Früher war der Rassismus immer woanders. Entweder ortete man ihn räumlich in Amerika und Südafrika oder zeitlich bei den Ideologen des späten 19. Jahrhunderts oder der nationalsozialistischen Ideologie von den "Untermenschen". Auch für die Kritiker des Rassismus sind Apartheid und Nationalsozialismus Referenzpunkte geblieben, aber der Rassismus ist in Europa dem Alltagsleben inzwischen auf die Pelle gerückt. Rassistische Schemata prägen die Wahrnehmung der Welt in den Massenmedien. Der ganz alltägliche Rassismus wird kaum noch geleugnet. Aber wenn er schon als gegenwärtige Tatsache zugegeben wird, dann werden als seine Verursacher wie als seine Exponenten immer die anderen bestimmt. Als Rassist alten Stils, der ins Auge sticht wie der von Sartre geschilderte Onkel, gibt sich kaum einer mehr öffentlich zu erkennen. Offensichtlich ist der Rassismus nicht, wie eine aufklärerische Utopie verspricht, verschwunden; doch seine Veränderung ist evident. Der veränderte gewöhnliche Rassismus bringt auch den aus der Geschichte der europäischen Linken altbekannten Antirassismus in Schwierigkeiten. Er korrespondierte noch mit dem bürgerlichen Assimilationsideal, das durch die Praxis der bürgerlichen Gesellschaft selbst zerstört wurde.

Ideologien, die längst gestorben scheinen, kehren in jüngster Zeit wieder. Wenn man einmal Deutschland nicht als den Nabel der Welt betrachtet, wie es Nationalisten und Antinationalisten in Deutschland zu tun belieben, fällt die Tatsache auf, daß sich in allen fortgeschritteneren kapitalistischen Ländern seit gut einem Jahrzehnt eine Neue Rechte etabliert, die mit populistischen Methoden nicht nur dem Konservativismus, sondern auch der traditionellen Linken Schwierigkeiten macht. Immigration kristallisiert sich zum gesellschaftlichen Konfliktpunkt, an dem Stichwörter wie Nation, Rasse, Kultur und Identität aufleuchten. Kürzlich erschienen Untersuchungen aus den achtziger Jahren von Immanuel Wallerstein aus New York und Etienne Balibar aus Paris, die ihre Studien unter dem lapidaren Titel "Rasse Klasse Nation. Ambivalente Identitäten" zusammenfaßten. Beide Autoren prägten seit Jahren die internationale marxistische Diskussion. Balibar arbeitete in jungen Jahren bei Louis Althussers legendärem Projekt "Lire le Capital" mit, und Wallerstein schuf mit seinem dreibändigen Werk "The Modern World System" ein soziologisches Standardwerk. Wallerstein und Balibar nähern sich den Phänomenen von Rasse, Klasse und Nation von unterschiedlichen Ausgangspunkten, gelangen jedoch zu erstaunlichen Konsequenzen. Beide nehmen die Veränderungen des modernen Kapitalismus ebenso ernst wie die Veränderung der Bewußtseinsformen, in denen die Gesellschaft wahrgenommen wird. Allerdings muß man sich in die Begrifflichkeit vor allem Balibars erst einmal einiesen, um den Wert seiner Studien goutieren zu können.

Balibar konzentriert sich auf das Neue am Rassismus, den er im Unterschied zum traditionellen Rassismus den "differentialistischen Rassismus" nennt. Der differentialistische Rassismus greift die Argumente auf, die gegen die Universalisierung eurozentrischer Weltbilder vorgebracht wurden. Das Recht auf Differenz, das einst mühsam nicht nur dem aufklärerischen Universalismus, sondern auch dem traditionellen Marxismus abgetrotzt werden mußte, erscheint nun plötzlich als Vorstufe einer modernisierten rassistischen Argumentation: Claude Levi-Strauss als Vorläufer von Le Pen? Kulturelle Differenz wird auf jeden Fall argumentativ zur Voraussetzung eines drohenden Ethnozids gemacht, doch der differentialistische Rassist verkehrt die Bedrohung, die von der Universalisierung der europäischen Gesellschaft ausging, in eine Gefahr kulturellen Untergangs für das Abendland. Balibar versucht die Veränderung im Rassismus in immer neuen Definitionen: "Von der Theorie der Rassen bzw. des Kampfes der Rassen in der Menschheitsgeschichte — ganz gleich, ob diese auf biologische oder auf psychologische Grundlagen zurückgeführt wurden — wird der Übergang zu einer Theorie der 'ethnischen Beziehungen' (oder auch der 'race relations') innerhalb der Gesellschaft vollzogen, die nicht die rassische Zugehörigkeit, sondern das rassistische Verhalten zu einem natürlichen Faktor erklärt. Der differentialistische Rassismus ist also, logisch betrachtet, ein Meta-Rassismus bzw. ein Rassismus, den wir als 'Rassismus in zweiter Linie' kennzeichnen können, d.h. ein Rassismus, der vorgibt, aus dem Konflikt zwischen Rassismus und Antirassismus seine Lehren gezogen zu haben, und sich selbst als eine politisch eingriffsfähige Theorie der Ursachen von gesellschaftlicher Aggressivität darstellt.“

Ein Dilemma, das Balibars und Wallersteins Rassismuskritik kompliziert, besteht in der Unklarheit, ob sie den Rassismus als Theorie oder mehrere Theorien ernst nehmen wollen, als Ideologie analysieren oder als alltägliches Praxismuster begreifen wollen. Ebenso wie die Nation schillert die Kategorie der Rasse in dem jeweiligen historisch-gesellschaftlichen Kontext. Ihren Oszillationen läßt sich mit dem definitorischen Verfahren nicht beikpmmen, das beide anwenden. Rassismus wird zu einer umfangslogischen Kategorie, unter die alle historischen und gesellschaftlichen Spezifitäten subsumiert werden. Die Schwäche dieser Argumentationsweise zeigt sich deutlich, wenn Balibar den Antisemitismus zur Illustration des Rassismus heranzieht. Der Antisemitismus wird als Spezialfall unter den Rassismus subsumiert — als differentialistischer Rassismus par excellence. Damit haftet der Balibarschen Typologie etwas Rationalistisches, seltsam Ungeschichtliches an. Im Grunde genommen scheint sich Balibar auf Alltagsdiskurse zu beziehen, denen er versucht, einen theoretisch akzeptablen, doch kritikablen Hintergrund zu verleihen. Mit umgekehrtem Leninismus behauptet er steif und fest: "Es gibt in der Tat ohne Theorie(n) keinen Rassismus."

Balibar wie Wallerstein betonen die manipulative Seite von Rassismus und Nationalismus, ihre Funktionalität für die Aufrechterhaltung der Herrschaft. In dieser Allgemeinheit läßt sich das nicht abstreiten; aber zugleich gerät die einseitige Betonung der Funktionalität in die Nähe einer Verschwörungstheorie. Das herrschende Subjekt wird personengleich dämonisiert. Fiktive Kollektivsubjekte entstehen: Als ob "der" Rassismus hassen und verfolgen würde! Von einer einheitlichen herrschenden Klasse wagen weder Balibar noch Wallerstein zu reden. Aber tatsächlich machen Abstraktionen bei ihnen Geschichte. Unter den kategorischen Typologien stößt man auf eine Ontologie von Arbeit und Klasse als sicherem Fundament. Ein theoretischer Rap dance wird in kategorialen Ritterrüstungen aufgeführt, die grauenhaft klirren, wenn sie sich der gesellschaftlichen Empirie nähern.

Es liegt auf der Hand: Rasse und Nation sind keineswegs eindeutige Begriffe, sondern ihnen sind die Widersprüche der Aufklärung inhärent. Aber seit dem 18. Jahrhundert unterliegen sie auch einer historischen Dialektik, die selbst noch in der alltäglichen Wahrnehmung der Gegenwart präsent ist. Der von Balibar vehement zurückgewiesene Begriff "Vorurteil" enthält mehr von der historischen Dynamik als seine Typologien. Der Zusammenhang von Universalismus und rassistischem, nationalistischem und sexistischem Partikularismus entbehrt jeder gesellschaftsgeschichtlichen Konkretion, die doch die Probe aufs Exempel wäre. Die rapide Veränderung der Klassengesellschaft auf dem Boden der Klassengesellschaft selbst und die damit einhergehende Entwertung der Arbeit verändert den Bedeutungszusammenhang der vorgestellten Kategorien, die nach Balibar und Wallerstein zwischen Gesellschaft und Gemeinschaft oszillieren. Aber auch dieser gute Einfall kommt nicht zur Entfaltung, sondern wird in das Konzept ambivalenter Identität eingesperrt. Balibar und Wallerstein reduzieren die Ambivalenz nahezu auf ihre Herrschaftsfunktionalität, ohne deren kollektive wie individuelle Produktionsbedingungen zu untersuchen. Vor diesem Hintergrund wirken die Unterschiede von Klasse an sich und für sich scholastisch, wenn unerklärlich bleibt, warum in die unterdrückte Klasse Rassismus und Nationalismus eindringen. Wallerstein ordnet Sexismus und Rassismus als Funktionen einer abstrakten ökonomischen Rationalität zu, die man nur als modellhafte Konstruktion akzeptieren kann.

Im Vergleich zur marxistisch-leninistischen Scholastik der Vergangenheit wirken die Analysen von Balibar und Wallerstein lebhaft. Sie sind offen gegenüber den im Vergleich zur Bundesrepublik spannenderen theoretischen Nationalismus- und Rassismusdiskussionen in Frankreich und im angloamerikanischen Raum. Diese Offenheit zwingt die Autoren, die Kategorien von Rasse und Nation nicht statisch zu handhaben; aber der Hang, unbrauchbare verbale Neuschöpfungen wie "Rassisierung" und "Ethnisierung" zur Erklärung von Alltagsphänomenen heranzuziehen, deutet auf eine falsche negative Sinngebung hin. Ohne Reflexion auf die Psychodynamik lassen sich die Triebkräfte nicht erkennen, die unterdrückte Menschen dazu bringen, irrationale, gewalttätige Praktiken einer rationalen Interessenwahrnehmung vorzuziehen. Der sympathische Versuch, in einer Weltgesellschaft ohne Alternative die Möglichkeit marxistischer Kritik zu begründen, erstarrt in positivierten Lehrformeln, die manchmal eine heimliche Bewunderung für den Massenerfolg rassistischer Ideologen kaum verbergen: "Ein praktischer Humanismus muß heute zuallererst ein affektiver Antirassismus sein." Marxistische Kritik fällt in anständige Gesinnung zurück — selbst bei den klügsten Marxisten im Westen läßt sich das Elend einer marxistischen Philosophie nicht verheimlichen, die nicht von der "Dialektik der Aufklärung" sich selbst in Frage stellen läßt.

Detlev Claussen