„Tausendundeine Nacht"
Die Sarazenen, ein beschnittenes Volk, das in der Gegend des Kaukasus lebte, waren zu zahlreich geworden. Sie griffen deshalb zu den Waffen und stürzten sich auf die Provinzen des Kaisers Heraklius. Die Sarazenen drangen rastlos immer weiter vor, wobei sie, ihrer Gewohnheit gemäß, die Provinzen des Reiches verwüsteten. Unter den Kaisern Konstanz und Constantin, die Heraklius folgten, richteten die Sarazenen schreckliche Verwüstungen an."
So sprach etwa 30 bis 40 Jahre nach Beginn der islamischen Eroberungen ein burgundischer Geschichtsschreiber. Es war im 7. Jahrhundert unserer Zeitrechnung. Die Araber, im Abendland Sarazenen genannt, hatten bereits die Provinzen des christlichen Byzanz, Syrien und Palästina, erobert.
Das Abendland sah im Islam einen feindlichen Glauben, der in entfernten Regionen des Orients dem Christentum riesige Gebiete entriß. Die islamischen Völker galten im Abendland als heidnische Barbaren, die die christlichen Länder plagten. Man machte sich wenig Gedanken über die Araber.
Schon lange gab es Kenntnisse über die Sarazenen, lange bevor der Islam eine bedeutende Religion wurde Eine Weltbeschreibung aus dem 4. Jahrhundert hält beispielsweise fest: "Mit dem Bogen und durch Raub beschaffen sich die Sarazenen alles, was sie zum Leben benötigen." Die Gelehrten studierten an ihrem Namen herum und glaubten, er sei von Sarah, der Frau Abrahams abgeleitet. Während doch nach der Bibel die arabischen Stämme von Hagar abstammten, der Magd, die mit ihrem Sohn Ismael in die Wüste gejagt worden war. Dieser Widerspruch wurde zu einem Hauptproblem. Doch es gab auch wichtige Gemeinsamkeiten zwischen beiden Religionen: den Glauben an einen einzigen Gott, an das Prophetentum, an Lohn und Strafe im Jenseits.
Deshalb sah die christliche Kirche im Islam eine Abspaltung. Der Prophet Mohammed galt als "Betrüger" und "falscher Prophet". Martin Luther sagte über Mohammed: "Er ist ein Zerstörer unseres Herren Christi und seines Reiches und der Islam ist ein Irrglauben, darin auf einem Haufen alles Greuel, aller Irrtum, alle Teufel liegen." In seinem Buch "Das Islambild im Mittelalter" faßt der englische Historiker Richard Southern die anti-islamische Haltung des europäischen Mittelalters zusammen: "Wenn die europäischen Autoren sich als erstes fragten, was für eine Art Mensch Mohammed war und warum er Erfolg hatte, so gelangten sie meist zu der Erkenntnis, er sei ein Magier gewesen, der mit Zauberkraft und Schlauheit die Kirche in Afrika und Asien vernichtete und seinen Erfolg dadurch gefestigt habe, daß er sexuelle Freiheit und Vielweiberei gestattet habe."
Neben den religiösen, halbwegs gelehrten Schriften gegen Mohammed und den Islam, entstanden im Zeichen der Kreuzzüge, die Ende des 11. Jahrhunderts begannen, auch eine Reihe volkstümlicher Werke, in denen sich die Autoren mit dem Leben Mohammeds beschäftigten. Sie ließen dabei ihrer Phantasie freien Lauf, um die Neugier des breiten Publikums anzustacheln und den religiösen und politischen Bedürfnissen jener Zeit Rechnung zu tragen. Ein sonderbares Beispiel hierfür ist der Mahon-Roman, der im 13. Jahrhundert sehr beliebt war: "Mahon oder Mohammed, einem Kardinal der römischen Kirche, ist der Heilige Stuhl verweigert worden. Er lehnt sich gegen die Kirche auf, flieht nach Arabien und gründet dort eine neue, anti-christliche Religion, den Islam."
Der literarische Höhepunkt solcher phantastischen Erzählungen fand sich im Gesang der Troubadours, der französischen Minnesänger. Für die französischen Minnesänger war Mohammed der Hauptgott der Sarazenen. Mit Vorliebe erzählten sie die Geschichte von seinem angeblich jämmerlichen Tode: Schweine hätten den Betrunkenen auf einem Misthaufen gefunden und aufgefressen. Auch die Reiseberichte von Handelsleuten oder heimgekehrten Kreuzrittern besagten mehr über die Einbildungskraft der Autoren als über die Wirklichkeit der islamischen Welt.
Die Legende von der "Mörder-Sekte", die Marco Polo streute, war in Europa bereits bekannt. Der Gesandte des Kaisers Barbarossa hatte 100 Jahre zuvor berichtet: "In den Regionen von Damaskus, Aleppo und Antiocheia ist eine Gruppe von Moslems ansässig, die die Einheimischen Hessessini nennen. Die Hessessini sind Anomisten. Sie essen, entgegen den islamischen Sitten Schweinefleisch und wohnen jedem Weibe bei, auch ihrer eigenen Mutter oder Schwester. Ihr Emir ist von dem muslimischen Fürsten genauso gefürchtet, wie von den christlichen Königen, denn er pflegt seine Feinde auf geheimnisvolle Weise zu beseitigen. Er besitzt hoch auf den Bergen mehrere prächtige Burgen und Schlösser, die jeweils von hohen Mauern umringt sind. Hier werden ausgesuchte Bauernsöhne einer strengen Erziehung unterzogen. Sie lernen schon als Kind verschiedene Sprachen, wie Latein, Griechisch, Arabisch und weitere. Vor allem lernen sie, ihrem Emir zu gehorchen. Ist einer von ihnen zum Manne gereift, wird er zum Emir gebracht. Dieser fragt, ob er bereit sei, seine Befehle zu befolgen. Er wirft sich seinem Herren zu Füßen und schwört ewige Treue und Gehorsam. Darauf erhält er einen goldenen Dolch mit dem Auftrag, diesen oder jenen mit dem Emir verfeindeten Fürsten ins Jenseits zu befördern."
Während für die meisten Europäer die Muslime nur Heiden, Barbaren, Plünderer und Mörder waren, wußten nur wenige näheres über ihr Leben und ihre Kultur. Es waren nämlich die Muslime, die antike Philosophen, wie Sokrates, Platon und Aristoteles entdeckt und übersetzt hatten. Die griechische Philosophie wurde dann aus der arabischen Sprache ins Lateinische übersetzt und so den abendländischen Gelehrten zugänglich gemacht. Im islamischen Cordoba gab es um 950 etwa 80 öffentliche Schulen, deren Besuch kostenlos war und mehr als 20 öffentliche Büchereien für das breite Publikum. Im christlichen Abendland konnten zur gleichen Zeit nur die Mönche lesen und schreiben. So mancher Kalif besaß eine Bibliothek mit mehr als 400000 Bänden; während die meisten christlichen Fürsten nicht einmal eine Urkunde lesen konnten. Islamische Zentren, wie Cordoba, Bagdad, Samarkand oder Kairo zählten um das Jahr 1000 etwa eine Million Menschen, während Metropolen der Christenheit, wie Paris, Mailand oder Venedig — sogar 300 Jahre später, um das Jahr 1300 — nicht mehr als 100000 Einwohner hatten.
Erst mit der Aufklärung im 18. Jahrhundert änderte sich das europäische Bild von der islamischen Welt. Die europäischen Aufklärer des 18. Jahrhunderts waren erklärte Gegner der Kirche, oft Gegner des Christentums überhaupt. Man versuchte nun, die mit dem Christentum konkurrierenden Religionen ohne Vorurteile zu betrachten. Für fremde Religionen wurden sogar Sympathien entwickelt. Unbewußt glaubte man in ihnen Werte einer neuen Weltanschauung zu finden. Bald wurde die unparteiische Betrachtung von Bewunderung abgelöst. Im osmanischen Reich, dem islamischen Nachbarn Europas, fanden nämlich verfolgte Juden und Christen aus der ganzen Welt Zuflucht.
Ende des 18. Jahrhunderts galt das osmanische Reich als strahlendes Vorbild religiöser Toleranz. Der Islam wurde nun als Religion der Vernunft angesehen, als eine Religion, die nur wenig Aberglaube zuließ. Im 18. Jahrhundert schaute Europa wahrhaft brüderlich und verständnisvoll auf den islamischen Orient. Die Muslime galten als Menschen, wie alle anderen auch und in vielen Fällen sogar als den Europäern überlegen.
Eine ganze Reihe europäischer Gelehrter und Dichter trug im Zeitalter der Aufklärung zum besseren Verständnis des Islam bei: zum Beispiel der englische Historiker Gibbon, die französischen Philosophen Voltaire und Montesquieu, die deutschen Dichter Lessing und Herder, vor allem aber Goethe. In seinem "West-Östlichen Diwan" und in "Mahommets Gesang" verlieh Goethe seiner Bewunderung für den Propheten bleibenden Ausdruck. Orientkenner versuchten aufgrund ihrer Kenntnis islamischer Schriften dem Propheten und seinem werk gerecht zu werden. Der deutsche Islam-Spezialist Jakob Reiske schrieb Mitte des 18. Jahrhunderts: "Viel Wunderbares gibt es in der orientalischen Geschichte, das der menschliche Verstand nicht ergründen kann. Ein armer und verachteter Mensch, wie Mohammed es war, erwarb durch seine Frömmigkeit und seine anderen Tugenden solche Macht, daß er kaum geringer als Gott selbst von einem großen Teile des bewohnten Erdkreises verehrt wird — ist es nicht wunderbar. Derselbe zähmte ohne Gewalt und bildete durch gute Sitten ein wildes und unbezwingliches Geschlecht; er stiftete eine Religion, welche die christliche wie mit Besen aus dem Orient fegte. ... Dies alles, sage ich, geschah nicht ohne höhere Fügung." Die zur Zeit der europäischen Aufklärung verbreitete tolerante Sicht gegenüber dem Islam war von kurzer Dauer. Mit Beginn der kolonialen Eroberungen im 19. Jahrhundert nahm der Westen gegenüber dem islamischen Orient erneut eine feindliche Haltung ein. Zwei Richtungen zeigte diese Haltung: rassistische Verachtung für andere Völker und Kulturen und ein romantischer Hang zum Fremdartigen. Trotz äußerer Widersprüchlichkeit ergänzten sich diese beiden Richtungen vollkommen.
Mit Beginn des 19. Jahrhunderts entwickelte sich eine erdrückende wirtschaftliche, technische, militärische und politische Überlegenheit des Westens gegenüber dem Orient. Nach und nach wurden die islamischen Länder zu direkten Kolonien der europäischen Mächte: wie Marokko, Tunesien und Libyen — oder sie wurden dem europäischen Einflußbereich einverleibt wie das Osmanische Reich oder Persien.
War es im Mittelalter religiöser Haß, so breitete sich im 19. Jahrhundert rassistische Verachtung gegen die Völker des Ostens aus. Man sprach nicht mehr von "Heiden" wie im Mittelalter, sondern von "Wilden" und "Barbaren" und nannte die Menschen nun auch noch "minderwertig". Minderwertige, die aus der Sicht der Europäer zivilisiert werden sollten.
Die Vorstellung von den Barbaren, die nur darauf warten, von den weißen Europäern aus ihrer Unwissenheit und Wildheit herausgeführt zu werden, kommt am besten in der Literatur der Kolonialzeit zum Ausdruck. So schreibt zum Beispiel der französische Dichter Andre Chateau-Briand 1810 über die Orientalen: "Sie wissen nichts über die Freiheit, haben keinen Anstand, Gewalt ist ihr Gott. Wenn sie für lange Zeit allein sind, ohne Eroberer zu sehen, haben sie das Gehabe von Soldaten ohne Führung, Bürgern ohne Gesetzgeber und einer Familie ohne Vater." Wer den Orientalen Führer, Gesetzgeber und Vater sein soll, kommt in einem Gedicht des Engländers Kipling zum Ausdruck: "Hier, dies ist der Weg, den die Weißen Männer einschlagen,
Wenn sie daran gehen, ein Land zu roden-
Das Eisen unter den Füßen und den Wein über ihren Köpfen.
Und Abgründe zur rechten und linken Hand
Wir sind diesen Weg gegangen — einen nassen und windigen Weg
Unser Leitstern war unser Führer.
Oh, der Welt geht's gut, wenn die Weißen Männer sich Seite an Seite ihren Weg bahnen!“
Im 19. Jahrhundert galt der islamische Orient als Feind, aber als ein in absehbarer Zeit besiegter Feind. Die Kolonialisierung der islamischen Länder war in vollem Gange. Die Türken zogen sich aus den Balkanländern zurück. 1830 war Griechenland endgültig von der Türkenherrschaft befreit. Der Orient, ganz eindeutig der europäischen Überlegenheit ausgeliefert, erregte nun Mitleid gerade durch seine Schwäche.
Es ist leicht und angenehm, dem Feind, der kapituliert, die Ehre zu erweisen. Nun konnte man sich, ohne Gefahr, für die Orientalen begeistern, die den Europäern immer noch wild und barbarisch vorkamen.
Bereits um 1800 war so etwas wie ein Orient-Fieber ausgebrochen. Alles Orientalische wurde zur Kunstrichtung, Lebensform und Mode zugleich. Vor allem Ägyptisches war sehr beliebt. Man sprach von "Ägyptomanie". Dabei spielte der ägyptische Feldzug Napoleons im Jahre 1798 eine entscheidende Rolle. Der Orient wurde zum Fluchtpunkt aus der Enge des bürgerlichen Lebens im Abendland. Die europäischen Dichter und Maler suchten im Orient das Wunderbare und Märchenhafte. Faßt man die Stimmung der Gemälde und Bücher zusammen, die sich im 19. Jahrhundert mit dem Orient befaßten, so ergibt sich das folgende Bild: Farbenfrohe Städte, Pracht und barbarische Wildheit, Harem und Serail, abgehackte Köpfe, Frauen, die in Säcken in den Bosporus geworfen werden, runde blaue Kuppeln und weiß aufragende Minarette, schöne Sklavinnen und dicke Eunuchen, weiß gewandete Derwische, gutmütige Sultane und böse Wesire, kühle Quellen unter Palmen, Christen mit aufgeschlitzten Kehlen und gefangene Europäerinnen, die den stürmischen Leidenschaften der Sieger preisgegeben sind. Ein Bild aus "Tausendundeiner Nacht", das übrigens bereits in alle europäischen Sprachen übersetzt war.
Diese farbenprächtigen Bilder befriedigten auf billige Art und Weise niedrige Instinkte, verworrene sexuelle Phantasien und Wünsche der westlichen Bürger. Wenn Europäer in den Orient reisten, suchten sie dort diese Bilder. Sie wählten das Merkwürdige, Sonderbare aus und übergingen das, was nicht zur vorgefaßten Meinung paßte. Ein Schulbeispiel hierfür sind Reiseberichte des französischen Dichters Gustave Flaubert aus Ägypten: "Um die Menge zu unterhalten, nahm Mohammed Alis Spaßmacher eines Tages eine Frau in einem Kairoer Bazar, setzte sie auf den Verkaufstisch eines Geschäftes und liebte sie öffentlich, während der Geschäftsbesitzer ruhig seine Pfeife rauchte."
So schrieb Flaubert Mitte des 19. Jahrhunderts. In fast allen orientalischen Erfahrungen Flauberts zeigt sich eine Verknüpfung zwischen Orient und erotischen Phantasien. "Auf der Treppe steht, uns zugewandt, im vollen Lichte eine Frau in rosa Hosen, mit dem blauen Himmel als Hintergrund. Um den Leib trägt sie nur einen Schleier von tiefem Violett. Sie kam gerade aus dem Bade. Ihr fester Busen duftete frisch, es war ein Duft, wie von süßlichem Terpentin. Kuchiouk Hanem ist ein großes prächtiges Weib, heller als eine Araberin. Sie stammt aus Damaskus. Ihre Haut, besonders am Körper, ist leicht kaffeebraun. Wenn sie sich hinsetzt, hat sie bronzene Wülste um den Leib. Ihre Augen sind schwarz und übermäßig groß, ihre Brauen sind schwarz. Sie hat langgeschlitzte Nüstern, bereite, kräftige Schultern, volle Brüste, einen Adamsapfel."
Flaubert war keine Ausnahme. Für die europäischen Männer war der Orient der Ort erotischer Phantasien und sinnlicher Erfahrungen. So berichten fast alle europäischen Schriftsteller, die in der Zeit nach 1800 den Orient bereisten, über ihre sexuellen tatsächlichen oder erfundenen Abenteuer. Ein weiteres Beispiel ist hier Pierre Loti, der französische Dichter und Diplomat am osmanischen Hof: "Die türkischen Frauen, besonders die vornehmen Damen, nehmen es mit der Treue, die sie ihren Gatten schulden, wenig genau. Die grausame Bewachung durch manche Männer und die Furcht vor Züchtigung sind, um sie zu zügeln, unentbehrlich. Stets müßig, von Langeweile verzehrt, sind sie im Stande, sich dem erstbesten hinzugeben, dem Diener, der in ihre Fänge gerät oder, wenn er schön ist und ihnen gefällt, dem Schiffer, der sie spazierenfährt. Alle sind sehr neugierig auf die europäischen jungen Männer, die daraus manchmal Nutzen zögen, wenn die Umstände einem solchen Versuch günstig wären. Meine Stellung in Istanbul, meine Kenntnis der türkischen Sprache und Gebräuche — meine abgelegene Tür, die sich lautlos in ihren alten Angeln dreht — waren für solche Art Unternehmen von besonderem Vorteil; und mein Haus hätte ohne weiteres der Treffpunkt schöner Müßiggängerinnen der Harems werden können, wäre mir daran gelegen gewesen."
Die politische und wirtschaftliche Unterlegenheit der islamischen Welt beflügelte auch die christlichen Missionare. Sie sahen im Erfolg der europäischen Länder einen Sieg des Christentums und in der Schwäche des Orients eine endgültige Niederlage des Islam. Die Missionare waren der Ansicht, das Christentum begünstige von Natur aus den Fortschritt und der Islam dagegen die Rückständigkeit.
Der mittelalterliche Haß gegen den Islam und seinen Propheten wurde nun in moderner Sprache vorgetragen. Ein besonders bezeichnendes Beispiel lieferte noch im Jahre 1910 der belgische Jesuitenpater Henri Lamars, der die katholische Islamforschung über längere Zeit maßgeblich beeinflußte. Sein Urteil über Mohammed lautete: "Gerade er, der berühmte Faulpelz, wagte zu behaupten, daß er oft einen großen Teil der Nacht im Gebet verbrachte! Diesen Begriff der nächtlichen Gebete" hat er in der Tat von den christlichen Asketen gestohlen, dann hat er ihn in den Koran geschmuggelt. Aber nie hat er sich darum gekümmert, so etwas in der Praxis durchzusetzen. ... Mohammad, jener Bourgeois, verwöhnt und nach Bequemlichkeit trachtend, feiger und gewalttätiger Kaufmann, der zu jedem Lug und Trug bereit war, der Meuchelmörder organisierte und leitete.
Obwohl das 20. Jahrhundert bereits angebrochen war, sah man den Islam in Europa erneut als eine Verschwörung des Satans gegen die Christenheit. Die katholische Kirche in Frankreich urteilte über den Islam: "Er ist eine Verschwörung der Muslime, Juden und Freimaurer unter dem Befehl des Teufels — gegen Fortschritt und Wahrheit."
Insbesondere hielt man die religiösen Bruderschaften der Muslime für gefährliche Organisationen, die sich von einem barbarischen Haß gegen die Zivilisation leiten ließen. In der populären Presse, in Romanen und Kinderbüchern wurde diese Sichtweise einem breiten Publikum in Europa nahegebracht.
Der Erste Weltkrieg erschütterte das Selbstvertrauen der europäischen Zivilisation. Die Revolutionen und Bewegungen, die gegen die europäischen Kolonialherren in den islamischen Ländern entstanden waren, brachten die europäische Vorherrschaft ins Schwanken. Der Widerstand der islamischen Völker gegen den europäischen Kolonialismus bewirkte in kleinen aber einflußreichen Kreisen des Westens eine Veränderung des Bildes von der islamischen Welt. Doch die große Mehrheit der Europäer sah im Versuch der islamischen Länder, sich von der europäischen Kolonialherrschaft zu befreien, erneut eine Bedrohung der westlichen Zivilisation: "Sie können ihre Wildheit schlecht beherrschen — ihr Widerstand gegen uns Europäer ist entfesselter Fanatismus."
Ahmad Taheri