Nicht für Sie, aber für uns fing alles mit einer gerade 12zeiligen Kurzmeldung in der FR v. 30.5. 92 an: „Am Donnerstag Abend waren in Mannheim 30 betrunkene Männer von einem Vatertagsfest aus zu einem Asylbewerberheim gezogen und hatten in Sprechchören den Ausländern Gewalt angedroht. Ihr aggressiver Krawall zog etwa 300 Schaulustige an. Das Gebäude wurde abgeriegelt, wie die Polizei am Freitag mitteilte. Sie nahm mehr als 20 Unruhestifter fest. Dabei wurden 2 Beamte durch Glassplitter von Bierflaschen leicht verletzt.” Mann/frau muß diese kleine, unscheinbare Nachricht mehrmals lesen, um Wort für Wort die Widerwärtigkeit dieses Ereignisses zu begreifen. Daß am Vatertagsfest Männern nicht mehr einfällt, als sich zu besaufen, gehört seit Jahren zum Ritual jenes Feiertages. Daß sie sich dabei ankotzen und bestätigen, gehört zu dieser Art von Männerfreundschaft, die hier gepflegt wird - wie der Vorgarten, das Auto, das kleine Häuschen und der Gartenzaun. All das hat seine Ordnung. Völlig in Ordnung war auch, daß der Höhepunkt dieses Vatertagsfestes ein Angriff auf ein Flüchtlingslager war. Das war zwar - spätestens seit Hoyerswerda - nichts mehr neues, aber für die Schönauer Bevölkerung wohl höchste Zeit und alles andere als zufällig.

So besoffen diese 30 Männer waren, so genau wußten sie, wohin sie gehen, so einig waren sie sich, wer jetzt keinen Grund hat zu feiern, wer in ihrem aufgeräumten Vorort nichts zu suchen hat.

„Ihr aggressiver Krawall zog etwa 300 Schaulustige an”, so die Zeitungsmeldung weiter. Das klingt nach Attraktion, nach Spektakel, ein bißchen Lärm, ein wenig Übermut und 2 Bier zuviel. In einem Land, wo Pogrome und Judenhaß nicht die Handlung von wenigen war, sondern eine rassistische Lebenshaltung von Millionen; in einem Land, wo Selektion und Vernichtung von unwertem Leben nicht gegen die Bevölkerung, sonder mit deren Duldung und Unterstützung möglich wurden, ist eine solche Pressenotiz mehr als Verharmlosung und Entschuldigung. Als handele es sich hier um Entgleisungen - und nicht um Gleise, die gestern nach Auschwitz führten und heute zielsicher vor’s Flüchtlingslager. Als handele es sich hier um blinde Gewalt, um eine Schnapsidee und eben nicht um eine rassistische Lebenshaltung, die im Exzeß nur öffentlich macht, was viele denken und fühlen und einige immer wieder sagen.

„300 Schaulustige” zog dieser rassistische Angriff an. Und wir fragen Sie, die Schönauer Bevölkerung: was zog Sie an, was machte Sie an, wo Sie ansonsten bei ,Krawall’ schlimmstenfalls die Türen schließen und die Polizei rufen?

Was zog Sie an, auf die Straße, vor’s Flüchtlingslager, wo Sie doch ansonsten so für Ruhe und Ordnung eintreten? Und wir fragen Sie, die braven und rechtschaffenen Bürger/innen von Schönau: Was war an diesem Abend, vor dem Flüchtlingslager, „lustig”?

Was fanden Sie an diesem „Krawall” so lustig, wo Sie doch ansonsten „Krawall” so verurteilen?

Anders gefragt: Was machte Ihnen so viel Mut, wo Sie doch ansonsten soviel Angst vor Ausschreitungen’ haben?

Was uns entsetzt, sind nicht die 30 Vaterlands-Männer, die die Sau rauslassen, sondern Sie, die Schaulustigen, die Gefallen und Genugtuung daran gefunden haben. Sie, die sich ganz und gar nicht als Minderheit fühlen, sondern stellvertretend für die Mehrheit in Schönau ihre Zustimmung und Unterstützung kund taten.

Es wäre ganz und gar falsch, wenn man Sie mahnend an Hoyerswerda erinnern wollte - als hätten Sie - wieder einmal -

etwas vergessen. Im Gegenteil: das bezeichnende an Ihrer Haltung ist, daß Sie gerade nicht vergessen haben, sondern dabei sind, es zu wiederholen!

Sie, Schönauer Bürgerinnen und Bürger, sind gerne und bevorzugt ,Opfer’: Opfer einer verfehlten Sozialpolitik, Opfer einer geschwätzigen Asyldebatte, Opfer einer tatenlosen Parteipolitik und zuletzt Opfer einer Vergewaltigung, die ein „schwarzer” Asylbewerber an einer 16jährigen Schönauerin begangen haben soll. Das soll das Faß zum Überlaufen gebracht haben, wo Sie sich so lange haben zusammenreißen müssen.

Sie sind so viel ,Opfer’ wie das NaziDeutschland 1939, das von Polen „angegriffen” wurde und deshalb ab 5.30 Uhr morgens begeistert dem Führerbefehl folgte, „zurückzuschießen” ...

Sie wissen so gut wie wir, daß diese Vergewaltigung frei erfunden war.

Sie wissen so gut wie wir, daß die meisten Vergewaltigungen nicht von fremden’, ob schwarz oder weiß, versucht oder begangen werden, sondern von Bekannten, Verwandten, von sogenannten unbescholtenen (Familien-)Vätern. Kurzum aus Ihrer Mitte heraus, im Schutz ihres Stillschweigens, also mit Ihrer Duldung und Zustimmung.

Sie wissen sicherlich besser als wir, wieviele Vergewaltigungen in Ihrer Siedlung, in Ihrem Bekanntenkreis, in Ihrer eigenen Familie versucht oder vollendet wurden. Wir wissen von keinem einzigen Versuch, dieses Haus, diese Wohnung zu belagern, Tag für Tag, bis es für jeden Vergewaltiger unerträglich wird, aus Ihrer Mitte heraus zu agieren.

Genau deshalb ist die Vergewaltigung einer 16jährigen Schönauerin durch einen „schwarzen” Asylbewerber mehr als „frei erfunden” (FR v. 6.6.92). In ihr tobt sich nur der eigene Wunsch aus, sich das von niemand (anderem) nehmen zu lassen. Deshalb ist es auch falsch, das Gerücht von einer Vergewaltigung als Versuch zu werten, von den eigentlichen rassistischen Motiven abzulenken. Im Gegenteil: Kaum anschaulicher demonstriert es, wie ganz alltägliche sexistische Gewalt(-phantasien) mit rassistischen Lebenshaltungen Zusammenwirken und ineinandergreifen.

Doch seien Sie beruhigt. So sehr Sie sich auch als ,Opfer’ der Politik oder sonst etwas fühlen, so sicher können Sie sich ihrer sein. Einen Tag nach dem Vatertagsexzeß unterbreitet OB Widder den Schönauern in einem offenen Brief das Angebot, künftig bevorzugt nicht mehr „alleinstehende, junge Männer”, sondern vielmehr „Flüchtlingsfamilien mit Kindern” auf dem Gelände unterzubringen. (FR v. 6.6.92) Schneller kann mann ein frei-erfundenes Gerücht - über den Umweg einer Maßnahme gegen Flüchtlinge - nicht zur angenommenen Tatsache machen. Ganz abgesehen davon, daß der Oberbürgermeister mit dieser Maßnahme die Schutzbehauptung regierungsamtlich macht, daß von Familien(-vätern) weniger sexistische Gewalt ausgehe, als von „alleinstehende(n) junge(n) Männer(n)”.

Wenn in Zeitung, Rundfunk und Fernsehen nichts mehr seit jenem Vaterlandstag zu lesen, hören und zu sehen ist, dann heißt das noch lange nicht, daß seitdem nichts passiert wäre. Es herrscht nur Nachrichtensperre, wobei es auch dafür keines Erlasses bedarf, sondern nur einer guten Portion Selbstzensur. Freie Berichterstattung heißt eben gerade auch, die Freiheit, nicht zu berichten. Was nur auffällt, daß genau dies alle (Medien) gleichzeitig tun.

Weder die organisierten Schläger, noch die Schaulustigen, noch die Schönauer Bevölkerung brauchen sich gerade jetzt alleine zu fühlen. Sie können sich der Komplizität der Medien, der (lokalen) Parteipolitik und der Polizei sicher sein. Sie können ungestört, in aller Ruhe weitermachen. Seit dem 29.5. wird Abend für Abend, nach der Tagesschau, das Flüchtlingslager belagert und angegriffen. Die Flüchtlinge trauen sich kaum noch aus dem Lager und wenn doch, können sie sich Anpöbeleien und (tätlicher) Angriffe sicher sein. Sie sollen Stunde um Stunde, Nacht für Nacht um ihr Leben fürchten, nachdem sie, aus Furcht um ihr Leben, aus ihren Heimatländern geflüchtet sind, in der Hoffnung, hier sicher zu sein. Daß Menschen anderer Hautfarbe, auch ohne Hunger und Krieg, hier um ihr Leben bangen müssen, das demonstriert ihnen die Schönauer Bevölkerung Tag für Tag. Die ,Entgleisungen’ nehmen organisierte Züge an.

Während die Polizei Gelassenheit und Besonnenheit gegenüber dieser völkischen Gesinnung signalisiert, die Pressestelle der Polizei jeden Fahrraddiebstahl zur Meldung macht und über die allabendliche Belagerung des Flüchtlingslagers Stillschweigen bewahrt’, zeigt die Polizei dennoch, woher die Gefahr ,eigentlich’ kommt, wovon sie .eigentlich’ ausgeht. Sie „rät” den Flüchtlingen, das Lager nicht zu verlassen und zog zur Unterstreichung ein 2 Meter nach innen versetztes, zusätzliches Absperrgitter um das Flüchtlingslager. Auf die viel naheliegendere Maßnahme, für Schönau eine abendliche Ausgangssperre zu erlassen, kommt sie nicht.

Für Sie, Schönauer Bürger/innen, ist es kein Widerspruch, für Ruhe und Ordnung zu sein und gleichzeitig das Leben der Flüchtlinge hier zur Hölle zu machen. Ihre Ruhe und Ordnung ist - in der Tat - die Hölle. Die Bereitschaft, alles zum Verschwinden zu bringen, auszulöschen, was Sie mit einem anderen Leben, mit Unbekanntem und Verschiedenheit konfrontieren könnte. Sie haben in der Tat Angst -

nicht vor den Flüchtlingen, sondern vor einem Leben, das Ihr eigenes zu Tode geregeltes und voller Vorsorge entstelltes Leben in Frage stellen, ins Wanken bringen könnte.

Die Flüchtlinge sind Ihnen völlig egal im wahrsten Sinne des Wortes - gleichgül-tig. Sie sind heute Objekt Ihres Lebenshasses und Unterwerfungswillens wie es früher Jüdinnen und Juden waren, wie es heute immer noch Schwule und Lesben, Kommunisten und Oppositionelle sind. Ihre Objekte sind austauschbar - Ihre eigene Lebenshaltung immer dieselbe - ungebrochen.

Sie sagen - im Jahrhundertreim - die Flüchtlinge nähmen Ihnen die Arbeit, die Wohnung, die Sozialhilfe weg. Wir wünschten uns in solchen Momenten wie diesen, all das wäre keine Projektion, sondern Wirklichkeit. Es gäbe gute Gründe dafür - nicht nur für Flüchtlinge.

Wir können uns vorstellen, daß die meisten von Ihnen keinen Flüchtling selbst umbringen wollen und können. Was Sie aber alle können und tun, ist ein Klima zu schaffen, das Flüchtlinge dazu treiben soll, abzuhauen, bevor es zu so etwas kommt.

Sie, Schönauer Bürger/innen, wollen in Ruhe und Frieden hier leben und machen den Flüchtlingen das Leben zur Hölle indem sie schweigen, nichts tun, indem sie applaudieren, anfeuern und selbst Hand anlegen.

Wir wollen Sie nicht mit der deutschen Vergangenheit belästigen. Wir wollen nur alles tun, daß Sie nicht in Ruhe und Frieden das Leben anderer zur Hölle machen können.

Wir geben zu, es wird nicht leicht sein, Sie aus Ihrer Ruhe und Fassung zu bringen. So sehr Sie auch auf die,große Politik’ schimpfen mögen, so viel Rückendeckung und Schutz bietet sie Ihnen an.

7 Tage nach dem Vatertagsexzeß, nach 7 Tagen allabendlicher, genehmigter Belagerung des Flüchtlingslagers, meldet sich der OB Widder nochmals in einem offenen Brief an die „liebe(n) Mitbürgerinnen (und) liebe(n) Mitbürger auf der Schönau” zu Wort: „die Ansammlungen vor der Landesunterkunft für Asylbewerber in der Lilienthalstraße haben ... eine neue Qualität erreicht, indem ... sie zum Anziehungspunkt auswärtiger militanter Kräfte werden. Ich bitte Sie ... Konfrontationen mit diesen (Hervorhebung vom V.) Kräften zu meiden.” (Offener Brief v. 4.6.1992) Bei aller Kritik an der ,großen Politik’, Schönauer Bürgerinnen und Bürger: demonstrativer kann sich ein Stadtoberhaupt nicht vor Sie stellen und den Rest auf den Kopf!

7 Tage lang störten weder Sie noch den OB, noch die Polizei die allabendlichen Angriffe auf’s Flüchtlingslager. Das war und ist für Sie und den OB - wahlweise - in Ordnung, verständlich und/oder nicht einmal der Erwähnung wert. Von „neuer Qualität” ist erst die Rede, als wir das gute und mittlerweile geübte Zusammenspiel von Schönauer Bürger/innen und Polizei, Partei-Politik und Medien zu stören begannen - in der Tat, überwiegend von außerhalb’, weil bis zu 400 Schönauer/ innen täglich nicht gegen die Bevölkerungsmehrheit, sondern mit ihrer Zustimmung und Duldung vor dem Flüchtlingslager die Sau rausließen/ rauslassen.

Wenn sich ein Volk so einig ist, verdient das nicht nur politische Anerkennung, sondern auch Polizeischutz - mit allen Mitteln. Diese versichert der OB im selben offenen Brief: „Die Polizei hat mit besonnenen Einsätzen in den letzten Tagen die öffentliche Sicherheit und Ordnung gewährleistet und wird mit verstärkter Präsenz auch den neuen Herausforderungen gerecht werden und diesen in aller Entschiedenheit entgegentreten.” Dazu darf mann/frau wohl das Demonstrationsverbot in Schönau und sonstwo am 6.6.92, den blutigen Polizeieinsatz in Mannheim am selben Tag, die über 140 Festnahmen, die unzähligen Kopf- und Platzwunden und Hundebisse, den Einsatz von SEK (Sondereinsatz-Kommandos) und zivilen Greiftrupps, die Stürmung des Mannheimer Jugendzentrums usw. zählen. Damit sich der völkische Mob wieder in Ruhe - vor dem Flüchtlingslager in Schönau versammeln kann.

Soviel der OB Widder in seinem offenen Brief auch auf den Kopf stellt, so sehr hat er doch den Nagel auf den Kopf getroffen, als er das enge Band zwischen Schönauer Bevölkerung und Polizei zu würdigen wußte: „Die Polizei hat bei den Einsätzen gegen die auswärtigen Störer die Zustimmung und das Verständnis der Schönauer Bevölkerung erfahren. Dafür danke ich allen, die damit einen Beitrag für die Sicherheit auf der Schönau und der Stadt insgesamt leisten.” Soll uns niemand kommen und sagen, völkische und rassistische Gesinnung könnten sich hier nicht einer breiten, sozialen Basis, der ,großen Politik’ und des polizeilichen Begleitschutzes sicher sein.

Es liegt an uns, an unserer Kraft, an unserer Ausdauer und Entschlossenheit, nicht den Rauch zu vertreiben, sondern die Feuerstelle selbst zu bekämpfen. Diese liegt nicht am Rand dieser Gesellschaft, sondern mittendrin.

autonome L.U.P.U.S-Gruppe R/M