kurze geschichten alexander kluge
Die Spitzenleute hatten in Fürstenfeld-bruck „ihren Entscheidungsspielraum vollund an der Grenze des Rechtlichen ent-langstreifend ausgeschöpft.” dh. so faßte es der mit der Haushaltsüberwachung vertraute Rechnungsführer Walter F. auf, den Vorsitz über das, was geschah übernommen oder geführt oder sich gegenseitig streitig gemacht, aber hinreichend aufgeräumt hatte die Handlungsfläche niemand. Jetzt kamen die Reste des Geschehens als überplanmäßig oder überhaupt in keine annehmbare Position aufteilbare Masse bei Walter F. an.
Wo sollte er z.B. zwei Benzinladungen unterbringen, denen kein Fahrtbericht, nicht einmal ein Vermerk über ein Ziel oder Start, auch keine Bewilligung durch einen Zuständigen zugrunde lag und die ebenso eine Polizeimaßnahme, wie einen Ausgabeposten der Verteidigung oder aber eine Rubrik der Repräsentation des AA (wie Nelken, Tulpen, Kränze, Sektfrühstück usf.) oder auch eine Sache der bayerischen Staatskanzlei sein konnte. Das Benzin war verbrannt. Das entsprach keiner denkbaren Zweckbindung.
Oder die Verbuchung von Zusatzverpflegung für Schützen aus Position Verschiedenes? Soll es abgerechnet werden unter Ministerbüro des Herrn Außenministers? Gehört es zum Etat für ausländische Staatsoberhäupter?
Hier: Abtransport von Toten. Erstellung erfolgte ohne Positionsangabe im Rechenwerk . Dann, als die Fahrzeuge der, .Pietät” anrollen, sind die Leichen fortgebracht mit Polizeifahrzeugen zu einer Schauhalle.
Ich will nicht alles aufzählen, sagte Regierungsführer Walter F., ich habe ja das traurige Ereignis in der Zeitung gelesen und kann mir zusammenreimen, wie die Belege irgendwie zusammenpassen und das es um den Bestand des Staates ging. Aber ich verwünsche, daß die Herren dies anrichten oder diesem Angerichteten präsidieren von einen Flugüberwachungsburg aus als seien sie Hannibal auf einem Elefanten und dann alles liegenlassen.
Seiner Tochter würde Walter F., wenn sie mit Sachen herumschmiß ohne sie nachher aufzuräumen auf die Löffel hauen.
Kobras’ erster Tag im Dezernat für Staats-schutz und politische Strafsachen
1. Eine gewaltsame Welt. Bäume, Wetter, Pfützen, Hofecken. Menschen, die arbeiten oder leben. Unübersichtlich. Die kleine Großstadtsonne drückt auf das brauneiserne Selmi-Hochhaus, das das Präsidium überragt.
Ist es richtig, „daß der Sozialismus bereits durch alle Fenster des modernen Kapitalismus auf uns schaut“ (Lenin, Werke XXV, S. 370)? Diese nicht ohne weiteres abweisbare Gefahr muß heute früh dahingestellt bleiben. Er muß sich auf den Moment einstellen, obwohl er als gewiefter Taktiker weiß, daß es Momente oder irgend etwas sonst fixiertes nicht gibt. Das hat er aus zahlreichen Schriften des politischen Gegners, die Kobras mitliest, entnommen.
Jetzt hat Kriminalrat Kobras die Vorstellung der Mitarbeiter hinter sich. Die Namen und Vornamen schreibt er sich auf. Mit der Schreibkraft wechselt er sogar einige persönliche Worte. Das alles zieht sich über zwei Stunden hin. Kennenlemen kann er die Beamten auf diese Art auf jeden Fall nicht.
Endlich entfernt sich der Kriminaldirektor sowie der Vorgänger im Amt, den Kobras ab heute, Stichzeit 11 Uhr, ablöst. Kobras muß unbedingut Zeit gewinnen, um sich in die neue Stellung einzufühlen; nachzudenken, wie er das Zuständigkeitsgebiet in den Griff bekommt.
II.
Kobras lichtet mit Blitzaufträgen die Zahl der Mitarbeiter. Wenn sie mich einen Augenblick mit Herrn Mürke allein lassen. Herr Mürke, Sie verfertigen eine detaillierte Aufstellung über die Vorgehensweise aller mir unterstellten ermittelnden Beamten in politischen Strafsachen: Erfolgstypik, Fehlertypik usf. Mürke antwortet: Das würde bedeuten, daß wir gegen den eigenen Apparat ermitteln. Das würde den Kollegen nicht gefallen. Kobras: Den Ärger warte ich ab. Mürke: Meinen Sie das als eine Übungsaufgabe, um mich kennenzulernen? Kobras: Verstehen Sie es, wie Sie es wollen. Ich brauche Ihren Bericht bis morgen 16 Uhr, insbesondere Kontakte, welche Gespräche werden von ermittelnden Beamten privat oder im Amte mit welchen Personen oder Gruppen geführt, alles. Alles, wiederholte Mürke. Es weht ein neuer Wind.
III.
Jetzt zu Wagner und Dennerlein.
Kobras: Sie gehen in die Stadt- und Universitätsbibliothek, sehen die Listen der Entleihungen durch. Ich meine Bücher und Zeitschriften mit einschlägigen Titeln. Wer entleiht das? Das ergibt eine Makro-Übersicht über die Gruppen. Dennerlein: Wir haben das schon früher einmal angefangen.
Kobras- Gründlich?
Wagner: Nein.
Dennerlein: Wie weit sollen wir streuen? Kobras: Marxistische Texte, Friedensforschung, Sozialthemen usw. usf. Wir sieben später.
IV.
Kobras gab noch weitere Sammelaufträge. Er hatte in der Abteilung eine Zäsur geschaffen, die die Mitarbeiter so bald nicht vergaßen. Der neue Dezernatschef galt als strenger als der alte. In Wahrheit hatte aber Kobras vor allem eine Ruhepause für etwa drei Tage gewonnen, konnte sich darauf konzentrieren, wie er die Abteilung anfaßte.
Er blickte in das grelle Licht vor dem Fenster, betrachtete Tauben, die auf der Dachrinne des gegenüberliegenden Hauses in unregelmäßigem Abstand verharrten, und zwar in einer Sitzordnung 3 m , zu - geschätzt - 8 m , zu 2 m , zu etwa 15m. Weiter reichte das Blickfeld nicht,wenn er auf die nächsten Wochen konzentriert am Schreibtisch sitzen blieb.
V. Überblick über das „Ganze“. Das Ganze von Stadt und Umland (der Dezernatsbereich), vorbehaltlich der offenen Fäden zum Überregionalen (Pol.-Präs., LAV, BAV, BMI, Heidelberg Headquarters, BKA, BKA Abt. T, MAD, Pers.-Verb., AK für Sicherheit in der Industrie usw. usf.): Unschärfe.
Dieses soziologische Getümmel des „Ganzen“ bewegte sich vor Kobras’ geistigem Auge. Man konnte es topographisch ordnen: Villenviertel zum Taunus hin, Westend, Westend als ehemaliges Villenviertel, jetzt Mischbevölkerung; Bornheim: Mischbevölkerung; Gallus und Heddernheim: Arbeiter und Misch; innerhalb des Anlagenrings Geschäfts-V. und Misch; Sachsenhausen usf. Oder geordnet nach Wirklichkeitszubehör der zuständigen Staatsanwaltschaft, also Schwerstkriminalität Kaiserstrasse, Gefangenenrat, RK, marxistische Buchhandlungen, Gruppen. Dies wäre ein negativ ausgrenzender Ansatz, der nach Kobras’ Erfahrung im taktischen Zugriff versagt. Bleibt die „soziologische Zumessung“. Aber diese ändert sich, immer nach Kobras, mit dem „Aggregatszustand“. So können z.B. Frauen, Angestellte, Akademiker, Belegschaftsmitglieder eine Gruppe von Einkaufenden auf der Zeil sein und schon Stunden später ein Zuschauerblock, der die Zufahrten für Polizeiverstärkungen sperrt, oder eine Gewalttäterrotte. „Wohnende“ vom Wochenende sind ab Montag früh - immer die „gleichen“ Menschen Betriebsangehörige, den Stimmungen in den Betrieben ausgesetzt.
Der gründliche Kobras (obwohl Dezernat nur Durchgangsstation) beabsichtigte tatsächlich, in schlagartigem analytischen Zupacken die einzelnen Eigenschaften (als dem Elementaren, das sich je nach bestimmtem gesellschaftlichen Zustand zu einer freidlichen oder explosiven Mischung zusammenfügt) zuzuordnen. Sah er doch mit dem geistigen Auge z.B. die Freizeitmasse in einem Fußballstadion, während sie noch selbstvergessen das Spiel belärmt, als aus den Eingängen drängenden Strom, mit Latten und Flaschen ausgerüstet. Was ist das, hoch ge rechnet, für gesamte Stadt und Umland? Das ist die Frage nach der Entmöglichung des gesellschaftlichen Hobbesianismus. Jetzt war klar, warum Kobras zunächst die Mitarbeiter los werden mußte, da er auf keinen Fall die Fragenkreise einer konsequenten Kratologie („Gewaltgebärung“) mit ihnen austauschen konnte. Sie waren allenfalls Nachtrapp. Nicht radikale Spähspitze, zu der sich Kobras zählte, mit Freunden, die in seinem Kopf sprachen, so daß er hier zwar alleine saß, aber gut zwölf Mann hoch dachte. Partialnegativität, schlußfolgerte er, bewirkt nur systemhemmende Dauersorge, dJi. es genügt nicht die Überwachung von Gruppen oder ihre Isolierung, vielmehr muß man, mit Manstein 1943, ein Remis erzeugen, indem man geradezu Straßen für den doch unvermeidbaren kratologischen Auslauf schafft. Die Explosivität aller einzelnen, zum Teil unscharf gesehenen arbeitenden oder lebenden und im Stadtbereich zusammengefaßten menschlichen Eigenschaften verstraßen. „Weil das Haus sich nicht im Kamin anzünden läßt ...“ „Wer alles verteidigen will, verteidigt gar nichts“, deshalb Schwerpunktbildung und - aus mehreren Gründen, auch dem der eigenen Bewegung Kobras’ - Abkehr vom veralteten Legalitätsprinzip. Diesen alten Hut setze ich nicht auf. Nein. Nicht Vorfeldverteidigung einer Festung oder Maginot - Linie, sondern selber nach draußen. Kobras wollte hier raus. Den Geranientopf seines Amtsvorgängers stellte er in den Flur.
Andererseits graute Kobras davor, wie er seine Einsichten oder Impulse kommunizieren sollte, z.B. mit StA, gar nicht zu reden von Presse, auch nicht Mitarbeiter oder Pol.-Präs. Es war zum Verzagen. In einer seiner schnellen Wendungen, denn taktische Schulung führt im Hirn zu noch rascheren Bewegungen als unter den Friktionen des Alltags, hoffte er nur darauf, daß er auf einen anderen Posten versetzt wäre, ehe wirkliche Krisen die Richtigkeit seiner Betrachtungsweise, die er in pectore betrieb, bewiesen. Das Dezernat ließ keine Schlauheit zu. Die Aussicht auf ungeschorenen Durchgang oder - nach unendlicher Arbeitsmühe - ein vielleicht erreichbares Remis, das alle gesellschaftlichen Zustände beim alten läßt, ließ Kobras’ Sehnsüchte (z.B. Baden, Wiedererkanntwerden usf.) so unscharf, wie sie es seit etwa 24 Jahren waren. Kein revolutionäres Motiv, das Dezernat umzustülpen.