Hadidan Aharam wurde zum Günstling des Pascha und durfte in seinen Gärten Unkraut jäten. Eines Tages kam ein Sklave zu Hadidan Aharam und verkündete, der Pascha verlange nach ihm. Als er den Palast betrat, saß der Pascha inmitten seines Gefolges.
"Es ist Winter, nicht wahr?" sagte der Pascha
"Ja", antwortete Hadidan Aharam. "Es ist kalt".
"Traust du dir zu, eine Nacht nackt auf dem Dach zu verbringen, ohne ein Feuer?" fragte der Pascha und sah in an. "Wenn du das fertigbringst, darfst du dir wünschen, was du willst. Aber ich bezweifle es."
"Ich schaffe es", sagte Hadidan Aharam.
"Bist du sicher?"
"Ganz sicher."
Als es Abend wurde, zog sich Hadidan Aharam aus und begab sich auf das Dach, wo er zitternd die dunklen Stunden verbrachte und darüber nachdachte, um was er den Pascha bitten sollte, wenn der Morgen kam. In der Dämmerung sah er ein winziges Licht in der Ferne flackern. Es war so weit weg, daß es auf der anderen Seite der Meerenge in Spanien hätte sein können.
Am Morgen lief er hinunter und holte bei den Dienern seine Kleider ab. Dann begab er sich zum Pascha, der wieder unter seinen Freunden saß.
"Guten Morgen. Du hast also tatsächlich die Nacht nackt auf dem Dach verbracht. Bist du sicher, daß nirgendwo ein Feuer gebrannt hat?"
"Nein, Sidi. Es gab kein Feuer."
"Du hast wirklich die ganze Nacht nichts gesehen?" fragte der Pascha und warf ihm einen strengen Blick zu.
"Doch, Sidi. Ich habe ein winziges Licht gesehen, aber ich weiß nicht, wie weit es entfernt war."
"Aha, also doch! Sehr bedauerlich. Du solltest ohne Feuer auskommen. Nein, nein, nein."
"Hab Dank, Sidi." Hadidan Aharam ging zurück zu seiner Gartenarbeit und dachte daran, wie der Pascha sich vor dem ganzen Gefolge über ihn lustig gemacht hatte. Am Ende des Tages ging er heim und setzte sich zu seiner Mutter.
Als erstes zog er seine Kifpfeife hervor und rauchte. Dann erzählte er ihr, warum er in der Nacht zuvor nicht nach Hause gekommen war und was der Pascha ihm angetan hatte.
"Ich muß ihm eine Lektion verpassen", sagte er.
Er ließ eine Woche verstreichen, dann bat er, zum Pascha vorgelassen zu werden.
"Sidi", sagte er. "Ich gebe ein Abendessen und will dich und alle deine Freunde einladen."
Der Pascha wußte um Hadidan Aharams vorzügliche Kochkünste und sagte, er werde die Einladung mit Freuden annehmen.
Als der Tag gekommen war, erschienen der Pascha und ein großer Teil seines Gefolges vor Hadidan Aharams Haus. Während sie hereinkamen, nahm Hadidan Aharam ihnen die Burnusse ab und brachte sie in ein Nebenzimmer. Als alle Gäste vor der Tür ihre Babouches ausgezogen und sich hingesetzt hatten, steckte Hadidan Aharams Mutter Burnusse und Babouches in zwei Säcke und eilte zum Markt. Dort verkaufte sie alles an einen Händler und kaufte von dem Erlös das Essen.
Während sie fort war, brachte Hadidan Aharam Tabletts und Gläser, Gebäck und Zucker, Minze und Tee. Dann hockte er sich neben die Kohlenpfanne und zündete ein Feuer an. Da er nur ein kleines Stückchen Kohle nahm, war die Flamme sehr klein. Und statt den Kessel auf das Feuer zu setzen, hängte er ihn sorgfältig an eine kurze Kordel, die von der Decke herabhing.
Die Gäste saßen da und warteten auf den Tee. Nach einer langen Zeit stand der Pascha auf und trat zu der Ecke, wo Hadidan Aharam neben dem Feuer hockte. "Was ist mit dem Tee?" frage der Pascha.
Hadidan Aharam versuchte, mit dem Blasebalg das Feuer anzufachen. Es war erloschen, nur die Asche wirbelte auf.
"Was ist mit dem Feuer passiert? Was machst du?"
"Das Feuer ist hier", antwortete Hadidan Aharam, und wies auf die Kohlenpfanne.
"Und der Kessel? Wo ist der Kessel?" rief der Pascha.
Hadidan Aharams sah zur Decke auf.
Der Pascha warf einen Blick auf den Kessel über seinem Kopf und sagte: "Und du meinst, so würde das Wasser je kochen?"
"Warum nicht, Sidi? Wenn ein Licht in Spanien einen Mann auf deinem Dach zu erwärmen vermochte."
Der Pascha starrte ihn an. Die anderen, die das Gespräch mitangehört hatten, brachen in lautes Gelächter aus.
Der Pascha setzte sich und lachte mit ihnen, während Hadidan Aharam ein richtiges Feuer anzündete und Tee kochte. Er servierte majoun und gab ihnen Kif zu rauchen, und als seine Mutter mit dem Essen zurückkam, waren alle bester Laune.
"So", sagte Hadidan Aharam. "Hier kommt euer Essen."
Die Gäste verschlangen das Mahl. Als sie aufbrechen wollten, suchten sie vergeblich nach ihren Burnussen und Babouches. "Was hast du damit gemacht?"" fragten sie Hadidan Aharam.
"Tut mir leid, aber ihr habt sie gegessen", antwortete er. "Ich sagte euch doch, daß es euer Essen ist."
Seine Gäste waren jedoch so bekifft, daß ihnen keine Antwort einfiel. Sie bedankten sich bei Hadidan Aharam und machten sich barfuß und ohne ihre Burnusse auf den Heimweg.

"Das Licht" ist der Titel einer Kurzgeschichte aus Mohammed Mrabets Geschichtenband über den Schelm Hadidan Aharam, der voraussichtlich im Herbst bei Maro in Augsburg erscheinen wird. Der Autor stammt aus dem Rif in Marokko und lebt heute in Tanger.
Für die Übersetzung aus dem Englischen ("Harmless Poisons, Blameless Sins" bei Black Sparrow) danken wir Roberto de Hollanda.
Von Mohammad Mrabet erschien 1987 im Maro Verlag „M'Hashish, Geschichten aus Marokko".