Zielscheibe eines Verleumdungsfeldzuges zu sein, ist immer eine interessante Erfahrung. Sie wurde mir schon mehrmals zuteil, zuerst als ich gegen Verbrechen des Stalinismus protestierte, später als ich gegen Verbrechen des Stalinismus protestierte, später als ich gegen Amerikas Vietnamkrieg, gegen das Verhalten der Zionisten und gegen anderes Unrecht unserer Zeit schrieb. Noch nie aber kamen die Lügen und Entstellungen so hageldicht wie seit der Veröffentlichung meines Gedichtbandes „So kam ich unter die Deutschen”, der u.a. die Gedichte „Auf den Tod des Generalbundesanwalts Siegfried Buback” und „Die Anfrage” enthielt.

Das Buback-Gedicht versucht, scharfe Kritik am Wirken des Ermordeten, bzw. an einer Konstellation, von der er selbst nur ein Teil war, mit Absage an den politischen Mord und Klage über das Ermorden von Menschen zu verbinden. Klage- oder Trauerinhalte werden im Text sehr deutlich,z.B.: Was soll ich sagen /von einem toten Menschen der auf der Straße lag /zerfetzt von Schüssen...?

Dieses Stück Fleisch /war einmal ein Kind /und spielte dieses Stück Fleisch /war einmal ein Vater /voll Liebe Dieses Stück Fleisch /glaubte Recht zu tun /und tat Unrecht Dieses Stück Fleisch /war ein Mensch ...

Kritische Essays (z.B. von Schmitt in Stuttgarter Zeitung, vor allem aber Michael Zeller, in Literatur 1977/78, konkretVerlag und in einer einstündigen Sendung in Radio Bremen) erkannten den Klageund Trauercharakter solcher Worte, deren Vorbild etwa Marc Antons Klage um Caesar bei Shakespeare war: „...thou bleeding piece of earth”). Nichtsdestoweniger beschränkte sich ein Großteil der Presse darauf, nur die Worte „dieses Stück Fleisch” oder nur die eine Stelle von Recht und Unrecht zu zitieren (ganz ähnlich wie von Mescaleros Buback-Nachruf nicht als die „klamm-heimliche Freude” zitiert wurde), um das Buback-Gedicht, von dem zudem gelegentlich noch Titel und Schluß falsch angegeben wurden, als gemeine Verhöhnung des Ermordeten darzustellen. So z.B. die FAZ vom 28. Oktober 1977:

Schlimme Poesie

Derzeit entsteht eine neue Art politischer Poesie. Sie gibt sich lyrisch, im Brecht-Ton, aber sie ist zynisch, inhuman und gemein. Sie nährt sich an den Gewalttaten, sie liebäugelt mit dem Mord - ist aber (wegen § 88a?) natürlich doch nicht ganz dafür. Sie versteht sich „kritisch”, obwohl sie längst die zentrale Kategorie jeder Auseinandersetzung, die Achtung vor dem Leben des anderen, aufgegeben hat. Erich Frieds Ode auf den Tod des Generalbundesanwalts Buback („dieses Stück Fleisch glaubt Recht zu tun und tat Unrecht...") ist eine Art Prototyp dieser Richtkunst. Alfred Anderschs Gedicht „Artikel 3.3” ist - obwohl es mit seiner verantwortungslosen Metaphorik der Mörder-Poesie das Feld bereitet - dagegen noch ein diskutierbares Objekt.

Noch wilder wurden die Behauptungen aber in Bremen, wo am 3. November in der Bürgerschaft, dem Stadtparlament, CDU-Fraktionsleiter Bernd Neumann Maßnahmen gegen eine Lehrerin veranlagte, die ein Gedicht „Die Anfrage” aus dem Band „So kam ich unter die Deutschen” im Schulunterricht verwendet hatte. Im Verlauf der Debatte, als ihm ein SPD-Abgeordneter nahelegte, ob er meine Arbeiten nicht überhaupt gleich verbrennen wolle, sagte Neumann: „Ja, Herr Kunick, so etwas würde ich lieber verbrannt sehen.” Im Weser-Report vom 18. November erklärte Neumann zwar, „Ich habe ... deutlich gemacht, daß ich eine literarische Bewertung ... als Politiker nicht vorgenommen habe ... Mit dieser Aussage sollte also klar sein, daß mir vergleichbare Absichten mit den Bücherverbrennern des Jahres 1933 nicht unterstellt werden können.” Ich hatte Bernd Neumann zu einem Streitgespräch in einer Sendung von Radio Bremen aufgefordert, das am 25. November stattfand. Als ich ihm erklärte, die Nationalsozialisten des Jahres 1933 haben Bücher auch nicht aus literarisch-ästhetischen Erwägungen verbrannt, sondern weil sie, ganz ähnlich wie er, solche Bücher für eine Gefahr für das deutsche Volk und die Jugend hielten, wußte er, obwohl Dauerredner, der einen Diskussionspartner nicht leicht zu Worte kommen läßt, keine Antwort. Dafür schrieb dann der ihm nahestehende Weser- Report (2.12.77). „Diemögliche Spitze eines Angriffs gegen Neumann hatte Fried zuvor in weiser Voraussicht selbst abgebrochen: Er bescheinigte dem bremischen Oppositionsführer gleich zu Anfang, daß er es für „hirnrissig” halte, wenn politische Gegner den CDU-Fraktionschef ... als „Bücherverbrenner beschimpften.” Ich hatte nichts dergleichen gesagt. Das Wort •„hirnrissig” hatte der Weser-Report einfach einem Artikel von mir entnommen (Zeitung für eine neue Linke, Okt. 77) aus dem ich zur Widerlegung von Neumanns Anschuldigung, daß ich den politischen Mord verherrliche, folgende Stelle zitiert hatte: „ln Wirklichkeit glauben ja die politischen Mörder offenbar, daß in der Bundesrepublik der Faschismus bereits herrscht und daß sie selbst höchstpersöhnlich ein entscheidender Teil der Revolution dagegen sind. Beide Überzeugungen sind hirnrissig ...” In der Rundfunkdiskussion mußte Neumann trotz seines Redeschwalls die Anschuldigung, ich sei für Terror und politischen Mord, zurücknehmen. Kein Wort von dieser Zurücknahme findet sich im Weser-Report, dafür wird mir die Bitte unterstellt, man solle meinen Gedichtband „So kam ich unter die Deutschen ” doch bitte vergessen. Ich hatte nichts dergleichen gesagt und versuche derzeit, den Weser-Report zu einer presserechtlichen Gegendarstellung zu veranlassen.

Um den Preis dieser Fehlbehauptung rang sich der Weser-Report (2.12.) nach der Rundfunkdiskussion zu einer gönnerhaften und fast freundlichen Betrachtung meiner Person durch. Zuvor hatte mans allerdings anders gelesen. Der Weser-Report vom 11. November z.B. hatte mir, aber auch der Lehrerin, die mein Gedicht verwendet hatte, fast die ganze Titelseite und Seite 3 gewidmet. Die Schlagzeilen lauteten: „Friedgedicht bleibt Streitobjekt Kinder nach Wochen noch unter Schockeinwirkung” - „Sprechverbot für Lehrerkollegium an der Lerchenstraße” —„Neumann will Streitgespräch” - „Saubermann mit Nebelbombe” - „Gedicht-Affäre bringt SPD und Liberale ins Zwielicht” — „Kranke Hirne — mißbrauchte Kinder”.

Die „Kinder” wurden übrigens nach dem Streit-Neumann-Fried vom ZDF-Teamder Sendung Aspekte befragt, ob sie wirklich nach Wochen noch unter Schockeinwirkung gestanden hätten und bezeichneten dies als Unsinn, lehnten ab, Jndoktriniert“ worden zu sein, wiesen daraufhin, daß in ihrem Alter viele schon in der Industrie oder in der Arbeitslosigkeit seien und daß man sie also nicht so bevormunden müsse. Schließlich erklärten sie, sie wollen von jetzt ab Zeitungen aufmerksamer lesen, denn es sei doch interessant, wie in ihrem Namen gelogen worden ist. Mindestens noch ein Satz aus dem WeserReport vom 11. November verdient noch Erwähnung. Die subversive und staatsfeindliche Wirkung des Unterrichts der Lehrerin und meines von ihr verwendeten Gedichtes wurde an folgendem Beispiel geschildert : „Eine Tochter gar erklärte ihrem Vater, Kommunisten und Terroristen seien wohl doch nicht so schlimm, gemessen an den Greultaten der Nazis.” Hält der Verfasser dieses Artikels oder der Weser-Report die Greueltaten der Nazis für weniger schlimm?

Auf Herrn Neumanns Behauptungen in dieser Ausgabe des Weser-Report hatte ich entgegnet, wenn er mir in dem beanstandeten Gedicht Verherrlichung des Terrors oder Gleichsetzung der Taten der RAF mit dem Widerstand gegen Hitler nachweisen könne, wolle ich gerne öffentlich erklären, daß er nicht der üblen Nachrede und der verantwortungslosen Schmähung von Lehrern und Schriftstellern schuldig sei. - Er konnte derlei nicht nach weisen.

Im Weser-Report vom 18. November hatten sich die Anklagen noch gesteigert. Die Titelseite brachte Schlagzeilen: .JLinke Hörfunk-Redakteure nun auf Terroristenwelle? — Baader-Meinhof-Sympathisant Fried verteidigt.” Die Mitschuld der Redakteure von Radio Bremen und mein Sympathisantentum wurden so belegt: „Nicht die geringste Abwehrhaltung zeigten die Ausschußmitglieder (nämlich des Redakteur-Ausschusses, E.F.) dagegen, als ihr „Kollege” Erich Fried am 4. Mai 1975 per Hörfunk-Kommentar die Verfälschung von Motiven des Baader-Meinhof-Anwaltes Horst Mahler als kleinlich und schäbig beklagte.” Im Streitgespräch machte ich dann den wahren Sachverhalt klar. Mein Funk-Kommentar vom 4. Mai 1975 hatte sich darauf bezogen, daß Horst Mahler es ab gelehnt hatte, sich von den Lorenz-Entführern in Berlin freipressen zu lassen. Mahler war mittlerweile zur Erkenntnis gekommen, daß Geiselnahme, politischer Mord und Aktionen dieser Art abzulehnen seien und wollte lieber eingesperrt bleiben als derartige Aktionen durch seine Person aufzuwerten. Dies hatte ich begrüßt, weil ein solches Beispiel Menschen vom verhängnisvollen Irrweg des sogenannten „bewaffneten Kampfes” abhalten und abbringen könne. Die Behauptung, Mahler habe seine Befreiung nur aus Angst davor abgelehnt, daß die anderen Befreiten ihn umbringen könnten, hatte ich allerdings als die kleinliche und schäbige Verfälschung seiner Motive angeprangert, die sie ist. An diesem und anderen Beispielen konnte ich nachweisen, daß-Herr Neumann, die FAZ und andere , .Kritiker” in Wirklichkeit nicht gegen den Terrorismus wirksam sind, sondern im Gegenteil unseren Versuchen, dem Terrorismus mit Argumenten entgegenzuwirken und Nachwuchs zu entziehen, in den Rücken fallen. Das trug mir von der Gegenseite das Zugeständnis ein, die Schlagzeile „Linke Hörfunk-Redakteure nun auf Terroristenwelle?” habe doch immerhin nur mit einem Fragezeichen geendet.

Sympathisantentum wurde mir auch nachgewiesen, weil die Einkünfte aus meinem Gedichtband der Verteidigung Peter-Paul Zahls und der Ermittlung über die Todesursachen Ulrike Meinhofs sowie der Rechtfertigung des mitterweile freigesprochenen Karl-Heinz Roth zugute kommen. Dazu Weser-Report (und fast gleichlautend auch Weser-Kurier ): „Damit der Leser klar sieht: ,Der bedeutende Dichter’Peter-Paul Zahl ist als Terrorist und Baader-MeinhofBandenmitglied zu 15 Jahren Haft verurteilt worden.” Peter-Paul Zahl war nie Mitglied der RAF und wurde auch nicht als Terrorist verurteilt. So sehen die Beweisführungen der Presse aus.

Nach der Rundfunkdiskussion las ich in der Glocke in Bremen Gedichte und Prosa vor. Der Weser-Kurier , der bis dahin in ein wenig reservierterer Sprache die Angriffe des Weser-Report getreulich unterstützt hatte, änderte bei dieser Gelegenheit seinen Ton völlig. Die Rezension am 3.12. 77 bezeichnete meine Lesung in der Überschrift als Plädoyer für etwas mehr Toleranz. Sie endet mit den Worten:„Dieser Erich Fried ist unbequem. Sein „Nachtgebet” fordert Gegnern und Freunden viel ab: geistige Klarheit. Die einen können nicht verstehen, daß einer noch kein Mittäter ist, wenn er in eine Klage nicht einstimmt; die anderen stellen verwundert fest, daß einer auch dem toten politischen Gegner Respekt erweisen kann. Die einen verargen ihm das Ulrike-Meinhof-Gedicht, die anderen das Buback-Gedicht. Erich Fried tmg beide vor. Sie belegen, auf welcher Seite er steht, aber sie bringen auch zum Ausdruck, daß er Terrorismus und Mord in jeder Form und aus allen Gründen ablehnt. Darüber kann niemand hinweghören, der sich mit Frieds Schaffen auseinandersetzt.” Bemerkenswert für einen keineswegs linken Rezensenten, der übrigens irrt, wenn er in seiner Rezension meint, die linken Hörer in der Glocke hätten „positive und humanitäre Gedichte” nicht besonders gemocht und nur zornige Anmerkungen zur Gegenwart bejaht. Damit tut er den Hörern Unrecht (ich hatte nur gebeten, Zwischenapplaus zu unterlassen).

Fazit: Ein Angriff wurde abgewehrt. Die Lehrerin rehabilitiert, meine Gedichte dürfen weiterhin im Unterricht verwendet werden (wenigstens in Bremen!),und von Bernd Neumanns Kreuzzug ist sehr wenig übriggeblieben. Dank der Lehrergewerkschaft, dank der ESG, der Organisation „Kulturplatz”, dank den Redakteuren von Radio Bremen, den Studenten, die einen Fackelzug veranstalteten, den Schülern, die ihre Meinung sagten, dank aber auch einigen SPD-Vertretem im Bremer Stadtpalament (zwischen der SPD in Bremen und etwa in Berlin scheint es doch Unterschiede zu geben).

Aber die Gefährdung von Lehrern — etwa in Hamburg und Wetzlar — geht weiter, ebenso wie die dummdreiste Sympathisantenhetze, ebenso wie die falschen Anschuldigungen (außerhalb Bremens) gegen mein Buback-Gedicht und der Versuch, einen Autor so lange anzugreifen, bis kein Redakteur und kein Lehrpr mehr wagt, sich seinetwegen Unannehmlichkeiten zuzuziehen. Und das ist, auch ohne weithin sichtbare Bücherverbrennung, eine Methode der Zensur und Existenzvernichtung.

Erich Fried