Infolge der seit einem Jahrhundert andauernden Suburbanisierung der amerikanischen Städte ist auch Los Angeles von festungsartig angelegten Vorstädten umgeben, in die sich die weiße Mittelklasse mit Hilfe ihrer einflußreichen Haus- und Grundbesitzervereine zurückgezogen hat. Allgemeine Rezession, strukturpolitische Eingriffe von seiten der Bundesregierung, des Staates Kalifornien und der Stadt im Zuge der Deindustrialisierung sowie die Belagerungsmentalität des Los Angeles Police Department (LAPD), immer durchsetzt mit dem herrschenden Eurozentrismus, bestimmen den Alltag der Marginalisierten, die gezwungen sind, entweder in den ärmeren Vororten oder in den CityGhettos South Central und Watts zu leben.

Nach dem Niedergang der fordistischen Industrie (Rohöl-, Automobil- Flugzeug-, Rüstungsindustrie) führt die ethnifizierte Konkurrenz um Arbeitsplätze zu Spannungen zwischen schwarzen sowie neu eingewanderten lateinamerikanischen und asiatischen Arbeitern. Viele Jobs und wenige gewerkschaftliche Errungenschaften gingen mit den Fabriken verloren. Die entstehenden Niedriglohnindustrien leben von der „besseren Arbeitsmoral” vor allem der illegalen Einwanderer, die jeden Dumpinglohn annehmen müssen.

Die Regierungspolitik von Nixon bis Bush war und ist bemüht, die in den sechziger Jahren als „Große Gesellschaft” programmatisch eingeführten Sozialprogramme wieder abzuschaffen. So gut wie alle Arbeitsbeschaffungsprogramme für Jugendliche sind gestrichen, während sich das Schulsystem im Niedergang befindet, was durch eine „dropout”-Rate von bis zu fünfzig Prozent deutlich wird. Dabei wird kräftig die rassistische Trommel gerührt. Reagan machte Wahlkampf mit seiner „Welfare Queen”-Schreckensgeschichte über eine Frau, die mit Hilfe von falschen Namen und Adressen unglaubliche Fürsorgegelder eingesackt haben soll. Allen Zuhörern war sofort klar, welche Hautfarbe sie haben mußte, ebenso wie bei Bushs Geschichte vom Mörder, der während des Hafturlaubs eine weiße Frau vergewaltige.

Die Stadtplanung ist darauf ausgerichtet, Unerwünschten, das heißt Obdachlosen, Armen und anderen aus den „gefährlichen Klassen” zu zeigen, daß sie in der City außerhalb der Ghettos - nichts zu suchen haben und geht damit auf das Bedürfnis der Mittelklasse nach Sicherheit in Form von zunehmender räumlicher und sozialer Abgrenzung ein. Beispielsweise regt die Stadt die Parkverwaltungen an, sich als Unternehmen zu organisieren und auf Eintrittsgeldbasis zu arbeiten. Dies führt zu einer „Rekreationsapartheid” mit vollkommen heruntergekommenen, unbeaufsichtigten öffentlichen Anlagen in den armen Wohngebieten und unzugänglichen, weil unbezahlbar, eingezäunt und bewacht gehaltenen Anlagen in der City und den reichen weißen Wohnvierteln.

In diesem Sinne wird konsequent jeglicher öffentliche Raum zerstört. Mit den Stränden verhält es sich ähnlich wie mit den Parks: nachts geschlossen und mit Polizeihelikoptern, -booten und -buggies kontrolliert. Die „Olmstedian vision” des Central Park-Planers, die fordistische Sozialplanung, öffentliche Räume, in denen sich die verschiedenen Gesellschaftsschichten mischen, als soziale Sicherheitsventile zu betrachten, ist vergessen. Büchereien und Spielplätze schließen, öffentliche Toiletten oder sonstige Gelegenheiten, etwas zu trinken oder sich zu waschen, sind abgeschafft, dafür werden Parks mit Sprinkleranlagen versehen, die unvorsichtige Schläfer begießen. In Deutschland werden Sitzschalen oder um Säulen laufende, unterteilte Bänke aufgestellt, in L.A. gibt es die ultimative tonnenförmige „bum-proof bus bench”, auf der es sich kaum sitzen, geschweige denn liegen läßt. Sogar der Restaurantmüll ist geschützt: edel und einsam stinkt der alte Fisch in lanzenspitzenbespickten Designerstahlkäfigen. Entsprechend festungsartig gerät auch die Prestigearchitektur: graffitisicher, unzugänglich und bewacht.

Ihre Sicherheitswahnvisionen lebt die weiße Mittel- und Oberklasse allerdings erst so richtig zuhause in ihren Festungsstadtteilen und -Vororten aus. Die Parks in San Marino schließen am Wochenende, damit keine Latinos und Asiaten aus den angrenzenden Vierteln kommen. Einzäunung und private Wachmannschaften sind oft schon selbstverständlich und werden auch als Statussymbol angestrebt. Die ganz Reichen haben es schon vor einiger Zeit vorgemacht und sind jetzt damit beschäftigt, ihre Häuser zu High-tech-Schlössern umbauen zu lassen (mit versteckten „terrorist proof security rooms” etc.). Abgezäunt von den „Anderen” also, gut eingestimmt durch die Schreckensnachrichten aus dem Fernsehen, bestätigt sich jegliche Angst von selbst. So hat die soziale Wahrnehmung von Bedrohung wenig mit den tatsächlichen Kriminalitätsraten und viel mit der Bereitschaft zur Mobilisierung von Sicherheit zu tun, was die boomende Sicherheitsindustrie, Medien und Polizei natürlich für ihre eigenen Interessen ausnutzen.

Das Los Angeles Police Department (LAPD) spielt eine Hauptrolle in der Produktion von Angst vor den kriminellen

Massen und zeichnet mit Polizeitaktiken im Vietnamstil für den systematischen Terror gegen die Bewohner des Ghettos verantwortlich.

Im Ghetto gehören im Zuge der „gang”und „crack”-Bekämpfung Ausgangssperre (curfew), Abriegelung von ganzen Stadtteilen als kameraüberwachte „Narcotics Enforcement Zones”, eine durchschnittlich neunzehnstündige Luftüberwachung sogenannter „High Crime Areas” und Superrazzien zum Alltag. Bis 1990 wurden in Großangriffen wie der „Operation Hammer” 50.000 Verdächtige festgenommen. Meistens mußten mehr als neunzig Prozent wieder freigelassen werden, einige kamen jedoch vorher ums Leben. Eine Häufung von Polizeiwürgegriffmorden erklärte der jetzige Chief Gates mit der „rassischen” Anatomie der Opfer, die so angelegt sei, daß sich die durch den Griff abgeklemmten Adern nicht so schnell wieder öffnen wie die von „normalen” Leuten. Eine der ungefährlicheren rassistischen Vorlieben der Polizei ist, Festgenommene das musikalische Thema einer Fernsehshow aus den sechziger Jahren - anscheinend das „Horst Wessel-Lied” des LAPD - pfeifen zu lassen, während sie ein klassisches Spießrutenlaufen absolvieren.

Für einen Ghettojugendlichen kann unter den Bedingungen des Belagerungszustandes und der Arbeitslosigkeit von räumlicher und sozialer Mobilität keine Rede sein. Was bleibt also, als die soziale Sicherheit in der einzigen Form zu suchen, die zudem auch noch ein Einkommen garantiert? Der Weg in die Gang und in die Gegenökonomie des Crack.

Die heutigen Gangs sowie deren Gegner unterscheiden sich erheblich von denen Ende der sechziger Jahre, was nicht zuletzt durch das Schicksal der schwarzen Emanzipationsbewegung zu erklären ist. Was die Gangs anbetrifft, so organisierten die beiden Führer einer tonangebenden Los Angeles Gang 1968 auch die örtliche Black Panther Party und nicht umsonst wurden revolutionäre Gangs von Theoretikern des Black Power als die strategische Hoffnung der schwarzen Befreiung angesehen. Mit der Ermordung der beiden Führer durch eine rivalisierende Nationalistenvereinigung (vielleicht aber auch polizeigesteuert, wie einige Black Panther-Veteranen behaupten) und der Zerschlagung der Partei durch das LAPD setzte eine Entpolitisierung und Verrohung der Gangs in den frühen Siebzigern ein. Zu dieser Liquidation kommt noch die Integration der Bürgerrechtler: Mit der Erkämpfung der formalen Gleichstellung durch die schwarze Bürgerrechtsbewegung war die Hoffnung auf eine Verbesserung der materiellen Lebensbedingungen verbunden; was einsetzte, war eine soziale Polarisierung, die zwar schwarze Mittelstandsviertel und Bürgermeister wie den seit 1973 in Los Angeles regierenden Bradley möglich machte, den im Ghetto Zurückgebliebenen jedoch kaum etwas brachte.

Heute fehlen der Community die radikalen Intellektuellen. In der allgemeinen Orientierungslosigkeit halten allein die Rapper noch die Fahne der Militanz hoch. Auch wenn der Wind aus den verschiedensten nationalistischen und selbst rassistischen Richtungen in sie hineinbläst, so wäre der gegenwärtige Aufstand ohne den Hip Hop kaum vorstellbar: „Fuck the Police” und auch das rassistische „Black Korea” wurden lange vorher in South Central gehört.

Was die Gangs heute für Vorstellungen haben, läßt sich an dem „Plan” ablesen, Ergebnis des Waffenstillstands zwischen den beiden größten Gangs, den „Bloods” und den „Crips”. Hier zeigen Reaganomics und Bushism ihre Wirkung: „Welfare” ist tabu. „Wir verlangen, daß das Wohlfahrtssystem gänzlich aus unserer Community verschwindet und daß ... Staatsgelder nur an Invalide und Alte vergeben werden”. Neben der Ansiedlung von Industrie wollen sie „aggressive Lehrmethoden und einen Lehrplan wie auch in ökonomisch nicht benachteiligten Gebieten.” Außerdem sollen IBM, Apple, Microsoft und Xerox Ausbilder stellen, „damit die entsprechenden Fertigkeiten in die Community gebracht werden”. Angestrebt ist also nichts mehr als ein Überleben in der ganz normalen

amerikanischen Härte.

Auf der Gegenseite stehen heute nicht nur das LAPD in Vertretung der weißen Herrschaft, sondern auch Leute wie Harry Edwards, der als ehemaliger Black Panther-Propagandaminister dafür eintritt, diesen Müll von den Straßen in die Gefängnisse zu kehren. Der schwarze Literat Ishmael Reed spricht von schwarzen Terroristen und Crackfaschisten. In ihrer Wahrnehmung bedroht die Jugendkriminalität die Integrität der „black culture". Ähnlich wie die Angst vor dem Tramp im neunzehnten und die Kommunistenangst in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts schafft anscheinend die Gang/Crack-Angst heute eine Klassenübereinkunft, die viel Platz für gemeinsame Projektionen läßt. So werden nicht nur die Terrorismusmetapher, sondern auch Gesetze ermöglicht, die an den hiesigen § 129a (Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung) erinnern: Der „Street Terrorism Enforcement and Prevention Act of 1988" (STEP) macht zum Beispiel die Mitgliedschaft in einer „criminal gang” strafbar, wobei dem Kleingedruckten zufolge die Eltern gleich mit verknackt werden können, sofern sie ihre „Sorgfaltspflicht” in Bezug auf die Verhinderung der kriminellen Aktivitäten ihrer Nachkommen nicht erfüllt haben.

Rezession, Deindustrialisierung, rassistische Politik und Polizeimethoden sind die (Hinter-)Gründe für die „riots” im Mai. Der Aufruhr war selbst wieder nur Anlaß für die Installierung noch effektiverer Aufklärungs- und Sicherungsmethoden, für die weitere Modernisierung des Repressionsapparates. Sozialpolitische Maßnahmen bleiben verschwindend gering, eine Wende in der Strukturpolitik wird nicht vollzogen, hier wird weiter auf Ghettoisierung gesetzt. Dies alles macht es wahrscheinlich, daß noch einmal geschieht, was die bürgerliche Presse mit ihrem scharfen analytischen Vokabular durchgängig so oder so ähnlich beschrieben hat: „In all das schlägt dann der Tropfen, bringt das Pulverfaß zum überlaufen und ist doch nur ein Funke auf den heißen Stein.”

Raymund Burghardt

Quellen:

Davis,Mike: City of Quartz, London 1990

Jacob, Günther: South Central im Mai, Konkret 6.92

Ders.: Burn, Hollywood, Burn!, Spex 6,1992

Keil, Roger; Ruddick, Sue: Let it Bleed, Kommune 6,92 R

ademacher, Horst: Ewig blauer Himmel und schwarzes Elend, FAZ, 16.5.92

Sprengel, Martina: Die Verzweifelten in den Ghettos folgen eigenen Gesetzen, taz, 2.5.92

Dies.: Ratlos nach den Riots, taz, 18.5.92

Walker, Martin: LA gangs give peace a chance, Guardian, 30.5.92

Werneburg, Brigitte: Eingesperrt im Holiday Inn, taz, 13.5.92

Dies.: Bis nach Hollywood durchsickern, taz, 20.5.92