11.

17.8. Im Gasthaus zum Braunen Hirsch ist das Pißbecken verstopft.

18.8. Im Gasthaus zum Braunen Hirsch ist das Pißbecken verstopft.

19.8. Im Gasthaus zum Braunen Hirsch ist das Pißbecken verstopft.

20.8. Im Gasthaus zum Braunen Hirsch ist das Pißbecken verstopft. Die Gasthausgeschichte endet so: Das Gasthaus zum Braunen Hirsch, das schon lange kein beliebtes Ausflugslokal mehr ist, weil es ein verstopftes Pißbecken hat, wurde vom Volksmund umgetauft in Grüne Kuh. Der gesunde Menschenverstand, der viele Doppelzentner Gehirn auf die Waage bringt, dichtete: In der Grünen Kuh, ist das Toilettenrohr zu. Daraufhin wurde das Gasthaus ganz geschlossen, was eine gewisse Frau Hoyer sehr ärgert, denn sie hatte an das Gasthaus immer Petersilie verkauft

17.

Alle Werke, die der Dichter interpretierbar fand, die verbrannte er, alle Werke, die für nicht interpretierbar galten, wurden von der Öffentlichkeit in eine Kalkgrube geworfen. So gesehen hatte der Dichter gar nichts geleistet. Als ihm das klar wurde, ging er ins Grüne, pflückte einen Strauß Wiesenkerbel, teilte ihn in zwei Teile. Einen Teil schenkte er seiner allerbesten Freundin, den anderen schenkte er seiner Frau. Die beiden Frauen freuten sich sehr. Da war auch der Dichter sehr glücklich und weinte auf einen herumstehenden Panzer, so daß dieser augenblicklich verrostet in sich zusammenfiel - und die Soldaten, die darin wohnten, kein Dach mehr über dem Kopf hatten. Womit sich die an sich harmlose Geschichte zu einer Obdachlosentragödie verformte.

28.

Nachdem Krüger achtzig Eier zur Sammelstelle gebracht hatte, ging er ins Keglerheim. Er wollte höchstens ein Bier trinken, bestellte sich aber gleich zwei. Dann kam Hellmich an Krügers Tisch. Krüger trank noch ein drittes, viertes, fünftes und sechstes Bier, es war sowieso ein sehr heißer Tag. Weil Krüger langsam in Stimmung kam, trank er wie Hellmich zu jedem Bier noch einen Schnaps. Bis vor fünf Jahren hatten beide in der Kreisklasse Fußball gespielt, jetzt spielten sie hin und wieder noch Alte Herren. Dann hatte Krüger die Schnauze voll. Scheißfußball, sagte er, am liebsten wäre ich sowieso Boxer geworden. Er zeigte Hellmich seine Muskeln, der ihm jetzt Prügel anbot, weil Krüger ihm vor drei Jahren ein Paar Stoßdämpfer verkauft hatte, die, wie er sagte, absoluter Schrott waren. Betrug, schrie Hellmich, Betrug. Dann prügelten sich beide. Der Wirt rief die Polizei. Die Polizei konnte aber nicht kommen, sie war schon auf dem Bahnhof im Einsatz, wo ein gewisser Langhans eine Frau angefaßt hatte, die daraufhin mit ihrem Regenschirm wild auf Langhans eingeschlagen hatte und jetzt mit einem Weinkrampf in der Bahnhofsmission saß. Alles wieder in Ordnung, sagten die Polizisten zur Frau und fuhren in die Siedlerklause, wo es in einem wilden Streit um zweihundertvierzig Gasbetonsteine ging, die Werchan gegen drei Rollen Maschendraht getauscht, aber bis heute von Bindernagel nicht bekommen hatte. Die Polizisten sahen auch nicht durch, ermahnten die beiden und fuhren ins Keglerheim, wo sich Hellmich und Krüger sofort gegen die Polizisten verbündeten, so daß der Wirt eine zweite Streife anfordern mußte, aber die zweite Streife war jetzt in der Siedlerkläuse, wo sich der junge Otto mit seinem Vater prügelte.

Sie müssen nach Dessau fahren

Sie müssen nach Dessau fahren, sie müssen sich das Bauhaus angucken, aber vorher müssen sie zur Mulde laufen, diesem Fluß, der aus Zwickau kommt und aus dem Erzgebirge, sie müssen aus diesem Fluß einen Liter Wasser trinken, zwei Stunden später werden sie tot sein. Sie werden sich von der Mulde zurück zum Bauhaus schleppen mit furchtbaren Magenkrämpfen im Bauch, sie werden die Ruine des Dessauer Schlosses nicht mehr bewundern, sie werden im Bewußtsein der Dessauer als unangenehme Erscheinung Zurückbleiben, denn ein in-Schmerzen-sich-Windender zeigt sich nicht auf der Straße, der legt sich ins Krankenhaus und stirbt dort und bleibt nicht am Ende liegen vor einem Gebäude, das Kunst ist. Keiner ist stolz auf dieses Gebäude, aber noch weniger sind die Menschen stolz auf einen Toten, der auf dem Fußweg liegt. Ein Fluß kann tot sein, eine Landschaft kann tot sein, das alles ist schlimm genug, daß man nicht darüber sprechen kann, aber ein toter Mensch, der auf dem Bordstein liegt, der dieses zum Himmel stinkende Wasser getrunken hat, der ist ein Idiot, der ist zwar jetzt nicht mehr am Leben, aber die Idiotie, die stinkt diesem Toten doch zum Hals raus. Und daß er zum Bauhaus wollte, na, die Nazis, die hatten doch recht, diese ganze Kunst zu verbieten, guckt euch doch mal unsere Stadt an, das kommt doch aus dieser Richtung, alles Bauhaus, ja, das schreien die Bürger, die sich am Ende sehr wohlfühlen in diesen Kasernen, diesem zurechtgezimmerten Wohlstandsvergnügen, das aus der Sklavenzeit stammt, sei trostreich im Schmerz, mach dir dein Abendbrot, bastel rum an der Fernsehantenne, freu dich über ein gutes Bild, das muß auch so sein, wohin soll man sonst blicken, als in eine ganz andere Zukunft, die aus einem mit Kunstlicht beleuchteten Studio kommt. Ach ja, die Realität, daß man sie überwindet

Harzreise

Was ein eintausendjähriger Friede doch alles anrichten kann. Überall fröhliches Kinderlachen oder Rockmusik. Meistens beides, meistens noch mehr. Bockwurstgeruch, das Autogehupe und der Bezingestank und der und die, alle erholen sich. Wovon? Von der Arbeit, oder weil es so zu sein hat, daß man im Sommer wegfährt irgendwohin, dann Angst hat vor der Langeweile. Irgendwas muß doch gemacht werden außer essen und trinken und schlafen. Man muß auf die Berge rauf klettern, die hier im Harz zum Glück nicht so hoch sind. Denn was soll man machen, wenn man nach dem Frühstück schon anfängt zu trinken, dann ist man ja mittags schon besoffen. Also geht man einkaufen. Oder versucht etwas zu finden, das man einkaufen könnte. Man rennt zum Beispiel in Wernigerode durchs Stadtzentrum, pausenlos und immer im Kreis. Auf dem Schloß, das jetzt ein Feudalmuseum ist, aber eigentlich in seiner jetzigen Verfassung niemals ein richtiges Schloß gewesen ist, da war man ja schon und hat die Kanonen bestaunt und die Gewehre. Also nicht nochmal hoch. Also irgendwas einkaufen, damit man was Bleibendes mitbringen kann aus dem Urlaub. Eine Brockenhexe. Aber was soll man mit einer solchen Puppe? Hexen gibts sowieso nicht, auf den Brocken darf man nicht rauf. Grenzgebiet. Alles ist Wahnsinn. Auf den Landkarten, die man einkaufen kann, ist der Brocken schon nicht mehr eingezeichnet, da fehlt das Beste, schon auf der Landkarte, sozusagen, wenn man in den Harz fährt, da fehlt das Salz in der Suppe, schon auf der Landkarte. Man hat dann Mühe, sich zu orientieren und überall der Bockwurstgeruch in dieser so eindeutig deutschen Republik. Aber der Brocken wird dankbar sein, daß er verschont bleibt von dieser Urlauberplage, die bald das ganze Gebiet breitgelatscht haben wird. Aber es gibt auch andere. In Elbingerode sahen wir morgens einen jungen Mann vor dem Zelt sitzen und abends, als wir von unserer Wanderung zurückkamen, saß er immer noch in der gleichen Haltung auf seinem Campingstuhl. Wir nehmen natürlich an, daß er in der Zwischenzeit mal auf dem Klo war oder sich sonstwie Bewegung verschaffte, indem er mit seinen Händen die Mücken verscheuchte. Aber auf irgendwas schien der junge Mann gewartet zu haben, auf die Sonne vielleicht, die in diesem Sommer nicht so richtig durch die Wolken kam, oder auf ein junges Mädchen, aber die zu ihm paßt, die sitzt wahrscheinlich auch auf einem Campingstühlchen und wartet. Wie sollen die beiden zueinander finden? Es geht nicht. Das sind die Tragödien, die sich so abspielen im Urlaub und vielleicht große Ehekonflikte verhindern.

Ganz anders die jungen Burschen aus Mecklenburg. Früh um zehn waren sie schon wieder betrunken oder noch besoffen vom Vorabend. Sie liefen in kleinen Gruppen über den Zeltplatz und suchten Streit. Da keine Streitpartner außerhalb ihrer Gruppe zu finden waren, weil keiner so richtig mitspielen wollte, mußte innerhalb der Gruppe selber gestritten und geschlagen werden. So sah man dann auch Fäuste in die Fresse des Kumpels fliegen. Aber auch diese Burschen warteten eigentlich auf irgendwas anderes. Da das andere nicht kam, ein toller Autounfall mit paar Toten vielleicht, ich weiß es nicht, man will diesen starken Jungmännern schon wegen ihrer harten Fäuste nicht zu nahe treten, begnügten sie sich mit den kommißhaften Sauf- und Haugelagen. Die leeren Flaschen fielen krachend gegen die Zeltplatzumzäunung.

Die Texte sind aus „In seiner Freizeit laß der Angeklagte Märchen” von Georg Seidel, das dieses Frühjahr bei Kiepenheuer & Witsch in Köln erschien. Georg Seidel wurde 1945 in Dessau geboren und starb 1990 in Berlin.