Was tun, wenn ein ganzer Ort durchknallt? Etwa 20.000 Einwohnerinnen zählt der Mannheimer Vorort Schönau. Hunderte von Schönauerlnnen belagerten in den letzten Wochen das dortige Flüchtlingslager. Die Polizei hinderte die „Einheimischen Gegner des Asylantenheims” am Sturm des Gebäudes. Die alltäglichen rassistischen Ausschreitungen vor der Flüchtlingsunterkunft duldete sie allerdings. Örtliche Politiker und Journalisten versuchten, die Ereignisse herunterzuspielen. In der Schönauer Bevölkerung regte sich kein öffentlicher Protest gegen die Flüchtlingshatz. Ebensowenig schien es die Mannheimer Linke zunächst für nötig zu befinden, vor Ort und im Einvernehmen mit den bedrohten Flüchtlingen, sich etwas eingehender mit den unerfreulichen Ansammlungen zu befassen.

In dieser Situation entschlossen sich auswärtige linke Gruppen, die schon länger in Kontakt mit den internierten Flüchtlingen in Schönau standen, zu intervenieren. Demonstratives Ziel der vorwiegend aus dem Rhein-Main Gebiet angereisten Leute war es, „den deutschen Mob aus den Straßen von Schönau zu vertreiben”. Mannheims Oberbürgermeister Widder (SPD) reagierte prompt. Er ließ in der Folgezeit sämtliche antirassistischen Manifestationen in seinem Verwaltungsbereich verbieten. Zunächst fand am 3.Juni eine kleinere Demonstration auf der Schönau statt, bei der es die Teilnehmenden zu verstehen wußten, die Konfrontation mit der Polizei zu vermeiden. Auf dem Nachhauseweg wurden einzelne allerdings von Schönauern überfallen und verletzt.

Eine weitere Demonstration zog sich am 6.Juni von der Schönau in die Mannheimer Innenstadt zurück. Sondereinsatzkommandos der Polizei zerschlugen an diesem Tag jeden Versuch, einen Demonstrationszug zu formieren, und stürmten auch gleich noch das Mannheimer Jugendzentrum. Nicht zuletzt das äußerst brutale Vorgehen von berittenen Einheiten, die nebst Hundestaffeln gegen potentielle Demonstrantlnnen, staunende Passantinnen und Journalistinnen vorging, brachte ein bundesweites Presseecho. Was, wie in der Folge, in den Medien jeweils nicht erwähnt wurde, waren die gleichzeitig vor dem Flüchtlingslager stattfindenden rassistischen Ansammlungen, die trotz Demonstrationsverbotes auch weiterhin geduldet wurden.

Für den 13.Juni riefen anti-rassistische Gruppen erneut zu einer Demonstration nach Mannheim-Schönau auf. Trotz des Verbotes und dem angekündigten „harten Durchgreifen” der Polizei kamen etwa 3.000 Teilnehmerinnen. Die meisten versammelten sich in der Mannheimer Innenstadt. Die rund 500 Leute eines PKW-Konvois aus dem Rhein-Main Gebiet demonstrierten, nach Stopp und Einkesselung durch die Polizei, im Schönau benachbarten Sandhofen (gleichfalls ein Vorort Mannheims). Tagsüber hatte die Polizei bereits den Mannheimer Ermittlungsausschuß für die Demonstration in der Gaststätte „Pumuckel” gestürmt. Zur befürchteten übergreifenden Polizei-Randale kam es dennoch nicht, auch wenn hunderte von Personen

im Laufe des Tages vorübergehend festgenommen wurden, oder in den weiträumigen Vorkontrollen der Beamten hängengeblieben waren. Allein in Karlsruhe kesselte die Polizei in der Innenstadt etwa 200 Personen ein, um die Anreise nach Mannheim zu verhindern.

„Um den rassistischen Konsens zu durchbrechen, wollten wir in einer Kundgebung auf der Schönau öffentlich für die Flüchtlinge und gegen den deutschen Mob Partei ergreifen”, stand in einem der Demonstrationsaufrufe. Das erklärte Ziel, in Schönau zu demonstrieren, konnte aufgrund eines äußerst ungleichen Kräfteverhältnisses nicht erreicht werden. Dennoch machte die Intervention „von außen” den Konflikt erst deutlich und auch überregional öffentlich. Sie thematisierte das dortige Verhalten von staatlichen Institutionen und Bevölkerung, das im Spektrum zwischen passivem Akzeptieren und aktiver Förderung der rassistischen Stimmung anzusiedeln ist. Immerhin ist die Volksfeststimmung auf der Schönau seit den Demonstrationen und den Presseberichten verflogen. Die Belagerung des Flüchtlingslagers hat deutlich an Popularität verloren. Der relativen Ruhe scheint jedoch auch die Polizei noch nicht so recht zu trauen. Das Lager bleibt weiter festungsartig gesichert und mit einer größeren Schutztruppe versehen.

Befürchtungen, die linken Demonstrationen würden die Situation für die Flüchtlinge in Schönau negativ eskalieren lassen, haben sich nicht bestätigt. In badenwürttembergischen Zeitungen mußte über Mannheim-Schönau endlich geschrieben werden, und die zuvor so homogen erscheinende Stimmung auf der Schönau zeigt erste Risse. Immerhin haben sich dort lebende türkische Jugendliche der letzten Demonstration angeschlossen. Anfangs hatten sie als Schönauer gegen Flüchtlinge und angereiste „linke Chaoten” agiert. Die durch die Solidaritäts-Aktionen losgetretenen Debatten haben zumindestens auf kommunaler Ebene die schweigsame Ignoranz etwas durcheinandergebracht.

Zentrale Parolen der Solidaritäts-Demonstrationen, wie „zerschlagt den deutschen Mob”, taugen allerdings wenig für die weitere politische Orientierung. Sie sind begrifflich elitär und relativ nichtssagend. In bewährter Negativ-Fixierung auf das Adjektiv „deutsch” wird der nationale Bezugsrahmen gedanklich nicht gebrochen, sondern weiter irgendeine nationale „Wesenheit” - ob negativ oder positiv - behauptet. Mangels analytischer Vorstellungskraft wird der politische Gegner irrationalisiert, zum „Mob” gekürt; genauso wie das politische Herrschaft jahrhundertelang mit unliebsamen Bewegungen praktizierte - die sie tatsächlich zerschlagen ließ. Das Gerede vom „deutschen Mob” bringt alles und jedes und zu jeder Zeit auf den falschen Begriff, suggeriert historische Kontinuitäten, die es so aber nicht gibt. Es enthebt der Anstrengung, sich genauere Gedanken über gesellschaftliche Veränderungen machen zu müssen. In den intellektuellen Debatten wird so den Modernisierungstheoretikern das Feld überlassen, die, anstatt von Rassismus, vom „materiellen Elend” und von den „berechtigten Ängsten” der „deutschen Bevölkerung” faseln, und so geradezu eine Rechtfertigungsideologie für Rassismen entwerfen.

Die Schwächen autonomer Politik machen es der rhetorischen Linken in der Bundesrepublik unnötig einfach, sich von militanten Aktionen fernzuhalten. Den „Mob” nahmen viele zum Anlaß, nicht nach Mannheim zu fahren. Ob es in dieser Situation eine andere politische Möglichkeit gegeben hätte, als in offener Konfrontation mit der Schönauer Bevölkerung den Konflikt zuzuspitzen, auf der Straße Gegenmacht zu demonstrieren, um die anhaltende Pogromstimmung zu brechen, brauchten die Gegnerinnen der Demonstrationen erst gar nicht erläutern.

Im folgenden dokumentieren wir eine Rede des Frauenplenums aus dem Frankfurter Autonomen Zentrum. Der Text wurde auf einer Kundgebung am 13.Juni in Mannheim-Sandhofen vorgetragen. Der Beitrag der autonomen L.U.P.U.S. Gruppe, eigentlich für die Schönauer Bürgerinnen bestimmt, konnte aufgrund der Demonstrationsverbote seine Adressatlnnen nicht erreichen. Der Artikel „Ein kleines mutiges Städtchen” entstand aus den Diskussionen verschiedener Leute, die seit längerem in der Flüchtlings-Solidarität engagiert sind.

Andreas Fanizadeh