Von Zeit zu Zeit ist es für Politgruppen notwendig, einen Schritt von der eigenen Praxis zurückzutreten, um sie zu reflektieren und zu prüfen, ob sie tatsächlich verändernd in die (Vor-)Geschichte eingreift oder doch nur von dieser vor sich hergetrieben wird, um nicht weiter eingespielt und ratlos, dummmobilisiert und phantasielos in liebgewonnenen Ritualen zu verharren.

Mit unserem Papier Der kommende Aufprall wollten wir versuchen, ein paar Variationen, vergessene Instrumente und andere Betonungen in den linken ›evergreen‹, der Frage nach einer sozialrevolutionären Strategie und Organisierung einzubringen. In diesem Nachtrag wollen wir nun zunächst auf die Kritik, die in den Beiträgen dieses Heftes an unserem Vorschlag formuliert wurde, eingehen. Diese Kritik bewegt sich vor allem auf theoretischer Ebene, was einerseits angesichts der geschichtlichen und inhaltlichen Tragweite der Thematik kaum überrascht, andererseits aber auch durch unser Papier provoziert wurde, kommt es doch alles andere als theoriearm daher. Das ist wohl auch der Grund für zwei Missverständnisse, mit denen wir häufig konfrontiert werden: Wir hatten erstens niemals den megalomanen Anspruch, eine umfassende Totalitätsanalyse oder ein Manifest zu schreiben. Das Papier ist Resultat einer Selbstverständigung, die das Ziel verfolgte, unserer Praxis einen neuen turn zu geben. Damit richtet es sich zweitens nicht an das breite Publikum der Lohnabhängigen, wie man aufgrund der von uns anvisierten Praxis vermuten könnte – dazu hätte es gewiss verständlicher geschrieben werden müssen – sondern an jene linksradikalen Gruppen, die in den vergangenen Jahren eine ähnliche Politik wie wir verfolgt und mit denen wir z.T. zusammengearbeitet haben und noch zusammenarbeiten. In diesen Kreisen wollten wir zu einer Debatte beitragen, die virulent wurde, nachdem die Krisenproteste in Europa abgeflaut waren, institutionalisiert und domestiziert wurden. Da diese Debatte noch lange nicht vorbei ist, versteht sich dieser Nachtrag zum Ende des Heftes nicht als Schluss, sondern als weiterführender Einwurf. In diesem Sinne wollen wir hier weniger praktische Lösungen festschreiben, sondern vielmehr – diese vorbereitend – die Umrisse wichtiger Problemstellungen schärfen.

 

Totalität

Einige Kritik gab es für den Totalitätsbegriff – und das wohl zu Recht. Sexistische, rassistische und nationalistische Herrschaftsverhältnisse wurden zwar erwähnt und die ehrliche Intention geäußert, sie nicht unter das Kapitalverhältnis zu subsumieren. Wie die Genoss_innen von der translib (Der halbierte Blick, in diesem Heft) gezeigt haben, ging das jedoch nicht so ganz auf. Zwar wollen wir nie behauptet haben, dass ›alle‹ sozialen Kämpfe Klassenkämpfe seien, wie uns das in ihrem Text vorgeworfen wird, ansonsten stimmen wir der Analyse jedoch zu. In unseren Bestimmungen fehlten die kulturellen und sozialpsychologischen Aspekte der Herrschaftsverhältnisse, die ihre eigenen Logiken haben und somit auch eigene Kampffelder innerhalb der Bewegung hin zum Kommunismus sein müssen. Dennoch wollen wir betonen, dass die patriarchale Geschlechterordnung in der bürgerlichen Gesellschaft eine spezifische Form annimmt, die durch die Trennung der Produktions- von der Reproduktionssphäre geprägt ist. Damit einher geht, dass ein immenses Volumen von unbezahlter Reproduktionsarbeit auf den Schultern von Frauen abgeladen wurde. U.a. dadurch, aber auch durch sozialpsychologische und kulturelle Mechanismen, sind das Kapital- und das Geschlechterverhältnis konstitutiv aufeinander verwiesen. Insofern ist das Geschlechterverhältnis ein kulturrevolutionäres Kampffeld, wie in Der halbierte Blick festgestellt wird1, zugleich aber, wenn auch vermittelt, ein ökonomisches. Es scheint uns nicht zielführend hier in Entweder-oder-Schemata zu denken, wie der Text es nahelegt. Mag eine Spaltung der Frauenbewegung von der kommunistischen Bewegung auch historisch begründet und begründbar sein, halten wir es für falsch, sie als eine »bis auf weiteres notwendige« zu adeln. Wenn sie sich nicht miteinander verbinden, werden letztlich beide scheitern – verbinden heißt dabei aber gerade nicht, einander Harmonie und Einigkeit vorzuspielen und Konflikte kleinzureden, sondern durch das Austragen von Konflikten gemeinsam weiter zu kommen. Historisch ließe sich dabei etwa an die Erfahrungen der Mujeres Libres anknüpfen, die innerhalb des Prozesses der sozialen Revolution in Spanien 1936 die Frage der Frauenbefreiung – teilweise auch gegen die CNT und FAI – praktisch anging und innerhalb der Revolution auf die Tagesordnung setzte.

Nehmen wir die Kritik aus Der halbierte Blick an unserem Totalitätsbegriff aber ernst, kann unserer Einschätzung nach nicht nur von zwei »Epizentren einer wirklichen Umwälzung« gesprochen werden, wie es in ihrem Beitrag heißt, andere Herrschaftsformen wie beispielsweise Rassismus und Imperialismus sind ebenso zentrale Kampffelder und müssen in das Verhältnis der Verhältnisse mit einbezogen werden. Wenn wir im Aufprall von Klassen- als Totalitätsbewusstsein sprachen, sollte dieser Aspekt – ohne das riesige Fass einer theoretisch ›sauberen‹ Verhältnisbestimmung verschiedener Herrschaftsformen aufzumachen – mitgedacht werden, denn eine Reflexion der eigenen Klassenposition beinhaltet eben auch eine Bestimmung der verschiedenen Differenzen, die es zwischen den Proletarisierten gibt. Herrschaftsförmige Differenzen ergeben sich jedoch auch nicht nur aus rassistischen, sexistischen oder nationalchauvinistischen Herrschaftsverhältnissen, sondern auch aus anderen Formen der Positionierung, Klassifizierung und Fragmentierung der Klasse. In diesem Sinne nehmen wir auch die Kritik von einem der Freundinnen und Freunde der klassenlosen Gesellschaft (FuFdkG, Fragmentarisches zur Organisationsfrage, in diesem Heft) an, es fehle an einer konkreten Analyse der Klassenzusammensetzung, sodass wir – wie auch die Genoss_innen der translib meinen – das Gemeinsame nicht konkret nachweisen, sondern lediglich beschwören können. Was aber folgt daraus? Für uns ist klar, dass der Schluss nicht sein kann, angesichts der vielfältigen Differenzen auf eine klassensolidarische Praxis und Organisierung zu verzichten, denn der Möglichkeit einer umfassenden Emanzipation wäre damit eine Absage erteilt. Die zentrale Frage, auf die wir in diesem Heft aber weder eine Antwort finden noch geben können, ist damit, wie diese Differenzen und die ihnen entsprechenden Interessensdivergenzen und Konflikte organisationspraktisch berücksichtigt und ausgetragen werden können – kurz: ›Wie lässt sich der Konflikt organisieren‹? Weitere Diskussionen in diese Richtung könnten an einer entsprechenden Erweiterung des Arbeitsfeldansatzes um Aspekte – wie das Kollektiv (Für eine grundlegende Neuausrichtung linksradikaler Politik, in diesem Heft) formuliert – einer »revolutionären Kultur« ansetzen. Als »Spiegel des gesellschaftlichen Gesamtarbeiters«, von dem das Hans-Jürgen-Krahl-Institut (Die höchste Form der Selbsttätigkeit ist ihre organisierte Form, in diesem Heft) schreibt, müsste eine nach Arbeitsfeldern gegliederte Organisierung nicht nur verschiedene Sektoren der gesellschaftlichen Arbeitsteilung, sondern genauso die geschlechtlichen und rassistischen Herrschaftsverhältnisse sowie andere herrschaftsförmige Differenzen reflektieren und eine Kultur des solidarischen Streitens praktizieren.

 

Theorie und Praxis

Die Kritik am Totalitätsbegriff wirft darüber hinaus aber auch eine Meta-Frage auf: die nach dem Verhältnis von (Totalitäts-)Theorie und (Organisations-)Praxis. Ohne der regressiven Tendenz Tribut zu zollen, Theoriebildung unter die Kuratel der praktischen Anwendbarkeit zustellen, ist im Zusammenhang mit der Organisationsfrage dennoch zu diskutieren, in welchem Verhältnis Theorie und Praxis stehen – müssen diejenigen, die sich an einem Organisierungsprozess beteiligen, dasselbe Totalitätsverständnis haben und es ›fix und fertig‹ mitbringen? Wäre dem so, könnten wir einpacken. Unseres Erachtens bestünde die Aufgabe darin, auf der Grundlage einer theoretisch ›vorgebildeten‹ Sensibilität für die herrschaftsförmigen Differenzen organisatorisch einen Raum zu schaffen, in dem aus der praktischen Erfahrung und den Versuchen, solidarisch zu kämpfen, eine gemeinsame theoretische Reflexion derselben stattfinden kann. Der Prozess der Bildung eines Totalitätsbewusstseins muss also selbst Teil der Organisationspraxis sein. Damit stellt sich eine andere Herausforderung als die einer privatistischen Arbeit des Begriffs (die man sich erstmal leisten können muss): Es geht dann nicht um die Frage, wie der richtige Totalitätsbegriff aussieht, die sich tendenziell am bürgerlich-individualistischen und verdinglichten Modell der Wissensproduktion und Arbeitsteilung orientiert, sondern um die Frage, wie Prozesse nicht nur der praktischen, sondern auch der theoretischen Aneignung der Gesellschaft anders organisiert werden können als in einem Modus, in dem die herrschaftliche Trennung von Hand- und Kopfarbeit reproduziert wird.

Ganz ähnlich verhält es sich mit der in Fragmentarisches zur Organisationsfrage eingeforderten Analyse der Klassenzusammensetzung. Solche Analysen wären natürlich wünschenswert, aber welchen Stellenwert könnte sie für die Entwicklung einer sozialrevolutionären Strategie haben? Würde sie als von der Praxis getrenntes, ›wissenschaftliches‹ Erkenntnisprojekt mehr liefern als die – gewiss nicht unwichtige – Einsicht, warum es kaum Praktiken der Klassensolidarität gibt? Könnte sie mehr als eine Begründung für einen »ultra-mattickistischen Objektivismus« (Fragmentarisches zur Organisationsfrage, in diesem Heft) liefern? In Der kommende Aufprall haben wir versucht einen Modus der Klassenanalyse einzufordern, der wiederum bei den konkreten Problemen der Praxis ansetzt und dadurch ›Erkenntnis und Interesse‹ vermittelt:

»Durch die Versuche, die Durchsetzung der eigenen Interessen mit der Durchsetzung anderer Interessen – die auch durchaus gegensätzlich sein können – zusammenzuführen, entstehen praktisch motivierte Fragen nach realen Trennungs- und Verbindungslinien zwischen den Kämpfenden im gesellschaftlichen Funktionszusammenhang.« (Fragmentarisches zur Organisationsfrage, in diesem Heft)

In den praktischen Versuchen einer Klassensolidarität entsteht bei den Subjekten selbst ein Interesse an Klassen- und Totalitätsanalyse, sodass sie nicht mit einem ihnen äußerlichen, wissenschaftlichen Wissen gefüttert werden müssen. In diesem Modus der ›Wissensproduktion‹ wäre Selbst- und Weltveränderung konkret vermittelt mit Selbst- und Welterkenntnis.

Kurz: es stellt sich für die Organisationsdebatte insgesamt die Meta-Frage, wie weitgehend theoretische Klärungsprozesse stattgefunden haben müssen, bevor mit einer gemeinsamen Organisationspraxis begonnen werden kann. Es geht um das alte Henne-Ei-Problem – und das ist keine sprichwörtliche Verniedlichung, sondern soll darauf hinweisen, dass dieses Problem nicht theoretisch zu lösen ist. Letztlich braucht es irgendwann den Sprung ins (teilweise) ungeklärte Wasser, denn sonst folgt, wie auf so viele Organisationsdebatten – nichts. Deswegen ist, wie es im Eingangszitat von Camus in Der kommende Aufprall heißt, »jedes geschichtliche Unternehmen […] nur ein mehr oder weniger vernünftiges und begründetes Abenteuer sein. Zuerst jedoch ein Wagnis.«

 

Lasst hundert Blumen blühen!

Auch das Kollektiv kritisiert, dass durch unseren Fokus auf ökonomische und politische Kämpfe die Umgestaltung der kulturellen Verhältnisse in den Hintergrund rückt. Sicherlich liegt darauf nicht der Fokus des Papiers, allerdings ließe sich unser Bezug auf die Bedürfnisstrukturen in eine kulturrevolutionäre Richtung weiterentwickeln, denn diese sind nicht einfach nur durch eine irgendwie geartete ›ökonomische Basis‹ oder politische und ökonomische Kämpfe bestimmt, auch ›symbolische Gewalt‹ und kulturell bedingte Praktiken strukturieren die Herrschaft, in der zu leben wir gezwungen sind. In diesem Sinne haben wir geschrieben: Die »Bedürfnis- und Bewusstseinsstrukturen [der lohnabhängigen Klasse] sowie ihr [besser: unser] Alltagsleben müssen [...] untrennbarer Teil einer sozialrevolutionären Strategie und Praxis sein« (AKK 2015: 12). Dies gibt auch Anlass dazu, die eigene Subjektivität und ihre Reproduktionsbedingungen zu reflektieren und zu politisieren.

Um die Diskussion darüber, wie das geschehen könnte, zu strukturieren, scheint es uns sinnvoll, im Anschluss an das Kollektiv das weite Feld des Auf- und Ausbaus von Strukturen der Selbstorganisation vom Aufbau einer überregionalen, sozialrevolutionären Organisation zu unterscheiden (vgl. Kollektiv 2015: 8). Damit lässt sich auch die Organisationsfrage im engeren Sinne von der in vielerlei Hinsicht über sie hinausgehende Frage einer sozialrevolutionären Strategie trennen, die Prozesse der Selbstorganisation vorantreibt. Letztere muss auch jene Dimensionen des Alltäglichen erfassen, die zwar in Zusammenhang mit kapitalistischer Verwertungslogik stehen, in einer Fokussierung auf politisch-ökonomische Zusammenhänge jedoch nicht ausreichend erfasst werden können. Bestandteil einer sozialrevolutionären Strategie wäre es damit, wie Emanuel (Die Räteorganisation ist kommunistische Produktion ist Kulturrevolution, in diesem Heft) schreibt, »der Reproduktion des bürgerlichen Individuums seine Voraussetzungen zu entziehen.« Um die Transformation des Alltäglichen praktisch zu machen, gilt es konkrete, kulturell bestimmte Formen in den Blick zu nehmen: Wohnformen, Geschlechternormen, Familienformen, individuelle Konsumgestaltung wie auch das Privateigentum am Kind lassen sich als Felder dieser Auseinandersetzung denken. Gerade in der vermeintlich privaten Sphäre der Kleinfamilie verschränken sich die oben genannten Aspekte in ihrer radikalsten Form. Selbstorganisation im Bereich dieser Reproduktionsstrukturen hätte das Potential, tief verwurzelte kulturelle Muster aufzubrechen, die unsere Bedürfnisstrukturen durchziehen. Durch Selbstorganisation entlang verschiedener sozialer Reproduktionsbedürfnisse können Räume geschaffen werden, in denen das Zwischenmenschliche und Alltägliche einen Wandel erfährt. Hier kann bspw. in Stadtteilinitiativen die individuelle Isolation durchbrochen und (Existenz-)Ängste gemeinsam aufgefangen werden. Derartige Kämpfe ließen sich als spezifische Arbeitsfelder in die überregionale, revolutionäre Organisation einbeziehen und zueinander ins Verhältnis setzen.

 

Organisation und Revolution

Mit Nachdruck wird in Fragmentarisches zur Organisationsfrage darauf hingewiesen, dass »das Fehlen einer übergreifenden proletarischen Kampfperspektive […] nicht bloß auf ein Strategiedefizit […] der Linken zurückgeführt werden« kann. Wir geben zu, dass unser Papier einen gewissen Hang zu einem solchen Organisationsoptimismus hat – als könnte man eine großflächige Bewegung der Selbstorganisierung aus der Taufe heben, wenn man den richtigen Hebel respektive Organisationsansatz gefunden hat. Dennoch scheint uns der »ultra-mattickistische Objektivismus« im Text zu einem Attentismus zu tendieren – ein Vorwurf, mit dem ja durchaus kokettiert wird. Doch nur, weil es den richtigen Hebel nicht gibt, heißt das nicht, dass die radikale Linke nicht einiges besser machen könnte. Zum einen, und darauf heben wir bereits in unserem Strategievorschlag ab, kann es gerade nicht darum gehen, sich als aparte linke Politgruppe zu begreifen – der Anspruch aufs ›selber machen‹, auf unsere Organisierung entlang unserer eigenen Konfliktzonen und Lebensrealitäten, gilt auch und muss auch für politisch organisierte Linke gelten. Wie können wir von anderen fordern, sie sollten Kämpfe in ihrem - sei‘s privaten, sei‘s beruflichen - Alltag führen, wenn wir das selbst nicht tun?

Zugleich ist es wichtig, dass Politgruppen im Vorlauf zu einer Bewegung der Selbstorganisierung bestimmte Aufgaben übernehmen. Nicht, um dadurch Selbstorganisierung hervorzubringen, sondern sie zu erleichtern, ihre Verbreitung zu fördern und auf ihre Stabilisierung hinzuwirken. Hierzu verweisen wir zunächst auf den Text des Kollektiv, demzufolge es die Aufgabe von Politgruppen ist, Wissen, Praxiserfahrungen und gesellschaftskritische Begriffe zu vermitteln, und andererseits eine solidarische, abrufbare Infrastruktur aufzubauen.

Darüber hinaus sehen wir noch eine weitere Aufgabe für Politgruppen. Wenn – wie in der BRD seit langem – kaum je sichtbar wird, dass Selbstorganisierung möglich ist und zum Erfolg führen kann, werden die Menschen wenig Zuversicht und Mut haben, ihre Resignation und Angst zu überwinden. Daher muss es darum gehen, auf konkrete Basisorganisierungen hinzuwirken, indem etwa Gesprächsräume geschaffen werden und für Konflikte Unterstützung angeboten wird. Erfolgreiche Kämpfe können dann Modelle sein, die die Menschen inspirieren und ihnen Ideen für die eigene Vorgehensweise und Organisierung an die Hand geben. Solche Modelle zeigen – wie im Augenblick der Charité-Streik – ganz handgreiflich, dass es funktionieren kann, und dass es einfach völlig sinnvoll ist, sich zusammenzutun und die Dinge selbst in die Hand zu nehmen.

Emanuel weist zurecht daraufhin, dass wir in Der kommende Aufprall die Frage nichtkapitalistischer Produktionsbeziehungen gegenüber einer Gegenmacht im Bestehenden fast völlig an den Rand drängen. Wir hatten uns auf die Feststellung beschränkt, dass diese Gegenmacht - als Selbstorganisierung - bereits als »Keim einer […] umfassenden gesellschaftlichen Selbstverwaltung fungieren« kann. Für die weitere Organisationsdebatte zu diskutieren wäre, wie heutige Selbstorganisierung und kommunistische Produktion konkret aufeinander zu beziehen und gemeinsam aufzubauen wären. Dazu hier einige erste Gedanken.

Das Hans-Jürgen-Krahl-Institut umreißt in seinem Text folgenden Ansatz für diese Verbindung unter Bezugnahme auf den Arbeitsfeldansatz des Sozialistischen Büros: Dessen Besonderheit liege »darin, kein Mittel zu sein, einen außer ihm liegenden Zweck zu erreichen, etwa traditionell die Eroberung der Staatsmacht; er ist eine Prozessgestalt.« Die Organisation der Arbeitsfelder wälzt dabei die bürgerliche Gesellschaft »als ›Organisator eines Produktionszusammenhangs‹ um.« Dies lässt sich auf die ersten beiden Ebenen unseres Strategievorschlags übertragen. Die Basisorganisierung (Ebene 1) dient zunächst dazu, sich etwa durch Streikmacht unerträglichen Arbeitsbedingungen zu widersetzen, kann in der Tendenz aber die Organisation des Betriebs durch die Belegschaft selbst kontrollieren. Und während die überregionale Vernetzung (Ebene 2) heute vor allem zu branchenübergreifender Streiksolidarität und zum politischen Streik mobilisieren soll, könnte sie in der Tendenz den ökonomischen Zusammenhang zwischen den Betrieben politisch regulieren.

Umgekehrt kann sich die heutige, auf Gegenmacht ausgerichtete Selbstorganisierung nicht allein entlang ausschließender Interessen wie Lohnerhöhungen entwickeln. In sie muss die Perspektive auf die kommunistische Produktion, und damit der Zusammenhang der Konsumierenden mit den Produzierenden und ihren Bedürfnissen, mit eingebunden werden. So war der Charité-Streik insofern gesellschaftlich, als er das Patientenwohl mit den Interessen der Pflegekräfte verbunden hatte.

 

Staat oder Revolution

Unser strategischer Punkt, an konkreten Bedürfnissen und Interessen der Lohnabhängigen anzusetzen und über sich hinauszutreiben, wirft allerdings die Frage auf, wie das Verhältnis zu jenen Apparaten aussieht, die ebenfalls beanspruchen, die Interessen der Lohnabhängigen zu repräsentieren, also vor allem zu Gewerkschaften und Parteien.

Es ist anzunehmen, dass ein Großteil der deutschen Arbeiter_innenklasse davon ausgeht, dass die legitime Variante, Lohn- und Arbeitskämpfe auszutragen, darin besteht, sich an die DGB-Gewerkschaften zu wenden – und umgekehrt halten diese an ihrem Repräsentationsanspruch fest. Auch wenn unser Vorschlag dem Repräsentationsprinzip der Gewerkschaften entgegengesetzt ist, müssen wir also, wollen wir in bestehende Arbeitskämpfe intervenieren, notwendig ein taktisches Verhältnis zu den DGB-Gewerkschaften entwickeln. Diese Frage zu umgehen wäre nicht viel mehr als ein abstraktes Nichtverhalten. Ein taktisches Verhältnis, also ein Verhältnis, das die vorhandene Kräfte vergrößert und da gezielt einsetzt, wo es dem Feind wehtut, das bedeutet, dass das Ziel, die Selbsttätigkeit der Beschäftigten zu unterstützen, klar im Vordergrund steht und solange das mit den DGB-Gewerkschaften geht, auch nicht ›dogmatisch‹ gegen diese agiert zu werden braucht. Dort aber, wo Gewerkschaften kampfbereite Belegschaften zur Raison rufen wollen und nicht mehr helfen, ihre Forderungen umzusetzen oder gar als Streikbrecher_innen agieren, gilt es, klar für die Belegschaften Partei zu ergreifen. In derartigen Situationen bietet es sich auch an, eine Kritik am sozialpartnerschaftlichen Charakter der DGB-Gewerkschaften zu verbreiten und auf ihre strukturellen Grenzen hinzuweisen. Ziel muss es also sein, nicht die Zusammenarbeit mit Funktionär_innen zu suchen oder sich als unbezahlter Organizer für Gewerkschaften zu betätigen, sondern taktisch dort die Zusammenarbeit mit der organisierten Basis zu suchen, wo die Gewerkschaft selbst gar kein Interesse hat an einer scharf geführten Auseinandersetzung, während die Basis bereit ist für solch einen Kampf. Selbst wenn am Ende ›nur‹ eine gütliche Einigung stünde, so steht doch unverbrüchlich die Erfahrung, dass der Erfolg nicht dem Verhandlungsgeschick eines Gewerkschaftsvertreters zu verdanken ist, sondern dem Selbsttätigwerden in der Geschichte. Erfolgskriterium ist also zunächst nicht, ob im Streik Lohnerhöhungen oder andere Forderungen durchgesetzt werde können, sondern die Frage, inwiefern das Erreichen konkreter Verbesserungen auf einer massenhaften Assoziation der Lohnabhängigen beruht und nicht auf Repräsentation, dem Modus des Klassenkompromisses und der Stilllegung jeglichen Kampfeswillens des Proletariats. Die wichtigste Frage aber ist letztlich gar nicht die nach dem taktischen Verhältnis zu irgendwelchen DGB-Gewerkschaften, sondern die Frage der Strategie der Selbstorganisierung der Lohnabhängigen und welche Rolle die radikale Linke bei Selbstorganisierungsprozessen innerhalb von Lohnkämpfen einnehmen könnte. Deswegen ist der Fokus unserer Auseinandersetzung nicht, und sollte auch nicht die zentrale Streitfrage werden, Gewerkschaften vorzuwerfen, dass sie Gewerkschaften sind und als solche handeln.

Entschieden kritisiert werden muss auch die Auffassung, der Staat könne in irgendeiner Weise in ein Werkzeug der proletarischen Emanzipation verwandelt werden. Dass es in konkreten Fällen besser ist, wenn eine Regierung den Mindestlohn durchsetzt oder die freie Wahl des Geschlechts auf dem Ausweis erlaubt, ist keine Frage, bedeutet im Umkehrschluss aber keineswegs, dass es unser Job ist, Forderungen an den Staat zu stellen und zu versuchen, diese durch die Verschiebung von Hegemonie umzusetzen. Deshalb halten wir es auch für einen Kurzschluss, uns ein Amalgam aus »Habermas‘schem (Stichwort Legitimität von Protest und Legitimationsprobleme des Staats) und postmarxistischem (Stichwort hegemoniale Verschiebungen) Denken« unterzuschieben, wie Florian und Alex (Klasse, Organisation und Determination, in diesem Heft) das tun. Wer von der Destruktion von staatlicher Legitimität spricht, hat noch lange nicht Habermas gesagt. Und mit Gegenmacht meinen wir nicht Gegenhegemonie (sonst hätten wir das geschrieben), die immer auf eine Verankerung innerhalb der Staatsapparate angewiesen ist. Auch wenn wir an den konkreten Interessen der Lohnabhängigen ansetzen wollen, gilt weiterhin, was Krahl 1968 festhielt:

»Erfolge und Niederlage einer Aktion bemessen sich für eine Bewegung, die in toto den legitimen Anspruch auf Revolution stellt, konkret in der Regel nicht an den unmittelbaren positiven Zugeständnissen, welche den Herrschenden in direkter Aktion abgetrotzt werden, sondern an der quantitativen und klassenspezifischen Verbreiterung der Massenbasis und mehr noch deren qualitativer Organisierung.« (Krahl 2008: 282)

Der Selbstorganisierungsprozess, wie er uns vorschwebt, drängt seinem Wesen nach gerade über den Staat hinaus, zumal dort, wo er mehr bedeutet als eine reine Notwendigkeit der Selbstversorgung in Bereichen, aus denen der Staat sich, wie zuletzt in Griechenland besonders krass, zurückzieht; dort also, wo Selbstorganisierung nicht als Abwehrkampf lediglich den Mangel verwaltet, sondern einen emanzipatorischen Prozess in Gang setzt. Sie versetzt uns in die Lage, an der materiellen Basis Macht zu entfalten und ist dadurch eine wirkliche Gegenmacht und nicht eine Verschiebung auf der Ebene des Diskurses. Insofern ist die Frage eben ›auch‹ ein Organisationsproblem, denn eine klassisch-repräsentative Gewerkschaft oder eine bürgerliche Partei zu gründen hieße, von falschen theoretischen Annahmen ausgehend eine falsche Form der Organisierung einzugehen und sich die ganzen inneren Widersprüchlichkeiten und Grenzen dieser Organisationsformen mit einzuhandeln.

 

Den Widerspruch organisieren!

Verständigung über die angesprochenen theoretischen Fragen und Probleme ist wichtig – doch auch hier gilt: Die Wahrheit ist immer konkret. Welche der denkbaren Strategie- und Organisationsansätze ›erfolgsversprechend‹ sind, wird sich letztlich in der Praxis erweisen müssen. Um die Organisationsfrage unter diesem Fokus zu diskutieren, haben wir im Aufprall versucht, einen möglichst konkreten Vorschlag in Form eines Drei-Schritte-Plans zu machen. Dass wir dabei, nicht ohne einen Anflug von Selbstironie, von einem Büro geredet haben, wurde uns als technizistische Verkürzung vorgehalten. Dabei ging es uns jedoch nicht um eine Servicestelle für Klassenkampfbedarf, mit Adressstempel und Auftragsnummer. Es sollte vielmehr zusammengefasst werden, welche Aufgaben eine Organisation übernehmen müsste, wenn sie ernsthaft selbstorganisierte Kämpfe hier und heute unterstützen und nicht durch bloße ›Vereinsarbeit‹ blockieren soll. So lebhaft die Strategiefrage momentan auch diskutiert werden mag, stellt dieser Aspekt unserer Einschätzung nach eine der größten Leerstellen der Diskussion dar. Organisationsbestrebungen werden nur dann überzeugen können, wenn die Kämpfenden sehen und spüren, dass sie einen Sinn haben.

Insgesamt scheint es uns darüber hinaus wichtig, den Fokus darauf zu richten, mit welchen Widersprüchen sozialrevolutionäre Organisierung heute umgehen muss, sowohl – wie eben angesprochen – ›intern‹ als auch in der ›nach außen‹ gerichteten klassensolidarischen Praxis. Wie schaffen wir es, in Kämpfen um ganz konkrete Verbesserungen den Keim von Widerständigkeit und Selbstorganisation zu pflanzen? Wie können wir die konkreten Probleme der Kämpfenden ernst nehmen und dennoch für sozialrevolutionäre Umwälzung eintreten? Wie schaffen wir es, in Kämpfe hineinzuwirken, ohne uns als Avantgarde aufzuspielen, aber dennoch klar zu sagen, was wir für richtig und für falsch halten? Wie vermeiden wir es, beispielsweise wenn es darum geht, Arbeitskämpfe zu unterstützen, an denen auch Gewerkschaften beteiligt sind, lediglich als deren ›ehrenamtliche Organizer‹ zu fungieren? Dafür, wie mit solchen Problemen umzugehen ist, gibt es keine bloß theoretisch auszuheckenden Patentrezepte, sondern muss in den jeweiligen Situationen stets neu reflektiert werden. Letztlich ist es nicht die Arbeit des Begriffs, die derartige reale Widersprüche aus der Welt schaffen kann, diese müssen vielmehr praktisch auf verschiedenen Terrains des Aufbaus selbstorganisierter Strukturen angegangen, hierzu aber auch gemeinsam reflektiert werden. Ein solches ›Widerspruchsbewusstsein‹, ein Blick für die emanzipatorischen Potentiale sozialer Auseinandersetzungen ebenso wie für Mechanismen der Reproduktion bestehender Herrschaftsverhältnisse, kann uns als Bestandteil des Totalitätsbewusstseins davor bewahren, zwischen überzogenen Hoffnungen und bleierner Resignation zu wählen.

Wir hoffen, mit diesem Heft einen kleinen Beitrag zur weiteren Diskussion geliefert zu haben und sie in größeren Kreisen weiterführen zu können. Streiten wir uns, solidarisieren wir uns, organisieren wir uns! Seien wir realistisch, tun wir das uns mögliche.

 

Antifa Kritik und Klassenkampf

 

*.lit

Antifa Kritik und Klassenkampf (2015): Der kommende Aufprall. Strategische Überlegungen auf der Suche nach der Reißleine. Frankfurt am Main.

Kollektiv Bremen (2016): Für eine grundlegende Neuausrichtung linksradikaler Politik – Kritik und Perspektiven um Organisierung und revolutionäre Praxis. Bremen.

Krahl, Hans-Jürgen (2008): Konstitution und Klassenkampf: zur historischen Dialektik von bürgerlicher Emanzipation und proletarischer Revolution; Schriften, Reden und Entwürfe aus den Jahren 1966 – 1970. Frankfurt am Main.

 

*.notes

  • 1. »[Die] notwendige Veränderung und Selbstveränderung der (eigenen) geschlechtlichen Subjektivität und des Geschlechterverhältnisses [lässt sich] kaum anders denken, denn als ein langwieriger kulturrevolutionärer Prozess, der sich von Zeit zu Zeit auch erruptiv (sic!), insgesamt aber eher peu á peu in den zwischenmenschlichen Beziehungen des Alltagslebens und einer neuartigen kulturellen Produktion vollziehen wird.«