The Disposable Heroes of HipHoprisy
1988 waren die BeatNigs so etwas wie der Traum des politischen Musikjournalismus. Crossover, von Punk, Rap, Hardcore bis zu Industrial, politisch ,engagierte“ Texte, eine im weitesten Sinne collagierte Musik, theatralisch mit gelegentlichem Pathos. Nicht von ungefähr wurden sie von Diedrich Diederichsen mit Laibach verglichen; sinnfällig dabei die Parallelen bei der Wahl der Bandnamen. Wenn man aus dem slowenischen Ljubljana kommend sich Laibach nennt - so hieß die Stadt unter faschistischer Besatzung bedeutet dies eine ähnlich drastische Provokation, wie sich als multi-ethnische Band BeatNigs (Beat the Nigger) zu nennen. Mit ihrem Gespür für Symbole und einsetzbare Mittel rollten die BeatNigs den kulturellen Mainstream von den Rändern her auf, verstanden es „mit der komplizierten Mehrschichtigkeit des ,Race & Class-Zusammenhangs“ umzugehen” (Günther Jacob). Ihr bekanntester Song war „Television, the Drug of the Nation”, textlich nicht umwerfend, doch die Art des Vortrags von Zeilen wie „One Nation under God has turned into One Nation under the influence of one drug. Television ...” (in ziemlich veränderter Fassung auch auf der neuen Platte von The Disposable Heroes of HipHoprisy), verdichtete in einem sowohl ein Phänomen als auch ritualisierte Kritik an ihm und gestattete dennoch unmittelbare Evidenz.
Nach dem Split der BeatNigs dauerte es eine Weile, bis man von einer Nachfolgeband etwas hörte. BeatNigs Gründungsmitglied Michael Franti bildet nun zusammen mit Rono Tse (von der Flex bis zum Sampler alles bedienend, was Krach macht) The Disposable Heroes of HipHoprisy. Mit ihrer neuen Band vollzogen sie den Wechsel von Jello Biafras Alternative Tentacles Label zum Major Island/Ariola. Live mit dabei der Drummer Simon White und der Gitarrist und Bassist Charlie Hunter (mit seiner 7saitigen Gitarre, dem Jazz-Schönklang verpflichtet). Für den Sound und die Produktion der Platte ist im wesentlichen Mark Pistel verantwortlich. Ausgangspunkt für uns war zunächst die Frage, was aus der einstigen Identifikationsmaschine BeatNigs geworden ist, deren Qualität ja nicht im Aufsaugen differenter Einflüsse, sondern in der seltsamsten Zusammenarbeit vielsprachiger Mitglieder sich ergab. Konzentration oder weiter Dissemination? Majorisierung oder Konsolidierung unabhängiger Strukturen?
diskus: Eine Frage zu den BeatNigs - was war der Grund für ihre Auflösung?
Michael: Na ja, wir wissen eigentlich nicht, was der Grund war (lacht). Wir waren’s nicht, die gebrochen haben, wir wollten, daß es weitergeht mit der Band. Wir waren gerade dabei, einen Plattendeal mit EFA vorzubereiten und die anderen zwei Jungs in der Gruppe wollten eben Geld sehen, bevor sie ins Studio gehen. Du kennst das ja: Cash auf die Hand, bevor wir einen Ton aufnehmen. Und es gab eben kaum jemand, der soviel Geld geboten hätte für eine african-industrial-improvisational-Jazz-Gruppe. Na ja, und dann stand eben in der Zeitung, daß es da diese Gruppe namens UAF gebe, die aus Ex-Mitgliedern der BeatNigs bestehe, und das war das erste Mal, daß wir hörten, daß die Band auseinander sei. Wir bedauern das, aber es gab immer einen Bruch in der Band, weil Rono und ich immer HipHop machen wollten, weil das eben die Musik ist, die wir auch hören und die anderen wollten was anderes diskus: Wir fragen deshalb, weil wir den Eindruck haben, daß sich das musikalische Konzept ziemlich verändert hat. Es gibt z.B., anders als bei den BeatNigs, kaum Einflüsse aus dem Industrialoder Hardcore-Bereich Michael: Die BeatNigs haben als Theatergruppe angefangen - das war keine Band. Ich habe Stücke geschrieben, Kurzgeschichten, Gedichte, und bei der ersten BeatNigs-Show waren wir nur zu zweit, ich und Kevin, der Drummer - nur Schlagzeug und Stirnme, und ich habe noch getanzt. Dann fingen wir an zu kombinieren ... andere Leute kamen dazu ... Rono war dabei, Andrew, ein Keyboarder, aber keiner von uns konnte die Instrumente am Anfang bedienen. Wir mußten erstmal lernen, wie man spielt. Keiner von uns war je bei einem Punkkonzert, bevor wir unsere erste Show aufführten - unsere erste Punkshow. Wir waren gerade mal in einigen Undergroundclubs, weil Kevin und Andrew da gearbeitet haben. Bei den BeatNigs hatten wir nichtmal Geld, um uns Instrumente kaufen zu können, und, verstehst Du, seit wir das neue Equipment haben, den Sampler und all das, das verändert die Art, wie Du Musik machst.
diskus: Eine Frage zu den neuen Songs. Wenn man sich die Texte der neuen Platte ansieht, gewinnt man den Eindruck, daß die Texte zuerst entstehen und darauf aufbauend der ganze Song ... Michael: Es geschieht gleichzeitig, wir arbeiten auch immer an der Musik. Verstehst Du, wir machen das den ganzen Tag ... wir haben unser Studio bei Ron zuhause, und da fangen wir um 10 Uhr morgens an und arbeiten bis ... also den ganzen Tag, immer. Ich schreibe immer Texte (lyrics) ... ich schreibe Texte in der Band ... ich schreibe Texte, wenn ich mit dem Auto fahre. Ich schreibe Texte, wenn ich hier sitze ... zu jeder Zeit... das ist es, worüber ich nachdenke, ich schreibe Texte.
diskus: Aber Ihr improvisiert nicht, Ihr schreibt die Texte vorher auf ...
Michael: nee, beides ... Ich meine, Rono und ich geh’n die Straße runter und wir rappen die ganze Zeit... you know: He over there, sittin’ in the chair look at him with his light brown hair and he got nice teeth with a great big smile, after a while we’ll go outside - to the sun and look at the window over there, jump on the Street ‘n up over there go inside, out to a party it doesn’t matter, we like to live harder.
(Applaus) Ich meine, das bin ich auf der Straße, das ist practising (nicht das dt. Üben). Aber, um die Frage zu beantworten, wenn ich eine Idee im Kopf habe und das, was ich sagen will, dann schreibe ich einen Song zu dieser Idee, ungefähr so: hier ist der Punkt, wo ich hinwill, und hier sind die Sachen, um ihn aufzubauen. Aber für einen Free-Style-Fluß, das ist was anderes, das ist cool zum improvisieren.
Rono: ... es hält dich am Laufen ...
Michael: ... ja es läuft einfach besser, es ist practise.
Im Konzert hörte sich das anders an. Selbst das Antriggern der Samples verlief im starren Timing des DAT-Recorders, der die Studiotracks von der Platte zuspielte. Bisweilen wurden die Songs sogar von Diaeinblendungen begleitet, die die zentralen Textpassagen verdoppelten. Für Improvisationen war relativ wenig Platz. Dafür gab es zwischen den Stücken nochmals ausführliche Erklärungen, worum es nun geht, das Statement stand eindeutig im Vordergrund. Eine kleine Kontroverse ergab sich, als Michael darauf hinwies, daß die meisten Todesopfer der Riots in Kalifornien auf das Konto der Polizei und der Nationalgarde gehen, was einen Zwischenruf provozierte: „That’s no true”, darauf Michael: „No, that’s true brother.” diskus: Übernimmt Rap z.T. die Funktion einer Zeitung, es gab hier Berichte über Radiostationen, die so funktionieren ... Michael: Verstehst Du, eine Menge Leute rappen über das, was auf der Straße passiert, sie sprechen über die Realität ihrer Umgebung, das ist es, was die tun. Was ich versuche, ist eine Perspektive aufzubauen, warum die Dinge sind, wie sie sind, anstatt sowas zu sagen wie: Jemand rennt die Straße runter und schießt auf irgendwen“ und dieses ganze Zeug. Ich versuche, so etwas zu sagen wie: Warum erschießen Leute sich gegenseitig? Warum sind die Leute so? Und dann versuche ich eine Perspektive aufzubauen. Vielleicht hat es damit zu tun, daß es soviel Gewalt im Fernsehen gibt. Vielleicht hat es mit der ökonomischen Situation zu tun, die die Leute dazu bringt, verzweifelte Dinge zu tun, nur um zu überleben.
Dazu muß man wissen, daß Michael Franti, von weißen Eltern adoptiert, in einem typischen Mittelklasseviertel (Berkeley, wo er heute noch mit Familie wohnt) mit bürgerlichem Bildungshintergrund aufgewachsen ist. Für uns klingt er bisweilen mehr wie ein typischer Protestsänger, manchmal gar wie Lou Reed oder Zappa, als wie ein Rapper. Rono Tse bezeichnet sich dagegen als typisches Ghetto-Kid, der in einer Gang war und allen möglichen Scheiß angestellt hat.
diskus: Inwieweit wart Ihr in die jüngsten Auseinandersetzungen involviert, wie steht Ihr dazu?
Rono: Wir haben nichts zerschlagen. Was LA angeht, so haben wir gerade zu der Zeit angefangen zu touren. Wir hatten die Gelegenheit, bei einem March durch San Jose mitzumachen ... es gab diesen March, der gerade vorbeikam, als wir unseren Soundcheck machten. Wir rannten also raus und schrien YEEAH ... Michael: Wir spielten zu dieser großen Rally in Washington, D.C., wo 150.000 Leute protestierten ... es gab viele Redner, Jesse Jackson sprach u.a. Und das ganze nannte sich „Save our city, save our children!”. Es war ein Appell, Geld vom Militär in städtische Programme umzuleiten: Arbeitsplätze, Schulen, Gesundheitswesen, Wohnungsbau. Wir sind in einer Menge politischer Organisationen involviert, die Druck auf Behörden ausüben, außerdem
arbeiten wir in dieser Gruppe namens ,Rock the vote‘, die junge Leute dazu ermutigt, zum Wählen zu gehen. Die Hauptgruppen, die in San Francisco den Protest, Demos und sowas organisieren, könnte man ,roots against the war' nennen. Während des Golfkrieges sind Charlie, der Gitarrist, und ich als Duo bei den ganzen Rallies aufgetreten, und wir sind mitmarschiert usw. Die Situation heute ist eine ganz andere, weil ... das letzte Mal, als wir in San Francisco aufgetreten sind, war gerade Ausgangssperre, die Leute durften die Häuser nicht verlassen. Trotzdem haben wir gespielt. Es waren aber nicht sehr viele Leute da, vielleicht halb voll, normalerweise ist es ausverkauft. Aber die, die da waren, waren alles Leute, die auch in die Kämpfe in San Francisco immer verwickelt sind, es war eine große Szene.
diskus: Wie würdet Ihr euer eigenes politisches Konzept beschreiben, gibt es eines?
Michael: Ich bin in keiner politischen Partei. Das richtet sich nicht gegen politische Parteien, aber in Amerika gibt es einfach keine politische Partei, die zu dem paßt, was ich als den richtigen Weg empfinde, den Amerika einschlagen sollte. Politik ist etwas, das man benutzt, um die Ausdrucksfreiheit zu sichern, und Teil deiner Ausdrucksfreiheit ist es, zu lieben, für deine Familie zu sorgen, in der Gesellschaft für Krankenversicherung und Bildung ... einfach leben, Musik zu genießen ...
Rono: Politik, das sind auch die persönlichen Dinge im Leben. Wenn Freunde und Brüder von mir erschossen werden oder an Drogen sterben ... das nervt mich wirklich, verstehst Du, es nervt mich, daß Leute ohne jeden Grund ermordet werden. Das ist etwas, was mir wirklich wichtig ist, und wenn ich Zeit habe, gehe ich in meine alte High-School und rede mit den Kids über das, worum es mir geht... ich denke eine Menge Kids in Amerika und wohl auf der ganzen Welt haben Probleme sich auszudrücken, sie fühlen sich abgeschoben, an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Als ich klein war, war ich ein ziemliches bad Kid, ich war in einer Gang, und heute versuche ich zu verstehen, warum ich gerade diesen Weg genommen habe ... ich meine, die Erziehung war nicht gut, es gab keinen Ort sich auszudrücken ... also gingen wir raus und zogen den Pizza-Mann auf, nahmen Drogen, waren high. Michael: Ich bin jemand, der an massive Sozialausgaben glaubt ... daran glaube ich, und ich denke, die Leute würden sich nicht bei jeder Wahl über die Höhe der Steuern auf regen, wenn sie irgendetwas zurückbekämen, es würde sie nicht kümmern, wieviel Steuern sie bezahlen. Also: ich bin jemand, der an massive Sozialausgaben glaubt - für die Gemeinschaft... und ich glaube nicht an Ausgaben fürs Militär, weil das Letztziel jeden Militärs der Tod ist und Letztziel von Sozialausgaben ist das Leben. Eine Sache, die jetzt passiert, ist, daß das Ende des Kalten Krieges, den wir alle für einen Haufen Bullshit hielten, für die Leute in Amerika zum ersten Mal Platz schafft, überhaupt zu diskutieren, daß wir die Leute in unserem eigenen Land mißachtet haben, um die Reichen an der Macht zu halten, indem wir unser Geld für Bomben und Gewehre und all das ausgegeben haben. Und ich denke, das war es, worum es bei den LA-Riots ging. Nicht direkt, aber bei den LA-Riots ging es um Verzweiflung an der Tatsache, daß die Leute mißachtet wurden.
Interessant ist vor allem, daß beim Stichwort Politik von der eigenen Arbeitsweise überhaupt nicht die Rede ist. Und die besteht vor allem darin, ihre Texte mit den neuesten vermischten Meldungen vollzustopfen, von der Umweltverschmutzung bis zur Olpreispolitik der OPEC, alles abgefedert durch die richtige subjektive Perspektive (in den USA nennt man das political correct), unterlegt mit mehr oder weniger standardisiertem HipHop, dazwischen auch mal eine Nummer im Stil Gil Scott Herons, gelegentlich auch mal eine Spur Jazz (Miles Davis Trompete), aber alles eher konventionell. (In der Reduktion und Beschränkung auf die erprobte und tanzbare Form zeigt sich gegenüber den BeatNigs ein erheblicher Rückschritt.) Dennoch sollte man hier nicht vorschnell urteilen, denn diese Äußerungen lassen sich wohl auch als wenig tröstliches Indiz dafür lesen, wie wenig Radikalität das politische System in den USA zur Zeit noch zuläßt. HipHop ist dabei, wie es Günther Jacob jüngst anläßlich der Riots in der SPEX dargestellt hat, in Ermangelung einer wirksamen schwarzen Opposition in die Rolle des Vorreiters und -denkers gerückt. Der Radical Chic von Public Enemys ,Fight the Power“ schlug in den Händen von „Verschwörungstheoretikern, religiösen und nationalen Eiferern, Rassisten, Drogendealern, Zuhältern” um in eine Art „Gameshowattitüde” beim Plündern koreanischer Läden. Für den Mangel an politischer und intellektueller Organisation kann man allerdings die HipHop-Bewegung zuallerletzt verantwortlich machen. Hier muß man den Disposable Heroes of HipHoprisy ihre besonderen Stärken attestieren. Im Titelstück der LP „Hipocrisy is the greatest Luxury” oder im Stück „Famous and Dandy (like Arnos ‘n Andy)” (Arnos und Andy waren in den 60er Jahren die Titelhelden einer rassistischen Radioshow, die zur Ergötzung des Publikums immer wieder die Prototypen des bauernschlauen und des dummdreisten Schwarzen vorführten. Die Sendung wurde auf Grund von Bürgerrechtsprotesten abgesetzt.) kritisieren sie das Posing der HipHop-Acts wie Ice-T oder Public Enemy, deren Gangster- oder Terroristenattitüden so erfolgreich sind, weil sie weiße Klischees über Schwarze bedienen.
Wir befragten die HipHoprisys zum Schluß des Gesprächs nach ihrer Einschätzung von multikulturellen Konzepten.
Michael: Ich denke, wenn Du darüber sprichst, wie es in Amerika aussieht, was Multikulturalismus dort bedeutet, mußt Du verstehen, daß die Situation in Amerika so aussieht, daß Du eine Regierung hast, die hauptsächlich eine weiße Regierung ist ... im Weißen Haus ... und das Land in dem wir leben, besteht mehr und mehr aus Minderheiten. Bis 2050, sagen sie, machen die Weißen in Amerika nicht mal mehr 30 Prozent der Bevölkerung aus, und wenn Du eine multikulturelle Gesellschaft willst, dann mußt Du auch eine multikulturelle Demokratie haben, die die individuellen Recht, und die Rechte kultureller Gruppen mit einbezieht, unabhängig zu existieren und die so auch die Interdependenz zwischen den Gruppen gewährleistet.
Wir erkennen sehr wohl die Bedeutung jenes Nationalismus, der sagt: um schwarz zu sein, mußt du an diese ganz bestimmten Sachen glauben und in einer ganz bestimmten Weise handeln usw. Daher kommt es, daß Jugendliche versuchen, nach dem .national way“ zu leben, daß sie versuchen, als Schwarze zu leben und an dieses ganze Zeug zu glauben, anstatt zu sagen, ich bin wer ich bin, und ich glaube dies und jenes, und das bringe ich in die Kultur ein. Dann hast Du nämlich eine starke Kultur, denn eine Kultur, die sich von Individuen herleitet, muß nicht mit dem Finger auf andere Gruppen zeigen, um zu sagen, daß sie ok ist.
Das Interview führten Cornelius Tauber und Stefan Abt