Leserbriefe
betr.: „Schirnjetische Kunst” von Jörg Stürzebecher, diskus 2/92
betr.: „Schirnjetische Kunst” von Jörg Stürzebecher, diskus 2/92
Im schlechten Sinne utopisch
Was uns an ihrem Beitrag über unsere Ausstellung am meisten verblüfft hat, ist die Kombination eines hohen Informationsstandes hinsichtlich der sowjetischen Kunst mit der kompletten Ahnungslosigkeit hinsichtlich der praktischen Bedingungen einer Kunstausstellung. Am deutlichsten wird dies, wenn Sie vorschlagen, die westlichen Kunstinteressenten sollten doch besser die Werke dort anschauen, wo sie „zuhause” sind. Die Wegstrecke, die in Amerika, Europa und in der GUS zurückzulegen wäre, würde einer mehrmaligen Umkreisung des Erdballes entsprechen.
Daß Sie meinen, dieses Globetrotting würde den Beschäftigten der Partnermuseen in St. Petersburg und Moskau in irgendeiner Weise helfen, wirkt auf den ersten Blick unerfindlich. Erklärlich wird das Abstruse erst, wenn man es als Ausdruck jener im schlechten Sinne utopischen Mentalität erkennt, der es darum geht, daß im Kopf des Intellektuellen alles wohlgeordnet ist, ohne daß es ihr darauf ankäme, ob in der Wirklichkeit des Hier und Jetzt die Menschen zugrunde gehen. Sie wollen, daß die Dinge Ihren anspruchsvollen Vorstellungen davon, wie sie sein sollten, genügen; uns und den „Freunden der Schirn” ging es darum, den Menschen, die wir über eine jahrelange Zusammenarbeit hinweg schätzen gelernt haben, konkret zu helfen, auch wen wir uns darüber im Klaren waren, daß es nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein sein würde Bei allem Kummer, den uns Ihre Häme, mit der Sie einen - vielleicht hilflosen - Impuls des Mitgefühls kommentieren, macht, waren wir dann doch wieder über den Schwachsinn amüsiert, mit dem Sie Ihre Leser unterhalten: Glauben Sie denn wirklich, wir hätten mit einer weihnachtlichen Spendenaktion Einfluß auf die Leihgaben nehmen können, wo diese doch in Wahrheit über die letzten 4 Jahre hinweg in intensiven Gesprächen und bei zahlreichen Meetings zusammengestellt und mit den Leihgebern abgestimmt worden sind? Unsere russischen Partner sind keineswegs die Eingeborenen, für die Sie sie offenbar halten; vielmehr haben sie mit uns schon 1988 Verträge geschlossen, die neben vielem anderen - auch wichtigen Verpflichtungen unsererseits - ihre Verpflichtung enthielten, bestimmte Kunstwerke nach Frankfurt zu schicken.
Für die Schirn Kunsthalle
Hellmut Seemann
betr.: Nato-Gelüste einiger Uni-Linker, diskus- editorial 2/1992
Holiday in Croatia
(...) Vor einem Jahr - zur Zeit der Unabhängigkeitserklärungen von Slowenien und Kroatien - traf ich in Kroatien auf Jugoslawen aus allen Teilen des Landes. Wir unterhielten uns bei einem Bekannten (D.) von mir auf Istrien. Keiner von ihnen konnte behaupten, daß er reiner Abstammung einer bestimmten Volksgruppe wäre, doch fast alle prophezeiten einen langen blutigen Krieg in Jugoslawien. Sie waren angewidert von der Hetzpropaganda der Presse und erschrocken über die Gewaltbereitschaft ihrer Mitmenschen. Jetzt, ein Jahr später, traf ich wieder D., der in Zagreb lebt, auf Istrien. Auf der Hinfahrt erstaunte uns schon der erste neue Eindruck, die hochmodernen Grenzübergänge der Slowenen und ihre Währung (Tolar), auf deren Scheinen nun ein Intellektueller zu sehen ist, der im damaligen Jugoslawien verpönt war. Slowenien scheint den Ausstieg aus dem früheren Bundesstaat rasant geschafft zu haben. Wobei die kroatischen Grenzhäuschen, ähnlich einer Bautoilette, einem Provisorium gleichen. Kurz nach unserer Ankunft in dem einsamen Häuschen auf dem Berg, kommt auch D. aus Zagreb mit Verspätung. Denn er wurde als einziger aus dem Bus, der über Slowenien fährt, kontrolliert. Die kroatischen Grenzposten wurden auf seinen Geburtsort aufmerksam, der ist Belgrad. Es scheint neuerdings der einzige Hinweis auf eine Volkszugehörigkeit zu sein. Eine andere Methode wird noch von Einheiten in Bosnien durchgeführt, dabei müssen die Männer den Kontrollen ihren Schwanz zeigen, um zu sehen, ob sie beschnitten (Muslim) sind oder nicht. Doch D. zeigt uns nun stolz seinen Hilfspolizeiausweis der kroatischen Armee, mit dem er die Grenzposten schnell beruhigen konnte. Wenig später erzählt uns D., wie weit der Schrecken noch nicht zur Gewohnheit geworden ist. (...) Schreckensgeschichten, die wir uns bestimmt noch zuhauf von den kroatischen und bosnischen Flüchtlingen, die in den Touristenhotels an der Adria untergebracht sind, hätten anhören können, beschreiben am eindringlichsten die Unerklärbarkeit dieses Krieges.
Am nächsten Tag fuhren wir mit D. über die Halbinsel, um bei einer Bekannten von D. Mehl zu kaufen für unser Brot. Er stieg mit seiner Uniformhose der kroatischen Armee in den Wagen. Unterwegs passierten wir ein paar Kontrollen der Polizei, die D.’s paramilitärischem Outfit glichen. Schließlich hatte Kroatien bis vor wenigen Monaten noch keine Armee und mußte so Angehörige aus der Polizei rekrutieren. Wie die kroatische Armee jedoch innerhalb dieser kurzen Zeit zu Leopard I-Panzern kam, war auch D., der sie in Zagreb gesehen hatte, unbegreiflich.
Bei der Bekannten angekommen, diskutierten wir, ob wir uns noch in Kroatien oder Slowenien aufhielten. D. fragte sie. Ihr war es selbst noch nicht so klar und den Behörden anscheinend auch noch nicht. Auf unsere Frage, in welchem Land sie denn lieber leben würde, antwortete sie ganz erstaunt, es wäre ihr ganz gleich, obwohl sie ja eigentlich Kroatin ist.
Auf dem Rückweg sahen wir kroatische Frontsoldaten in einem Cafe. Es war das direkteste Indiz, daß sich dieses Land im Krieg befindet. Istrien war ja verschont geblieben, obwohl D. uns darauf hinwies, daß hier die Gefahr von serbischem Terror keinesfalls ausgeschlossen wäre. Abends saßen wir mit D.’s Eltern zusammen und redeten. Sein Vater war Partisan gegen die Deutschen gewesen, und aus D.’s Übersetzungen klang unüberhörbar eine Glorifizierung der alten Zeiten durch. Es ist wohl nicht selten, daß die alten Menschen in diesem Land Tito nachtrauern. Ich fühlte mich in diesem Augenblick an den ersten Roman Pasolinis, „Der Traum von einer Sache”, erinnert, in dem er beschreibt, wie eine Gruppe Italiener in das verheißungsvolle Jugoslawien der Nachkriegszeit auswandern will. Einem Jugoslawien, das damals mehr Wohlstand und Gerechtigkeit versprochen hatte als Italien. Ich höre, wie weder Vater noch Mutter von D. das Wort Kroatien in den Mund nehmen, beide sprechen nur von Jugoslawien. Ich frage nun, wie sie sich diesen Krieg erklären, und mir wird gesagt, daß es das Resultat einer Cliquenwirtschaft ist. Seit Titos Tod hätte sich eine Clique im Staatsrat ausgebreitet, die die serbische Dominanz auf dem Balkan wieder langsam etablieren wollte. Es hätte sich so auffallend in den Institutionen vollzogen, daß es voraussehbar war, daß es irgendwann hätte knallen müssen. Der alte Partisan fügt noch hinzu, daß es das Ende von Titos diplomatischer Innenpolitik gewesen wäre.
Doch das Resultat gestaltet sich dermaßen undurchschaubar, daß man glaubt, es bestehe nur ein Prinzip und das lautet „Wie Du mir, so ich Dir”. Vielleicht läßt sich irgendwie die Entstehung politisch erklären, doch im weiteren Verlauf wird sich diese Region wohl eher den Realitäten eines Irlands oder Palästinas zugesellen. Selbst eine UNO-geduldete US-Intervention kann nur, nach dem Good Guy-Bad Guy-Prinzip, die serbische Dominanz im Bürgerkrieg zurückdrängen. Wohl bemerkt: amerikanische GI’s würden ihre Schwierigkeiten haben, in diesem etwas anderen Melting Pot den „böswilligen Verursacher” unter den kroatischen, serbischen oder muslimischen Milizen in ihren unterschiedlichen Dominanzen in den verschiedensten Dörfern Bosniens und Herzegowinas, ausfindig zu machen.
Kai Lindemann