"Bist du Jude? Wieso lebst du dann?"
Zu Raul Hilbergs "Die Vernichtung der europäischen Juden" [1]
Seit Herbst letzten Jahres liegt Raul Hilbergs "Die Vernichtung der europäischen Juden" als erweiterte und überarbeitete dreibändige Taschenbuchausgabe vor. Hilbergs Lebenswerk ist die umfassendste Darstellung des von Deutschen in Gang gesetzten Vernichtungsprozesses, die sowohl die Vorgeschichte vor 1933 als auch die Nachgeschichte nach 1945 umfaßt.
Obwohl bereits 1961 in den USA veröffentlicht, erschien die deutsche Übersetzung erst 1982 bei dem kleinen Verlag Olle & Wolter. Droemer-Knaur in München erwarb zwar 1964 die Rechte und übersetzte die ersten dreihundert Seiten, brach dann das Projekt aber mit der Begründung ab, die Art und Weise, wie Hilberg über das Verhalten der Juden spreche, sei geeignet, antisemitische Ressentiments zu wecken. Hilberg dagegen meint, der Verlag wollte sich Kontroversen in der Öffentlichkeit ersparen, wie es sie nach der Veröffentlichung von Hannah Arendts "Eichmann in Jerusalem" gegeben habe. Zudem seien in jener Zeit die ersten großen Prozesse gegen die Täter geführt worden und Fragen wie die nach "Verjährung" hätten die öffentliche Diskussion bestimmt. So kam es, daß 21 Jahre vergingen, bevor "Das Standardwerk über den Holocaust" auf Deutsch erscheinen konnte Am 14. Januar sprach Raul Hilberg im Rahmen der Film- und Vortragsreihe "Lights out in Europe" in der Camera an der Goethe-Universität in Frankfurt. Auf Einladung des Pupille und Schöne Neue Welt e.V. stellte er die wichtigsten Thesen seiner Arbeit vor.
Am selben Tag beantwortete er in einem Interview die Fragen der Zeitschriften diskus und links. Auszüge daraus drucken wir im Anschluß an den Artikel, der auf Basis von Hilbergs Werk den Prozeß der Vernichtung der europäischen Juden schildert. Hilbergs Vortrag und das ungekürzte Interview erscheinen voraussichtlich in der Februar-Ausgabe der links.
Vier Stufen der Erkenntnis lassen sich bezüglich der Vernichtung der europäischen Juden unterscheiden. Auf der ersten Stufe wird nicht anerkannt, daß sich der nationalsozialistische Vernichtungsprozeß in besonderer Weise auf Juden bezog. Juden gelten entweder als Opfer unter anderen oder werden gänzlich ignoriert, indem sie zu "Patrioten" stilisiert werden. Die zweite Form der Erkenntnis akzeptiert die Tatsache, daß Juden als Juden von der Verfolgung betroffen und die ergriffenen Maßnahmen maßgeblich zu ihrer Ermordung konzipiert waren. Die Herausstellung der besonderen Lage der Juden bedeutet keine Mißachtung anderer Kategorien von Opfern, während eine Leugnung der speziellen jüdischen Situation ein völliges Verkennen des deutschen Antisemitismus und deutscher Gesellschaft überhaupt zur Folge hat. Auf dieser Stufe stellen sich gewöhnlich gleichsam als Entschuldigung die Fragen: Warum haben sich die Juden nicht gewehrt? Weshalb sind sie so schweigend in den Tod gegangen? Diese Fragen implizieren die leichtsinnige Behauptung, daß die Juden aufgrund ihrer Passivität eben auch ein wenig selbst an ihrem Schicksal Schuld seien. Die dritte Stufe führt zur Entdeckung des jüdischen Widerstands. Von dem Attentat Herschel Grynszpans auf den deutschen Gesandtschaftsrat vom Rath 1938 bis zu den verzweifelten Aufständen in den Vernichtungslagern Treblinka (2. August 1943), Sobibor (14. Oktober 1943) und Auschwitz (7. Oktober 1944) gab es eine Reihe von jüdischen Widerstandsaktivitäten. Das große Fanal war der Aufstand im Warschauer Ghetto, der am 19. April 1943 ausbrach und erst am 16. Mai 1943 von den Deutschen endgültig niedergeschlagen werden konnte. Doch die Größe und die Resultate des Widerstands zeigen, daß die Vernichtung der europäischen Juden im wesentlichen eine Geschichte des Sterbens ohne erfolgreiche Gegenwehr ist. Dies führt uns zur vierten Stufe. Ihre Wahrheit ist der Tod. Die Deutschen setzten einen Vernichtungsprozeß in Gang, der sich selbst genügte und keine übergeordneten Zielsetzungen verfolgte. Dieses sinnlose Sterben ist für den Betrachter schier unerträglich. Daraus resultiert der Wunsch nach rebellischen Aktionen. Marek Edelmann, stellvertretender Kommandant der jüdischen Kampforganisation (ZOB) und einer der wenigen Überlebenden des Warschauer Ghettos, bezeichnet genau den Ort, den durchschreiten muß, wer auch nur annähernd begreifen will, was geschah. Hanna Krall berichtet: "'Mein Kind', sagt er zu mir. 'Du mußt das endlich verstehen. Diese Menschen gingen ruhig und würdevoll. Es ist schrecklich, wenn man so ruhig in den Tod geht. Das ist wesentlich schwieriger als zu schießen. Es ist ja viel leichter, schießend zu sterben, es war für uns viel leichter zu sterben, als für einen Menschen, der auf den Waggon zugeht und dann im Waggon fährt und dann eine Grube für sich gräbt und sich dann nackt auszieht ... Verstehst du das jetzt?' fragt er.
'Ja', sage ich. 'Das ja. Denn es fällt uns auch leichter, ihren Tod mitanzusehen, wenn sie schießen, als wenn sie Gruben für sich selbst ausheben.'" [2] Um den Vernichtungsprozeß zu erfassen, ist die Frage nach dem Verhalten der Opfer falsch. Es muß nach denen gefragt werden, die das Massensterben veranlaßten, es muß verstanden werden, wie sie es durchführten. Erst daraus erhellt sich, weshalb die Opfer so und nicht anders handelten
Die deutsche Tat
Genau hier setzt Hilbergs Buch an. Im Vorwort zur englischen Erstausgabe schreibt er, daß es "kein Buch über die Juden ist. Es ist ein Buch über das Volk, das die Juden vernichtete. Hier wird nicht viel über die Opfer zu lesen sein. Der Blick ist auf die Täter konzentriert." [3]
Die Fragestellung ist allgemeiner Natur. Es geht um die Struktur bürokratischer Prozesse als solcher. Wie sind durch Menschen geplante, administrativ beschlossene und systematisch durchgeführte Massentötungen von Menschen möglich? Um dies nachzuvollziehen, müssen aber spezifische Fragen gestellt werden. Der Vemichtungsprozeß wurde von Deutschland in Gang gesetzt. Ziel der Destruktion waren nicht gesellschaftliche Strukturen, sondern Menschen. Es war die deutsche Bürokratie, die sich zur Vernichtungsmaschinerie entwickelte. Es geschah in Deutschland, daß die technischen Errungenschaften der Moderne für den Völkermord nutzbar gemacht wurden. Der Vernichtungsprozeß wurde tatsächlich in seiner letzten Dimension, den Massenerschießungen in der Sowjetunion und den Vergasungen in den Todeslagern, fast ausschließlich von Deutschen durchgeführt. [4] Juden waren nicht die einzigen Opfer des Vernichtungsprozesses, sie waren "lediglich die ersten Opfer der deutschen Bürokratie" (1068). Allerdings war es kein Zufall, daß gerade Juden dem entfalteten Destruktionspotential des Nationalsozialismus ausgesetzt waren und die Zerstörung des europäischen Judentums annähernd vollständig gelang.
Die beste Charakterisierung seines Buches stammt von Hilberg selbst: "Das Buch ist voluminös und komplex. Es ist dies notgedrungen, weil die Ereignisse, die es schildert, gewaltig und verwickelt waren. Es ist detailliert, weil es eine ganze Kette von Schritten behandelt, die von der Definition des Begriffs Jude" bis in die Düsternis der Gaskammern führt Es verkürzt nicht, um Maßnahmen uneingeschränkt schildern zu können, die uneingeschränkt ergriffen wurden." (9) Sein Werk zeichnet sich dadurch aus, den Vernichtungsprozeß in seiner ganzen Dimension zu erfassen, ohne dabei einfach chronologisch zu verfahren. Er folgt der logischen Struktur der antijüdischen Politik, die sich schließlich in modifizierter Form in jedem von Deportationen betroffenen Land aufzeigen läßt, wobei die Maßnahmen innerhalb Deutschlands als Präzedenzfälle gelten. Die gesammelten Erfahrungen wurden bei der Expansion des Prozesses während des Krieges zur Effektivierung der Vernichtungmaschinerie herangezogen.
Der Vernichtungsprozeß läßt sich in vier Schritte gliedern. Er beginnt mit der Definition des Wortes "Jude" [5]. Um eine Gruppe von Personen gesondert behandeln zu können, bedarf es zuerst einer Bestimmung dieser Zielgruppe. Der Definition folgten Enteignungen, die vor allem den größeren Unternehmen, aber auch dem Staat wie Einzelpersonen Gewinn brachten. Der dritte Schritt bestand in der sozialen und territorialen Konzentration der Juden. Das beinhaltete die Untersagung von Kontakten zwischen Juden und Nichtjuden, Kennzeichnungsmaßnahmen und schließlich die Ghettoisierung.
Definition, Enteignung und Konzentration bewegen sich im Rahmen traditioneller antijüdischer Maßnahmen. Sie haben ihre historischen Vorläufer, von denen sie sich nur in ihrer umfassenden Systematik unterscheiden. Auch das Ziel dieser Maßnahmen, die Vertreibung, wurde schon im Mittelalter praktiziert. Bis 1941 beerbten die Deutschen die Vergangenheit, ohne wirklich Neues hinzuzufügen. [6] Im Jahre 1941 gab es einen radikalen qualitativen Einschnitt. Die Option der Emigration wich dem Ziel der Ausrottung. Der vierte Schritt, die faktische Vernichtung, die der vorhergehenden Maßnahmen notwendig bedurfte, kulminierte in den mobilen Tötungsoperationen in der besetzten Sowjetunion und den Deportationen der anderen europäischen Juden in die Vernichtungslager. Diese Lager bleiben bis heute eine uneingeholte Wirklichkeit der deutschen Geschichte Von dieser letzten Phase aus gewinnt der ganze Prozeß der Vernichtung das Stigma des singulären Geschehens. Die These der Singularität besagt nicht, daß Vergleichbares nicht mehr geschehen könnte. Sie verknüpft aber diese bisherige historische Einmaligkeit mit der deutschen Geschichte und betont, daß dieses Verbrechen nur vor dem Hintergrund der besonderen Entwicklung Deutschlands begriffen werden kann und eine universale Schuldzuweisung, die sich auf die Unzulänglichkeit des menschlichen Geschlechts beruft, unzulässig ist.
Das nationalsozialistische Herrschaftssystem
Dieser Wahrheit entsprechend geht Hilberg in seiner Darstellung vom nationalsozialistischen Herrschaftssystem aus. "Der deutsche Machtapparat bestand aus einem Führer (Adolf Hitler) und vier verschiedenen hierarchischen Gruppen — Ministerialbürokratie, Wehrmacht, Industrie und Partei." (59) Hilberg stützt sich dabei auf Franz Neumanns Analyse des Nationalsozialismus in seinem erstmals 1942 erschienen Buch "Behemoth". [7] Die Ministerialbürokratie war im Anfangsstadium die zentrale Kraft antijüdischer Verordnungen. Ihre Macht nahm zwar gegenüber den anderen Sektoren des Herrschaftssystems beständig ab, sie leistete aber auch später entscheidene Beiträge zum Vernichtungsprozeß. Hilberg beweist dies mittels eines kleinen Büchleins über die Funktion der Reichsbahn bei den Deportationen. [8] Die Wehrmacht wurde mit Ausbruch des Krieges Teil der Vernichtungsmaschinerie. In den von der deutschen Wehrmacht kontrollierten Ländern fanden umfangreiche Tötungsaktionen statt. Wehrmachtseinheiten beteiligten sich an allen Maßnahmen, "darunter an der Tötung von Juden durch mobile Sondereinheiten und am Transport von Juden in die Vernichtungslager" (60). In Serbien wurden Juden direkt von der Wehrmacht erschossen. "Die Rolle der SS bei den Exekutionen schränkte [der bevollmächtigte kommandierende General in Serbien] Böhme durch die Anordnung ein, daß die Erschießungen von der Truppe durchzuführen seien, und zwar möglichst von der Einheit, die die Verluste erlitten habe An den Juden war also Rache zu nehmen." (731) Für jeden getöteten Deutschen wurden 100, für jeden verwundeten Deutschen 50 Gefangene, darunter überwiegend Juden, erschossen.
Die Industrie profitierte von der Enteignung jüdischer Betriebe und der Einführung von Zwangsarbeit. Sie lieferte sowohl die Verbrennungsöfen als auch das Gas für die Vernichtungslager.
Die NSDAP stellte den entschiedensten Teil des Herrschaftssystems dar: ihr militärischer Arm, die SS, führte maßgeblich den Mord an den Juden durch.
Dieses grauenhafte Unternehmen gelang, ohne daß eine eigens zu diesem Zweck eingerichtete Behörde nötig war oder ein Sonderbudget bereitgestellt worden wäre Der Zerstörungsprozeß schritt kontinuierlich voran. "Auch in unüblichen Situationen kamen die üblichen Praktiken zur Anwendung. Das Finanzministerium griff auf Beschlagnahmeverfahren zurück, um den Auschwitz-Komplex zu errichten, die Deutsche Reichsbahn stellte der Sicherheitspolizei für die Judentransporte Rechnungen aus, in denen für jeden Deportierten der einfache Fahrpreis der zurückgelegten Strecke berechnet wurde." (1063) Alltagshandlungen führten in eine nicht alltägliche Katastrophe Im folgenden sollen die vier Stufen der Judenverfolgung skizziert werden. Es gilt zu bemerken, daß die Stufen nicht schematisch getrennt betrachtet werden dürfen, sondern ineinandergreifen. Diese Einteilung dient nur der Hervorhebung verschiedener Dimensionen des Gesamtprozesses. Lag die endgültige Definition des Wortes "Jude" erst 1935 vor, begann die Phase der Enteignungen bereits am 7. April 1933 mit dem "Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums", das die Entlassung aller "nicht arischen" Beamten zur Folge hatte, sofern sie nicht seit dem 1. August 1914 (Beginn des 1. Weltkriegs) verbeamtet oder Weltkriegsteilnehmer bzw. Väter oder Söhne von gefallenen Soldaten waren. Doch sollten auch diese Privilegien im Laufe der Zeit aufgehoben werden.
Definition
Der Nationalsozialismus hatte von seiner ersten Stunde an Juden zu unmittelbaren Feinden erklärt. Während Kommunisten, Bibelforscher etc. potentiell umerzogen werden konnten, sofern sie "arischer" Abstammung waren, galt allein die Tatsache, Jude zu sein, als Verbrechen. Bereits das Parteiprogramm der NSDAP von 1920 behauptete den minderen Status der Juden: „4.) Staatsbürger kann nur sein, wer Volksgenosse ist. Volksgenosse kann nur sein, wer deutschen Blutes ist, ohne Rücksichtnahme auf Konfession. Kein Jude kann daher Volksgenosse sein.
5.) Wer nicht Staatsbürger ist, soll nur als Gast in Deutschland leben können und muß unter Fremdengesetzgebung stehen.“ [9]
Der Regierungsantritt der Nationalsozialisten machte nun eine Definition des Wortes "Jude" nötig. Das war die Aufgabe des Reichsinnenministeriums, die endgültige Definition von 1935 stammte von Staatssekretär Dr. Stuckart und seinem Referenten für Judenfragen, Ministerialrat Dr. Lösener. Nach dieser war "Jude", wer wenigstens drei jüdische Großeltern besaß. Als "Jude" galt, wer von zwei jüdischen Großeltern abstammte und sich zur jüdischen Religion bekannte oder mit einem Juden verheiratet oder Sproß einer ehelichen sowie außerehelichen Verbindung mit einem Juden war. "Für die Bestimmung des Status der Großeltern galt weiterhin, daß ein Großelternteil jüdisch war, wenn er (oder sie) der jüdischen Religionsgemeinschaft angehörte." (76) Die nationalsozialistische Definition fußte also nicht auf rassischen Kriterien (dies hätten z.B. körperliche Merkmale sein müssen), sondern auf der Religionszugehörigkeit der Großeltern. Hitlers Behauptung von 1919, daß das "Judentum unbedingt Rasse und nicht Religionsgemeinschaft" [10] sei, konnte selbst die nationalsozialistische Definition nicht einlösen. [11]
Enteignungen
Darunter versteht Hilberg den Prozeß der systematischen Verarmung der Juden. Er umfaßt Entlassungen, "Arisierungen", d.h. Übernahme jüdischen Eigentums durch Deutsche, Lohnkürzungen und Rationierungen von Lebensmitteln. Während, die Forcierung der Enteignungen den Deutschen immer weniger Gewinn abwarf, verursachte sie der jüdischen Bevölkerung immer größere Qualen und verurteilte sie zum Hungertod.
Alle vier Bereiche des deutschen Machtapparats waren in diesen Prozeß involviert, die Ministerialbürokratie und die Wirtschaft, allen voran die Dresdner Bank, zeichneten sich jedoch als Hauptakteure aus. Um die vermeintliche "jüdische Macht" zu brechen, begannen die Enteignungen mit der Entlassung von Juden aus den Ministerien, der Wehrmacht und der Industrie [12] , da diese Hierarchien das Rückgrat der Vernichtungsmaschinerie bildeten. Interessanterweise — und dies wirft ein Licht auf den Antisemitismus vor 1933 — war der Entlassungsprozeß bei der Wehrmacht am einfachsten zu regeln. Sie war 1933 mit offiziell 100000 Soldaten eine relativ kleine Organisation, vor allem aber war das preußische Militär schon immer darauf bedacht gewesen, Juden fernzuhalten. "Noch 1910 konnte in der preußischen Armee kein Jude Berufsoffizier werden, sofern er nicht seine Religion wechselte oder Arzt war." (93) Der zentrale Eingriff, der den Juden in Deutschland jede selbständige Existenzmöglichkeit nahm, war die "Arisierung" vor allem der unabhängigen jüdischen Betriebe. Um den Verkauf zu beschleunigen und den Preis zu senken, bediente man sich bis 1938 des Käufer- und Zuliefererboykotts jüdischer Geschäfte und Betriebe sowie der Käuferabsprachen und behördlicher Genehmigungen. Die Banken spezialisierten sich auf die Vermittlung von "Arisierungen" und wurden selbst als Käufer tätig. Schließlich ging der Zwang bei den sogenannten "freiwilligen Arisierungen" so weit, daß unwilligen Juden die Ausreise verweigert und sie verhaftet wurden. 1938 nun wurde die Schließung jüdischer Arztpraxen, Rechtsanwaltskanzleien und Einzelhandelsgeschäfte angeordnet. Juden wurden administrativ gezwungen, ihre Betriebe unter Wert zu veräußern Profitierte von den "Arisierungen" vor allem der Wirtschaftssektor, hielt sich der Staat schadlos, indem er den Juden Vermögenssteuern auferlegte. Doch war das nicht das Ende der Enteignungen. "Während es die antijüdischen Maßnahmen der Jahre vor 1939 auf die jüdischen Kapitalien abgesehen hatten, zielten die Verordnungen der Kriegszeit auf das jüdische Einkommen ab. Von nun an nahm die Bürokratie den Juden ihre Einkünfte." (154) Juden wurden zur Zwangsarbeit herangezogen und minimal entlohnt, schließlich kürzte man die ihnen zustehenden Lebensmittelrationen auf drastische Weise. Die in Deutschland verbliebenen Juden waren "auf eine Schar hungernder Zwangsarbeiter reduziert" (163) worden.
Konzentration
Die Phase der Konzentration, im engeren Sinne die Ghettoisierung, hatte wie die vorhergehenden Stufen ihre historischen Vorgänger. Sie war insofern keine Erfindung des Nationalsozialismus, bekam aber als direkte Voraussetzung der Deportationen eine neue Qualität. Die Ghettos selbst waren vor allem in Polen Orte des Massensterbens. Ziel der Deutschen war nicht der Lebenserhalt jüdischer Ghettobewohner, sondern ihr Hungertod.
Eine Maßnahme der Konzentration war die Kennzeichnung der Juden. Der "Judenstern" wies jeden Träger augenblicklich als Verfemten aus und war ein untrügliches Zeichen für das Stadium, das der Vernichtungsprozeß bereits erreicht hatte. Die Kennzeichnung wurde, obwohl bereits drei Tage nach der "Reichskristallnacht" für Deutschland vorgeschlagen, erstmals ein Jahr später in Polen eingeführt. [13] Der Konzentrationsprozeß vollzog sich in Polen zielstrebiger als in Deutschland. "Das neubesetzte polnische Territorium war in der Tat ein Experimentierfeld. Innerhalb kürzester Zeit zog die Vernichtungsmaschinerie in Polen mit der Bürokratie in Berlin gleich und überholte sie." (197) Das erste große Ghetto, im April 1940 in Lodz errichtet, sollte zugleich alle anderen überdauern. "Die Liquidierung des Ghettos [Lodz] erforderte eine ungewöhnlich lange Zeit. Als es schließlich im August 1944 abgerissen wurde, hatte es vier Jahre und vier Monate existiert. Eine so lange Zeit überdauerte kein anderes Ghetto im von Deutschland besetzten Europa." (234) Das Warschauer Ghetto, das im März 1941 445000 Menschen zählte, wurde nach vierwöchigem Kampf am 16. Mai 1943 endgültig aufgelöst. Bis auf wenige Ausnahmen waren alle Bewohner innerhalb von zwei Jahren ermordet worden.
Die Ghettos sollten nach deutschen Plänen von vorneherein nur Zwischenlösungen sein. Allerdings war die physische Vernichtung 1940 noch nicht beschlossen. Doch schon jetzt kam es auf das Leben eines einzelnen Juden nicht mehr an. "Stadt für Stadt setzten die Lokalbeamten den gleichen dreistufigen Prozeß in Gang. Sie wählten den geeigneten Ort für das Ghetto, erteilten 'schlagartige' Umzugsbefehle und sperrten das Ghetto ab, sobald alle Juden einquartiert waren."" (238) Die Strategie des Blitzkrieges setzte sich auch hier durch.
Bemerkenswert sind die Gründe, weshalb in Deutschland das Ghetto nicht eingeführt wurde. Der Hauptorganisator des Vernichtungsprozesses, Reinhard Heydrich, erhob auf einen Ghettoisierungsvorschlag des zweiten Mannes im nationalsozialistischen Deutschland, Hermann Göring, folgenden Einwand: "Das Ghetto, wo der Jude sich mit dem gesamten Judenvolk versammelt, ist in polizeilicher Hinsicht unüberwachbar. Es bleibt der ewige Schlupfwinkel für Verbrechen und vor allen Dingen von Seuchen und ähnlichen Dingen. Heute ist es so, daß die deutsche Bevölkerung — wir wollen die Juden auch nicht in dem selben Haus lassen — in den Straßenzügen oder in den Häusern den Juden zwingen [sic!], sich zusammenzunehmen. Die Kontrolle des Juden durch das wachsame Auge der gesamten Bevölkerung ist besser, als wenn Sie die Juden zu Tausenden und aber Tausenden in einem Stadtteil haben [...]" [14] Entsprechend wurden Juden ab 1939 in gesonderte Häuser eingewiesen, aber nicht in einem Stadtteil interniert. Das Ergebnis des Vernichtungsfeldzuges bestätigte Heydrichs Urteil über die deutsche Bevölkerung als Hilfspolizei: über 120000 deutsche Juden wurden ermordet. In Polen jedoch stand weder eine solch zuverlässige Bevölkerung zur Verfügung noch stellten Seuchen eine Bedrohung dar, da sie Deutsche bzw. "Arier" nicht betrafen. Aufgrund zunehmender Verschlechterung der Wohnverhältnisse, mangelnder medizinischer Versorgung und Unterernährung grassierten Fleckfieber, Darmtyphus, Tuberkulose und Grippe mit tödlichem Ausgang im Ghetto
Vernichtung
Hitler hatte im Januar 1939 — sieben Monate vor dem Einmarsch deutscher Truppen in Polen — erklärt: "Wenn es dem internationalen Finanzjudentum in und außerhalb Europas gelingen sollte, die Völker noch einmal in einen Weltkrieg zu stürzen, dann wird das Ergebnis nicht die Bolschewisierung der Erde und damit der Sieg des Judentums sein, sondern die Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa." [15] Bis 1941 bewegte sich die nationalsozialistische Politik innerhalb traditioneller antisemitischer Bahnen. Ziel war die Vertreibung, der Plan, die europäischen Juden nach Madagaskar zu deportieren, wurde ernsthaft erörtert. Dieser zerschlug sich aufgrund der militärischen Lage. Doch reifte eine weit furchtbarere "Lösung" heran. [16] Zwischen Sommer und November 1941 fiel der Entschluß zur physischen Vernichtung der Juden. "Mitte 1941 war die Scheidelinie erreicht; und hinter ihr erstreckte sich ein Spektrum von Aktionen ohne Vorläufer, aber auch ohne Beschränkungen der Vergangenheit." (420) Die endgültige Vernichtung der europäischen Juden war eine deutsche Erfindung.
Bereits seit August 1941 agierten mobile Tötungseinheiten im Schutze der Wehrmacht in der Sowjetunion. Diese Einsatzgruppen hatten die Aufgabe, Juden, kommunistische Parteifunktionäre und Geisteskranke sofort zu erschießen. Schließlich betrug die Zahl der erschossenen Juden 1300000.
Die Juden im übrigen Europa tötete man auf andere Art. Sie wurden in Vernichtungslager deportiert. Die berüchtigte Wannseekonferenz vom 20. Januar 1942 sicherte die Mitarbeit der Verwaltungsbürokratie an dem Ausrottungsplan. "Zwei Behörden standen im Zentrum des Deportationsprozesses: die eine relativ klein — die Abteilung IV-B-4 des RSHA [Reichssicherheitshauptamt der SS] die andere eine der größten — die dem Verkehrsministerium unterstehende Reichsbahn. Referat IV-B-4 unter Adolf Eichmann war für den gesamten Deportationsraum außerhalb Polens (wo sich SS- und Polizeistellen um die Auflösung der Ghettos kümmerten) zuständig. Das Verkehrsministerium mit seinen Neben- und Unterorganisationen war für den Zugverkehr im gesamten Achseneuropa verantwortlich." (462) Beide erfüllten ihre Aufgabe aufs genaueste. Schon vor der Wannseekonferenz hatten bereits Deportationen aus dem Reichsgebiet und dem Protektorat BöhmenMähren eingesetzt, während Juden aus dem Wartheland seit Dezember 1941 in Kulmhof (Chelmno) vergast wurden. Von nun an nahm der Umfang der Vernichtungsoperation immer größere Ausmaße an. Die Nationalsozialisten bedurften einer Form maschineller Massenvernichtung. Dies waren die Vernichtungslager.
Vernichtungslager dürfen nicht mit Konzentrationslagern verwechselt werden. Sie sind qualitativ verschieden. Diese Differenz nivelliert z.B. Hans-Martin Lohmann bei der Rezension einer kürzlich erschienen Dokumentation des nationalsozialistischen Lagersystems. [17] Lohmann schreibt: "[...] Dachau, Buchenwald, Theresienstadt, Auschwitz, Treblinka. Die Namen stehen für ein Wort: Konzentrationslager." [18] Während dies auf Dachau und Buchenwald zutrifft, war Theresienstadt als Ghetto konzipiert. Auschwitz stellte eine Kombination von Konzentrations- und Vernichtungslager dar, Treblinka aber war ein reines Vernichtungslager. Lohmanns Nachlässigkeit wird im Begriffsverzeichnis des von ihm rezensierten Buches selbst korrigiert. Dort heißt es: "Vernichtungslager werden fälschlich mit Konzentrationslagern gleichgesetzt, vielleicht deswegen, weil zwei Vernichtungslager innerhalb eines KZ errichtet wurden. [Dies betrifft Auschwitz-Birkenau und Lublin (Majdanek).] Konzentrationslager sind aber, ihrer Anlage und Funktion nach, Instrumente zur Massenversklavung, zur sozialen Kontrolle durch Einschüchterung und Terror, keine Apparate zur Massenvernichtung. [...] Genau besehen ist es eigentlich falsch, überhaupt von Vernichtungslagern zu sprechen, Vernichtungszentren wäre treffender. Denn die betreffenden Anlagen verfügten über kein 'Lager', da ein Aufenthalt der Deportierten überhaupt nicht vorgesehen war. Die Deportierten hatten nach Verlassen der Züge nur noch wenige Stunden zu leben, sie wurden keine Lagerhäftlinge. Wenn sich diese Frist auf einige Tage verlängerte, waren das Improvisationen erfordernde Ausnahmen, gewissermaßen Betriebsstörungen, etwa Planungsfehler bei der Koordination der Deportationszüge." [19]
Alle sechs Vernichtungszentren lagen in Polen: Kulmhof (Chelmno), Belzec, Sobibor, Treblinka, Lublin (Majdanek), Auschwitz. Diese Zentren hatten "kein Vorbild, [...] keine administrativen Vorläufer" (927). Gas war das Tötungsmittel. Vor ihrer Ermordung wurden die Menschen vollständig ihres verbliebenen Eigentums beraubt. Ihnen wurden ihr weniges Reisegepäck, ihre Kleider, die sie auf dem Leib trugen, und schließlich den Frauen ihr Haar genommen. Den Leichen zog man die Goldzähne, und ihr Fett wurde zur Beschleunigung der Verbrennung ins Feuer zurückgegossen. Der Nationalsozialismus begründete "eine neue Art von Barbarei" [20]. Das osteuropäische Judentum wurde für immer zerstört. Der Zivilisationsbruch Auschwitz ist irreversibel.
Mancherorts wird behauptet, Hilberg unterstelle mit seiner Struktur einen von Anbeginn in Ziel und Richtung geplanten Prozeß. [21] Bei Hilberg selbst finden sich vereinzelt Sätze, die dieses Urteil vermeintlich bestätigen. So schreibt er: "Als zu Beginn des Jahres 1933 erstmals ein Ministerialbeamter eine Definition der Bezeichnung 'nichtarisch' in einen Richtlinienerlaß hineinschrieb, war das Schicksal des europäischen Judentums besiegelt." (1115) Tatsächlich geht Hilberg jedoch von einem logischen Prozeß post festum aus, dessen Ergebnis während des Vollzugs keineswegs feststand. Jede folgende Stufe verlangte notwendig die ihr vorhergehende, diese aber implizierte jene nur der Möglichkeit nach. Der Prozeß war nicht vorherbestimmt, "schicksalhaft", sondern entwickelte sich durch die konkreten historischen Konstellationen. So ergibt sich nur im Nachhinein eine logische Struktur der Vernichtung. Hilberg formuliert das Paradoxe der planlosen Logik: "Der Vernichtungsprozeß entfaltete sich nach einem feststehenden Schema. Er entsprang gleichwohl keinem grundlegenden Plan." (56) Es war die erklärte Absicht des Nationalsozialismus, Juden keinerlei Rechte einzuräumen. Dies führte in der Konsequenz zu der einzigen möglichen Entwicklung über Definition, Enteignung und Konzentration zur Vernichtung, sollten die Maßnahmen zu einer unwiderrufbaren "Endlösung" führen. Zugleich ist aber erwiesen, "daß die Bürokratie keinen fertigen Plan, keine grundlegenden Richtlinien, keine scharf umrissene Vorstellung von ihrem Tun besaß."" (1067) Wie die Deutschen innovativ und fleißig den Vernichtungsprozeß immer weiter trieben, erzählt Hilbergs Buch. Das Ergebnis lautet: "Stets stellt die Vernichtungsmaschinerie einen bemerkenswerten Querschnitt der deutschen Bevölkerung dar." (1080) "So unterschied sich die Vernichtungsmaschinerie nicht grundlegend vom deutschen Gesellschaftsgefüge insgesamt." (1062) Die Geschichte der Auslöschung der europäischen Juden endet mit den Vernichtungslagern. Hilbergs Buch aber zeichnet auch die Nachgeschichte auf: das vorgeschobene "Nicht-Wissen" der Täter, die Karriere machen, der Kampf der Opfer um materielle Unterstützung und das Desinteresse aller Nationen an einer für die Opfer günstigen Regelung. Das ganze Geschehen zeigt die Unheilbarkeit der offenen Wunde, die nur die Opfer und ihre Nachkommen schmerzt. Der objektive Gang der Geschichte erleichtert den Tätern das Vergessen. "'Was für ein Himmel? Was für ein Gott?! Siehst du nicht, was geschieht? Siehst du nicht, daß es schon lange keinen Gott mehr gibt? Und selbst wenn', hier senkte der Alte seine Stimme, 'dann ist er auf deren Seite'" [22]
Stephan Bundschuh
[1] Raul Hilberg, Die Vernichtung der europäischen Juden, 3 Bde., aus dem Amerikanischen von Christian Seeger, Harry Maor, Walle Bengs und Wilfried Szepan, Frankfurt/M.: Fischer Taschenbuch Verlag 1990 (1351 S., 39,80 DM). Alle folgenden Zitate aus diesem Buch sind mit der Seitenzahl im Text vermerkt.
[2] Hanna Krall, Schneller als der liebe Gott, aus dem Polnischen von Klaus Staemmler, Frankfurt/M. 1980, S. 52.
[3] Raul Hilberg, The Destruction of the European Jews, Chicago 1961, S. V (Übersetzung von S.B.).
[4] In den Niederlanden bestand die Spitze der Vernichtungsmaschinerie aus Österreichern; rumänische Truppen nahmen in der Sowjetunion Massenerschießungen vor; ukrainische Kollaborateure beteiligten sich an Tötungen.
[5] Hilberg spricht von der Definition des Begriffs "Jude". Da Begriffe in der Philosophie immer einen Anspruch auf Wahrheit erheben, halte ich es für unzulässig, die nationalsozialistische Definition als eine Begriffsbestimmung zu bezeichnen.
[6] Zum Nachweis der Traditionslinie eignen sich bei Hilberg hervorragend Tabelle 1 (17f.), in der antijüdische Maßnahmen des kanonischen (= Kirchen-) Rechts nationalsozialistischen Bestimmungen gegenübergestellt werden, und Tabelle 2 (20), die antijüdische Erlasse vor 1933 mit nationalsozialistischen Verordnungen vergleicht.
[7] Franz Neumann, Behemoth. Struktur und Praxis des Nationalsozialismus 1933 - 1944, hrsg. u. mit einem Nachwort "Franz Neumanns Behemoth und die heutige Faschismusdiskussion" von Gert Schäfer, Köln / Frankfurt/M. 1977, vor allem S. 430-463; 659ff.; Neumann stieß 1936 zum Institut für Sozialforschung und hatte in den Jahren 1939 bis 1942 maßgeblichen Anteil an der Institutskontroverse um die Beurteilung des Nationalsozialismus. Hilberg, 1939 aus Österreich in die USA emigriert, war ab 1948 Schüler von Neumann.
[8] Raul Hilberg, Sonderzüge nach Auschwitz, aus dem Amerikanischen von Gisela Schleicher, Mainz 1981, Taschenbuch: Frankfurt/M./Westberlin 1987.
[9] Zitiert nach Hilberg, Vernichtung..., a.a.O., S. 37
[10] Zitiert nach Helmut Krausnick, Judenverfolgung, in: Hans Buchheim u.a., Anatomie des SS-Staates, Bd. 2, Freiburg 1965, S. 283-448, hier S. 308.
[11] Siehe hierzu auch Uwe Dietrich Adam, Judenpolitik im Dritten Reich, Königstein/Ts./Düsseldorf 1979, S. 140-144: "Zur Problematik der Nürnberger Gesetze: Der Widersinn eines 'rassischen Rechts'".
[12] Im Unterschied zu den italienischen Faschisten nahm die NSDAP prinzipiell keine Juden auf.
[13] Die Verordnung vom 23. November 1939 besagte, daß alle Juden in Polen ab dem zwölften Lebensjahr eine weiße Armbinde mit blauem Davidstern zu tragen hätten.
[14] Zitiert nach Hilberg, Vernichtung..., a.a.O., S. 176.
[15] Zitiert nach Hilberg, Vernichtung..., a.a.O., S. 411.
[16] Siehe zur Komplexität dieses Übergangs auch U. D. Adam, Judenpolitik, a.a.O., S. 253-258; 303-316; Saul Friedländer schreibt: "Für die Zeit zwischen 1938 und 1941 lassen sich vier verschiedene Aspekte der nationalsozialistischen Politik unterscheiden: a) Hitlers Androhungen der Vernichtung, die Ende 1938 begannen und in bekannten Diskussionen mit ausländischen Staatsmännern, in öffentlichen Reden wie derjenigen vom 30. Januar 1939 sowie in Diskussionen mit engen Beratern nach der Niederwerfung Polens geäußert wurden; b) eine gleichzeitige Politik zwangsweiser Auswanderung und Vertreibung, die in gewisser Weise auch den Madagaskar-Plan und die Vertreibung von Juden aus der Saarpfalz und Baden in das unbesetzte Frankreich einschloß; c) eine Politik der Konzentrierung im Generalgouvernement [...]; d) mehrere begrenzte Vernichtungsmaßnahmen gegen Juden oder andere Gruppen, einschließlich der Aktionen der Einsatzgruppen in Polen und des 'Euthanasie-Programms'." (Saul Friedländer, Vom Antisemitismus zur Judenvernichtung, in: Eberhard Jäckel/Jürgen Rohwer (Hrsg.), Der Mord an den Juden im Zweiten Weltkrieg. Entschlußbildung und Verwirklichung, Frankfurt/M. 1987, S. 18-60, hier S. 57f. Anm. 93).
[17] Das nationalsozialistische Lagersystem, hrsg. v. Martin Weinmann, Frankfurt/M.: Zweitausendeins 1990 (1328 S., 33.- DM); mit Glossar, Zeittafel, Einleitung und Gesamtverzeichnis versehen wird hier der vom "International Tracing Service" in den Jahren 1949-1951 herausgegebene "Catalogue of Camps and Prisons in Germany and German-occupied Territories" reproduziert. Bis heute ist es das umfangreichste Verzeichnis der nationalsozialistischen Lager geblieben, auch wenn die Lager, die vor dem 1. September 1939 geschlossen wurden, nicht erfaßt und auch im Zeitraum von 1939-1945 Fehleinstufungen von Lagern oder Lücken zu finden sind.
[18] Hans-Martin Lohmann, Archiv der Opfer, in: FR vom 8.1.1991, S.8.
[19] Das nationalsozialistische Lagersystem, a.a.O., S. LXXIX.
[20] Max Horkheimer/Theodor W. Adorno, Dialektik der Aufklärung, Frankfurt/M. 1971, S. 1.
[21] So z.B. U. D. Adam, Judenpolitik..., a.a.O., S. 16.
[22] Hanna Krall, Schneller als der liebe Gott, a.a.O., S. 137.