Amtsnachfolger der Täter "trauern"
Vor allem muß Aufklärung überdas Geschehene einem Vergessen entgegenarbeiten,
das nur allzu leicht mit der Rechtfertigung des Vergessenen sich zusammenfindet.
Theodor
W. Adorno
Fünfundvierzig Jahre lang arbeiteten MedizinstudentInnen in der BRD mit Präparaten, die während des Nationalsozialismus hergestellt wurden. Sie stammen von den Ermordeten, den Opfern des Naziregimes. Erst der gestiegene öffentliche Druck bewegte die Institute zur Herausgabe. Am 21. Dezember 1990 bat der hessische Wissenschaftsminister zu Bestattung, Gedenksteinlegung und Trauerfeier.
In Tübingen gelang es einer Gruppe von Studierenden 1988/1989 nachzuweisen, daß anatomische Präparate, an denen sie ausgebildet wurden, von Opfern des Nationalsozialismus stammen. Daraufhin protestierte die israelische Regierung bei der deutschen Bundesregierung, worauf die Ministerien der Länder die Überprüfung sämtlicher medizinischer Präparatesammlungen anordneten. Es gelang den Tübinger StudentInnen trotz fortgesetzten Widerstands der Unileitung, eine unabhängige Kommission einzuklagen, die die Präparatesammlungen der medizinischen Fakultät Stück für Stück auf ihre Herkunft hin überprüfen sollte. Auch in Frankfurt forderten Studierende die Einrichtung einer unabhängigen Untersuchungskommission. Dies wurde unter dem Hinweis auf eine vorgebliche Zuständigkeit der medizinischen Ethikkommission vom Dekanat des Fachbereichs abgelehnt. Der Dekan, Professor Groß, sowie einzelne Institutsleiter verneinten gegenüber den StudentInnen das Vorhandensein jeglicher Präparate aus der NS-Zeit. Die Einsicht in die Institutssammlungen und -archive wurde der studentischen Arbeitsgruppe fast nie gewährt.
Dabei gibt es gerade in Frankfurt genügend Anlaß zum Nachfragen. Hier wurde 1935 das Institut für Erbbiologie und Rassenhygiene gegründet. Ein führender Rassenideologe, Professor von Verschuer, sowie Dr. Mengele, später als KZ-Arzt von Auschwitz bekannt geworden, waren dort mit der Erfassung und Kartierung der Frankfurter Bevölkerung nach "erbbiologischen" Gesichtspunkten beschäftigt. Dies schloß neben rassistischen Bestimmungen Suchtkranke, Geschlechtskranke, psychisch Kranke ein und wurde ausgeweitet bis zu X-Beinigen und Plattfüßigen. Aufgrund der Gutachten aus diesem Institut wurden Eheverbote ausgesprochen, Menschen zwangssterilisiert und ermordet. Zwangssterilisationen wurden sowohl in der Frauenklinik als auch in der Chirurgischen Klinik von Ärzten durchgeführt. Das Anatomische Institut wurde vom Gefängnis in Preungesheim mit Hingerichteten beliefert. Gegen Ende des Krieges wurden immer mehr Menschen als Volksschädlinge, Hochverräter, Deserteure, Wehrkraftzersetzer und Kriegsgefangene hingerichtet. Studenten wurden an deren Leichen im Präparierkurs ausgebildet und Institutsmitglieder stellten Präparate aus ihnen her.
Die Fachschaft Medizin erhielt Mitte Dezember von einem Universitätsangestellten den Hinweis auf eine Gedenkfeier am 21.12.1990 auf dem Frankfurter Hauptfriedhof. Aufgrund einer Anordnung des hessischen Wissenschaftsministers Gerhardt und erst nach zweimaliger Aufforderung hatten die Institutsleiter offenbar doch — und vor allem in Frankfurt — zahlreiche Präparate aus der NS-Zeit dem Wissenschaftsministerium angegeben.
So heimlich wie die Überprüfung der Präparate abgelaufen war, so sollte auch die Gedenkfeier begangen werden: Eingeladen wurden vor allem die Amtsnachfolger der Täter, Präsidenten, Dekane und Institutsleiter der hessischen Universitäten. Die jüdische Gemeinde wurde erst verspätet benachrichtigt. Noch Ende November war von ihrer Beteiligung nicht die Rede. Nicht eingeladen wurden Organisationen der Opfer und Verfolgten des Nationalsozialismus. Der Bund der "Euthanasie"-Geschädigten und Zwangssterilisierten, VertreterInnen der Sinti und Roma, die Vereinigung der Verfolgten des Nazi-Regimes-Bund der Antifaschisten, beispielhaft neben anderen, wurden erst durch die Initiative der Fachschaft informiert.
In seiner Rede bei der Trauerfeier zeichnete Wissenschaftsminister Gerhardt das Bild einer Universität, die dem Nationalsozialismus widerstanden hätte. "Viele Mitglieder gerade auch an der Frankfurter Universität haben nationalsozialistisches Unrecht bekämpft". Dies ist blanker Zynismus angesichts der Tatsache, daß bereits 1933 ein Drittel der Frankfurter Professoren von den Nationalsozialisten entlassen wurde. Die Verbliebenen wurden von den Nationalsozialisten als zuverlässig betrachtet oder gehörten selbst zu ihnen. Diese betrieben weiterhin ihre Wissenschaft, ohne sich um die vertriebenen Kollegen zu kümmern. Im Gegenteil, die Kollegen Professoren denunzierten sich gegenseitig oder schielten nicht nur auf die freigewordenen Stellen, sondern auch auf die verbliebener jüdischer oder sozialistischer Wissenschaftler, um ihre eigene Karriere voranzutreiben. Der 1934 berufene Rektor der Universität, Platzhoff, führte in diesem Sinne aus: "Der alte Vorwurf, daß gerade unsere Universität eine Hochburg marxistisch-jüdischen Geistes sei, kann weiß Gott nicht mehr erhoben werden. Wohl an keiner anderen Universität ist die Säuberung so radikal vorgenommen worden wie gerade bei uns." Die entlassenen Professoren selbst werden nun von Gerhardt zu Widerständlern erklärt. Die Entlassungen wurden tatsächlich nicht aufgrund von Widerstandshandlungen angeordnet, sondern weil die Betreffenden Juden waren oder der sozialdemokratischen Partei angehörten etc. Doch dient diese Verdrehung der Behauptung, daß gerade darum "diese Universität die Kraft aufbringen (kann), sich stellvertretend für andere Hochschulen mit verbrecherischem Tun auseinanderzusetzen". Wie diese Auseinandersetzung aussieht, ist im diskus 1-2/1989 nachzulesen.
Auch über die Motivation der damaligen Forscher macht sich Gerhardt ein Bild: "Wissenschaftliche Neugier" und "aufklärerischer Drang" seien die "Triebfeder zur Forschung" gewesen. Nur hätte die "ethische Bindung" bzw. "Bändigung" solcherart "gepackter" Wissenschaftler eben nicht ausreichend funktioniert. Es fragt sich, ob er solche Wissenschaftler angesichts ihrer Triebhaftigkeit überhaupt für schuldfähig halten kann. Trotzdem kommt Gerhardt zum Fazit, "daß es einem verbrecherischem Kapitel deutscher Geschichte nicht gelungen ist, die ethische Bindung von Forschung zu beseitigen, auch wenn Menschen versagt haben". Indem er die Motivation der Wissenschaftler ins Triebleben verlegt, macht er sie zu Opfern der Gesellschaft, die für die "Bändigung" der inneren Natur der Forscher zuständig sein soll. Die Wissenschaft selbst bleibt völlig neutral. Die Bedeutung der Professorenschaft als Träger kriegswichtiger Forschung, Repräsentant "wissenschaftlich" getarnter Rassenideologie und verantwortlicher Ausbilder ist von ihm verschwiegen worden.
Als nächster Redner bezeichnete Unipräsident Ring die "Wertordnung ... im ausgehenden 19. und im beginnenden 20. Jahrhundert" und das "neue Menschenbild in der Wissenschaft" als den Boden für den Rassismus. Nach seiner Betrachtung haben sich die Wissenschaftler "über den Schöpfer und die Schöpfung" erhoben, was sie in "Schuld und Verstrickung" geführt habe. Diese religiöse Geschichtsbetrachtung blendet die Hintergründe und die Analyse der damaligen Wissenschaft aus. "Wissenschaftler jener Zeit, die es hier weder zu benennen noch zu entschuldigen gilt" waren die Täter. Unerkannt und ungenannt sollen diejenigen bleiben, die auch nach dem Nationalsozialismus für ihre Verbrechen nicht bestraft wurden und ihre Karriere meist ungebrochen fortsetzen konnten. Sie haben ihre Wissenschaft auch nach '45 auf den alten Grundlagen und mit der gleichen Haltung weitergeführt. Gerade in der Humangenetik (der früheren Erbbiologie) wurde in der ganzen Welt weitergeforscht. Rassenhygienisches Denken findet sich heute in vielen Aussagen und Projekten von Wissenschaftlern wieder, die ihre neu gewonnenen Fähigkeiten in der Gentechnik gerne zum Wohl der Menschheit anwenden wollen. "Keiner von uns weiß heute, wie er vielleicht schuldig geworden wäre, wenn er als Wissenschaftler in den ersten Jahrzehnten unseres Jahrhunderts sein Lebenswerk begonnen hätte." Ring hält auch die heutigen Wissenschaftler für potentielle Täter. Allerdings ist diese Auffassung nicht als Aufforderung zur Wissenschaftskritik zu verstehen, sondern dient der Entschuldigung der Wissenschaftler, die während des Nationalsozialismus Verbrechen begingen. Nicht der Wissenschaftler ist für sein Tun verantwortlich, nicht die Wissenschaften haben die Folgen ihrer Forschung zu reflektieren, sondern die Gesellschaft. Zwangsläufig sieht Ring auch im heutigen Wissenschaftsbetrieb keinen Anlaß zur Kritik. Doch gerade sein Fach Biochemie ist es, in dem in unkalkulierbarer Weise und unter Ausschaltung von Kontrollmitteln, aber mit Unterstützung der Industrie das "Geheimnis des Lebens" ergründet werden soll. Ist die DNA, Baustein der Gene, mittels hochgerüsteter Technik erst einmal entschlüsselt, so wird die schrankenlose Genmanipulation am Menschen möglich.
Als nächster Redner hat sich Haushistoriker Hammerstein durch eine Geschichtsauffassung hervorgetan, die bereits aus der von ihm verfaßten Universitätshistorie bekannt ist. Sein Versuch, die Täter zu decken, war den meisten Zuhörern fast unerträglich. "Ich will ... nicht die Vorgeschichte des heutigen Tages schildern." Die Begründung hierfür blieb er schuldig, vielleicht, weil er sonst "im Nachhinein ... verurteilen" müßte, was er ablehnt. Dann teilte er noch eine Schelte an die "sogenannten Medien" aus, die mit "unsäglichen Berichten" die öffentliche Stellungnahme von Universitäten erst erzwungen hatten. Er bezeichnete die Arbeit der Universitäten, des Landtags und des Wissenschaftsministeriums im Umgang mit den Präparaten als "verantwortungsbewußt, hilfsbereit und angemessen". Eine genaue Darstellung über Anzahl, Fundort, Herkunft und Hersteller der Präparate wurde allerdings bisher nicht veröffentlicht. Die Angaben der "hilfsbereiten" Professoren sind außerdem alleinige Grundlage der Untersuchungen. Forschungsaufträge an ausgewiesene Historiker in dieser Sache wurden weder von den Universitäten noch vom Ministerium vergeben. Er äußerte, daß "nur 350 von 90000 Ärzten" an Naziverbrechen beteiligt gewesen und auch "bedeutende pharmakologische Erkenntnisse" in dieser Zeit gewonnen worden wären. Die Geschichtsbewertung Hammersteins wird hier noch deutlicher, da er wichtige, allgemein bekannte Quellen mißachtet und Verleugnungen der beteiligten Ärzteschaft nach 1945 mehr Glauben schenkt als der zumindest ab 1980 in Deutschland immer zahlreicher vorliegenden Literatur zu diesem Thema. Schon in einem 1947 erschienenen Buch zur Dokumentation der Nürnberger Ärzteprozesse widerlegen Mitscherlich und Mielke das Bild einer im Ganzen gesehen unbeteiligten Ärzteschaft. Der Vorsitzende des Zenralrates Deutscher Sinti und Roma nannte diese Rede einen Skandal, ein Professor des Fachbereichs Medizin eine Unverschämtheit.
Der gewählte Blickwinkel in der Geschichtsbetrachtung läßt eine Reflexion der falschen und unmenschlichen "wissenschaftlichen" Prämissen nicht zu. Nochmals Hammerstein: "Erbbiologen suchten eine Antwort auf die brennenden Fragen der Zeit." Wie "erfolgreich" sie das taten und welche Konsequenzen für ausgegrenzte soziale Gruppen das hatte (und hat) ist bekannt. Dr. Julius Moses warnte schon 1928: "Die Vertreter der Eugenik sind heute hauptsächlich Männer, die politisch reaktionär eingestellt sind. Das muß in Bezug auf die ganze Propaganda für die Eugenik stutzig machen. Es scheint, daß gewisse Eugeniker die Sterilisation benutzen wollen, um eine biologische Abbiegung der sozialen Verhältnisse zu erreichen." Dem Vorsitzenden des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden in Hessen, Neumann, ist für seine eindeutig für die Opfer des Faschismus eintretende Rede zu danken. Er war der einzige, der daran erinnerte, daß die während des Nationalsozialismus hergestellten Präparate 45 Jahre lang in den Regalen medizinischer Institute im Namen der Wissenschaft gelagert wurden, bevor sie aufgrund der öffentlichen Empörung bestattet werden konnten.
Fast gleichzeitig mit dieser "Gedenkstunde" ist das Weiterbestehen der Gedenkstätte im ehemaligen Vernichtungsbetrieb Hadamar, wo vor allem "Euthanasie"-Opfer zu Tausenden ermordet wurden, nicht möglich, da den Bundes- und Landesministerien selbst eine vorübergehende Finanzierung nicht wichtig genug ist.
Die Fachschaft Medizin hat verschiedene Organisationen der Verfolgten und Opfer des Nazi-Regimes über die Trauerfeier informiert. Die anwesenden Mitglieder dieser Verbände, ehemalige KZ-Häftlinge und Zwangs-Sterilisierte, haben dann die oben ausgeführten Geschichtsfälschungen, Unrechts-Rechtfertigungen und Unverschämtheiten auch noch ins Gesicht gesagt bekommen. In diesen Reden ist den damaligen Opfern heute noch einmal Gewalt angetan worden.
Die Freiheit der Wissenschaft erwies sich einmal mehr als eine Freiheit von Verantwortung.
Andrea Antolic, Berthold Fitzen
Literatur:
Mitscherlich, Mielke: Medizin ohne Menschlichkeit, Frankfurt 1960.
Ärztekammer Berlin (Hrsg.): Der Wert des Menschen, Berlin 1989.
C. Dorner, L. Lemhöfer et al.: Die braune Machtergreifung, Frankfurt 1989.