Einsicht

Eine winzige Ewigkeit und ein endloser Augenblick trafen einander auf einer Milchstraße. Sie verliebten sich auf den ersten Blick ineinander Die winzige Ewigkeit wurde vom endlosen Augenblick schwanger. Sie brachte zweieiige Zwillinge zur Milchstraße: Eine endlose Ewigkeit und einen winzigen Augenblick.

Oft betrachteten die winzige Ewigkeit und der endlose Augenblick ihre Zwillinge ganz traurig und sprachen dann zueinander: „Manchmal vermischen sich leider die außergewöhnlichsten Erbanlagen bloß zu alltäglichem Durchschnitt!”

Eine Karpfenschuppe,

wenn man sie gegen das Licht hält und ein Sonnenstrahl auf sie fällt, dann gibt es nichts auf der Welt, was schöner wär!

Aber meine Mutter hat keine Augen, die für das Wunderbare taugen.

Sie sieht nicht, wie’s funkelt, glitzert und blinkt.

Sie schnüffelt bloß: Scheußlich, wie das wieder stinkt!

Rumpelstilzchen - eine Richtigstellung

Die Geschichte vom Rumpelstilzchen ist wahrheitsgetreu überliefert. Bis auf den Schlußsatz. Da heißt es ... und lebten zufriedenund glücklich bis an ihr Ende. Hier lügt das Märchenbuch!

Für die, die sich an das Happy-end des Märchens nicht mehr erinnern: ... Da würde dem Rumpelstilzchen das erste Kind der Königin gehören, wenn sie seinen Namen nicht errät, aber die Königin kriegt den Namen heraus, und das Rumpelstilzchen reißt sich vor Wut darüber in zwei Teile Kann sich irgendwer, außer einem chronischen Schwachkopf, vorstellen, daß sich ein Mensch, und sei es auch nur ein Zwerg, selber in zwei Teile reißen kann? Doch kaum! Und so war es ja auch nicht. Das Rumpelstilzchen schlich bloß traurig davon. Und die Königin war auch nur kurze Zeit froh, denn ihr Mann war ein Verschwender, dem bald alles gesponnene Gold wieder zwischen den Fingern zerronnen war. Er befahl der Königin, wieder Gold zu spinnen, und drohte ihr wieder mit dem Umbringen, falls sie es nicht täte! Also mußte die Königin auch wieder zum Rumpelstilzchen rennen und es bitten, für sie zu spinnen. Und das Rumpelstilzchen ließ sich wieder erweichen. Und der König gab wieder alles Gold aus. Und wollte neues Gold haben! Und die Königin flehte das Rumpelstilzchen an, und das Rumpelstilzchen spann, und der König gab aus. So ging das jahrelang. Der König wurde immer verschwenderischer. Das Rumpelstilzchen mußte nun schon vier Nächte pro Woche spinnen. Darum zog es heimlich ins Schloß. Sonst wäre es andauernd - hin und her - unterwegs gewesen. Im Gemach der Frau Königin schlief es. Und so kam es, daß die Königin jede Nacht mit dem Rumpelstilzchen zubrachte. Entweder zum Spinnen in eine Kammer eingeschlossen, oder in ihrem Schlafgemach. Da kamen sie natürlich miteinander ins Reden und schütteten einander die Herzen aus. Die Königin beklagte sich über ihren Gemahl, und das Rumpelstilzchen erzählte von seiner riesengroßen Sehnsucht nach einem Kind. Und eines Nachts sagte die Königin: „Eigentlich hast du mir, seit wir uns kennen, nur Gutes getan. Und mein Mann, seit ich ihn kenne, nur Böses. Wegen dem Gold hat er mich geheiratet, und hätt’ ich’s nicht hergeschafft, hätte er mich getötet!” „Na, daß du endlich merkst, wo die wahre Liebe wohnt”, seufzte das Rumpelstilzchen. Von da an schenkte die Königin alle Kinder, die sie noch bekam, dem Rumpelstilzchen. Geheim natürlich. Der König hielt sie immer noch für die seinen. Und vor lauter Goldausgeben kam er gar nicht dazu, sich darüber zu wundern, daß seine Frau jetzt lauter Zwerge gebar. Aber die Königin und das Rumpelstilzchen lebten zufrieden und glücklich bis an ihr Ende.

Allerliebstes Hündchen

Januar. Allerliebstes Hündchen heimgebracht, Uber seine Tolpatschigkeit gelacht!

Februar: Hündchen schaut so treu! Ach, wie ich mich freu!

März: Hündchen ist so weich und possierlich. Sicher wird’s auch bald manierlich!

April: Dauernd Lackerln aufgewischt und viel Chappi aufgetischt.

Mai: Größer und größer wird der Kerl. Folgt überhaupt nicht dem Herrl.

Juni: Hat mitten auf den Teppich geschissen und meine beste Unterhose zerrissen

Juli: Das Biest läßt mir keine Ruhe und verschleppt mir meine Schuhe!

August: Muß dauernd mit ihm schimpfen. Wäre an der Zeit, ihn zu impfen!

September: Bellt dauernd irre und toll, kotzte mir das Auto voll!

Oktober: Das Vieh ins Tierasyl gebracht, hat mich irgendwie traurig gemacht!

Briefwechsel

Ein Knabe bläst 1000 Küsse in einen Luftballon

Bindet daran eine Karte: 1000 Grüße von Deinem einsamen Sohn!

Der Luftballon schafft die Reise, kommt heil zu des Vaters Haus.

Pocht ans Fenster ganz leise, holt den Vater aus dem Bett heraus.

Gerührt liest der Vater die Karte und schreibt auf die Hinterseite:

„Sohn, Deine Kindheit ist eine harte!” Dann läßt er den Ballon wieder ins Weite.

Vorabdruck aus: Christine Nöstlinger & Jutta Bauer „Ein und alles”, mit freundlicher Genehmigung des Verlages Beltz & Gelberg in Weinheim, bei dem das Buch demnächst erscheinen wird.