weltbild paßt, ist entartet und muß ausgemerzt oder wenigstens verboten werden. Wir brauchen uns nicht zu wundem, wenn bei uns demnächst wieder Bücherverbrennungen stattfinden.”