D er Terrorismus alter Prägung hat abgedankt - zu Recht. Versuchen Sie doch heute einmal, z.B. Eberhard Diepgen oder Edmund Stoiber zu entführen und ein angemessenes Lösegeld -1 kl. Glas Gurken zu erpressen. „Der Staat bleibt haat!” würde es Ihnen entgegenschmettern, „Wir lassen uns nicht erpressen!”, sog. Parteifreunde würden Sie händeringend anflehen, die Kerle niemals wieder freizulassen - billiger werden die ihren Sondermüll nicht los, und Sie hätten denen auch noch die Arbeit abgenommen - nein, so wie früher geht es nicht mehr.

Und doch fehlt nach der Rücktrittserklärung der RAF und ihrer Bekundung, demnächst nur noch als Bürgerinitiative RAF e.V. tätig sein zu wollen, „ein belebendes Element der politischen Landschaft” (Blacky Fuchsberger), ja, es mangelt sogar „ein Stück weit an der Kultur des Streits” (Björn Engholm, der ab sofort nur noch Björn heißen soll, ohne Engholm, einfach Björn, wie bei IKEA). Allzu siegessicher trampeln die Vertreter deutschnationaler Interessen aus Wirtschaft und Politik durch die Welt, international setzen ihnen kein Sozialismus und kein Ami mehr ein paar wenigstens bescheidene Grenzen, und im eigenen Land treten sie mit nahezu uneingeschränkter Selbstherrlichkeit an, ohne dafür immerhin Angst vor persönlichen Konsequenzen haben zu müssen. Das ist nicht gut, denn allein die berechtigte Furcht vor einem jähen Ende der gerade so reibungslos laufenden Chose kann Menschen dieser Couleur dazu bewegen, mit dem eigenen Größenwahn ein bißchen vorsichtiger zu sein, die eigene Gier ein wenig zu drosseln.

In den letzten 20 Jahren ist der Terrorismus in Deutschland vorzugsweise aus einem moralischen Rigorismus heraus begründet worden und entsprechend auf den Hund gekommen. Viel war zu hören von den „schweinischen Schweinereien des verschweinten Schweinesystems”, und die RAF nannte schon in den 80er Jahren ihr Mitglied Peter Jürgen Boock einen „moralisch leeren Menschen”. Das ist ein großer Unfug - ein moralisch leerer Mensch wäre ja einer, der sich von christlich-abendländischen Zwangsvorstellungen gelöst hat, der frei entscheidet und handelt, ein - kurz und populär gesagt - Erleuchteter. P.J. Boock ist nun alles andere als das, sondern - wie viele Terroristen seiner Generation jemand, der das Pubertätsproblem, die Konfirmandenfrage, ob er nun Jesus sein solle oder Judas, noch immer nicht geklärt hat, der deshalb in den Begriffen von Schuld, Sühne und Erlösung feststeckt und zwischen Schießen auf Schleyer und Schleimen bei Weizsäcker hin- und herschwankt.

Der Terrorist dieser älteren Bauart hätte fast ebensogut Abgeordneter der Grünen werden können; die Motive sind ähnlich gelagert. Im Kopf eines solchen Menschen türmen sich die Zumutungen des Alltags zu einem nicht mehr überschaubaren Klumpen Überdruß: Not, Elend und Tod, Apartheid und verhungernde Kinder, Kriege und Unterdrückung der Frau, die ganze Scheiße, volles Rohr, in den letzten Jahren kamen noch Ozonloch und sterbende Delphinbabies verschärfend hinzu. Allen besseren, weil empfindsameren Kräften geht das nicht nur auf die Nerven und den Sack, sondern tief an die Nieren. Der Gerechtigkeitssinn rebelliert und die Frage bohrt sich in den Kopf: Wer ist das in Schuld? Wer ist verantwortlich? Den oder die will ich strafen! Und dann entscheidet sich der moralgesteuerte Langeweiler für das Mandat bei den Grünen, und der temperamentvolle Hitzkopf wird Terrorist (bzw. natürlich Terroristin; die sonst unvermeidliche, blöde Quotenfrage stellt sich hier einmal nicht: Frauen und Männer können gleich viel und gleich gut Terror machen).

Terrorist kann demnach nur werden, wer es fertigbringt, alles, was im Universum schiefläuft, als persönlich gemeinte Beleidigung aufzufassen, jede schlechte Nachricht auf sich zu beziehen. Das ist nicht besonders intelligent, gibt aber den Impuls zum Losschlagen, macht handlungsfähig.

Die RAF beging den unverzeihlichen Fehler, sich auf eine sog. „militärische Konfrontation”

mit dem deutschen Staat einzulassen, statt zu erkennen, daß sie nichts sein konnte als ein radikales Mittel sozialer Hygiene. Die Auseinandersetzung RAF versus Staat prägte von Beginn an den schlechten Stil, und so nimmt es nicht wunder, daß sich Kommandoerklärungen der RAF ähnlich verquast lesen wie Reden Richard von Weizsäckers: Sie bedürfen dringend einer Übersetzung ins Deutsche, und das Prinzip der „Pflichtethik” (Weizsäcker) ist auch der RAF nicht fremd, Motto: Wir tun’s ja nicht gerne, aber im Namen des Internationalismus, na gut, in Gottes Namen also: Feuer!

Mit dieser prinzipienreiterischen Herangehensweise hat die RAF dem Terrorismus viel Schaden zugefügt; er ist im Lande nicht mehr gut angesehen, und das nicht nur bei Leuten, die von Berufs wegen nicht viel für ihn übrig haben können (Kinkel, Rodenstock, Schäuble u.ä.). Nein, der Terrorismus hat, wie es Werbemann Michael Schirner - das ist der mit der schrecklichen taz-Werbung - sagen würde, ein schlechtes Standing und benötigt dringend ein neues Image, ein neues Konzept, ja vielleicht sogar ein neues Imagekonzept. Klar - wer sich an Schleyer, Ponto, Herrhausen usw. erinnert, weiß: Das Umbringen von Menschen, und seien sie noch so unsympathisch, wirkt irgendwie humorlos, wenn nicht sogar unsouverän und kleinlich. Der Wunsch nach angemessener Bestrafung größenwahnsinnig gewordener Kleingeister mag von einem Gutteil der Bevölkerung geteilt werden, rohe Methoden aber will ein Mensch von Geist, Güte und Geschmack nur im Ausnahmefall sehen. So hat die RAF zwar die Funktion des Terrorismus, das nachhaltige und erfolgreiche Bedrohen von Leuten, denen man drohen muß, dem Buchstaben nach erfüllt, hat aber in der Wahl der ästhetischen Mittel versagt. (Daß Angehörige der RAF das z.T. noch immer nicht begreifen und unter dem Druck partiell vampiristischer Unterstützergruppen in Heldenpose verharren, ist eins von vielen Indizien dafür, daß der Brutalvollzug, dem sie ausgesetzt sind, ihre eben auch kopfmäßige Vernichtung zum Ziel hat.) Ein zeitgemäßer Terrorismus, ein Terrorismus auf Ballhöhe quasi, muß, will er Aussicht auf Erfolg haben, die Kardinalfehler der RAF vermeiden und zum Prinzip der Spaßguerilla zurückkehren. Das staatliche Gewaltmonopol ist in einem Staat wie diesem durchaus als zivilisatorische Errungenschaft zu begreifen; es steht allerdings in Notwehrsituationen, z.B. nach einstweiligen Erschießungen durch Vertreter der Staatsgewalt, neu zur Disposition. Seine Handlungsfähigkeit gewinnt der moderne Terrorist wie schon sein Vorgänger durch die Auffassung, der Lauf der Welt sei nichts als eine Ansammlung von Maßnahmen mit dem einzigen Ziel, ihn ganz persönlich in den Wahn zu treiben. Seine Schmerzgrenze wird allerdings nicht mehr wie beim Terroristen alten Typs durch Verstöße gegen moralisch-christliche, globalpolitische Vorstellungen verletzt, sondern vielmehr durch Zumutungen eher privater und ästhetischer Natur: schlechte Musik, Männer, die freiwillig im Polizystenlook (Schnäuzer, Goldkettchen, GTI-Gesicht), in Jogginganzügen oder in Radlerhosen herumlaufen, aktivieren den jungen Terroristen ebenso wie Wohnungsnot, Frauenhauen, Phil Collins, das dritte Tor von Wembley, Klaus Lage, unerfreuliche Entwicklungen im Bierpreiswesen, Makler, Deutsche, die nicht auf Deutsche schießen, sondern Ausländer überfallen und Asylbewerber umbringen, ohne dafür lebenslang bei Dauerprügeln, Knödel und Schweinsbraten nach Schwaben verklappt zu werden, das Geschwätz von der „nationalen Identität”, sich „Hausverwalter” nennende Blockwarte, Denunzianten, kurzum: Widerwärtigkeiten jeder Art werden geahndet, Stehengebliebenheit, zivilisatorischer Stillstand, ja Regression nicht widerspruchslos erduldet. „Gewalt ist beschleunigter Dialog” (Michael Stein) lautet die Devise. Die Nachricht z.B., daß das Trio banale Andre Heller, Bernhard Paul und Peter Schwenkow in Berlin das Quartier übernommen hat, um dort schlechtes Variete für blasierte Halbalphabeten zu veranstalten, initiiert die besseren Kräfte der Stadt, die sich mit einem simplen „Kübel, übernehmen Sie!” nicht zufriedengeben müssen; eine katastrophal und komplett versagende Technik zur Premiere im September 1992 ist Nichts ist unmöglich - Toyota - auch ein schönes Ziel.

Gegen die zunehmende Verheulsusung aller Lebensbereiche hilft allein die gezielte Tätlichkeit. Das Jammern darüber, daß die Welt schlecht sei und der Mensch nichts tauge, soll den Greisen aller Altersklassen überlassen bleiben. Sogar eine Förderung terroristischer Maßnahmen durch die AOK erscheint möglich, denn - so steht’s im Gesundheitsblatt -: Wer allen Arger in sich hineinfrißt, kriegt Magengeschwüre oder Schlimmeres (Krebs!). Zudem gibt der Terrorismus auch den Existenzen, gegen die er sich wendet, einen Teil ihrer verlorenen Würde zurück: Indem er als Person, als Ego, als Subjekt abgestraft wird - Rohes Ei und Sahnetorte/ sagen mehr als tausend Worte! -, begreift evtl, auch ein Vermieter, ein Manager oder ein Politiker, daß er sich nicht auf ein diffuses „Gesellschaftssystem” herausreden kann, sondern sein Leben aus freien Stücken und in voller Absicht verpfuscht hat. Und dann geht es Auto um Auto, Jägerzaun um Jägerzaun.

Die bleierne, breitarschige „Betroffenheit” der Antje Vollmers dieser Welt kann mit nur geringem Energieaufwand durch eine aufmunternde Empörung ersetzt werden. Stilistisch aber läßt sich der heutige Humorsoldat, der Terrorist der 90er Jahre, allein von einem 100 %ig sicheren, gründlich geschulten ästhetischen Empfinden leiten: Wenn Baseballschläger und Pistole auch manchmal mehr Gerechtigkeit versprechen, so darf man nicht vergessen, daß ihr Einsatz den Täter fast immer um die verdienten Sympathien des Publikums bringt. So verständlich der Wunsch auch ist, Richard von Weizsäcker beim Aufsetzen des Heiligenscheins einfach ratatatatat in die ewigen Schwatzgründe zu schicken, um soviel größer ist die Herausforderung, ihn zu zwingen, eine seiner Schön- und Schongeistreden vor laufender Kamera mit heruntergelassenen Hosen zu halten - ein solches Bild hat Ewigkeitswert.

Und dieses Bekennerschreiben möchte ich bitte schon bald lesen können: „Heute haben wir Wolfgang Thierse gefangengenommen, rasiert und wieder freigelassen. Er sieht jetzt viel besser aus. Gez. Kommando 24.12. (Weihnachtsmann)” - die entsprechenden Vorher-Nachher-Fotos natürlich anbei. Und dann stimmt wieder, was Die Drei Tornados 1988 sagten: „Was ist der Unterschied zwischen Touristen und Terroristen? - Terroristen haben Sympathisanten.” Wiglaf Droste